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Dissection78
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Eintrag: 09.07.2014

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Die 120 Tage von Sodom

(Salò o le 120 giornate di Sodoma)
Herstellungsland:Frankreich, Italien (1975)
Standard-Freigabe:SPIO/JK geprüft: strafrechtlich unbedenklich
Genre:Drama, Krieg

Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,42 (62 Stimmen) Details
inhalt:
Kurz vor dem Ende der Mussolini-Herrschaft inszeniert eine Gruppe faschistischer und sadistischer Großbürger ein grausames Ritual: Sie nehmen junge Männer und Frauen gefangen und missbrauchen sie als Lust- und Folterobjekte. Die bizarren Perversionen und Demütigungen enden in einer todbringenden Orgie.
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von dissection78:

 

Der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini war Dichter, Theoretiker und Publizist, bevor er sich dem Medium Film zuwandte und gesellschaftskritische Werke wie "Accattone" (1961), "Mamma Roma" (1962) oder "Große Vögel, kleine Vögel" (1966) sowie eine Reihe symbolischer Exerzitien drehte. Für seine italienisch-französische Co-Produktion "Salò o le 120 giornate di Sodoma" griff er auf den berüchtigten Roman "Die 120 Tage von Sodom oder die Schule der Ausschweifung" des Marquis de Sade (1740 - 1814) zurück.

Als Gefangener in der Pariser Bastille schrieb Donatien Alphonse François de Sade sein Werk im Jahr 1785 heimlich und in winziger Schrift in nur 37 Tagen nieder. Der Roman besteht aus vier Hauptteilen, die den verschiedenen sexuellen Vorlieben gewidmet sind: den einfachen, den komplexen, den verbrecherischen und den meuchlerischen Passionen. Vollendet wurde jedoch nur der erste Teil, bestehend aus den 150 Erzählungen der Duclos, der thematisch vor allem von Inzest, Sodomie und koprophilen Neigungen handelt. Von den drei übrigen Teilen existiert lediglich ein skizzenhafter Entwurf des Marquis, doch bereits dieser Plan de Sades verdeutlicht, dass die Ausschweifungen der vier Libertins an Grausamkeit immer mehr zunehmen werden, so dass nach 120 Tagen von ehemals 46 Menschen nur noch 16 das Schloss Durcers wieder lebendig verlassen.
Für die Strukturierung des Drehbuchs und seiner Umsetzung nahm sich Pasolini neben dem De-Sade-Werk auch das "Inferno" aus der "Göttlichen Komödie" (entstanden zwischen 1307 und 1320) von Dante Alighieri zum Vorbild. Wie dort ist auch vorliegender Film in drei Segmente unterteilt: die Höllenkreise der Leidenschaft, der Scheiße und des Blutes.

Pasolini selbst äußerte sich über seine letzte Arbeit wie folgt: "'Salò' wird ein grausamer Film sein. So grausam, dass ich - so nehme ich an - mich zwangsläufig davon distanzieren muss, so tun als würde ich das alles nicht glauben, als sei ich starr vor Überraschung."
Der Filmemacher siedelte seine Adaption der Geschichte jedoch nicht im absolutistischen Frankreich des 18. Jahrhunderts an, in dem der Roman tatsächlich spielt, sondern in der faschistischen Italienischen Sozialrepublik (der sogenannten "Republik von Salo") im italienischen Norden, einem Marionettenstaat des nationalsozialistischen Deutschen Reiches, der vom 23. September 1943 bis zum 25. April 1945 existierte, nachdem dem "Duce" Benito Mussolini vom Großen Faschistischen Rat Italiens das Misstrauen ausgesprochen wurde, König Viktor Emanuel III. ihn verhaften ließ und deutsche Fallschirmjäger ihn schließlich aus der Haft auf dem Gran Sasso befreiten, um ihn als Chef des von Hitler abhängigen Staatsgebildes einzusetzen.

Vier Männer der Großbourgeoisie - Fürst Blangis (gespielt von Paolo Bonacelli); ein Bischof (Giorgio Cataldi); Präsident Durcet (Aldo Valletti); Magistrat Curval (Umberto Paolo Quintavalle) - lassen eine Gruppe ausgesuchter Jungen und Mädchen in ihre hochherrschaftliche Villa verschleppen, um sie - unterteilt in jene, eben erwähnten drei Höllenkreise - nach den barbarischen Riten einer menschenverachtenden Sex- und Gewaltorgie zu unterwerfen, die von sexueller Erniedrigung über das Essen der eigenen Exkremente reicht, bis sie in der lustvollen Ermordung der Opfer gipfelt.

