SCHIMANSKI - DIE SCHWADRON
Am 29. Dezember 1991 lief auf der ARD mit Der Fall Schimanski der 29. und letzte Tatort mit Götz George als Ruhrpott – Bulle Horst Schimanski, mit dem er bis heute assoziiert wird. George, der vor allem deshalb aus der Serie aussteigen wollte, weil ihm die Qualität der Drehbücher immer weniger zusagte, wandte sich in den folgenden Jahren anderen Projekten zu und trat in Kinofilmen wie Schtonk (1992) und Der Totmacher (1995) sowie TV – Produktionen wie Morlock (1993 – 1994), Das Schwein – Eine Deutsche Karriere (1995) und Der Sandmann (1995) auf und stellte damit nicht nur seine Wandlungsfähigkeit als Schauspieler unter Beweis, sondern erntete auch viel Kritiker – und Publikumslob. Und doch wollte man die Figur des Horst Schimanski nicht ruhen lassen. Nachdem er aus dem Tatort ausgeschieden war, entschied man, Schimanski außerhalb des offiziellen Polizeiapparats als eine Art unabhängiger Ermittler arbeiten zu lassen, der immer dann in Aktion tritt, wenn´s nicht anders geht. Deshalb sollten die neuen Episoden mit Horst Schimanski nicht unter dem Tatort – Banner laufen, sondern als eigene Serie. Mit diesem Konzept konnte man auch Götz George begeistern, der später zugab, die Figur auch wieder aus nostalgischen Gründen spielen zu wollen, da er viele positive Erinnerungen an seine Tatort – Zeiten hatte. Mit dem neuen Konzept wurden drei Folgen in Auftrag gegeben, die 1996 gesendet wurden.
Die Regie der Horst Schimanski – Comebackfolge Die Schwadron übernahm Josef Rusnak, der 1984 für seinen Debutfilm Kaltes Fieber beim Deutschen Filmpreis in der Kategorie „Beste Regie“ ausgezeichnet wurde. Die Rollen des Polizisten Tobias Schrader und der Staatsanwältin Ilse Bonner, die auch in weiteren Schimanski – Episoden auftauchen sollten, gingen an Steffen Wink (Kai Raabe Gegen Die Vatikankiller, 1998), bzw. Geno Lechner (Schindlers Liste, 1993). Eine wichtige Rolle ging an die Schweizer Schauspielerin Denise Virieux, die Schimanskis Freundin Marie – Claire spielte; diese Rolle behielt sie bis zur letzten Serienfolge Loverboy (2013) bei. Außerdem wurden mit Matthias Redlhammer (Otto - Der Katastrofenfilm, 2000) und Robert Viktor Minich (DFer Eisbär, 1997) zwei Figuren eingeführt, die Schimanski noch jahrelang auf die Nerven gehen sollten. Die Schwadron wurde in Köln, Duisburg, Düsseldorf, Mülheim an der Ruhr und in Liége (Belgien) gedreht.
Ex – Kommissar Horst Schimanski (Götz George) ist nach Belgien gezogen und hat sich dort mit seiner Freundin Marie – Claire (Denise Virieux) eine bescheidene Existenz als Box – Trainer aufgebaut. Eines Tages erfährt Schimanski, dass das Disziplinarverfahren, das zu seinem Umzug führte, aufgehoben wurde und er nun wieder im Dienst der Duisburger Kriminalpolizei steht. Schimanski soll die Hintergründe eines Überfalls auf ein Bordell ermitteln. Die Staatsanwältin Bonner (Geno Lechner) vermutet, dass es in der Duisburger Polizei einen Maulwurf gibt, der hinter diesem Verbrechen steckt. Der Hauptverdächtige ist der junge Kommissar Tobias Schrader (Steffen Wink), auf den Schimanski angesetzt wird …
Die Schwadron ist ein würdiges Comeback für Horst Schimanski. Auch wenn Götz George in Rollen wie den oben genannten mehr als einmal bewiesen hat, dass er zu den brillantesten Schauspielern Deutschlands gehört(e), ist es die Rolle des Rüpel – Kommissars, die ihn für immer unsterblich gemacht hat und die er auch hier absolut authentisch und überzeugend spielt. Dabei hat man erfreulicherweise nicht vergessen, die fünf Jahre zu vergessen, die seit dem Weggang Schimanskis vergangen sind und diese Zeit macht eine Menge aus: Nicht nur die Welt hat sich verändert, sondern auch die Polizei – Rüpel wie Schimanski sind im Polizeidienst längst passé, stattdessen haben junge Schlips – und Kragen – Ermittler mit Handy und Computer das Sagen. Der Reiz (nicht nur) dieser Folge liegt darin, dass Schimanski trotz allem immer noch der Alte geblieben ist und sich auf seine Nase, seinen Bauch und seine Menschenkenntnis verlässt und nicht auf Technik. Außerdem greift er immer noch zu Methoden, vor denen jeder andere deutscher (filmischer wie realer) Ordnungshüter zurückschrecken würde, die den geneigten Fan jedoch höchst amüsieren – als Beispiel sei die Szene genannt, in der Schimanski auf der Suche nach einem Informanten eine albanische Kneipe aufmischt. Ebenso unterhaltsam ist das Zusammenspiel mit Steffen Wink als Tobias Schrader, einem Polizisten der „Handy/Computer“ - Generation, in dem „Old School“ auf „New School“ trifft, womit Die Schwadron nicht nur ein Krimi, sondern auch ein Buddy Movie ist. Trotzdem müssen auch ein paar „Altlasten“ aus den Tatorten erledigt werden, was sich in einer brillant gespielten Szene auf einem Friedhof widerspiegelt, die hundertprozentig Schimanski ist.
