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JasonXtreme
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Friedhof der Kuscheltiere
Limited Edition

Toni Erdmann

Herstellungsland:Deutschland, Österreich, Rumänien (2016)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Drama

Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,00 (1 Stimme) Details
inhalt:
Peter Simonischek ist „Toni Erdmann“ und er ist Winfried, 65, ein Musiklehrer mit ausgeprägtem Hang zum Scherzen, der mit seinem alten Hund zusammenlebt. Seine Tochter Ines – gespielt von Sandra Hüller – ist eine Karrierefrau, die um die Welt reist um Firmen zu optimieren. Vater und Tochter könnten also nicht unterschiedlicher sein: er, der gefühlvolle, sozialromantisch 68er, sie, die rationale Unternehmensberaterin, die bei einem großen Outsourcing Projekt in Rumänien versucht aufzusteigen und sich in einer Männerdomäne zu behaupten.
Da Winfried zu Hause also nicht viel von seiner Tochter zu Hause sieht, beschließt er nach dem Tod seines Hundes sie spontan zu besuchen. Statt sich anzukündigen, überrascht er sie mit Scherzgebiss und Sonnenbrille in der Lobby ihrer Firma. Ines bemüht sich gute Miene zu machen und schleppt ihren Vater in seinen alten Jeans mit zu Businessempfängen und Massageterminen. Doch der Besuch führt nicht zu einer Annäherung. Winfried nervt seine Tochter mit lauen Witzen und der unterschwelligen Kritik an ihrem leistungsorientierten Leben zwischen Meetings, Hotelbars und unzähligen Emails. Vater und Tochter stecken in einer Sackgasse und es kommt zum Eklat zwischen den beiden.
Doch statt wie angekündigt Bukarest zu verlassen, überrascht er Ines mit einer radikalen Verwandlung in Toni Erdmann, sein schillerndes alter Ego. Mit schiefem Gebiss, schlechtem Anzug und Perücke ist Toni wilder und mutiger als Winfried und nimmt kein Blatt vor den Mund. Toni mischt sich in Ines Berufsleben ein, mit der Behauptung, der Coach ihres Chefs zu sein und startet einen Amoklauf aus Scherzen. Überraschend lässt Ines sich auf sein Angebot ein und Vater und Tochter machen eine verblüffende Entdeckung: Je härter sie aneinandergeraten, desto näher kommen sie sich.
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von jasonxtreme:

Obwohl ich ja nun wirklich affin mit dem deutschen Film bin, muss ich ehrlich gestehen, dass ich nicht in forderster Front stand um den deutschen Oscar-Beitrag Toni Erdmann zu sehen. Ja, den Trailer fand ich seinerzeit skurril-witzig, ohne wirklich zu wissen was auf mich zukommt. Als ich dann las der Film dauert einiges jenseits der zwei Stunden Laufzeit, schwand mein Interesse noch etwas mehr, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass das Konzept vom Trailer so lange funktioniert. Sogar als der Film nun schon lief musste ich mir noch eingestehen, dass ich ihn nicht mögen wollte. Dennoch wird dies kein Verriss werden, im Gegenteil, denn was Regisseurin und Autorin Maren Ade mit Toni Erdmann geschaffen hat, ist alles andere als einfache Kost – was wiederum den Bogen zu meinen anfänglichen Bedenken schlägt.

Der Film ist lang, und er ist ruhig. Allerdings ist er auch aufwühlend und skurril. Die Skurrilität dient hier aber nur als Stilmittel um die Botschaft zu formen bzw. das Gezeigte auf die Spitze zu treiben. Die Komödie, die ich erwartet habe, gibt es nicht. Den Film eine Tragikkomödie zu nennen… nun kann man tun. Er hat Szenen in denen man lachen kann, es aber nicht muss. Jene Szenen die Albernheit beinhalten sind rar gesät, und es sind auch jene, in denen man im Nachhinein überlegt ob es nun richtig war zu lachen. War das witzig gemeint? Ich gehe bewusst nicht näher auf die Handlung ein, die kann man überall nachlesen, aber ich werde auch bewusst spoilern müssen um meine eigene Sichtweise (die ja mit der anderer Zuschauer variieren kann) darlegen zu können.