Hatte Pasolini schon in seiner früheren "Trilogie des Lebens", bestehend aus "Decameron" (1970), "Pasolinis tolldreiste Geschichten" (1972) und "Erotische Geschichten aus 1001 Nacht" (1974), auf Werke der klassischen erotischen Literatur zurückgegriffen und Liebe und Sexualität noch als Akt der Befreiung dargestellt, so nahm er hier der Sexualität jedwede Faszination und funktionierte sie zu einem abstoßenden, eiskalt benutzten Unterdrückungsinstrument um. Der Regisseur inszenierte ein Schreckensspektakel, das in seinem perversen Sadismus und seiner Inhumanität fast beispiellos ist. Der faschistische Hintergrund wird hierbei zur Bedingung. Die Orte des Grauens und der Quälerei werden neben Orten höchster Kultur angesiedelt, genauso wie Ekel und Genuss dicht nebeneinander angesiedelt werden. Folterungen werden zu klassischer Musik begangen, es finden tiefste, übelste Erniedrigungen zu Lesungen aus Werken von Friedrich Nietzsche und Charles Baudelaire statt.

Pasolinis Film wurde - wie nicht anders zu erwarten war - zu einem der umstrittensten Werke der gesamten Filmgeschichte. Er löste einen derartigen Skandal aus wie nur sehr wenige Kunstwerke zuvor. In vielen Ländern verhinderte schon vorab die Zensur eine öffentliche Aufführung, so auch in Italien, wo man "Die 120 Tage von Sodom" sofort verbot. In Frankreich, Australien, Neuseeland, Norwegen, Finnland und der Republik Irland wurde die Aufführung des Films ebenso (meist kurzzeitig) verboten.
In Deutschland gelangte der Streifen gleichfalls erst nach einigem juristischen Tauziehen im Januar 1976 in die Kinos - einige Wochen nach der Ermordung des Regisseurs in Ostia:
Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken beantragte eine bundesweite Beschlagnahme. Das AG Saarbrücken folgte dem Antrag, das Landgericht hob den Beschluss des Amtsgerichts wiederum auf. Weitere 14 Amtsgerichte beschlagnahmten die Filmrollen lokal, gaben sie später zum Teil aber wieder frei. Karl Korn, der damalige Feuilletonchef der bürgerlich-konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bezichtigte die FSK der Untätigkeit (Artikel: "Die Grenzen des Darstellbaren", vom 6. Februar 1976), woraufhin Ernst Krüger, der damals 78jährige Leiter der FSK, einen Leserbrief schrieb, in dem er sich gegen diesen Vorwurf verteidigte. "Nicht nur hinsichtlich der Altersfreigabe, sondern auch "für die öffentliche Vorführung von Filmen von Erwachsenen sind in vielen Fällen Schnitte, u. a., oftmals sehr erheblichen Ausmaßes, obligatorische Voraussetzung." Diejenige Zensur oder Prüfeinrichtung sei "die beste, die und deren Einwirkung man nicht bemerke."
Auch heutzutage ist "Salò" noch äußerst umstritten. In der Schweiz wurde dem Zürcher Kino Xenix polizeilich untersagt, den Film am 11. Februar 2007 in der Sankt-Jakobs-Kirche in Zürich zu zeigen − dafür fand eine Podiumsdiskussion statt. Christliche Bürgerinitiativen aus Deutschland und Österreich hatten eine Strafanzeige gegen die Programmverantwortlichen des Kinos eingereicht. Dieses Verbot wurde nach Gesprächen und Durchsicht ausländischer Gerichtsurteile wieder rückgängig gemacht. Die Polizei erklärte, den 'künstlerischen Wert offenbar zu wenig gewürdigt' zu haben" (Zitat: Wikipedia).

In den 80ern nutzte dem Film sein von der damaligen BPjS durchaus zugegebener Kunstcharakter nicht viel, denn als "schwer jugendgefährdend" ist das rigorose Opus Magnum seit dem 26. Juni 1987 auf dem Index (die Warner-Home-VHS mit dem Titel "Pasolini's 120 Days of Sodom", Folgeindizierung im Mai '12 auf Liste A).

Klar, der Grundton ist düster, deprimierend und zynisch. Der Macher zeigt schließlich die menschenverachtenden Taten der Libertins. Allerdings ist "Salò" nicht verherrlichend. Die Herangehensweise ist kalt, die Bilder trist (DoP: Tonino Delli Colli), die Einstellungen oft lang, der Inszenierungsstil karg. Die Darstellungsweise der Grausamkeit hat - wie in der literarischen Vorlage - jene verstörend rationale Systematik, die dem Schema einer totalitären Gesellschaft entspricht. Der Einzelne, das Individuum wird unterworfen, kann sich nicht wehren und wird von der herrschenden Klasse, der Elite, "gefickt", gequält und letztendlich liquidiert. Das muss nicht physisch vonstatten gehen, das geht auch psychisch; das muss nicht zwingend in einer absolutistischen Monarchie, im Faschismus oder im Nationalsozialismus passieren, das kann natürlich in jeder autoritären bis totalitären Gesellschaftsform wie dem real existierenden Sozialismus, dem Stalinismus etc.pp. geschehen - ja, auch ein demokratischer Rechtsstaat kann sich zu einer "totalitären Demokratie" entwickeln -, weil Machtgeilheit letztendlich selbst die vermeintlich hehrsten Ziele korrumpiert.

