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Endless Poetry

(Poesía Sin Fin)
Herstellungsland:Chile, Frankreich, Japan (2016)
Genre:Biographie, Drama, Fantasy

Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,50 (2 Stimmen) Details
inhalt:
Mit Endless Poetry stellt Alejandro Jodorowsky in einer poetischen Mischung aus Fantasie und autobiografischen Elementen seinen eigenen Weg zur Kunst dar. Im Chile der 1940er Jahre entsagt er sich dafür den Grenzen seiner Familie, um seinen kreativen Ideen freien Lauf zu lassen, Schriftsteller und Dichter kennen zu lernen und ihnen in seinem Heranwachsen nachzueifern. All das verwebt er in eine bunte Ehrerbietung an die Anmut der Kunst selbst.
eine kritik von nasum:

 

 

 

Alejandro Jodorowsky über die Anmut der Kunst selbst:

 

 

In einem nahtlosen Übergang zu seinem drei Jahre zuvor veröffentlichten „The Dance of Reality“ eröffnet sich die Anfangssequenz von „Endless Poetry“ und zeigt damit erneut ein autobiografisches Filmwerk, dass durch fantastische Elemente symbolischer Natur angereichert wurde. Darin fasst der Erzählstrang nach der bereits dargestellten Kindheit Alejandro Jodorowskys nun sein Heranwachsendes Ich auf dem Weg in die Adoleszenz ins Augenmerk. Im bestehenden Beziehungsgeflecht der im Chile der 40er Jahre lebenden Familie Jodorowsky finden sich zahlreiche Elemente des Coming of Age Dramas, befasst es sich doch mit dem rebellischen Aufbegehren eines Sohnes gegen die Dominanz seines Vaters. Dabei findet der junge Alejandro Jodorowsky Gefallen an dichterischer Poesie, was zum Unmut seines dominanten Vaters nicht in das jüdische Familienbild hineinpasst. Der aufkeimende Generationenkonflikt durch das Aufbrechen familiärer Hierarchien schwillt bildhaft, als auch unterschwellig an. Parallel zu dem im Subtext offengelegten Umdenken zwischen Generationen, baut sich erneut der politische Wandel auf, der individuellen und gesellschaftlichen Fortschritt Hand in Hand gehen lässt. Konkrete sozialkritische Bezüge, sowie stechend reflektierte Provokationen stehen jedoch im Schatten von The Dance of Reality und können hier keine zum Nachdenkenden anregenden Tiefschläge platzieren. Lediglich sprachlich zeigt sich der Wandel, ab dem Zeitpunkt als Alejandro Gefallen an der Dichterkunst findet und sich immer weiter von den Vorstellungen seines Vaters entfernt. Dem exzentrischen Sprachrohr seines Erzeugers, das Dominanz und Hierarchien einfordert, stellt Alejandro ohne viele Worte kleine poetische Momente von anmutigem Klang entgegen, die sich der väterlichen Führung mit schneidender Präzision erwehren. Ein Kontrast zwischen rauher und anmutiger Wortwahl fällt hier besonders ins Gewicht und beflügelt durch seinen Triumph bricht der junge Heranwachsende auf, um in eine Welt der Kunst und Poesie einzutauchen.

 

Die Exzentrik der Kunst, der Alejandro auf seinem Weg begegnet, findet sich im überspitzten Schauspiel der Darsteller wieder. Dabei werden keine Glanzleistungen präsentiert, aber die Art der Umsetzung passt gut in den inhaltlichen Kontext. In überdeutlich betonten und getragenen Dialogen lernt der aufstrebende Dichter Vorbilder und Wegbereiter aus verschiedenen Bereichen der Branche kennen. Dabei trottet die Musik mit artistischem Marschcharakter durch die Filmzeit und hüpft verspielt durch die Tonleitern kindlicher Melodien, die gelegentlich in getragene Arien der Adoleszenz klettern. Die unschuldige Verspieltheit der Jugend, sowie ebenso die begierige Obsession Erwachsener vertont sich dabei wechselhaft, aber leider ohne eine dramatische oder emotionale Zuspitzung von Szenenhöhepunkten. Der Werdegang Jodorowskys bleibt leider relativ oberflächlich.

 

Den Übergang der alltäglichen rauhen Lebenswelt in eine wohlig warme Kunstszene fängt die Kamera dabei mit dem Wechsel von hektischen schnellen Schnitten zu sanft wogenden Kamerabewegungen ein und dämmt die warmen Lichter, um den harten Grauton der Realität mit Farbe und Leidenschaft anzustreichen. Jodorowskys filmische Darstellung dessen, was kunstvolle Poesie ist, stellt er in ebenso poetischen Bildern dar. Als Zuschauer kann man sich daher fernab einer sachlichen Erklärung unterschwellig in die erlebbare Definition der Poesie hineingleiten lassen. Ihre warme, beschönigende Art löst sich dabei bewusst von der tristen Realität ab und erklärt durch ihre Anmut Jodorowskys Faszination für eben jenen Werdegang seiner selbst. Seine sonst so drastische Bildsprache, die oftmals mit surrealen Schockmomenten und verstörenden Bildern eine pessimistische Welt oder Sozialkritik ausdrückt, wird hier von einer getragenen Schönheit abgelöst, um die Kunst an sich als etwas anmutiges emporzuheben. Seine bekannten rauen und blutigen Elemente sortiert er abgegrenzt davon in die Realität und den Überlebenskampf der 40er Jahre aus aber teilt ihr nur eine sehr begrenzte Zeitspanne zu.

