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Homevideo

Herstellungsland:Deutschland (2011)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Drama
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,00 (4 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Jakob ist ein verschlossener, sensibler 15-Jähriger mitten in den Wirren der Pubertät. Mit seiner Videokamera filmt er alles, was ihn bewegt und liebt ungewöhnliche Fotos. Seine Eltern Claas und Irina wissen wenig von ihm, zu sehr sind sie mit sich selbst beschäftigt. Sie stecken in einer Ehekrise. Auch in der Schule bekommt Jakob Probleme, doch eigentlich ist ihm das alles egal, denn er hat nur Augen für Hannah. Als er gerade beginnt, ihr näher zu kommen, gerät ein selbstgedrehtes Video von Jakob, das ihm beim Onanieren zeigt, in die Hände seiner Mitschüler und verbreitet sich in kürzester Zeit in der ganzen Schule. Von allen Seiten wird Jakob daraufhin ausgelacht und gemobbt. Über das Internet erhält er dutzende Hassbotschaften. Auch Hannah bricht den Kontakt ab. Jakob ist beschämt und verzweifelt; seine Eltern versuchen ihm zu helfen, ohne jedoch die Tragweite seines Unglücks wirklich zu erkennen. (ARD Video)

eine kritik von cecil b:

 

Wir Leben in einem Zeitalter, das  ungeahnte Freiheiten bietet, mit einer nie dagewesenen Möglichkeit der Selbstentfaltung. Und das auch dadurch, da das Internet ein bedeutendes Kommunikationsmittel geworden ist. In dieser Zeit aufzuwachsen kann bedeuten von unendlich vielen Seiten beobachtet, bewertet, gelobt aber auch diffamiert zu werden. Außerhalb des Internets besteht diese Möglichkeit natürlich auch, aber dann ist die Unmittelbarkeit ein wesentlicher Faktor. Das WWW hat anonyme aber auch persönlich bekannte Stimmen, und das Dasein im Netz kann das Dasein im realen Leben beeinflussen. Im negativen wie im positiven Sinne. Und die persönlichen Umstände beeinflussen die Perspektive auf alles. 

Kilian Riedhofs (Der Fall Barschel) Drama HOMEVIDEO thematisiert eine folgenschwere Diffamierung. Und, obwohl es sich um einen TV-Film handelt, kann dieser locker mit Kinofilmen mithalten. HOMEVIDEO ist sogar besser als einige Filme, die ein weitaus höheres Budget zur Verfügung hatten. Die 17 Auszeichnungen, die u. a. an Regisseur Riedhof, Kameramann Benedict Neuenfels (Lost Killers), den Hauptdarsteller Jonas Nay (Hirngespinster), Sophia Boehme (Serie in Schwarz) für ihre Darstellung als Hannah und den Drehbuchautoren Jan Braren (Aus der Haut) gingen, sind nachvollziehbar vergeben. 

 

 

 

Dezente Piano-Töne, Tränen in Nahaufnahme, ein lautstarker Streit, nein, Harmonie macht nicht den Anfang des Films. Die familiäre Situation, das oft raue Betragen einiger Mitschüler, die Sehnsucht nach Hannah, alles wird blitzschnell präsentiert. Jakob steht für den Zuschauer als Identifikationsfigur zur Verfügung, der Protagonist funktioniert als dramaturgischer Leitfaden bestens. Seine bedrückte Gemütsverfassung ist spürbar, genauso wie sein zaghaftes Begehren, wenn Hannah verspielt mit einem Lächeln auf ihn zugeht. Der Protagonist hat ein geringes Selbstwertgefühl und eine stark eingeschränkte innere Verbundenheit. Diese kann normalerweise von den Eltern ausgehen, von Freunden, die Jakob nicht hat, und auch Hannah könnte dazu beitragen. Die schwierigen Umstände fordern die Psyche, im Übrigen ist die Pubertät eine harte Zeit. 

