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TheRealAsh
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Eintrag: 18.05.2017

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Das Grauen - The Changeling

(The Changeling)
Herstellungsland:Kanada (1980)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Horror, Thriller, Mystery
Alternativtitel:Das Grauen
L'enfant du diable
Josephs Revenge

Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,50 (4 Stimmen) Details
eine kritik von therealash:

Schneewehen aus dem Off. Eine verschneite Straße. Ausgangspunkt dieses Filmes ist einfach und schnell. John Russell schiebt mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter das liegengebliebene Auto bis zu einer Telefonzelle, wo er den Abschleppdienst anruft. Seine Frau und Tochter machen währenddessen eine Schneeballschlacht. Dann geschieht, was die Wunde in das Rückgrat von John für immer reißt. ACHTUNG SPOILER Wie in einem Kino beobachtet er wie von oben ein Auto herabfährt und von unten ein LKW (man kennt das von Stephen King ganz gut) heraufkommt. Gefahr ist im Anzug. Die Straße glatt. Zeitlupe. Frau und Tochter in purer Lebensfreude. Das obere Auto biegt für den LKW-Fahrer nicht zu sehen in die Kurve, schlittert und der LKW weicht aus und fährt in das stehengebliebene Auto von John. Frau und Tochter werden von Johns Auto überrollt und sterben. SPOILER ENDE John steht in Freezeframe in der Telefonzelle wie in einem Gefängnis. Er konnte nichts dagegen tun.

Der Titel erscheint über diesem Bild:

THE CHANGELING

Der deutsche Titel ist dermaßen grauenvoll, dass ich ihn hier übergehen will. Changeling heißt übersetzt soviel wie Wechselbalg. Ein Wechselbalg ist ein Kind, das im Aberglauben für ein im Kindbett gestorbenes Kind von keinem anderen als unserem lieben Luzifer ausgewechselt wird. Dass solche Kinder besondere Fähigkeiten haben und nicht ganz leicht zu halten sind, wird natürlich vorausgesetzt.

Ich muss sagen, dass mich die ersten paar Minuten von The Changeling immer an Shining erinnern. Schnee. Berge. Wald. Das Problem hier ist nur, dass Jackie seine Frau und sein Kind gar nicht bis ins Overlook-Hotel bringt, sondern dass diese vorher sterben. John Russell ist von diesem Ereignis jedenfalls völlig traumatisiert. Außerdem ist er kein Schriftsteller, sondern Komponist. Um seinem ganzen Gedankenhorrorkino zu entkommen, denn John hat schon Halluzinationen von seiner Tochter, beschließt er ein altes Gothic-Horror-House zu kaufen, das direkt aus dem Viktorianischen Zeitalter zu entspringen scheint. Vielleicht kann er dort seiner Trauer entkommen, so hofft er, und ein wenig komponieren.

Wir befinden uns ab nun im Haunted-House-Film. Changeling ist einer der großen und etwas vernachlässigten Vertreter dieses Genres. Das kann weder am wie immer unglaublich überzeugendend spielenden Helden George C. Scott liegen (den man nicht nur als General Patton kennt). Noch kann es daran liegen, dass sein Charakter schlecht gezeichnet ist. Dass John zum Beispiel Komponist ist, passt nicht von ungefähr zu den bedrohlichen Geräuschen im Haus, die immer auch etwas mit seiner Vorstellungskraft und einer Art innerer Tonspur zu tun haben. Durch die Tatsache, dass John in dieses Haus einzieht, ziehen wir als Zuschauer auch in gewisser Weise ein in Johns innere Welt, die durch das Trauma vom Unfalltod seiner Frau und Tochter bestimmt wird. Was läge da also näher als ein Geisterhaus, in dem die Töne und der Soundtrack ineinander fast übergehen?

Schauen wir aber noch ein wenig auf die Beteiligten. Regisseur ist kein anderer als der in Ungarn geborene Peter Medak, den wir prominenterweise von Romeo is bleeding kennen, der aber auch das unglaubliche Politikerkannibalismusfest The Washingtonians aus der Masters-of-Horror-Reihe inszeniert und darüber hinaus viel fürs Fernsehen gearbeitet hat. Der sehr stimmige und eigentlich recht klassische Soundtrack ist vom kanadischstämmigen Jazzmusiker Rick Wilkins, der ein für die Geschichte wichtiges Leitmotiv komponiert hat, das für John zu einer beherrschenden Melodie wird. Die Kamera wurde vom ebenfalls kanadischstämmigen John Coquillon geführt, der ein sehr breites Werk aufweisen kann, das zum Beispiel Der Hexenjäger enthält, wie auch Das Osterman Weekend.

