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Eintrag: 12.10.2017

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Von Angesicht zu Angesicht

(Ansikte mot ansikte)
Herstellungsland:Schweden (1976)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Horror, Drama, Mystery
Alternativtitel:Face to Face
Face à face
Cara a cara al desnudo
L'immagine allo specchio

Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,00 (2 Stimmen) Details
inhalt:
Während sich ihr Ehemann auf dreimonatiger Geschäftsreise in den USA befindet und ihre halbwüchsige Tochter die Sommerferien auf einem Reiterhof verbringt, nutzt die Psychiaterin Jenny Isaksson (Liv Ullmann) die Zeit, um ihre Großeltern zu besuchen. Schon bald wird die nach außen hin so stabil und glücklich wirkende Jenny zusehends von Depressionen und Wahnvorstellungen geplant...
eine kritik von nocutsplease:

Beim Durchstöbern von Ingmar Bergmans umfangreicher Filmografie stößt man nahezu immer auf einen recht behäbigen Erzählstil, eine pessimistische Grundstimmung und gesellschaftlich provokante Themen, was im Resultat eine cineastische Konfrontation mit der schmerzhaften Seite von Leben, Liebe und Tod bedeutet. Diesbezüglich bildet auch das mit Mysteryelementen und psychologischem Horror gespickte Drama Von Angesicht zu Angesicht, bei dem Bergman für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnete, keine Ausnahme. Ursprünglich für das schwedische Fernsehprogramm produziert, fand dieser Titel jedoch internationale Beachtung und schaffte es in zahlreichen Ländern in die Kinos. Des Weiteren erhielt der Film im Jahr 1977 zwei Oscar-Nominierungen, unterlag allerdings dem Boxerdrama Rocky (Beste Regie) und der Mediensatire Network (Beste Hauptdarstellerin). 


In Von Angesicht zu Angesicht trifft der Zuschauer auf die Psychiaterin Dr. Jenny Isaksson, die nach außen hin ein perfektes Berufs- und Familienleben zu führen scheint. Als ihr Mann eine mehrmonatige Geschäftsreise unternimmt und die gemeinsame Tochter die Sommerferien auf einem Reiterhof verbringt, nutzt Jenny die Gelegenheit, um ihre Großeltern zu besuchen. Dort wird sie jedoch recht schnell von Depressionen, Angstzuständen und Wahnvorstellungen geplagt. Durch den zunehmenden Realitätsverlust entgleitet Jenny allmählich die Kontrolle über ihren Alltag und ihre Persönlichkeit scheint sich immer mehr zu einem verschwommenen Nichts zurückzuentwickeln. Der Betrachter stellt sich somit die Frage, was in ihrem bisherigem Leben an üblen Dingen passiert sein muss und wohin das Ganze letztendlich führen soll. Das Schicksal einer psychisch kranken Protagonistin war von Bergman bereits anno 1961 mit Wie in einem Spiegel aufgegriffen worden, allerdings weist jener Film einen stark religiösen Bezug auf, während Von Angesicht zu Angesicht lediglich die irdische Seite des Wahnsinns betrachtet und Glaubensfragen außen vor lässt. In der Gesamtheit werden somit Aspekte wie menschliche Entfremdung, seelische Störungen, erotisches Verlangen, Homosexualität, außereheliche Affären und die Rolle von alten Menschen in der Gesellschaft thematisiert. Darüber hinaus stellt sich mit bitterer Ironie folgende Frage: Was passiert, wenn jemand der anderen Personen mit psychischen Problemen helfen soll, selbst den Verstand verliert?


Auf darstellerischer Seite griff Bergman wieder einmal auf einige bewährte Größen zurück, mit denen er bereits mehrfach erfolgreich zusammengearbeitet hatte. Liv Ullmann (Persona, Schreie und Flüstern, 1973 Oscar-Nominierung als Beste Hauptdarstellerin in Emigranten) überzeugt auf wahrlich oscarreifem Niveau, indem sie Jenny in all ihrer Vielseitigkeit verkörpert. Mal ist sie in einem hysterischen Anfall aus Lachen und Weinen gefangen, dann schwankt sie zwischen gewaltsamer Aggression und aufgelöster Verzweiflung, wechselt von hyperaktivem Bewegungsdrang zu regloser Apathie und kann zwischendurch unglaublich zurechnungsfähig wirken. Erland Josephsson (Herbstsonate, Die Stunde des Wolfs, Schreie und Flüstern) spielt den etwas undurchsichtig scheinenden Dr. Tomas Jacobi, den Jenny auf einer Party kennenlernt, während Aino Taube (Sehnsucht der Frauen) und Gunnar Björnstrand (Das siebente Siegel, Wilde Erdbeeren, Persona) den Part der eigenwilligen und namentlich nicht näher genannten Großeltern übernehmen. Während Jennys Großmutter noch relativ rüstig ist und eine strenge Fürsorglichkeit ausstrahlt, ist ihr Großvater sehr gebrechlich und leidet an zunehmenden Demenzerscheinungen. Selbstverständlich gibt es noch eine ganze Reihe weitererer Personen, inbesondere in zahlreichen kleinen Rollen, aber jene vier genannten  Charaktere dominieren den eigentlichen Kern der Erzählung.  