 

Langsam in der Kunstszene angekommen, müssen sich Alejandro und die ihm gleichgesinnten Poeten den Befürchtungen der männlichen Familienoberhäupter zum Trotz, der an sie gerichteten Erwartungshaltung stellen. Ihr Selbstfindungsprozess wird dabei durch ihre Kunst vorangetrieben. Die sehnsüchtige Seite der Dichterskunst verkörpert darin ein Streben nach Anerkennung des eigenen Ichs. Der Kampf für die Auslebung homosexueller Gesinnung, dichterischer Freiheit und das Herauslösen aus familiären Erwartungen lassen die jungen Lyriker einen harten Entwicklungskampf bestreiten. Farblich präsentiert sich dabei ein Werdegang aus dem schwarz-weißen politischen Gesellschaftsdenken heraus in einen Schrei nach farbigem Umschwung, den die jungen Künstler jeder auf seine individuelle Art in die Welt hinaustragen. Bunt geflutete Szenenbildern, deren tristes Grau mit der Zeit von farbiger Beleuchtung erstrahlt zeichnen diesen Konflikt deutlich nach, sodass der Film selbst den Wandel in eine positive Inszenierung vollzieht und damit die Charakterentwicklung des strebsamen Hauptdarstellers reflektiert. Wie umgefallene Farbeimer ergießen sich diese Farben der poetischen Welt in das matte braun-grau des vorherrschenden Stadtbildes. Autobiografisch fließen zudem zahlreiche emotionale Momente Alejandros mit ein, jedoch bleibt in der farbenfrohen Inszenierung der provokante Unterton relativ blass. Der Fokus liegt eher auf dem Lebensweg des Heranwachsenden, der in lyrischen Zweizeilern seinen eigenen Fortgang kommentiert. Eine faszinierte Personifikation mit seiner Rolle fällt jedoch trotz der Entwicklung zeitweise schwer, da mit zeitlichem Fortgang eine gewisse Belanglosigkeit einhergeht. Ebenso kann Endless Poetry nicht die erdrückende Bildgewalt oder symbolische Bildsprache von vorangegangenen Werken in ihrer Qualität erreichen.

 

Die von Alejandro Jodorowsky in diesem Filmwerk verkörperte Kunst zeigt sich als unschuldige Romantisierung der gesellschaftlichen Fleischeslust, jedoch lässt sie trotz einiger bildkräftiger Szenen auch solche von weniger Aussagekraft mitschwingen und verwässert den Farbton des Gesamtgemäldes. Einzelne Szenenbilder seiner kindlichen Bewegungen und hilflosen Verhaltensweisen werden dabei zwar immer wieder von phallischen Symbolen oder (wie auch jüngst bei Biene Maja zu sehen) Penissen in Form von Skulpturen und Bildern penetriert, eine provokante Unvergesslichkeit wie der Mord mit dem Penis in Clockwork Orange bleibt dabei allerdings unerreicht. Eine schwache Steigerung der geschichtlichen Handlung und mittelmäßige dramatische Zuspitzung können dieses Manko auch nicht retten und tragen stattdessen zur flachen Inszenierung bei.

 

Am Ende fragt man sich dann, was Kunst oder Poesie ist und wie kraftvoll sie sein kann. Obliegt ihr nicht immer eine soziale, romantische oder sehnsüchtige Beobachtung? Oder strebt sie durch Provokation nicht zumeist eine Veränderung oder eine Fokussierung auf einen bestimmten Inhalt an? Doch zu was wird Kunst, wenn diese Provokation fehlt und stattdessen die schlichte Darstellung einer Lebensgeschichte umgesetzt wird? Es fehlt an bissiger Würze, obgleich die Bilder mit ähnlicher Präzision gestaltet wurden. Doch der pointierte Stich bleibt aus, der den Konsument der Poesie zum nachhaltigen Denken anregen soll. Ärgerlich wird das besonders vor dem Hintergrund dessen, das man im vorangegangenen Werk The Dance of Reality von einer meisterlichen Inszenierung erdrückt und überwältigend fasziniert wurde, die von künstlerischer, wie auch politisch brisanter Art war. Die vorliegende Fortsetzung der Erzählung Endless Poetry, die titelgebend die Poesie nennt und in ihrer Anmut erhebt, kann sie leider weniger pointiert ausdrücken und nuschelt sich durch ein symbolisches Reimschema, das leider die Tiefe der Aussage vermissen lässt. Daher vergebe ich für diesen arhythmischen Jambus nur 6 Punkte und greife für Einblicke in Jodorowskys autobiografische Filmdarstellung lieber erneut zu The Dance of Reality.  