Die Einsamkeit und ein Defizit an Reflexion, sie bringen das Selbstbild zum wackeln. Das Filmen ist dann vielleicht das Bedürfnis, einen Vorgang oder ein Objekt zu erfassen, einzufangen, am liebsten zu kontrollieren und somit möglicherweise eine Selbstreflexion zu erleichtern. Es ist möglich, das öffentliche Bild, was man von sich und seiner Umwelt hat, zu formen, daran zu arbeiten. Allerdings liegt es nahe, dass dann etliche unterschiedliche Perspektiven und Emotionen einen nicht kontrollierbaren Prozess bewirken. 

Der Schweizer Autor David Bauer beschreibt diesen Aspekt in seinem Ratgeber „Kurzbefehl – der Kompass für das digitale Leben“, treffend. Das Fotografieren und Filmen sei zu einer modernen Form der Identitätskonstruktion geworden.

Sich beim Onanieren zu filmen, vielleicht verbindet sich damit das Gefühl, sich selbst wahrzunehmen. Eine Kompensation, in der Vorstellung, zumindest so auch als sexuell orientiertes Wesen zu bestehen. Normalerweise kann man dadurch nicht abgelehnt oder verletzt werden. 

Kommunikationsforscher haben sich im Zusammenhang der Medialisierung aller Lebensbereiche schon folgend geäußert: 

"Wenn es Menschen an Zuneigung mangelt, könnte es sein,  dass sie versuchen dieses Gefühl durch Porno-Konsum zu bekommen."...."  Zum einen gaukelt man dem Körper eine Art von sozialer Interaktion vor, zum anderen – vor allem, wenn der Konsum mit Masturbation verknüpft ist – setzt der Körper Hormone wie Dopamin frei, die eine belohnende Wirkung entfalten."

Jakob sieht voller Selbstzweifel in den Spiegel. Als ob es ihm schwerfällt, sich selbst darin zu erkennen. Dem Blick in den Spiegel folgt der Blick in die Kamera, seine Kamera. Jakobs Aufnahmen sind später auf dem Monitor des Haupttäters (Jannik Schümann: Mein Sohn Helen)  zu sehen. Dieser drückt auf Pause, sein Atem trübt ein Bild von Jakob, so dann auch im übertragenen Sinne. Nachdem die Aufnahmen des Protagonisten veröffentlicht wurden, versucht dieser sein Gesicht vor Hannah wörtlich zu verstecken. Im Anschluss möchte er ihr ein anderes Bild von sich zeigen, und sieht sein Spiegelbild in einem Fenster, durch das er sie sehen kann. "Schau mich an!",  fordert Jakobs Vater (Wotan Wilke Möhring: Der letzte schöne Tag) seinen Sohn in einer Szene auf. 

Wir wissen kaum etwas über Jakob, er verschließt sich überwiegend nicht nur seiner Umgebung gegenüber, sondern auch dem Zuschauer. So gehen die anderen Figuren ebenfalls nur unwissend mit dem Abbild um. Das Verhalten des Protagonisten wird mit der Zeit immer schwieriger und ist damit schwerer zu verstehen. "Was stimmt denn nicht mit dir?". "Ich weiß es nicht. ". Der Haupttäter erklärt sich ganz einfach: "Es gibt Menschen, die machen das gerne." Narzisstische Persönlichkeitsstörungen und diverse dissoziale Verhaltensweisen können da gesehen werden, das Motiv steht für sich. Dem besagten Täter sind seine psychischen Probleme egal, Jakob weiß so wie seine Umgebung nicht mit der Problematik umzugehen. Das Umfeld ist beispielhaft dafür, wie es passieren kann, dass ein Mensch durch die subjektiven Perspektiven anderer Menschen zu einem variablen Objekt wird. Und es wird auch gezeigt, dass die Kommunikation zwischen Erwachsenen und Jugendlichen eine Kluft überbrücken muss, sowie dass heutzutage ein unpersönliches oder manipulatives Miteinander neue Gesichter bekommen hat.

