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TheRealAsh
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Eintrag: 16.07.2017

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Battle Royale
Extended Cut & Kinofassung



187 - Eine tödliche Zahl

Der Trost von Fremden

(The Comfort of Strangers)
Herstellungsland:Großbritannien (1990)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Drama, Thriller
Alternativtitel:Cortesie per gli ospiti
Unter Fremden

Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,00 (2 Stimmen) Details
inhalt:
Das junge britische Paar Colin und Mary will seine Liebe im sommerlichen Venedig in neue Bahnen lenken. Allerdings geht ihr Verhältnis in eine gänzlich unerwartete und düstere Richtung, als sie die Bekanntschaft des exzentrischen Fremden Robert und seiner Frau Caroline machen. Bald schon sehen sie sich nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit den bedrohlichen Obsessionen ihrer Gastgeber konfrontiert. In einer Stadt, die wir seit "Wenn die Gondeln Trauer tragen" nicht mehr so feindselig erleben durften, wie hier.
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von therealash:

Paul Schrader. Wer kennt ihn nicht, wer verehrt ihn nicht? Man zählt ihn definitiv zu einem der besten zeitgenössischen Drehbuchschreiber. Er schrieb das Drehbuch zu Taxi Driver und Wie ein wilder Stier von Scorcese oder zu Schwarzer Engel von De Palma. Außerdem ist Schrader ein sehr produktiver und origineller Regisseur, wie er mit Amercian Gigolo, Katzenmenschen, Auto Focus oder jüngst Dog Eat Dog​ unter Beweis gestellt hat.

Das Drehbuch zu Der Trost von Fremden ist allerdings nicht von Schrader, sondern von Harold Pinter, wieder einem Literaturnobelpreisträger (und dann auch wieder eher dem absurden Theater zugehörend). Sein Stück Der Hausmeister wurde mit Donald Pleasance (Halloween) unter der Regie von Clive Donner (What's New Pussycat?) verfilmt (Kamera führte ein gewisser Nicolas Roeg, der mit Wenn die Gondeln Trauer tragen den Kreis zum Schauplatz von Venedig schließt).

Die Vorlage zum Film stammt von Ian McEwan, der den Roman geschrieben hat und den man von Abbitte mit Keira Knightley kennt. Die Filmmusik ist von keinem anderen als dem Dark Lord of Romantic Darkness Angelo Badalamenti, der mit dem Theme zu Twin Peaks nicht nur Meditationspraxen geprägt hat. Hier leistet Badalamenti wieder einmal die Untermalung für die dunklen Seiten einer Touristenstadt, die mit düsterem Sound in die Geheimnisse hinter dem glitzernden Schein eindringt. Die Kamera führte Dante Spinotti, der schon durch die Linse bei Manhunter, Heat oder Public Enemies geschaut hat, was ihn zu einem der Stammkameramänner von Michael Mann macht.

Die zentralen Schauspielpaare sind Christopher Walken (Dead Zone) und Helen Mirren (The Queen) als Robert und Caroline, sowie Rupert Everett (Dellamorte Dellamore) und Natasha Richardson (Gothic) als Colin und Mary. Weitere Schauspielerin ist die Stadt Venedig, die man unter anderem von Bastian Schweinsteigers Hochzeit kennt (auf der ich leider wieder ausgeladen wurde) oder Viscontis Der Tod in Venedig, dem bereits erwähnten Wenn die Gondeln Trauer tragen oder letzterdings The Tourist mit Jolie-Depp.

Inhaltlich begleiten wird das etwas unschlüssige und depressive junge Paar Colin und Mary, die in ihrem Venedigurlaub des nächtens im Labyrinth der Gassen und Kanäle verloren gehen und auf das örtlich ansässige seltsame und ältere Paar Robert und Caroline treffen, die in einem Riesenanwesen hausen und gelinde gesagt etwas abartig unterwegs sind, was Beziehungsspielchen anbelangt. Bald schon finden sich Colin und Mary unter dem Einfluss des düsteren Paars, dem sie scheinbar nicht mehr zu entkommen in der Lage sind.

In Fernsehzeitschriften würde man jetzt lesen: Von da an nimmt die Katastrophe ihren Lauf...

Wie die meisten guten Venedig-Filme bietet Der Trost von Fremden einen mythologischen Reigen, der nicht zwischen Traum, Wahn und Realität unterscheidet. Bald schon verlieren wir uns mit Colin und Mary in den schmutzigen Gassen der Nachtclubs, bald wieder in einer der Zeit völlig entrückten Loggia von Robert und Caroline, wo die Figuren wie römische (oder sogar griechische) Gottheiten im irrisierenden Licht des venezianischen Sonnenuntergangs stehen und sich in abstruse Gespräche versenken.

Wer jetzt Bedenken hat, dass Der Trost von Fremden ein langweiliger Dialogfilm ist, dem sei gesagt, dass Christopher Walkens Charakter das schnell ändert, indem er Colin aus heiterem Himmel eine in den Ranzen haut und sich bald als herrischer Psycho entpuppt, dessen persönliche Einstellungen und Begierden irgendwo zwischen Hannibal Lector und Gilles de Rais zu liegen scheinen.