Die Gewalt wird in vorliegendem Werk als das gezeigt, was sie ist: abartig, widerwärtig, schockierend und... "uncool"...
[Interposition: In dem Zusammenhang wäre ich nicht sonderlich verwundert, wenn es etliche Leute gäbe (auch auf dieser unseren Lieblings-Webseite), die einerseits die Spektakel der Herren Schwarzenegger / Stallone / Lundgren / Van Damme / Seagal / Norris abfeiern, wo brutale Gewalt "unterhaltsam", "männlich", "packend" und/oder "amüsant" dargestellt wird, die auf der anderen Seite dann jedoch bei der bloßen Erwähnung von "Salò" seltsamerweise im Bruchteil einer Sekunde Schaum vor'm Mund bekommen, flott die Adjektive "krank", "pervers", "ekelhaft", "widerlich" und "abstoßend" raushauen und diese Wörter, direkt auf den Film sowie dessen Macher (und vielleicht auch noch auf die ihm wohlgesinnten Konsumenten?) beziehen. Nun, die Härte in "Salò" ist eben nicht "cool" und "spaßig". Ganz im Gegenteil, sie soll es auch nicht sein. - (Nicht falsch verstehen: Ich kann durchaus mit vielen 80er-Ballerstreifen was anfangen und schaue sie mir immer wieder gerne mal an, müsste ich jedoch die Bezeichnung "Gewaltverherrlichung" auf einen Film anwenden, würde ich sie eher dem "Phantom Kommando" verleihen als "Salò", da Gewalt in Ersterem zum reinen Unterhaltungszweck wird).]


Fazit:
Dass "Die 120 Tage von Sodom" extremste Geschmackssache ist, muss ich nicht extra erwähnen. Kritisch kann man ebenfalls anmerken, dass sich der Film seiner Thematik mit dem Holzhammer nähert und einige Längen hat. Man kann ihn "scheiße" finden oder "pseudointellektuell" nennen, in meinen Augen ist er insgesamt gesehen jedoch seiner Materie entsprechend wie er sein muss: trostlos, verstörend, brutal, niederschmetternd, teils unerträglich, nichtsdestotrotz aber durchaus beeindruckend, ja, sogar faszinierend - ein Film, der primär eben NICHT unterhalten will und soll.

PS:
Ach so, für reine Splatterfreaks oder Gorebauern ist "Salò" natürlich trotzdem nix.

8/10
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Kommentare

09.07.2014 23:22 Uhr - sonyericssohn
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Wann...im Namen des Geiers...kommt dein Buch raus ?
Ach so der Titel fehlt..
"Die Geschichte des anderen Films aus der Sicht eines Anderen"

Wieder eine Granate in Sachen Review, wovon sich manch 5Zeilenkreative ne Scheibe abschneiden könnten...soweit sie gefasst würden...

Ich bin neidisch und informiert. Danke !!!

11.07.2014 18:43 Uhr - Kable Tillman
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Wirklich ein großartiges Review. Informativ, differenziert, objektiv und clever geschrieben. Gerade bei so kontroversen Filmen braucht man Fingerspitzengefühl und Know-how. Beides hast du hiermit bewiesen. Top!

12.07.2014 13:41 Uhr - cecil b
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Kontrovers ? Da fühle ich mich zuhause ! Um so erfreulicher, wenn Dissection78 wiedereinmal ein tolles Review dazu schreibt !

12.07.2014 18:12 Uhr - Tom Cody
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Wow...beim Lesen dieser herausragenden Kritik klappte mir erstmal der Unterkiefer runter. Wirklich toll geschrieben und gleichzeitig sehr präzise analysiert.
Da hat sonyericssohn schon recht. Vielleicht solltest du wirklich mal eine (Print-) Veröffentlichung ernsthaft in Betracht ziehen. Hinter Leuten wie Georg Seeßlen und Co. brauchst du dich auf jeden Fall nicht verstecken!
Jetzt bin ich natürlich erst mal wieder deprimiert, weil ich SO ein Level (bis jetzt ;-)) noch nicht erreicht habe. Wenn ich aber dafür solche Reviews zu Gesicht bekomme, nehme ich das gerne in Kauf.

15.07.2014 19:20 Uhr - Dissection78
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Hui, da war man ein paar Tage nicht online und schon wird man von einigen sehr sympathischen Kommentaren überrascht. Dankeschön! :)

Tom: Jetzt stapel mal nicht tief. Dein "Kommando"-Review fand ich verdammt bemerkenswert. Leider komme ich in letzter Zeit nicht so oft dazu, mir mehr Kritiken durchzulesen...

30.07.2015 21:41 Uhr - Q. Tarantino
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Wahrlich ein Paradebeispiel für eine gelungene Kritik!

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