HOMEVIDEO spricht ziemlich klar verständlich an, wie sehr wir Menschen darunter leiden können, wenn andere einen großen Einfluss darauf haben, welches Bild wir in der Gesellschaft bekommen. Es wäre zu einfach, Jakobs Verhalten nur durch das Cybermobbing oder die familiäre Situation zu begründen, und es ist daher davon abzuraten, die dargestellte heftige Dramatik aufgrund dessen als zu extrem anzusehen. Wir kennen Jakob und sein Seelenleben ja wie gesagt nicht. Am Ende können sich die Geister scheiden. Und auch wenn der Film es bestimmt nicht allen recht machen kann, macht er seine Sache zielstrebig und wirksam. 

Die angedeutete subtile Inszenierung gibt mit ihren zum Teil weißgrauen Farben und einem matten Licht eine effektive Atmosphäre. Alles ist optimal fokussiert, geschnitten (Benjamin Hembus: Kranke Geschäfte) und musikalisch ( u.a. Piano und Geigen von Peter Hinderthür: Der Baader Meinhof Komplex) untermalt. Ein paar Szenen fallen ein wenig aus dem Rahmen, und sind daher wirksam. Zum Beispiel dann, wenn die Kamera in einem Moment der seelischen Schieflage des Protagonisten in Schräglage geht, oder sie diesen in einer langen Einstellung begleitet, wenn er mit seinem Fahrrad rast, und am liebsten der Situation entfliehen, und schnell wieder die Kontrolle über sein Leben erreichen möchte. Durch unterschiedliche Abstände zur Kamera wird der Protagonist Träger einer vielschichtigen Dramaturgie. Mal kann man das Gefühl haben, als Beobachter bei Jakob daheim zu sein, manchmal ist der Zuschauer ganz nah bei ihm. Besonders dann, wenn er sich ganz alleine fühlt. Und kein Akteur versagt. Wobei auch gute Schauspieler bei einer 08/15 - Anweisung nicht glänzen können, wie man in Homevideo aber nur in wenigen Szenen sehen kann. Zum Glück hat jeder der Darsteller Szenen, in denen ihm eine starke Leistung zuzusprechen ist. Dafür ist es nicht wichtig, alle Figuren zu beschreiben, diese vorweg zu nehmen. Es ist aber erwähnenswert, wie glaubwürdig und feinfühlig  Jonas Nay in seiner Rolle aufgeht. Dazu kommt, dass die Interaktion zufriedenstellend praktisch jegliche affektierte Form umschifft.

 

 

 

Möchte ein Zuschauer eine einfache Psychologisierung und Analyse in HOMEVIDEO sehen, dann kann er enttäuscht sein. Wer diese nicht zwingend sucht, bekommt etliche Ansätze dafür, und kann dann einen Film sehen, der vielleicht dadurch, dass er keine klaren Lösungen bietet, realitätsnah ist. Die kleinen Schwächen können durch die großen Stärken gemildert werden, und ein wichtiges Thema wird effizient angegangen. 

 

8/10
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Kommentare

01.10.2020 12:51 Uhr - TheMovieStar
3x
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Ein wunderbar geschriebenes Review, Cecil. Das Thema ist aktueller, wie es kaum sein könnte, Mobbing ist allgegenwertig und gewinnt vor allem durch das Internet nochmal deutlich an Brisanz.

Ich denke mir immer, als wir jung waren in unserer Jugend gab es Mobbing auch und jeder war wenn auch unterschiedlich davon betroffen. Die einen waren Opfer, die anderen Täter, die anderen Mitgänger oder Ignoranten. Doch trotz aller Grausamkeit spielten sich die Probleme eher auf lokaler Ebene ab und die Opfer hatten es leichter, sich zu wehren.