Der Film behandelt eine sehr seltsame Art der Romantik und Paarbeziehung, die sich innerlich zu zerfressen scheint, gerade weil sie sich unendlich begehrt. Es gibt jedenfalls einiges an der Libido unserer Protagonisten zu kitten, das herkömmliche Paarratgeber nicht vermögen. Man könnte sagen, dass sich das junge Paar nicht zu ihrer Beziehung bekennen kann, was wiederum im völlig verschmolzenen Beziehungsgeflecht des älteren Paares seinen tragischen und tödlichen Ausdruck findet.

Der Trost von Fremden ist ein unheimlicher, beklemmender und saumäßig erotischer Mystery-Thriller, der die dunklen Seiten von kaputten Paarbeziehungen auslotet. Er handelt von Menschen, die ihre erotischen Obsessionen ausleben und doch nicht ausleben. Zugegebenermaßen muss ich allerdings sagen, dass dieser Film einige Anläufe braucht, bis man das, was man da sieht, zu schätzen weiß.

Zusammenfassend bietet Der Trost von Fremden eine ziemlich verrückte und anspruchsvolle Stalker-Geschichte von der "anderen Seite des Spiegels," wie Caroline so schön sagt, womit durchaus eine metaphorische Paarversion zu Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Grey als Assoziation aufgemacht werden kann. Denn am Ende gibt es eine sehr spezielle Form des Vampirismus, der seinesgleichen sucht. Christopher Walken, der darüber hinaus als sich wiederholender Erzähler auftritt, der den Film beginnt und schließt und wieder beginnt, nimmt den Zuschauer hinein in ein Geflecht des ewigen Lebens, dem der Spaß irgendwann abhanden kommen muss, wenn man die Jugend und das Schöne nicht zerstört.

Wer also jenseits von Shades of Grey ein bisschen mehr Spannung sucht, die sich nicht nur um das Popoverhauen dreht, der findet hier definitiv die bessere Alternative.

Wie heißt es so schön bei De Sade:

"Die Damen fanden ihn in noch weniger bekleidetem Zustande als er am Tage vorher gewesen war. Geilheit und zügellose Wollust sprachen aus seinen finsteren Blicken."

9/10
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Kommentare

16.07.2017 09:43 Uhr - dicker Hund
2x
User-Level von dicker Hund 10
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Niedrige Instinkte auf hohem Niveau, so soll es sein;-)

Schmackhaft beschrieben.

16.07.2017 10:04 Uhr - Intofilms
2x
Exzellente Kritik zu einem beeindruckenden Venedig-Film. :)
An Roegs genialen "Don't Look Now" kommt dieser hier natürlich nicht ganz heran. Aber die 9/10 werde ich jetzt auch gleich mal anklicken. Ganz starker Film!

Venedig als Handlungsort von Erzählungen ist sowieso immer absolut faszinierend. Den von dir erwähnten "The Tourist" zum Beispiel fand ich damals im Kino ja auch sehr gelungen. Die filmische Venedig-Referenz ist und bleibt natürlich Viscontis Thomas Mann-Verfilmung, die, angereichert mit wunderschönen Mahler-Klängen und übrigens auch mit Elementen aus Wolfgang Koeppens "Tod in Rom", eine wahrhaft kongeniale Umsetzung der Mann-Novelle, ein grandioses Sinnbild der Dekadenz entstehen lässt.
Ach, all die Werke, die ich eben kurz angesprochen habe, würde ich so gerne mal wieder sehen/lesen/hören. Aber dafür fehlt mir leider die Zeit...

16.07.2017 12:19 Uhr - NoCutsPlease
1x
DB-Helfer
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Den kenne ich noch gar nicht, aber das Gesamtpaket klingt verdammt gut!
Danke für den Trost von Ash am Sonntag! :)

16.07.2017 19:54 Uhr - Horace Pinker
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Hiervon habe ich ebenfalls noch nie gehört, das Beschriebene klingt aber vielversprechend und Christopher Walken ist ein Topdarsteller (mochte ihn übrigens besonders als Erzengel Gabriel in der God's Army Reihe). Jedenfalls wieder ein hochklassiges, informatives und lesenswertes Review, Hut ab Ash.

16.07.2017 21:49 Uhr - TheRealAsh
2x
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Danke Freunde!

@dh: niedrig und niedlich;-)

@into: ja, die ganzen Klassiker, von tod in Rom gibts aber glaube keine Verfilmung, oder?

@ncp: hol erst einmal escape from LA nach und den bei Sichtung einfach mitnehmen, gibts mittlerweile glaube relativ günstig

@horatio: gods army, ach, den muss ich auch unbedingt mal wieder schauen, war eine meiner ersten dvds, und die vhs hab ich auch gehabt. Da bringst du mich auf eine guuuute Idee;-)

16.07.2017 21:53 Uhr - Intofilms
1x
Nee, von einer Verfilmung ist mir nichts bekannt.

17.07.2017 00:28 Uhr - TheRealAsh
1x
User-Level von TheRealAsh 5
Erfahrungspunkte von TheRealAsh 302
Wäre wohl auch schwierig, war ja eher komplex gedanklich

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