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DriesVanHegen
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Eintrag: 14.11.2017

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Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod

(Balada triste de trompeta)
Herstellungsland:Frankreich, Spanien (2010)
Standard-Freigabe:FSK keine Jugendfreigabe
Genre:Drama, Komödie, Krieg
Alternativtitel:Last Circus, The
Sad Trumpet Ballad, A

Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,18 (17 Stimmen) Details
inhalt:
1937: Der spanische Bürgerkrieg tobt und die Republikaner bedienen sich aller Mittel, um den Militäraufstand der Faschisten unter der Führung von Franco zu stoppen. Da wird sogar ein Zirkus rekrutiert, um auf der Seite zu kämpfen. Darunter ein Clown (Santiago Segura), der sich noch in vollem Kostüm seine Machete schwingend durch die faschistischen Scharen metzelt. Doch Franco siegt und lässt den Clown vor den Augen seines Sohnes hinrichten.

Rund drei Jahrzehnte später: Der Sohn, Javier (Carlos Areces), ist erwachsen geworden und will als trauriger Clown in die Fußstapfen seines Vaters treten. An der Seite des lustigen Clowns Sergio (Antonio de la Torre) bekommt er eine Chance in einem bunten Wanderzirkus. Schnell wirft er ein Auge auf die schöne Akrobatin Natalia (Carolina Bang). Die ist allerdings mit Sergio liiert, der sie brutal misshandelt. Schnell gerät Javier in Natalies Bann, was er beinahe mit dem Leben bezahlt – der Auftakt zu einem mörderischen Amoklauf, zahlreichen Verwicklungen und einer Geschichte voller Blut und Verderben, die Javier direkt bis zu Diktator Franco (Juan Viadas) führt.
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von driesvanhegen:

Álex de la Iglesia gilt unter Genrefans als Garant für vielseitiges und abgefahrenes. Bis zum Januar 2012 war ich allerdings völlig ahnungslos, dass es sich bei dieser Person um einen Regisseur mit Rang und Namen handelt. Längere Zeit zuvor, kam ich in das Sehvergnügen von THE OXFORD MURDERS, den Namen des Regisseurs merkte ich mir nicht. Im besagten Frühjahr 2012 lief der zu diesem Zeitpunkt (auf dem deutschen Markt) neueste Streich von de la Iglesia: MAD CIRCUS oder im originalen Titel poetischer als BALADA TRISTE DE TROMPETA bezeichnet. Der deutsche Filmtitel mutet üblicherweise etwas reißerisch an, ist hier aber auffällig passend gewählt. Der Untertitel (EINE BALLADE VON LIEBE UND TOD) weicht die doch harte Konzeption des "Wahnsinnigen Zirkus" wieder etwas auf. Und so ergibt sich tatsächlich eine konventionell-unkonventionelle Namensgebung, die ganz im Sinne des zu bezeichnenden Films steht. Denn eines steht fest: üblich oder gar beliebig ist hier mit großer Sicherheit nichts. Ein grotesker Gewalttraum voll Liebe und Trauer, Eros und Thanatos, Glück und Hass. Wie sagt de la Iglesia selber:

„Ich habe diesen Film im Jahr 1973 angesiedelt, dem Jahr, in dem ich acht Jahre war. Ich erinnere mich an jene Zeit wie an einen Traum, der keinen Sinn ergab. [...] Das alles vermischt sich in meiner Erinnerung zu einer seltsamen Halluzination, bei der ich selbst nicht mehr weiß, wer Kind war, und wer Clown.“ (Einleger der 2 Disc Special Edition)