Auch die Darsteller in den Nebenrollen können punkten, womit leider (noch) nicht Denise Virieux gemeint ist, deren Part in dieser Folge einfach noch zu klein ist, um wirklich Akzente zu setzen. Steffen Wink hingegen wirkt dagegen als Jung-Kommissar, der noch viel von Schimanski lernen muss („Bier trinken kann ich schon mal.“), ebenso überzeugend wie Geno Lechner als unterkühlte Staatsanwältin, die von Schimanski zunächst für eine Kaffee kochende Sekretärin gehalten wird. Auf der Gegenseite überzeugt Hermann Beyer (Der Bruch, 1989) als vermeintlicher Kollege Schimanskis.
Die Bezeichnung „Krimi“ trifft auf Die Schwadron aber nur bedingt zu, da das von Rusnak inszenierte TV – Comeback im Grunde ein Actionfilm ist, dessen Story sich an internationalen Vorbildern wie Dirty Harry II – Callahan (1973) und Der Panther II – Eiskalt Wie Feuer (1988) orientiert, die nicht nur große Schauwerte boten, sondern sich auch – wie Die Schwadron – mit dem Thema Selbstjustiz auseinandersetzten. Dass Die Schwadron sich diesem nicht unproblematischen Thema (wenn auch nur am Rande) widmet, ist ebenso erstaunlich wie die große Anzahl an harten Actionszenen, die nicht nur Kritiker auf die Barrikaden trieben, sondern auch empörte Zuschauer, die sich auf einen betulichen Krimi – Abend mit einer Leiche zu Beginn des Films eingestellt hatten. Schon der auftaktgebende Überfall auf das Bordell dürfte den durchschnittlichen öffentlich – rechtlichen Krimifan auf eine harte Probe stellen und auch danach gibt es jede Menge – von Rusnak kompetent inszenierte – Verfolgungsjagden und Schießereien zu sehen, bei denen einem das Blut auch mal im wahrsten Sinne des Wortes ins Gesicht spritzt. Es ist wirklich erstaunlich, dass Die Schwadron ungeschnitten um 20:15 Uhr gesendet werden konnte. Die Action in Die Schwadron ist wirklich überdurchschnittlich und mutig, wenn man bedenkt, wie hart sie zum Teil inszeniert wurde.
Allerdings hat Die Schwadron nicht nur Stärken. Der Plot des Films ist etwas umständlich erzählt (was nichts mit komplex zu tun hat) und man muss sich erst daran gewöhnen, dass es sich bei Die Schwadron nicht um eine Tatort – Folge mit Schimanski, sondern um die erste Folge einer eigenständigen Serie handelt. Man muss sich also von ein paar Gewohnheiten und liebgewonnenen Figuren trennen. Apropos Figuren – auch hier muss man ein paar Abstriche machen, z.B. dass sich zwischen George und Wink keine Chemie wie zwischen George und dem unvergessenen Eberhard Feik (1943 – 1994) entwickelt, bzw. entwickeln kann, was aber auch nicht verwundert, da George/Feik nun mal ein unschlagbares Team sind/waren. Aber auch andere Figuren werden nicht vollends ausgeschöpft, wie z.B. die der Staatsanwältin Bonner oder des Schurken Grollmann, dessen pathetische Rede von Schimanski zurecht als der größte Scheiß bezeichnet wird, den dieser je zu hören bekommen hat. Auch die z.T. nervige Nina (Laura Tonke – Klemperer: Ein Leben In Deutschland, 1999) ist nicht leicht zu verkraften, spielt für die Handlung des Films aber eine wichtige Rolle.
Die Schwadron ist ein überdurchschnittlicher Serieneinstieg mit kleinen Schwächen, aber auch vielen Stärken, der die Figur Horst Schimanski gelungen in einem neuen Umfeld positioniert. Nicht die beste Episode der Serie, aber dennoch eine gute und gewagte.
8/10