Zuerst sei gesagt, dass die Besetzung mit Peter Simonischek als Winfreid Conradi/Toni Erdmann, und Sandra Hüller als Tochter Ines Conradi perfekt gewählt ist. Nicht anders zu erwarten will man sagen, wenn soviel Theater- und Filmerfahrung zusammenkommt, aber es ist mehr. Die beiden gehen in ihrer Rolle auf, als spielen sie sich selbst. Auch die restlichen Darsteller wie Michael Wittenborn, Thomas Loibl oder Trystan Pütter wissen ihren Figuren Format zu geben. Das Setting Bukarest (nach einem kurzen Auftakt in Deutschland) passt hervorragend, zumal hier die Kontraste des reichen Westens mit dem teils bettelarmen Rumänien nur einmal mehr verdeutlicht werden. Dies geschieht nicht oft oder plakativ, aber eben gekonnt mit einzelnen Einstellungen oder Szenen. Filmmusik wird nebenbei bemerkt auch eigentlich nur eingesetzt, wenn auch Musik gespielt wird wie in einer Bar oder einem Club. Das trägt aber auch maßgeblich zur Atmosphäre bei.

Die besagte Atmosphäre ist es auch, was Toni Erdmann durchweg ausmacht. Sie ist durchaus mit einer gewissen Kälte belegt, nicht was die Bildsprache angeht, sondern was die Menschen angeht. Natürlich ist das gewollt, da Ines in ihrem Beruf nur aufgeht, weil sie so berufsgeil und aufgesetzt ist, wie es auch ihre Geschäftspartner oder Kollegen sind. Eine Welt in der es nur um Erfolg geht, nur darum was bin ich, nicht wer bin ich. Das Individuum ist völlig gleichgültig. Sowohl Toni als auch seine Tochter sind durchweg tragische Figuren, denn trotz Tonis Hang zu skurrilen Scherzen ist er nicht zwingend Sympathieträger der Geschichte. Er stellt selbst einen einsamen Menschen dar, der geliebt werden möchte, mehr Kontakt zu seiner entfremdeten Tochter haben will. Dafür tut er buchstäblich alles, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Eigentlich belagert er seine Tochter um ihr Gefühle zu entlocken, was sie aber nicht kann. Sie lebt in ihrer Welt, gefühlsmässig verarmt, selbst beim Sex harscht sie nach Dominanz um ihre Überlegenheit zu zeigen (seltsam, herausragend gespielt in ihrer Beiläufigkeit, die Masturbationsszene), da sie diese in der von Männern dominierten Arbeitswelt nicht bekommt.

Es dauert übrigens recht lange, bis Winfried als Toni dann in Rumänien ins Geschehen eingreift, während er vorher noch zurückhaltender agiert. Trotz der typisch deutschen Optik eines normalen TV-Films arbeitet Toni Erdmann gezielt auf ein Finale hin, was im langsamen Verlauf eigentlich nie so deutlich wird, aber natürlich der Plan ist. Hier darf man aber kein aufgesetztes Happy End erwarten, sondern vielmehr einen Cut, der für mich persönlich nachgewirkt hat. Einerseits ist die Nacktparty von Ines durchaus witzig anzusehen, vor allem weil sie so natürlich gefilmt ist, und durch die Darsteller grandios schamlos gespielt wird, andererseits ist es eigentlich der Gipfel und ein nervlicher Eklat von Ines. Diese Szene führt zur Versöhnung der beiden Hauptfiguren, stellt aber eben nicht das Ende des Films dar. Vielmehr ist das Finale zu Hause in Deutschland zwar versöhnlich, aber in der Konsequenz der letzten Einstellung alles andere als das. Ines wartet auf ihren Vater, der den Moment der Witzigkeit (Tochter mit Hut und Gebiss des Vaters) auf einem Foto festhalten will, aber in der Zeit in der Winfried die Kamera holt, besinnt sich die Tochter zurück auf ihre langjährig erworbene Gefühlskälte. Sie nimmt die Verkleidung ab, setzt einen eher deprimierten Gesichtsausdruck auf, und man kann sich denken wie sich ihr weiterer Arbeitsweg bei einer neuen Firma in Singapur gestalten wird. In Bukarest fragte sie ihren Vater was die schönsten Momente seines Lebens sind. Nun seine Antwort am Ende zeigt uns die Wahrheit. Die schönsten Moment im Leben erkennt man oft erst, wenn sie vorbei sind. Dass einer der schönsten Momente in Winfrieds Leben der war, als er seine Tochter als Kind aufs Fahrrad setzte, weiß er erst jetzt…