Bevor der Film in das Jahr 1973 wechselt, gibt es einen kurzen Prolog im Jahre 1937 (ob man dem Zahlendreher noch Bedeutung anrechnen kann, entzieht sich meiner Kenntnis). Der spanische Bürgerkrieg tobt und mitten in eine Zirkusaufführung platzen Widerstandskämpfer, um Verstärkung zwangszurekrutieren. So kommt es, dass Javiers Vater als mit Machete bewaffneter Clown an vorderster Front gegen die Francofaschisten kämpft. Nachdem der Widerstand von diesen erfolgreich niedergeschlagen wird, wird Javier von seinem Vater getrennt, der fortan in einem Arbeitslager sein Dasein fristet. Jahre später, 1973, tritt Javier in die väterlichen Fußstapfen. Mit dem Fluch belegt, niemals ein lustiger Clown sein zu können, da er seit seiner frühesten Kindheit nur Leid und Elend erfahren hat, ist er verdammt, den traurigen Clown zu mimen. Der Zirkus, in dem er schlussendlich anheuert, wirft ihn mitten hinein in die Beziehung zwischen der wechselhaften Natalia und deren sadistischen Freundes Sergio. Zu allem Überfluss ist Javier vom ersten Augenblick an verzaubert von Natalia und die Abwärtsspirale beginnt sich alsbald zu drehen.

Bürgerkrieg. Faschismus. Politik. Zirkus. Clowns. Liebe. Tod. Was sich wie eine beliebige Aufzählung zusammenhangloser Begriffe anhört, ergibt tatsächlich ein rundes Bild. Es fällt nicht schwer, aus der „oberflächlichen“ Rahmenhandlung eine durch und durch politische Parabel herauszulesen. MAD CIRCUS funktioniert grundsätzlich auch wunderbar als gegen den Strich und auf Krawall gebürstetes Unterhaltungskino - folgt man jedoch dem Subtext, ergibt sich ein erschreckendes Portrait Spaniens zur (Nach)Kriegszeit unter Francisco Franco. So werden zwar einige tatsächliche Geschehnisse der spanischen Geschichte eingewoben (beispielsweise das Bombenattentat auf Francos rechte Hand Luis Carrero Blanco), die Handlung selbst ist jedoch fiktiv – mit dem parabelhaften Charakter erhält MAD CIRCUS allerdings Allgemeingültigkeit.

Sergios Person stellt dabei den Diktator, Javier die Opposition und Natalia das Volk dar. Sergio gibt sich nach außen hin als freundlich und lustig, nicht umsonst spielt er im Kosmos des Zirkus den lustigen Clown. Verständnis, Liebe und Humor lassen ihn augenscheinlich vertrauenswürdig und herzlich erscheinen, weshalb er der Publikumsmagnet des Zirkus ist. Bemerkenswerter Weise ist Sergio nicht einmal der Zirkusdirektor, spielt sich aber als dieser auf: die übrige Belegschaft wird oft von ihm verhöhnt und selbst der eigentliche Direktor kann sich nicht qua Amtes gegen ihn durchsetzen. In einer eindrucksvollen Szene wird sein autoritäres Bestreben besonders deutlich. Nach einem geschmacklosen Witz erhält er von Javier Konter und stellt daraufhin fest, dass er vorgibt, was lustig ist und was nicht. Gleichzeitig tritt Javiers oppositionelle Art hier erstmals in den Vordergrund, ohne das ihm dies überhaupt bewusst wird. Natalia spricht ihn später daraufhin fast bewundernd an, dass er als einziger den Mut aufbringt sich gegen Sergio zu stellen, selbst wenn es nur ein fehlendes Lachen über dessen Witze ist. Aus filmischer Sicht bleibt Natalias Charakter, abgesehen von ihrer bemerkenswerten optischen Präsenz, leider ziemlich blass, was den Konkurrenzkampf von Sergio und Javier wenig überzeugend gestaltet. In Hinsicht auf den politischen Unterton ergibt dieses Defizit aber durchaus Sinn. Als „Volk“ ist sie der Spielball zweier konkurrierender Mächte, die um ihre Gunst und Zustimmung buhlen. Während Javier als „Opposition“ anfänglich den friedvollen Weg versucht, führt Javier als „Diktator“ von Beginn an eine Schreckensherrschaft, die Widerworte mit Gewalt und Terror verstummen lässt. Trotz oder gerade wegen der zu erwartenden Repressalien kokettiert Natalia als „Volk“ lange Zeit mit Sergio. Javier lernt währenddessen auf schmerzliche Weise, dass ihn versöhnliche und sanfte Handlungsweisen nicht zu seinem Ziel bringen. Als seine Methoden daraufhin ebenfalls unvorhersehbarere, unbeherrschtere und brutalere Züge annehmen, verschreckt er Natalia dennoch. Das „Volk“ flieht wieder einmal mehr in die Fänge des „Diktators“, den als gefestigte Instanz wahrnimmt. Nach brutaler Überzeugung durch die mittlerweile wahnsinnige „Opposition“ zu einem Liebesbekenntnis gezwungen, gipfelt die Buhlerei der beiden faschistischen Parteien, in einem desaströsen Finale, welches dem „Volk“ jegliche Handlungsmöglichkeit nimmt. Vom Terror und der Brutalität des rechten Flügels gleichermaßen gelähmt und beflügelt und vom Terror des linken Flügels ebenso verängstigt und verletzt, wird das „Volk“ aufgerieben und findet ein vernichtendes Ende. Aufgerieben und verheizt in den Ränkespielen beider Akteure hängt Natalia am Ende in den Seilen. Für die Überlebenden bleibt nur die traurige Gewissheit Alles verloren zu haben.

