Der mittlerweile stramm auf die 80 zugehende William Friedkin hat nicht immer zwangsläufig Meisterwerke abgeliefert. Nun, welcher Regisseur tut das schon. Wohl aber weiste er als voranschreitender Pionier mit Filmen wie French Connection, The Exorcist, Cruising oder To Live and Die in L.A. etwa vielen Filmemachern überhaupt erst den Weg bzw. erfand oder ebnete bis dato unbekannte Genrepfade, auf denen die Traumfabrik auch heute, Jahrzehnte später, immer noch sicher wandelt (und leider verhältnismäßig selten nach neuen Abzweigungen sucht).
Und selbst nach einem halben Jahrhundert im Filmgeschäft schüttelt der Altmeister noch ein faszinierendes Genreglanzstück aus dem Ärmel: Das von Autor Tracy Letts geschriebene und von ihm selbst für die Filmvorlage adaptierte Bühnenstück Killer Joe. Eine tiefschwarze, garstige Verliererballade, anno 1998 für neun Monate am Broadway von Mimen wie Scott Glenn oder Amanda Plummer bspw. aufgeführt. Hier nun verkörpert durch die teils ordentlich Mut zu exhibitionistischen, häßlichen, kaputten Charakterrollen beweisenden Darsteller Emile Hirsch, Juno Temple, Gina Gershon und Thomas Haden Church. Gekrönt von einer oscarreifen Schauspielleistung des gebürtigen Texaners Matthew McCounaghey, der das auch in so ziemlich allen anderen Belangen nahezu perfekte Kammerspiel jedesmal mit einem Fingerschnipp nimmt, wenn er die (Film-) Bühne betritt.
Leider veträgt sich die begehrteste aller Filmtrophäen nicht besonders mit frittierten Hühnerkeulen.
Die Fassungen
Mit seiner Unbefangenheit im Umgang mit skurrilen Charakteren, kontroversen Themen und drastischen Darstellungsweisen stößt ein Talent wie Friedkin natürlich nicht allerorts auf Gegenliebe. Im Fall von Killer Joe hatte die US-amerikanische Freigabenbehörde MPAA schon vor der Veröffentlichung ihre Bedenken, zumindest in Bezug auf ein kinotaugliches, finanziell wichtiges R-Rating. Das blieb dem Streifen verwehrt, im ersten Anlauf wie auch im erfolglosen Berufungsverfahren. Der Film lief daraufhin mit gerade mal drei Kopien als ungeschnittene NC-17-Fassung in den US-Kinos, weil Friedkin seinen Film bewußt nicht durch Schnitte verändern wollte. Das klang in einer Erklärung des Regisseurs in einem Interview seinerzeit so:
"Cutting would not have made it mass appeal. Cutting it would have been the equivalent of what members of the United States government and military leaders said about the Vietnam War. They said, "We have to destroy Vietnam in order to save it," and that's what I would have done to Killer Joe. To get an R rating I would have had to destroy it in order to save it and I wasn't interested in doing that."
Dafür muß man die Arbeit von Friedkin verstehen (lernen). Das Arrangement von ausführlich behandelten oder bestenfalls angedeuteten Themen, explizit und bis an die Schmerzgrenze dargestellten oder der Vorstellung des Zuschauers überlassenen Szenen und schlüssig erklärten oder mit viel Spielraum für Interpretationen ausgestatteten Inhalten ist nicht eben zufällig. Es gibt immer ganz bestimmte Elemente, die der Regisseur seinem Publikum vor Augen führen will - gerne auch bis diese anfangen zu brennen - und solche, die bewußt nebensächlich abgehandelt werden.
Insofern kann man in Bezug auf die editierte R-Rated Version zumindest bei der Szene, von der nicht wirklich schwer zu erraten war, dass sie der Hauptgrund für die ablehnende Haltung der MPAA gewesen ist, tatsächlich von einer Form der "Zerstörung" sprechen. Um so erstaunlicher, dass eben diese Fassung, welche laut vorheriger Aussagen von Friedkin praktisch gar nicht denkbar war bzw. zur Debatte stand, unter dem das Gesamtgeschehen geradezu platt erklärenden Zusatztitel "A Twisted, Redneck Trailer-Park Murder Story" im Nachhinein doch noch erstellt und veröffentlicht wurde. Die mit dem NC-17-Rating bedachte, ungeschnittene Fassung wurde für die Heimkinoauswertung dagegen als Unrated Director's Cut auf den Markt gebracht.
