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cecil b
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Eintrag: 16.03.2017

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Cartagena

(L'Homme de Chevet)
Herstellungsland:Frankreich (2009)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Drama, Liebe/Romantik
Alternativtitel:Cartagena - Zwischen Liebe und Tod
Cartagena- Finde dein Leben. Finde die Liebe

Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,00 (1 Stimme) Details
inhalt:
Léo (Christopher Lambert) ist ein abgehalfterter einsamer Trinker. Auf der Suche nach Arbeit geht er für ihn vollkommen neue Wege, indem er als Pfleger und Betreuer der querschnittsgelähmten Muriel (Sophie Marceau) eingestellt wird. Die verbitterte, abweisende Muriel und der desillusionierte Léo teilt nur die Einsamkeit, sowie die Sehnsucht nach Lebensfreude und neuen Perspektiven. Muriel, und ihre Haushälterin sowie Pflegerin Lucia, konfrontieren Léo mit ihren verlorenen Lebenschancen, und keine Hoffnung auf Glück scheint in Sicht. Aber Léo kämpft darum wieder Sinn in sein Leben zu bringen. Dabei begegnet er Lina, die mit einer qualvollen Perspektivlosigkeit aufgewachsen ist, und der es kaum gelingt, eine pessimistische, destruktive Perspektive in konstruktive Energie zu wandeln. Als Léo dann beginnt Lina dabei zu unterstützen, den Beruf auszuführen, den er früher selbst getätigt hat, bekommt auch Lina ein neues Lebensziel. Kann die verbitterte Muriel auch eine Vertrauensbasis zu Léo aufbauen? Kann Léo sich überhaupt selbst vertrauen?
eine kritik von cecil b:

 

Auf den ersten Blick kann man hinter Cartagena eventuell eine Romanze, eine Schnulze vermuten. Dem ist nicht so! In Cartagena geht es auch um Liebe, aber ganz anders als vermutet. Cartagena ist die Verfilmung des Romans L’Homme de chevet des viel verfilmten Autoren Eric Holder (Mademoiselle Chambon, Bienvenue parmi nous). Es handelt sich um die bisher einzige Regiearbeit von Alain Monne (Produktionsmanager: Eden Lake, Produzent: Auf Anfang, Schauspieler: Zu verkaufen). Man kann nur hoffen, dass sich der Herr wieder an einem Film versucht. Und an einem weiteren Drehbuch! Denn das, was Monne zusammen mit Nathalie Vailloud (Immer nur ihn) für Cartagena verfasst hat, ist eine Glanzleistung! Wobei ich nicht sagen kann, ob dieses Drehbuch den Roman gut erfasst, da ich diesen nicht gelesen habe. So oder so ist Cartagena ein gut inszenierter Film, mit einer tollen Besetzung, toller Musik und lyrischen Hintergedanken, die gut durch das benannte Drehbuch zum Tragen kommen.

 

 

Cartagena ist der Name der kolumbianischen Stadt, in der der Film spielt. Cartagena gilt als einer schönsten Städte Südamerikas, ein Touristenmagnet, und die vermutlich sicherste Stadt Kolumbiens. Aber Cartagena ist auch eine Stadt in der eine soziale Ungerechtigkeit herrscht. Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist gewaltig. Keine unbedeutende Tatsache, denn Muriel ist reich, während die anderen relevanten Figuren in Existenzangst leben. Da bietet es sich natürlich an, auf die klassische Message hinzuarbeiten, dass Menschen auch unabhängig von ihren Lebensumständen ähnliche Bedürfnisse haben, und das Geld allein nicht glücklich macht. Monnes Film hat aber deutlich mehr zu bieten.