Nun zum Drehbuch, das für die Geschichte von einiger Bedeutung ist. Dieses stammt unter anderem von Russell Ellis Hunter, der die Hauptidee geliefert hat und selbst Komponist war, wie auch Schriftsteller und Dramatiker. Die Idee zu dem Film erhielt er, während er selbst in einem alten Haus wohnte, wo er unerklärliche Ereignisse und Phänomene beobachtet und erlebt haben will, die mit einem toten Jungen und einem von ihm scheinbar gefundenen Tagebuch zusammenhängen. Ob das nun stimmt oder nicht, lassen wir mal dahingestellt. Interessant finde ich hier wiederum - wie in meiner Assoziation zu Beginn - die Verbindung zu Shining und dem Overlook-Hotel. Ich hatte an anderer Stelle schon auf die geniale Dokumentation Room 237 verwiesen, die sich mit Verschwörungstheorien zu Shining beschäftigt und möchte hier augenzwinkernd noch eine hinzufügen. Der Film ist nämlich ebenfalls von 1980. Zufall?

Wie dem auch sei, in der Geschichte geht es bald um ein das Haus heimsuchendes Kind namens Joseph, das vor vielen Jahrzehnten ACHTUNG SUPERSPIOLER von seinem Vater dort ermordet wurde und nun keine Ruhe im Tod findet, weil dieser ihn mit einem anderen Kind ausgetauscht hat SPOILER ENDE. So löst John am Ende ganz journalistisch auch noch eine ziemliche Politverschwörung, was für mich allerdings etwas oberflächlich ist. Inszenatorisch ist der Film, sowohl von der Kamera, als auch vom begleitenden Sound, dem Soundtrack, dem Schnitt, den Schauspielern, der präzisen Regie und der schönen Special Effects wirklich vollkommen überzeugend. Wer zum Beispiel etwas mit den Werken von Guillermo del Toro anfangen kann, wie Crimson Peak oder Don't be Afraid of the Dark, der wird sicherlich etwas mit Changeling anfangen können, auch wenn Changeling nicht ganz diese Opulenz bietet. Auch ein wenig Mario Bava und Dario Argento ist für mich am Ende noch enthalten, wenn der eigentliche Wechselbalg in die Flammenhölle und in den Kern des Traumas steigt, was mich immer ein bisschen an Inferno denken lässt.

The Changeling ist ein sehr ernster und in sich gekehrter Film. Er lebt von der Beschäftigung mit einer traumatischen Gegenwart, gekoppelt mit einer längst verblassten und ins Verrückte verdrängten Vergangenheit, die sich gegenseitig austauschen. Denn auch wenn John das Geheimnis um das Spukhaus löst, so kann er doch seine Frau und Tochter nicht zurück ins Leben bringen. Aber vielleicht kann er am Ende mit seiner Trauer etwas besser umgehen. Das lässt der Film zumindest offen. Wieder kommt das schön-schaurige Leitmotiv von Wilkins, das den Film beendet. Denn am Ende steht immer eine Box, in der etwas ist, das nicht heraus kann und doch herauskommt. Etwas, das die Flammen überlebt.

Für mich ist The Changeling ein persönlicher Klassiker, der mit George C. Scott einen meiner Lieblingscharakterdarsteller in einer Hauptrolle hat und das Haunted-House-Genre sehr unheimlich und ideenreich von seiner besten Seite zeigt. Die Shining-Komponente ist eine etwas eigene Assoziation, die aber durchaus nicht ganz zu leugnen ist. Und um es noch einmal zu betonen: Die in der Geschichte eingesetzte Verwendung von Sounds wie Wassertropfen, eine Kettensäge, Hammer, Wind und auch der Soundtrack selbst, machen den Film nachhaltig interessant. Allein deswegen bleibt der Film für mich noch immer spannend und auch sehr besonders. Ich muss auch zugeben, dass ich das noch nicht ganz verstanden habe. Das ganze Sound-Design, um es mal so zu nennen, übt einen eigentümlichen, faszinierenden und unheimlichen Reiz aus, der sehr besonders ist und für mich im Ansatz jedenfalls fast noch über das hinausgeht, was David Lynch macht, da es eben in der Geschichte und mit dem Beruf des Protagonisten so stimmig verwoben wurde. Darüber könnte man sicher nochmal einen eigenen Artikel schreiben.

Was soll ich sagen? Anschauen und genießen!

Wie sagte schon Frank Zappa in einem seiner unsentimenalsten Songs:

"Broken hearts are for assholes!"