Diese zensierte Fassung wird allerdings die weit weniger verbreitete bleiben, hauptsächlich Kunden von nordamerikanischen Discountern oder Videotheken vorbehalten, die sich auch heute noch weigern, eine ungeprüfte Version in die Regale zu stellen. Hierzulande ist der Filmfreund mit der ungeschittenen, SPIO/JK-geprüften Version gesegnet, während auf eine zensierte, indizierungsfeste FSK-Fassung verzichtet wurde - u.a. auch ganz im Sinne von Regisseur Friedkin, um den Film nicht zu seinem Nachteil abzuändern. Da kann man durchaus schon von einer gewissen Ironie sprechen.
Aber wir wollen keine schlafenden Wölfe wecken.
7 Geschnittene Szenen = 35,5 Sec.
3 Alternative Einstellungen
1:25:27 Sharla beginnt damit, an der Hühnerkeule zu lutschen. Joe stöhnt "Easy...easy." 10,5 Sec.
1:25:42 Ein Zwischenschnitt auf die weiter an der Hühnerkeule lutschenden Sharla fehlt.
Die R-Rated Version zeigt dafür die Einstellungen von Joe vor und nach diesem Zwischenschnitt durchgehend, wobei er dadurch irrelevant länger zu sehen ist. 5,5 Sec.
1:25:49 Joe fragt Ansel in dieser Einstellung noch "What do you think?". In der R-Rated Version wurde diese Dialogzeile über die Folgeeinstellung von Ansel gelegt.
2,5 Sec.
1:26:03 Alternative Einstellung(en) Joes beginnende Klärung des "Sachverhalts" ist in beiden Fassungen diesselbe. Allerdings zeigt die R-Rated Version die Einstellung von Joe länger bzw. einen Alternativtake von Ansel, der sich auf die Bank setzt. In der Unrated Version gibt es zwei entferntere Einstellungen des Geschehens zu sehen, die Sharla bei ihrem unfreiwilligen Blowjob zeigen.
Die Unrated Version läuft dabei etwas länger. R-Rated: 11,5 Sec./Unrated: 13,5 Sec.
R-Rated:
Unrated Director's Cut:
1:26:34 Die Einstellung von Ansel ist einen Moment länger zu sehen. Dann fordert Joe zweimal "Reach around and grab my ass!". Sharla kommt dem nach, Joe bewegt sich erregt etwas nach vorne.
11 Sec.
1:26:56 Alternative Einstellung(en) Die R-Rated Version zeigt hier hauptsächlich die Einstellung von Joe länger bzw. einen Alternativtake von Ansel. Erst dann wird für einen kurzen Moment die entfernte Einstellung des Geschehens umgeblendet. Die Unrated Version dagegen zeigt diese letzte Einstellung durchgehend.
Kein Zeitunterschied
R-Rated:
Unrated Director's Cut:
1:27:20 Alternative Einstellung(en) In der R-Rated Version werden die vorherige und darauffolgende Einstellung von Joe länger bzw. eher beginnend gezeigt, während die Unrated Version in eine Nahaufnahme von Sharla umschneidet, die Joes "Bitte" nachkommt und hier onscreen stöhnt.
An dieser Stelle läuft die R-Rated Version etwas länger. R-Rated: 8 Sec./Unrated: 7 Sec.
R-Rated:
Unrated Director's Cut:
1:37:30 Die Einstellung beginnt etwas eher mit einem zusätzlichen (bzw. dem ersten) Schlag mit der Konservenbüchse gegen den Kopf von Chris.
1 Sec.
1:37:33 Ein weiterer Schlag mit der Dose an den Kopf von Chris fehlt, Joe holt ein weiteres Mal aus.
1,5 Sec.
1:37:41 Joe schlägt Chris dreimal mehr mit der Konservendose an den Kopf bzw. ins Gesicht, Chris spuckt Blut. Zusätzliche Einstellung von Dottie, die "Oh God!" schreit.
4,5 Sec.
1:42:47 Entsprechend der abweichenden MPAA-Ratings der jeweiligen Fassungen gestalten sich die Einblendungen derselben am Ende des Abspanns unterschiedlich.
Kein Zeitunterschied
R-Rated:
Unrated Director's Cut:
Frontcover der US Unrated Director's Cut Blu-ray:
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Sehr assoziale Szene muss ich sagen. Ich denke, mit diesem Schnitt tut man den Film vielleicht sogar was gutes. Die Gewaltszenen hätte man wirklich drin lassen sollen. Die scheinen ja relativ konventionell.
Den fand ich gar nicht mal so übel. Die Szenen mit der Hühnerkeule war aber schon echt ... bäh lol. Hatte ein komisches Gefühl im Mangen. Zumal ich zuvor meine Jause verputzt hatte ^^
Ich dachte pornografische Bilder sind hier nicht erlaubt? Klar... es soll sich um einen Hühnerknochen handeln. Die einzelnen Bilder ansich sind aber nicht eindeutig so zu verstehen.