Durch eine perfekte Beleuchtung, ein lupenreines, fast dokumentarisches Bild, und eine natürlich gehaltene Farbgebung, besucht der Zuschauer praktisch Cartagena, und die überwiegend schlicht eingerichtete Villa von Muriel. Die Kameraführung von Antoine Roch (Auszeichnungen für Viva Riva!, Emmène-moi und Três Irmãos) ist fast durchgehend ruhig und langsam, auch wenn das Gezeigte mal brennt wie Feuer. Im Zusammenspiel von dieser Kameraführung und dem sanften Spiel von Geigen, Harven und Flöten (Florencia Di Concilio: Dark Blood) entsteht eine melancholisch angehauchte Ruhe über dem Geschehen, wie man sie ähnlich in so manchen Film von Jim Jarmusch (Dead Man, Down by Law) verspüren kann. Das vereinzelt gezeigte wilde Nachtleben wird hingegen von ungestümen rhytmischen Samba laut gemacht. So wie Monne eine Exotik voller verführerischer Sommernächte und das Elend Cartagenas als zwei Seiten einer Medaille darstellt, werden das Auf und Ab von Hoffnung und Lethargie der Protagonisten gegenübergestellt. Die großartigen Schnitte von Catherine Schwartz (Brüderliebe) schubsen den Zuschauer von einem Blick auf die Verzweiflung zu einer Szene hin, die darstellt, wie einer der Protagonisten auf neuen Wegen versucht sein Leben zu meistern. Das Auf und Ab wird so für den Zuschauer sichtbar, spürbar.

Léo wandert in der Totalen zentriert durch die Stadt, alle Figuren um ihn herum scheinen nahezu schemenhaft präsent zu sein. Léo ist eben mit sich allein, auch wenn er von vielen Menschen umgeben ist. Sein Blick ist nicht voller Trauer, die Gefühle scheinen für ihn vorerst auf einem Gleis abgestellt, so wie seine Person. Lambert stellt diese Leere, die nicht mit einem Stoneface eines Chuck Norris verwechselt werden darf, gekonnt dar. Dass sein Spiel gut gelingt, zeigt sich auch dadurch, dass der Zuschauer sehen kann, dass seine Figur in sich verborgen diese Wärme hat, die auch die anderen Figuren spüren. Léo zeigt mit der Zeit immer mehr von dieser Wärme. Und diese Wärme entsteht auch durch Reibung mit Lucia, Lina und natürlich Muriel.

Muriel liegt in einem riesigen Bett, das für zwei Personen gemacht ist. Sie kann nur ihren Kopf vollkommen eigenständig bewegen, sie ist auf die Hilfe von anderen Menschen angewiesen. Um sich herum hat sie offensichtlich von sich selbst gezeichnete Bilder ihres ästhetisch femininen Körpers, in ihr ist das Herz einer unabhängigen Frau. Sopie Marceau spielt Muriel mit so einer Intensität, dass ihre komplette Mimik voller Hass und Verschlossenheit selbst diese schöne Frau hässlich aussehen lässt. Über die, die ihren Körper pflegen, sagt Muriel: "Ich hasse die, die das tun!". Niemand außer Lucia habe das länger als eine Woche ausgehalten. Lucia sagt zu  Léo : "Das ist keine Arbeit für einen Mann. Ein Mann sollte einer Frau nicht so nahe kommen". Léo  dazu: "Wieso?". Eine Schlüsselszene. Muriel und Lucia kultivieren das Leiden von Muriel geradezu, die Pflege gleicht teilweise einer ehrfurchtsvollen Zeremonie. Léo geht weder überfreundlich, noch untergeben und erschüttert, sondern geradezu nüchtern auf Muriel zu, ohne ein Spiegel ihres Leidens zu sein. Und er wagt es, respektvoll und auf Augenhöhe ihre Haltung in Frage zu stellen. Etwas, was niemand vorher wagte. "Sie müssen mir vertrauen.", bringt er ihre Lage auf den Punkt. Dass die Chemie zwischen Muriel  und Léo stimmt wundert nicht, Sophie Marceau und Christopher Lambert waren seit dem Jahre 2007 ein Paar, also auch während der Dreharbeiten von Cartagena (!), heirateten 2012 und trennten sich im Juli 2014.