John Russell jedenfalls ist für mich kein Arschloch.

8/10
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Kommentare

18.05.2017 00:49 Uhr - CHOLLO
1x
User-Level von CHOLLO 3
Erfahrungspunkte von CHOLLO 139
Sehr geschmeidiges Review Ash.Und wie immer qualitativ verdammt hochwertig.Kann dem Haunted-House-Genre auch meistens etwas abgewinnen.Das Teil ist vorgemerkt.

18.05.2017 08:06 Uhr - dicker Hund
1x
User-Level von dicker Hund 10
Erfahrungspunkte von dicker Hund 1.485
Der war mir bisher unbekannt. Derart schmackhaft aufbereitet, weckt er jedenfalls meinen Speichelfluss.

18.05.2017 08:33 Uhr - cecil b
1x
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User-Level von cecil b 17
Erfahrungspunkte von cecil b 5.026
Verdammt gut die verschiedenen Betrachtungsweisen miteinander verbunden, mit persönlicher Note, spitze!

Hunted House ist nicht UNBEDINGT meins, aber die Ausgangsposition und die Nähe zu Shining gefallen mir schon. Danke für den Tipp!

18.05.2017 09:49 Uhr - JasonXtreme
1x
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YES! Guter Streifen, nun mit antsprechend guter Rezi versehen!

18.05.2017 10:03 Uhr - NoCutsPlease
3x
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Erfahrungspunkte von NoCutsPlease 10.280
Also Ash, wenn du mit den alten Tipps so munter weitermachst, dann kann ich hier bald in den rezensorischen Ruhestand gehen. ;)

18.05.2017 10:13 Uhr - Intofilms
2x
"The Changeling" habe ich als überragend gespielten, beklemmenden, schwermütig-düsteren Gruselschocker der 'alten Schule' in Erinnerung. Von mir gibt's ohne Wimpernzucken eine begeisterte 9/10. Rezi ist auch fantastisch. THANK YOU! ☺️

18.05.2017 10:54 Uhr - TheRealAsh
2x
User-Level von TheRealAsh 6
Erfahrungspunkte von TheRealAsh 451
Danke!!!

@CHOLLO: hol ihn dir, du wirst es nicht bereuen, gibt allerdings nur ne alte Kinowelt-DVD in gebraucht, die aber sehr gute Qualität hat. Verdammt, der könnte doch mal als Bluray-Premiere kommen!

@DH, cecil: merkt euch den echt vor, wenn ihr ihn mal wo seht, ich glaube der ist was für euch

@Jason: Danke!

@NCP: so ist das nicht gedacht, ich warte ja mal auf was neues von dir, da ich dich im Tagesgeschäft ja noch gar nicht so oft gelesen habe, dein Filmgeschmack mich aber sehr begeistert. Dein Jungfrukällan-Review hat mich übrigens mitunter dazu bewogen mich danach hier anzumelden. Hab mir den deshalb auch nach ewiger Zeit wieder angeschaut und hab herausgefunden, dass ich den beim ersten Mal gar nicht so richtig verstanden habe und mich etwas von der Mittelalterumgebung langweilen ließ;-)

@Into: dank dir, die Punktevergabe versteh ich völlig, ich halt mich momentan aber etwas zurück mit der Höchstnote. Find grad, dass nicht alles immer ganz oben sein muss, um gut zu sein. Versteh da z.B. auch Dries, dass er gar keine Punkte gibt. Aber irgendwo muss man halt immer werten, thats life;-)

18.05.2017 11:06 Uhr - NoCutsPlease
2x
DB-Helfer
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@ Ash:
Wenn meine Besprechung zu "Die Jungfrauenquelle" dazu beigetragen hat, dass wir alle jetzt viel Freude dank deiner Mitgliedschaft haben, dann habe ich die natürlich umso lieber geschrieben. :)
Irgendwann die Tage/Wochen lege ich wohl mal wieder was nach.

@ cecil:
Du meinst bestimmt Haunted House. Hunted House wäre eher der Immobilienmarkt! ;)

18.05.2017 13:07 Uhr - Horace Pinker
1x
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Erfahrungspunkte von Horace Pinker 7.321
Stilistisch sehr ansprechend verfasstes, aussagekräftiges und wie immer sehr lesenswertes Review zu einem mir bisher unbekannten Film, sehr gute Arbeit Ash! Wie Cecil bin ich kein allzu großer Freund des Haunted House Subgenres und auch nicht gerade ein Riesengeisterfilmfan, werde es hier also wohl vorerst mal bei deiner exzellenten Kritik bewenden lassen.

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