Durch die heutigen globalen Möglichkeiten des Internets können mit Mobbing ganze Existenzen zerstört werden und die Opfer können sich kaum mehr wehren, eine richtig bedenkliche Entwicklung! Der Film scheint nach deiner gelungenen Beschreibung die Probleme detailliert anzusprechen und interessant zu sein, danke fürs Vorstellen, Cecil!


01.10.2020 12:59 Uhr - tp_industries
3x
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Wow, hammergeil geschriebene Kritik zu einem meiner Lieblingsfilme aus Deutschland. Der hat mich damals wirklich umgehauen. In seiner konsequenten Art, zielt er direkt in Richtung Magen. So sieht ein mutiger Film aus, und das würde ich mir aus dem deutschen Lande häufiger wünschen!

Eine Frage an dich cecil! Hast du beruflich irgendetwas mit Psychologie zu tun? Mit solch einem ausgeprägten Wissen über psychische Störungen, und deinen Erklärungen dazu, liegt die Frage auf der Hand. Ich selbst bin nur durch diverse Fachbücher in der Materie drin ( neben dem Film, ist das Thema Psychologie quasi mein zweites Hobby). Vielleicht ist es ja bei dir ähnlich.

Eine, wieder einmal, sehr geile Review von dir! Hat sich gut lesen lassen. Danke dafür! 😉

01.10.2020 13:18 Uhr - Cinema(rkus)
3x
User-Level von Cinema(rkus) 1
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Ohhhhhhh……
Da hast Du Dir eine wirkliche Perle des Deutschen Fernsehfilms ausgewählt; superb.
Ich geh` sogar so weit, dass ich diesen Film für mit das Beste empfinde, was es an Fernsehfilmen auf dem Deutschen Markt gibt.
Intelligent geschriebenes Drehbuch, das den Zuschauer wirklich in die Geschichte emotional reinzieht und selbst nicht mehr loslässt. Den virtuellen Medien ist man heutzutage irgendwie (fast) schutzlos ausgeliefert. Einmal etwas ins rollen gebracht, nimmt es seinen unvermeidbaren Lauf.

Ich kann nur allen jungen Leuten empfehlen, macht euer Leben nicht öffentlich. Muss man heutzutage jeden Teller in jedem Restaurant fotografieren und posten ? Ja, Kleinigkeiten, aber dort beginnt es. Instagramm, Facebook u.s.w…..Alles für mich uninteressant, von mir gibt es keine entsprechenden Einträge. Die jungen Leute müssten diesbezüglich alle viel stärker sensibilisiert werden. Zückt nicht bei jeder Gelegenheit euer Handy, fotografiert euch nicht bei allen Situationen und Gelegenheiten. Und, Mädels, sobald euer Freund von euch ein Nacktfoto verlangt, schickt ihn in die Wüste.
Na ja, hinsichtlich dieser Thematik könnte ich noch stundenlang schreiben, aber ich komme jetzt endlich auf die Review selber zurück.

Cecil b; wunderbar geschrieben, auf alle relevanten Facetten des Films tiefgründig eingegangen. Film-Herz, was willst Du mehr ? Finde ich superwichtig, dass Du einen so gesellschaftsrelevanten Film hier vorstellst, der bisher bestimmt unter sehr vielen Radaren geflogen ist.
Sensationelle Einlassung von Dir zu einem hochkarätigen Film. Weiter so.....und mein Dackel-Herz lacht und erinnert mich wieder daran, warum ich hier auf dieser Seite verbleibe.....Gruß C.M.


01.10.2020 20:16 Uhr - cecil b
4x
Moderator
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Ich freue mich wirklich sehr über eure Kommentar! Ich finde, dass man auch so die Begeisterung zum Film teilen kann. :)

TheMovieStar: Ich stimme dir zu. Das Prinzip Mobbing gab es bestimmt schon in der Steinzeit, aber die Anonymität im Netz kann eine weitere Ebene erreichen, die so brutal das Ausgeliefertsein ermöglicht. Und das Netz vergisst nie.

tp_industries: Yeap, fand den auch extrem hart! Weil der so realistisch und aktuell ist. Vielleicht sogar eines der härtesten Dramas, die ich je gesehen habe. Letzte Ausfahrt Brooklyn und Out of the Blue gehören zu den wenigen Filmen, die ich als noch heftiger empfunden habe.