Léo und Muriel schauen beide auf das Meer, und es wird zu einem späteren Zeitpunkt der revolutionäre Lyriker Charles Baudelaire zitiert, mir der Aussage, dass sich das Meer ständig und unbändig bewegt, obwohl diese Quelle des Lebens ihren festen Platz hat, fast ein Paradoxon. Und im Kontext wirkt diese Perspektive wie ein Vergleich von der Quelle des Lebens mit dem Leben an sich. Auch die anderen Figuren passen in diesen Kontext. Lucia ist von einer Schutzhülle umgeben, die Brüche hat, sie ist auch emotional abhängig von Muriel. Lucia wird authentisch von Soundtrackkomponistin (La madre), Drehbuchautorin und Produzentin (Ranga) Margarita Rosa de Francisco dargestellt, deren schauspielerischen Fähigkeiten (u. a. Correo de Inocentes) schon oft ausgezeichnet wurden. Lina begegnet Léo ähnlich wie Muriel mit der Wut der Verzweiflung. Lina wird kraftvoll von Linnett Hernandez Valdes gespielt, mit einem stechenden Blick und der Unberechenbarkeit einer heimatlosen Katze. Alle Figuren sind aufeinander angewiesen. Muriel muss gepflegt werden, die, die sie pflegen, haben ihren ursprünglichen Beruf aufgegeben, sie brauchen einen Job. Lina nimmt auch aufgrund ihrer beruflichen Perspektivlosigkeit eine Bindung mit Léo ein. Das Miteinander der Figuren setzt eine Vertrauensbasis voraus, und es ist nicht so, dass sie sich blindlings vertrauen können. Jeder von ihnen realisiert dass sie aufeinander angewiesen sind. Diese Tatsache nehmen sie erst schmerzvoll als Abhängigkeit war. Sie müssen nicht nur lernen zu vertrauen, sondern auch zu geben und zu nehmen.

Das Schicksal der Figuren erklärt großenteils deren Verhalten, jede Wertung dies bezüglich relativiert sich. Und der Dualismus bekommt eine vielseitige Bedeutung. Muriel lief der Liebe einst hinterher, und bei diesem Lauf wurde sie körperlich und seelisch verletzt. Aber es ist nur das Gefühl von Liebe, welches Muriel vielleicht aus ihrer Lethargie befreien kann. Mit der Zeit tauchen Brüche in versteinerten Gesichtern mancher Figuren auf, und etwas Licht erscheint. Wenn ein Glänzen in Léos Augen zu sehen ist, Muriel lachend singt (Sophie Marceau plötzlich wieder wunderschön ist), und lächelt wie ein gewitztes Mädchen voller Selbstbewusstsein, dann strahlen diese Emotionen durch den Bildschirm. Es gibt ein Happy End, und man weiß, dass es eines geben wird, aber trotzdem wirkt dieses nicht aufgesetzt. Man kann Cartagena vorwerfen dass konstruiert um eine lyrische Aussage bemüht wird,  aber es handelt sich ja um eine Romanverfilmung, und diese Lyrik ist lebensnah. Das Konstrukt ermöglicht viele Themen anzusprechen, die im Endeffekt eine schlüssige Summe ergeben, ohne sich schwülstig in einer Romanze zu verlieren.

 

 

CARTAGENA erzählt bewegte Lebensgeschichten lyrisch, ohne dass ein weltfremdes Hollywood-Bild gemalt wird. Ein trauriger, ein schöner, und ein sinnlicher Film. Die Höhepunkte des Films mögen dem ein oder anderen Zuschauer zu leise sein, aber dieser ruhige Stil unterscheidet sich angenehm vom Kinoallerlei.

 

8/10
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Kommentare

17.03.2017 08:04 Uhr - NoCutsPlease
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Solch eine tolle Rezension ist doch gleich mal ein super Anreiz, um sich als Fan von anspruchsvollem Gefühlskino zu outen. :)
Rumdum cecilianisch beschreibst du mit viel Augenmerk auf die künstlerische Umsetzung die Idee des Films und lieferst eine umfangreiche Erörterung der Figurenkonstellation. "Cartagena" ist definitiv vorgemerkt!

17.03.2017 08:07 Uhr - dicker Hund
User-Level von dicker Hund 9
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Phantastisch geschrieben, nur leider absolut nicht mein Fall, diese Art von Film.