Unter Betrachtung des MAD CIRCUS punktet dieser ebenso auf ganzer Linie. Die Ausstattung ist einfallsreich und schwankt zwischen farbenfroh und abstoßend. Das Dreiergespann aus Javier, Sergio und Natalia harmoniert als sich zuspitzendes Liebesdrama brillant. Wie schon erwähnt bleibt Natalia (Carolina Bang) jedoch ziemlich entrückt, so dass das Begehren der beiden Männer nur auf Natalias Körperlichkeit reduziert wird. Was sich Sergio (Antonio de la Torre) und Javier (frappierende Pastewka-Ähnlichkeit: Carlos Areces) dabei für ein brutales Psychoduell liefern ist schlichtweg famos. Nach relativ kurzer Laufzeit sind beides gebrochene Männer, die in ihrem Liebeswahn noch desaströser und gefährlicher werden als zuvor. Während de la Torre durchweg als sadistischer Barbar brilliert, kann Areces zweierlei Charakter spielen. Mit seinem gutmütigen Javier kann man in seiner schüchternen und trotteligen Art sympathisieren, während sein dem Wahn verfallener Javier furchteinflößend und abstoßend in Erscheinung tritt. Dabei gibt es einige herbe Gewaltausbrüche und –effekte zu erleben. Vor allem die „Verwandlung“ Javiers kann wenig hartgesottene Gemüter verschrecken.

Musikalisch lässt MAD CIRCUS keine Wünsche offen, neben sanften Streicherklängen punkten vor allem die treibenden Trommeln. Während des zwischengeschobenen Vorspanns prasselt so ein unaufhaltsames Kaleidoskop aus fiktiven und realen Horrorikonen (Frankenstein, CANNIBAL HOLOCAUST, Hitler u. v. m.) mitsamt einem musikalischen Crescendo auf den Zuschauer ein, dass man halbwegs auf den noch kommenden Wahnsinn vorbereitet ist. Wenn im Auftakt dann ein Clown mit Machete in Zeitlupe und tristen Farben das Blut unter faschistischen Soldaten nur so spritzen lässt, nimmt einen der Film gefangen. Oder den Kinosaal verlassen, wie zwei ältere Damen eine Reihe vor mir.

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Kommentare

14.11.2017 17:39 Uhr - DriesVanHegen
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Verweis auf cecils tolle Besprechung, die noch mehr zum historischen Kern vordringt!

14.11.2017 18:04 Uhr - NoCutsPlease
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Für die Spanier scheint ihr Bürgerkrieg so ein filmischer Dauerbrenner zu sein, wie es für die Briten das Viktorianische Zeitalter ist.
Wieder einmal eine wortgewandte Arbeit in reflektierter Form von DriesVanKnödel. :)

15.11.2017 00:07 Uhr - DriesVanHegen
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Danke NCP!
Scheinbar hält sich die Bekanntheit dieses Meisterwerks aber ganz schön in Grenzen :(

15.11.2017 10:10 Uhr - naSum
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14.11.2017 17:39 Uhr schrieb DriesVanHegen
Verweis auf cecils tolle Besprechung, die noch mehr zum historischen Kern vordringt!