Getreu Bergmans Inszenierungsstil, der sich stets auf das Wesentliche konzentriert und oberflächlichen Schnickschnack vermeidet, präsentiert sich vor der Kulisse Stockholms eine optische Schlichtheit, die in jener Form auch als Theaterstück funktionieren würde und das zarte Pastellfarbengewand der 70er Jahre trägt. Mit Stammkameramann Sven Nykvist (1974 bzw. 1984 Oscar für Schreie und Flüstern sowie Fanny und Alexander und 1989 Nominierung für Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins) war auch wieder der richtige Mann für eine derartige Umsetzung an Bord. In diesem Kontext sind u.a. die surrealen Traumsequenzen und eine versuchte Vergewaltigung, bei der die Kamera ohne jeglichen Schnitt oder Perspektivenwechsel vier Minuten am Stück zwei angrenzende Räume aus der Halbtotalen filmt, hervorzuheben. Bemerkenswert ist auch der Verzicht auf eine eigens komponierte Musik zur Szenenuntermalung. Stattdessen wurden lediglich ein paar Stücke von Wolfgang Amadeus Mozart und Johannes Brahms sowie etwas zeitgenössischer Pop in das Geschehen integriert. Des Weiteren darf auch ein typisches Stilmittel Bergmans zum Einsatz gelangen: das penetrante Uhrenticken aus dem Off, welches das rasende Gedankenkarussell und die verrinnende Lebenszeit des jeweiligen Akteurs widerspiegelt. Alles in allem trägt der audiovisuelle Charakter stark dazu bei, dass neben Jenny auch der Zuschauer immer mehr den Überblick zwischen Wahn und Wirklichkeit verliert.


Fazit: Von Angesicht zu Angesicht ist primär als psychologisches Drama zu verstehen und verbindet Mysterykomponenten mit einer Prise Horror. Insbesondere die überwältigende Darbietung von Liv Ullmann und die durchgängig niederschmetternde Atmosphäre tragen zum besonderen Gelingen dieses Werkes bei, das sich vor prominenteren Genreverwandten nicht zu verstecken braucht. Unterm Strich handelt es sich somit um einen sehr empfehlenswerten Titel für Filminteressierte, die in Sachen Bergman bereits einige Erfahrungen sammeln konnten.

9/10
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Kommentare

12.10.2017 08:20 Uhr - Frei.Wild
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Ich glaube, ich muss mich wirklich langsam mal mehr mit Bergmann‘s Schaffen auseinander setzen. Bis auf “Die Jungfrauenquelle“ kenne ich nicht Eines seiner Werke...
Wie dem auch sei - wieder sehr ausführlich und klingt tatsächlich nach etwas, was ich mir für einen düsteren Winterabend zulegen sollte. Danke für den Tipp!

12.10.2017 08:59 Uhr - Ghostfacelooker
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Costeau hatte die Waale, Freud seine Komplexe, Nasum Jodorowsky, ich die Psychos und mein Bro ist der Bergmann´s Flüsterer. Klasse ausser Konkurrenz

12.10.2017 09:07 Uhr - dicker Hund
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Der mit Ingmar Bergmann tanzt präsentiert ein neugierig machendes Werk im Gewand ausgefeilter Rhetorik. Tja, und ich sollte erst einmal die "Jungfrauenquelle" nachholen...

12.10.2017 09:37 Uhr - NoCutsPlease
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Vielen Dank, liebe Leser! :)
Der Titel war mal wieder ein besonderer Wunsch von Ash aus Waldhüttenhausen.

@ Frei.Wild:
Mit "Die Jungfrauenquelle" hast du ja schon mal einen passenden Eintritt vollzogen. :) Diesen Film hier gibt es auch im einstelligen Eurobereich zu kaufen.