17.03.2017 08:47 Uhr - JasonXtreme
DB-Helfer
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Hervorragende Arbeit, wie gewohnt! Nie von dem Film gehört, klingt aber allein schon wegen der Darsteller reizvoll. Viele sagen Lambert ja nach, dass er nix kann, vor allem mimisch - das sehe ich anders. Ich kann ihn mir in so einer Rolle super vorstellen - und Marceau ist eh über jeden Zweifel erhaben.

17.03.2017 08:56 Uhr - Intofilms
2x
Du bist doch immer für eine Überraschung gut! :)
Sehr interessante Titelwahl. Und was für eine eindrucksvolle, poetisch und philosophisch angehauchte Besprechung du hier vorlegst! Bei mir ist der Film jetzt auch vorgemerkt. Brillante Arbeit, cecil! :))

17.03.2017 09:58 Uhr - Horace Pinker
1x
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Da ist ja dein angekündigtes Review und wie von dir gewohnt weiß es durch deinen individuellen und lesenswerten Stil, die umfangreichen und interessanten Infos zum Werk und seinem Hintergrund und deine wie immer schlüssigen Interpretationen zu gefallen. Wie bei dem dicken Hund erweckt Cartagena eher weniger mein Interesse, so das ich hier eher auf eine Sichtung verzichten werde, dennoch habe ich ja schon durch lesen deiner Kritik meinen filmischen Horizont etwas erweitern können :)

17.03.2017 13:10 Uhr - cecil b
4x
DB-Co-Admin
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Danköööö! Allesamt!!!!!!!!!!!!!!! :)

Die Formulierung war diesmal echt nicht einfach, die wollte sich an die Lyrik des Films anpassen, aber immer noch verständlich sein. ;) Ich war mir diesmal nicht sicher, ob dieser Film das Interesse zu wenig weckt, aber wie immer kann ich schreiben, dass dem nicht so ist. Erfreulich, dass die ganze Filmwelt ein Ohr bekommen kann. :)

Lambert: Die Rolle in Cartagena ist für manche seine beste Leistung. Aber ich bIn wütend auf ihn, Sophie hätte mich verdient! Kein Wunder, dass die nicht mehr zusammen sind. ;)

Demnächst heißt es wieder demented foreeever, ein paar aktuelle Veröffentlichungen zwingen mich dazu. ;)

17.03.2017 14:00 Uhr - NoCutsPlease
1x
DB-Helfer
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Keine Bange, cecil! ;)
Es lohnt sich immer wieder auch mal einen Titel zu besprechen, der selbst für die härtesten Kerle zu viel ist.
Für Kinderfilme haben wir hier eine umfangreiche Klientel, ebenso für Beziehungskino.

17.03.2017 14:19 Uhr - cecil b
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Ich weiß, aber das Cover dieses Films entspricht kaum diesem Film. Mich könnte es abschrecken. ;)

17.03.2017 15:10 Uhr - NoCutsPlease
2x
DB-Helfer
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Höhö, das Cover sieht in der Tat verdächtig nach kitschigem Herzschmerz aus. ;)
Apropos Cover: Da ist kaum ein Genre vor falschen Erwartungen sicher. Ich denke gerade an die Retro-Cover aus dem 80ern, auf denen manche Helden viel muskulöser gezeichnet wurden als sie in Wirklichkeit sind.

17.03.2017 16:53 Uhr - cecil b
2x
DB-Co-Admin
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Ja, da konnten nur wenige überzeugen. Dicht gefolgt von "Der gruseligste Film den sie je gesehen haben".

19.03.2017 09:24 Uhr - naSum
1x
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Dein behutsamer, aber treffend intensiver Schreibstil passt mal wieder hervorragend zur Filmvorlage. Die Kunst einen Film empathisch im Schreibstil wiederzuspiegeln hast du perfektioniert.

19.03.2017 18:27 Uhr - cecil b
DB-Co-Admin
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Wow. So einen Satz liest man nicht alle Tage. Danke. :)

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