Deine bis auf die Grundelemente zerlegende und historisch fundierte Besprechung muss sich nicht hinter Cecils Arbeit verstecken, da sie sich qualitativ ebenso auf sehr hohem Niveau befindet. Dabei ist dir besonders die gesellschaftliche Auslegung der Rollensymbolik gelungen, was in Anbetracht der wechselhaften Story-Elemente nicht immer leicht ist bei diesem Werk.

An dieser Stelle möchte ich dir und auch Cecil unbedingt "The Dance of Reality" empfehlen, der in gleicher Thematik, aber in chilenischen Regionen angesiedelt ist. Ebenso wird dort persönlich-autobiografisches mit politischem vermischt. Dabei ist er jedoch weniger verrückt, sondern mehr poetisch. (Siehe Reviews)

15.11.2017 10:30 Uhr - JasonXtreme
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Toller Film, kann ich nur so unterschreiben!

15.11.2017 11:13 Uhr - NoCutsPlease
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15.11.2017 00:07 Uhr schrieb DriesVanHegen
Scheinbar hält sich die Bekanntheit dieses Meisterwerks aber ganz schön in Grenzen :(

Ich für meinen Teil habe den Film noch nicht gesehen und habe noch zwei naSumanische Jodos in der Warteschlange. Mit aktuell 17 Bewertungen scheinen ihn hier aber doch einige Leute zu kennen (so mancher allseits bekannte Klassiker hat bislang weniger Stimmen erhalten).
Vielleicht trägt deine Besprechung ja zur Förderung der Bekanntheit bei.

15.11.2017 11:19 Uhr - DriesVanHegen
1x
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Danke für's Lob naSum

15.11.2017 10:10 Uhr schrieb naSum
An dieser Stelle möchte ich dir und auch Cecil unbedingt "The Dance of Reality" empfehlen, der in gleicher Thematik, aber in chilenischen Regionen angesiedelt ist. Ebenso wird dort persönlich-autobiografisches mit politischem vermischt. Dabei ist er jedoch weniger verrückt, sondern mehr poetisch. (Siehe Reviews)

Von diesem Film habe ich tatsächlich noch nie gehört, wobei mich die erhöhter Poesiefaktor doch etwas vorsichtig werden lässt. Als Feingeist würde ich mich weniger bezeichnen :D
Aber ich behalte den Titel mal im Hinterkopf.

15.11.2017 17:03 Uhr - Fratze
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Mist, ich hab mal wieder als einziger was zu mosern: Im dritten Absatz muss es "Prolog" heißen, weil ein Epilog per definitionem ein Nachwort/-spiel wäre 8P

Ansonsten hast du ja mal wieder ganze Arbeit geleistet. So erscheint mir dieser bei Erstsichtung mäßig überzeugende Film in ganz neuem Lichte. Dabei ist diese Interpretation doch eigentlich recht offensichtlich… da hatte ich wohl 'n Brett vorm Kopp.
Interessant, dass es dir bei "Oxford Murders" ähnlich ging wie mir, ich hatte da auch nicht aufm Schirm, dass der von Iglesia war. Ein großartiger Regisseur, den du hier würdig besprochen hast ^^

15.11.2017 20:38 Uhr - DriesVanHegen
1x
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Danke Fratz!
Da ist dir aber ein schöner Fehler aufgefallen, wird sogleich verbessert, Danke! Bringe die beiden gerne mal durcheinander :/

15.11.2017 22:59 Uhr - Fratze
1x
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15.11.2017 20:38 Uhr schrieb DriesVanHegen
Danke Fratz!
Da ist dir aber ein schöner Fehler aufgefallen, wird sogleich verbessert, Danke! Bringe die beiden gerne mal durcheinander :/

Ich freue mich immer, wenn ich helfen kann XD

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