6/10
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Kommentare

02.10.2017 22:37 Uhr - dicker Hund
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Ob der Film so eine epische Besprechung verdient hat? Unterhaltsam ist sie jedenfalls - mit einem amüsanten Fingerzeig in den Newsbereich. Für mich steht immer noch "El Topo" in einer gescheiten Fassung auf der Liste, bevor ich mich weiter um den von Dir offenbar sehr geschätzten (nicht zu verwechseln mit blind verehrten, wie man hier sieht) Jodorowski kümmern werde.

03.10.2017 12:26 Uhr - TheRealAsh
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Deine Review ist sprachlich wie immer sehr gelungen, allein von der Wertung und Einschätzung muss ich dir harsch widersprechen. Die 6 ist für mich hier einfach zu wenig, ich gebe hier ne 9. Muss aber gleich auch klarstellen, dass unser Jodo schon zu Eltopo-Zeiten ein verquaster Esoguru war, bei dem ich mich oft gewundert habe, dass der so angekommen ist. Klar, das war damals und ist auch heute noch totaler Tabu- und Stilbruch, aber gerade das Seherlebnis von Ghost zeigt doch gut, dass man sich auf sowas einlassen muss, um die dahinter steckende Qualität zu erkennen.

Was du natürlich auch machst, nicht falsch verstehen;-) Ich versteh auch wie du es meinst und dass dich "Poesia sin fin" enttäuscht. Aber ich finde, das ist alles schon in seinen anderen Filmen auch angelegt. Poesia ist für mich ein melanchoisches Abschiedswerk, das Jodos Lebensresümee, die Kraft der Kunst und das, was eine Biographie sein kann, wunderbar darstellt.

Aber: man muss schon ein Fan von Jodo und seinem Werk sein, um das genießen zu können. Jeder unbedarfte Filmseher wird hier total gelangweilt sein.

PS: noch eine kurze Nachbemerkung zu Refn und Jodo. Jodo hat Refn sicher künstlerisch befreit, dass er sich traut Filme wie "Only God Forgives" zu machen, aber, das ganze Esozeug ist irgendwann auch mal gut. Tarot ist ja lustig, aber eine Religion sollte man nicht draus machen.


03.10.2017 18:35 Uhr - naSum
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Danke euch beiden für die prompte Rückmeldung.

dicker Hund:
Verdient hat er es daher, da er die Fortsetzung zum grandiosen politischen Aufschrei "The Dance of Reality" antritt. Nur die Fußstapfen kann er leider nicht ausfüllen.

Ash:
Interessant, dass du den Film anders betrachtest und mir so deutlich widersprichst. Aber eine 9 ist er doch auf keinen Fall, da ihm außer der Thematisierung, was Kunst ist, die gehaltvolle Aussage abhanden geht, die er versucht zu verfolgen, aber nicht konsequent schafft. Zieh doch mal bitte den Vergleich zu "The Dance of Reality", der diesem Filmwerk haushoch überlegen ist, da er das Pulverfass von Politik, Gesellschaft und künstlerischer Autobiographie zusammenmischt. In "Endless Poetry" fehlt mir der Biss. Die Chance, den Generationenkonflikt, Homophobie, Antisemitismus oder Auswirkungen der Kunst selber zu provozieren bleibt aus. Deshalb kann er mich einfach nicht so faszinieren, wie es andere Jodorowskys konnten.

Dennoch bleibt er ein Film, der mit ganz besonderer Anmut gestaltet wurde... ohne eigene Aussage...

03.10.2017 20:44 Uhr - TheRealAsh
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Ah, okay, da liegt der Hund begraben. Dir fehlt quasi zwingend die politische Implikation. Naja, ich finde es gerade in Hinblick auf die Poesie und Freiheit der Kunst in Bezug auf ein beispielhaftes Leben äußerst politisch. Aber da müssten wir mal bei Kaffee und Kuchen länger drüber reden.

04.10.2017 00:28 Uhr - Ghostfacelooker
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La Poesia il Nasum. Great und ich hab wieder diese Bilder im Kopf^^^^

05.10.2017 11:22 Uhr - NoCutsPlease
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DB-Helfer
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Dein Jodorowsky-Marathon ist ein echtes Gesamtkunstwerk. Auch wenn dieser Film deutlich schwächer als die anderen abschneidet, werde ich den mal mit einplanen, wohlgemerkt erst nach Sichtung deiner glasklaren Empfehlungen.

05.10.2017 22:03 Uhr - naSum
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Danke auch euch beiden für die netten Worte und vor allem für die Lesetreue. Macht echt Spaß, auf so viel Interesse zu stoßen.

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