Trotz allem Wehmuts am Ende, oder vielleicht gerade deswegen, ist Toni Erdmann ein wichtiges Statement gegen die emotionale Verarmung in allen von uns, egal wo und wann auf der Welt. Dass dabei noch Themen wie Depressionen, Versöhnung und Armut angeschnitten werden ist nur ein großes Plus, zumal alles zusammen auf eine Art und Weise aufgearbeitet wird, wie man es so wohl sehr selten zu Gesicht bekommt. Es hat wohl noch nie ein Film geschafft von „interessiert mich nicht“ bis „verdiente Oscarnominierung“  zu kommen bei mir, aber Toni Erdmann ist ein Novum des deutschen Films, der ganz sicher nicht bei jedem punkten kann, aber Nerven treffen wird. Wer eine Komödie erwartet, der sollte den Film definitiv meiden, soviel sei gesagt. Manche Menschen nehmen ihre Maske nur ab, wenn das Gegenüber eine überzieht…

Ich habe lange überlegt, aber eine 9/10 muss ich hier vergeben - einen Punkt lasse ich aus, weil der Wiedersehwert für mich (momentan) einfach nicht gegeben ist.

9/10
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Kommentare

07.03.2017 15:57 Uhr - FranticFox
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Also ich hatte sowas von überhaupt kein Interesse, mir den Film anzusehen, obwohl ich doch zwischendurch nichts gegen ruhige Melodramen und Tragikkomödien einzuwenden habe. Aber nach der grandiosen Rezension bin ich jetzt doch ziemlich gespannt. Ist für mich zwar kein Film, den ich im Kino sehen muss, aber sobald der rauskommt, schaue ich ihn mir mal in Ruhe an. Danke für's Umstimmen ;)

07.03.2017 18:43 Uhr - naSum
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Ein grandioses Review, das mir obwohl ich in keinster Weise mit dem deutschen Film Vorlieb nehmen kann, dieses Exemplar schmackhaft gemacht hat.

Nachdem ich den Trailer gerade geschaut habe, bin ich allerdings vollends verwirrt. Sowohl über das positive Review, wie auch über die Frage, ob ich ihn jetzt schauen soll oder nicht, denn Kostüme und Schauspiel wirken enorm aufgesetzt...

07.03.2017 18:56 Uhr - NoCutsPlease
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Ich hatte den Film lange Zeit gar nicht auf dem Schirm. Erst die Erwähnung vor ein paar Tagen in einer der hiesigen Diskussionen über deutsche Film- und Seriengewohnheiten hat ihn mir überhaupt vor Augen geführt.
Allein die Tatsache, dass hier eine gewohnt xtreme Kurzrezension nicht auszureichen scheint, lässt einiges an filmischer Substanz vermuten.
Ich werde mich bei Gelegenheit mal auf den Titel einlassen.

07.03.2017 20:03 Uhr - cecil b
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Große Künstler erkennt man meiner Meinung nach auch daran, ob sie durch Texte ein Gefühl auslösen können, das am besten zum Thema passt. Zum Beispiel das Gefühl von einem Film, durch ein Review.

Ich habe diesen Film noch nicht gesehen, und weiß jetzt, dass ich mich nach diesem Gefühl sehne, dieser skurile Humor, die Melancholie, etwas sehr menschliches.