Bei gezeichneten Pimmeln wird gleich immer die Zensur angewendet. (Augenroll)
Film war wirklich klasse. Alle Darsteller sind außergewöhnlich in Ihren Rollen. Vor allem hat mich Juno Temple überrascht. Sehr talentiert und Sie gibt Ihren Rollen sogar noch ein wenig mehr Ausdrucksstärke als die junge Chloe Grace Moretz.
lol really?
Das wars mehr nicht?
Keine 5 Minuten mehr GCI Gore oder Foltermethoden etc?
Ne billige öder Sexanspielung, bei der die Amis mal wieder auf die Barrikaden gehen?
Und ja, der liefert hier eine im positivsten Sinne wahnsinnige Vorstellung ab. Der trifft im Moment eh eine sehr mutige, interessante Rollenauswahl (siehe auch MAGIC MIKE).
Dass es vor allem die Szene mit dem Hühnerknochen erwischt hat, war gleichermaßen klar wie es lächerlich ist. Aber die rüdesten Gewaltexzesse unangetastet lassen. Diese Amis sind vielleicht ein idiotisches Volk.
Ist eigentlich jemandem aufgefallen das es selbst von McConaughey noch eine witzige Anspielung auf den grandios schrottigen TCM-Die Rrückkehr gibt? Ich sag nur "... hier in Texas." Megalol.
12.01.2013 05:39 Uhr schrieb Jack Bauer
Diese Amis sind vielleicht ein idiotisches Volk.
Und so ein Spruch vom CTU Master Jack Bauer!
Also wirklich, jetzt kann ich an gar nichts mehr glauben. ;)
Der Film hat mir sehr gut gefallen. Der "olle" Friedkin hat da den jungen Hüpfern nochmal gezeigt, was eine Harke ist. Bravo! Er kann es noch. McConaughey hat hier tatsächlich die beste Performance seiner bisherigen Karriere abgeliefert - Hut ab. Das hätte ich ihm wirklich nicht zugetraut.
Guter Film, alles in allem hatte ich mir aber etwas mehr versprochen!
Schauspielerische Leistung war gut, hatte mir vom Plot aber etwas mehr Pfeffer erwartet. Klar Friedkin dreht Filme der alten Schule, etwas mehr Esprit hätte dem Film aber gut getan.
12.01.2013 05:39 Uhr schrieb Jack Bauer
Der Mann heißt Matthew McConaughey.
Und ja, der liefert hier eine im positivsten Sinne wahnsinnige Vorstellung ab. Der trifft im Moment eh eine sehr mutige, interessante Rollenauswahl (siehe auch MAGIC MIKE).
Dass es vor allem die Szene mit dem Hühnerknochen erwischt hat, war gleichermaßen klar wie es lächerlich ist. Aber die rüdesten Gewaltexzesse unangetastet lassen. Diese Amis sind vielleicht ein idiotisches Volk.
Die Deutschen sind demnach ein noch viel idiotischeres Volk. Hier hat die FSK selbst einer geschnittenen Version eine Absage erteilt, in der gerantiert nicht nur die Hühner-Szene fehlen wird.
Ich verstehe immer noch nicht,wie der Film von der FSK abgelehnt werden konnte.
Uncut eindeutig ein FSK 18er Kandidat. Der Film wird ja eh erst gegen Ende ein wenig blutig.
Klar ist der Film nicht ganz ohne,was vor allem an den psychischen Aspekten liegen dürfte,aber es gibt weit aus brutaleres in diesem Genre,was sogar eine FSK 16 trägt. Aber sowas muss einer setz einmal verstehen.
Ich konnte den Film eigentlich überhaupt nicht einordnen...und das fand ich so genial.
Schauspielerisch topl, Story & Charaktere total panne und eine Genre-Gradwanderung die ihresgleichen sucht. Und stellenweise fand ich den auch brüllend komisch...womit wir wieder bei Ansel wären.
Film hat mich positiv überrascht. Dreckige Atmosphäre und tolle Schauspieler.
Man wusste eigentlich, besonders zum Ende hin nicht, wie sich die Situation entwickeln wird. Killer Joes Ausraster fand ich ziemlich überraschend und hart, besonders der Faustschlag und das böse Finale.
Ein klasse Film. Hab ihn schon wochenlang zuvor, natürlich den Unrated Director`s Cut, geguckt, bevor der Schnittbericht kam. Die R-Rated können von mir aus die Amis behalten, die ist mir zu billig. Wenn man den Film 2 Drittel lang schaut, denkt man, der reicht für eine 18er-Fassung, aber wenn es dann auf das Ende zugeht, bleibts wohl doch bei der SPIO/JK.
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