Was ist Perversion? Im Grunde genommen ist alles "andersartige" schon "ab-normal", aber ist dieser Begriff zwangsläufig negativ? Manche Kunst will nicht erfreuen oder unterhalten, sondern durch befremdliche Bilder ein Grauen erzeugen. Was passiert also, wenn man jeglichen Unterhaltungswert eines Films streicht und sich auf die abscheulichen Foltermethoden eines mutmasslich Geistesgestörten konzentriert? Die Guinea-Pig-Reihe ist quasi die konsequente Steigerung des Themas und konnte bereits mit mehreren verstörenden Momenten Aufsehen erregen und ist keinesfalls für den "Normalkunden" gedacht, von Mainstream ganz zu schweigen.
Die Produktionsfirma Unearthed Films (u.A. Vomit Gore Trilogie) hat viele Jahre nach der japanischen Original-Reihe einen US-Ableger geschaffen und konnte mit dem Titel "Bouquet of Guts and Gore" die "unter-den-Tisch-gekehrte" Reihe wieder ins Gedächtnis rufen. Also war es nur eine Frage der Zeit, bis Stephen Biro, Chef der Produktionsfirma die auch Philosophy of a Knife produziert haben, nach seinem Regiedebut der ersten Episode zu American Guinea Pig wieder zuschlägt. Dieses Mal liefert er jedoch "nur" das Drehbuch und überlässt die Regie seinem Kollegen Marcus Koch (100 Tears, Snuff Perversions), welcher hier seine eigene Note einbringen kann. Koch kann hier seiner eigentlich Passion fröhnen und seine eigenen Special-Effects passend in Szene setzen, welche er bereits in vielen anderen Werken wie z.B. Sweatshop, 100 Tears und jüngst We are still here perfektionieren konnte. Die Effekte sind wirklich beunruhigend realistisch und damit die perfekte Basis für einen Guinea Pig-Film, da er sonst einfach nicht funktionieren würde.
Ja, der Film konzentriert sich auf Folter, Erniedrigung, Schmerzen und Entmenschlichung. Jedoch ist Bloodshock viel mehr als das, denn im Gegensatz zu den anderen Teilen der kontroversen Film-Reihe ist hier auch ein inszenatorisch ästhetischer Ansatz spürbar. Angefangen damit, das der Film in schwarzweiss daherkommt, gibt es eben nicht nur stumpfe Gewaltexzesse sondern auch ruhige, nachdenkliche Momente die den Leidensweg der Hauptfigur gekonnt vertiefen und unterstreichen. Der gequälte Mann macht seine Sache übrigens auch super und lässt sich seitens seiner Peiniger einiges gefallen, hier ist lobend die Darstellung von Dan Ellis (Hanger, Gutterballs) zu erwähnen. Ellis scheint in Underground-Kreisen ein beliebter Mime zu sein, wenn es um extreme Figuren oder Filme geht. Szenen, in denen er minutenlang ins Leere starrt und vermutlich übers Leben und den Grund seines Aufenthaltes sinniert, was dem Zuschauer aber genauso unbekannt ist. Die kalte Szenerie wird mit pochendem verstörendem Score ergänzt und kommt weckt unheilvolle Stimmung, ebenso die Triste Atmosphäre seiner Zelle macht ganz schnell klar, dass es kein gutes Ende nimmt. Jedenfalls ist die Tortur und der Verfall seiner menschlichen Züge spürbar, was absolut stimmig zum Gesamtbild passt.
Was den Film stark von den anderen abhebt, ist der dramaturgische Ansatz. Es ist eben kein reiner Folterfilm, sondern hier steckt wirklich eine kleine Story dahinter. Während des Dahinsiechens in seiner Zelle kann der Enführte nämlich Kontakt zu einer anderen Person aufnehmen, die in einer Zelle neben ihm zu sein scheint. Die Person lässt ihm zwischendurch Nachrichten per Notizzettel zukommen, scheint schon länger dort zu sein und schlägt ihm einen Pakt vor. Die Ungewissheit wer hinter diesen Botschaften steckt treibt den Mann fast in den Wahnsinn, ehe er letzte Strohhalm Hoffnung vergeht, als der Kontakt plötzlich abbricht...
Der Film zeigt eine verstörende Konfrontation zwischen Mensch, Blut und Stahl, die ihres Gleichen sucht. Dann sei noch kurz angemerkt, dass der Film nicht da ansetzt, wo "Bouquet" aufhört - was aber durchaus konzeptionell auch nicht sein musste, da jeder Guinea Pig-Titel stets allein für sich stand. Der Film kommt fast gänzlich ohne das gesprochene Wort aus und ist durch die ausgetrahlte Ruhe ebenso unbequem wie grausig. Ob das bereitwillige Ertragen der Foltern auf einen Grund zurückgeführt werden kann, welcher nur dem Mann bewusst ist oder ob die Lethargie die Seele gebrochen und zur Selbstaufgabe geführt hat, bleibt verborgen. Die Special-Effects können sich wirklich sehen lassen und verzichten gänzlich auf CGI, was den Fluss der vermittelten Intensität nur unnötig gestört hätte.
Das vorliegende Werk ist weit über dem Niveau eines Lucifer Valentine Films wie eben Slaughtered Vomit Dolls oder seine Sequels, denn auch wenn der Independent-Look der Kameras nicht abgestritten werden kann ist hier definitiv ein Regisseur am Werk, der was von seinem Handwerk versteht und keinen Amateur-Stil aufweist. Die eigentliche Intention des Films wird erst ganz zum Schluss offenbart und hinterlässt Narben auf der Seele des Zuschauers. Das bedeutungsschwangere Ende polarisiert und lässt den Filmfreund fasziniert und/oder sprachlos zurück. Das meine ich durchaus positiv, auch wenn meine lobenden Worte über dieses verstörende Werk nicht jeder nachvollziehen wird.
8/10