@ Ghost:
Jetzt ist bei mir aber erst einmal Schluss mit Bergman und es geht mit vergleichsweise heiterer Kost weiter.

@ Hund:
Lass am besten zuerst die Quelle sprudeln.

Grüße von Tante Edith: Onkel Ingmar war kein Minenarbeiter! ;)

12.10.2017 11:17 Uhr - TheRealAsh
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Das hast du aber ganz vorzüglich beschrieben und eingefangen. Da kennt jemand seinen Bergman, mir wird langsam klar, dass du auch ein richtiger Fan zu sein scheinst. Ich habe den Anfang 20 ja rauf und runter geschaut, weil mich das alles so fasziniert hat und dieser eigentlich tiefe Nihilismus, der dann letztlich doch wieder nicht vorhanden ist, hat mich immer verstört, auch das Phantastische, Surreale, etc. Ach, ich muss mich jetzt echt mal ranhalten;-)

12.10.2017 12:28 Uhr - NoCutsPlease
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Thanks Ash!
Ich bin ja im Grunde kein Auftragsschreiber, sondern nach Möglichkeit ein Überraschungsei. Trotzdem hat es mir Spaß gemacht, mich deinen zwei Wunschtiteln anzunehmen. :)

Als Bergman-Fan würde ich mich zwar schon bezeichnen, aber falls mich ein Film von ihm enttäuschen sollte (alle kenne ich ja noch nicht), würde es auch eine entsprechend schlechte Bewertung geben.

Zum rauf und runter schauen ist mir Bergman dann aber doch zu schwere Kost, da man jeden Film erst einmal sacken lassen muss und sich manche Facetten erst später erschließen.

12.10.2017 13:17 Uhr - TheRealAsh
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Schon klar, er hat auch echte Supergurken gemacht, so ist es nicht^^

12.10.2017 13:26 Uhr - NoCutsPlease
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Falls die mir unterbekommen sollten, werde ich die jedenfalls nicht besprechen.
Nicht beworben ist genug gewarnt! ;)

Wie viele Waldhütten bekommt denn "Von Angesicht zu Angesicht" von dir?

12.10.2017 13:51 Uhr - Horace Pinker
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Eine weitere klasse Besprechung aus NCPs Bergman Reihe, die sehr ansprechend die Stärken und Besonderheiten des vorliegenden Werkes darlegt. Sollte ich endlich mal dazu kommen etwas in IBs Werk einzutauchen werde ich sicherlich auch von Angesicht zu Angesicht einer Sichtung unterziehen.

12.10.2017 13:55 Uhr - TheRealAsh
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12.10.2017 13:26 Uhr schrieb NoCutsPlease
Falls die mir unterbekommen sollten, werde ich die jedenfalls nicht besprechen.
Nicht beworben ist genug gewarnt! ;)

Wie viele Waldhütten bekommt denn "Von Angesicht zu Angesicht" von dir?


Danke fürs Erinnern, siehe oben;-)

12.10.2017 14:07 Uhr - NoCutsPlease
2x
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Merci H.P.! :)
Freut mich, dass du wieder mit am Start und an einer Sichtung interessiert bist.
Aufgrund der Psycho-, Mystery- und Horrorelemente ist der Film auch zielgruppenneutraler als Bergmans reine Dramen.

@ Ash:
Hehe, endlich mal wertungsgleich! ;)

12.10.2017 14:23 Uhr - TheRealAsh
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Waren wir das nicht schon öfter?

Na, zumindest bei Bergman;-)

12.10.2017 14:31 Uhr - NoCutsPlease
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Das war jetzt nur auf Bergman bezogen. :)

13.10.2017 19:32 Uhr - cecil b
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Einfach umwerfend, deine Auswahl, gerade in letzter Zeit (bei Gelegenheit hole ich einiges nach). Ein Fest für Hobby-Cineasten, welches mein Spektrum erweitert.

Review: Immer das Gleiche! Da ist viel Luft nach UNTEN . ;)

13.10.2017 20:33 Uhr - NoCutsPlease
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Muchas gracias cecil und schön, dass du wieder sichtbar hier unterwegs bist! :)

Die Bergman-Filmtipps dürften dir allesamt zusagen, denn bei deren Sichtung findest du bestimmt seitenweise Stoff zur Deutung und künstlerischen Auslegung.

13.10.2017 21:13 Uhr - cecil b
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Sichtbar trifft es perfekt.

Bergmann-Filme: Da stimme ich dir schlicht und einfach zu. :)

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