Den Absatz der so beginnt: "Es dauert:::" habe ich aus Spoilergründen nicht gelesen, aber der Eindruck wird auch so deutlich!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

07.03.2017 21:35 Uhr - Intofilms
1x
Mich brauchtest du gar nicht erst umstimmen, weil "Toni Erdmann" sich für mich irgendwie zu einem absoluten Must-see entwickelt hat. Weiß selbst gar nicht so genau, warum...

Rezi ist wie immer super, Jason! :))

08.03.2017 08:50 Uhr - JasonXtreme
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Vielen Dank, ich werd ja gleich rot!!! ;)

@ Frantic
Er is draußen ;) hab ihn bei amazon Prime gesehen.

Also aufgesetzt wirkt hier eigentlich nichts, auch wenn das so rüberkommen sollte im Trailer. Die Verkleidung ist ja gewollt scheiße, Tonis Humor geschuldet... aber man muss natürlich so frei sein die typisch deutsche Optik ab zu können, soviel ist klar. Ich kann nicht garantieren, dass einem der Film gefällt, aber eines ist sicher: Das will er auch garnicht.

08.03.2017 10:30 Uhr - Egill-Skallagrímsson
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Überall wird es meiner Meinung nach falsch wiedergegeben, deshalb hier eine kleine Korrektur: "Toni Erdmann" ist kein (rein) deutscher Film, sondern eine deutsch-österreichisch-rumänische Koproduktion. "Europäischer Film" würde es meiner Ansicht nach eher treffen.
Der Streifen wird ja von den Medien auch ständig übertrieben als "deutsches Filmwunder" wiedergegeben... Ganz so sehr kann ich den Hype nicht verstehen (wie bei vielen Journalistenlieblingen), aber "Toni Erdmann" ist definitiv doch eine Überraschung und hat auch mir recht gut gefallen.
Würde persönlich 8/10 geben. Ein großer Malus ist die Überlänge, die viele Szenen zu sehr streckt, ohne etwas auszusagen. 30 Min weniger Filmlänge hätten den Film sicherlich gut getan.

Übrigens: Es wurde beschlossen, dass es - grpße Überraschung - ein US-amerikanisches Remake geben wird... mit Jack Nicholson als Toni Erdmann. :-)

08.03.2017 11:02 Uhr - JasonXtreme
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Danke für die Korrektur - ich nenne ihn halt deshalb deutsch, weil er ja zumindest maßgeblich von Deutschland finanziert wurde, und auch als deutscher Oscarkandidat eingereicht wurde ;) :) es ist in der Tat aber eine europäische Produktion.

In seiner Konsequenz finde ich ihn persönlich nicht zu lang, aber das ist ja eh subjektiv. Meine Sorge war ja genau das, wie oben geschrieben. Das mit dem Remake habe ich gelesen, aber ich WETTE, dass der Film eine völlig andere Substanz kriegt und die Message auch nicht so transportieren kann.

08.03.2017 18:06 Uhr - Egill-Skallagrímsson
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Ja das stimmt. Anscheinend reicht es für den Oscar-Beitrag eines Landes, wenn sich das Land unter den Produktionsländern befindet. Habe ich neulich schon bemerkt, als "Unter dem Sand" (für mich einer der besten Filme der letzten Jahre) als dänischer Beitrag auserwählt wurde, wobei der Film eigentlich eine dänisch-deutsche Koproduktion darstellt. :-)

Habe mit einem Kumpel auch neulich schon Witze gemacht, dass das Remake dann in Mexiko, Guatemala o.ä. stattfindet. Kann mir auch nicht vorstellen, dass er ebenfalls in Rumänien spielt. Gerard Depardieu als Vater wäre aber sicherlich auch witzig gewesen (stand nicht zur Debatte, nur so ein Hirnfurz meinerseits). :-)

Ganz vergessen: Tolles Review!

08.03.2017 19:35 Uhr - JasonXtreme
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Danke. Ja ich kann mir ein US Remake weder mit Nicholson noch in Mexiko vorstellen ehrlich gesagt. So ne Figur wie der dicke Gerard wäre aber echt denkbar^^

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