Tatsächlich habe ich seit circa. 10 Jahren auch beruflich mit der Psychologie zu tun. Und ja, es interessiert mich sehr, was auch einen Einfluss auf manche meiner Reviews hat. Insofern sehe ich auch den psychologischen 'Wert' der Kunst ziemlich weit oben. Und ich freue mich darüber, dass auch du an so etwas interessiert bist!

Cinema(rcus): Thanxalot! :) Ja, der Film ist eine Perle. Sehe den persönlich bei 9 Punkten, aber im Vergleich zu der gesamten Filmwelt habe ich versucht, eine Mitte zu finden, und keine zu hohen Erwartungen zu schüren. Dann funktionieren Filme beim Konsumenten oft besser. Wirklich, der Film ist wichtig, und verdammt gut.

Und auch deinen weiteren Aussagen kann ich etwas abgewinnen.

Wobei ich schreiben muss, dass das Netz auch ganz tolle Möglichkeiten für z. B. Künstler gibt, sich zu entfalten. Ich kenne einige, die davon profitieren.
Aber, die breite Masse birgt natürlich viele Gefahren. Auch auf Schnittberichte hat es schon Gewaltandrohungen Usern gegenüber gegeben! Und, das ist nicht witzig! Die Anonymität lässt manche Hemmungen fallen.

Heftig finde ich aber auch, dass sich manche junge Menschen im Real Life so verhalten, als ob das Gegenüber nur ein Mittel zum Zweck ist. Angst vor Nähe, aber tausend Freunde, oberflächlich gesehen. Die kann man ja schnell austauschen, wenn sie nicht in das Bild passen, welches man so gerne präsentieren möchte.

https://www.youtube.com/watch?v=Q6km-3ot8Qo

In Schulen sollte Homevideo gezeigt, und darauf aufmerksam gemacht werden, wie ergiebig ein offener, respektvoller Umgang sein kann!

So, das war das Wort zum Donnerstag. Dazu stehe ich mit meinem Namen. Cecil b demended. ;)

01.10.2020 20:52 Uhr - Cinema(rkus)
3x
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Cecil b
Ein gutes Wort zum Donnerstag; empfinde ich immer als sehr schön, wenn aufgrund einem fabelhaften Review eine Diskussion entsteht.
Klar, den modernen Errungenschaften darf man sich - noch dazu als junger Mensch - nicht verschließen. Das Netz hat auch sehr viele tolle Vorteile, die es zu entdecken gilt. Aber, ehrlich ?
Ich würde heute lieber 2 Stunden Mathe wöchentlich im Stundenplan streichen und die jungen Leute lieber auf anderen Gebieten etwas besser auf das Leben vorbereiten. Macht euch nicht nur abhängig von eurem Handy, geht lieber raus in die Natur. Klingt naiv ? Nein, finde ich nicht.
Ein Beispiel aus der Praxis. Ich habe noch nie, nie, nie auf einem Konzert durch mein Handy mit gefilmt. Schaue ich mich auf Konzerten um, Mann, machen das jedoch heute fast alle. Warum wieder dieser distanzierte Blick durch das Display ? Ich dagegen, ich möchte mit allen meinen Sinnen direkt die Musik spüren, erleben, Kontakt mit dem Künstler auf der Bühne aufnehmen. Diese Eindrücke speichere ich dann ganz tief in meinem Inneren und rufe sie bei Bedarf ab.
Dieser heutige Zwang immer alles und alles aufzunehmen, abzuspeichern, alles öffentlich zu machen. Wer schaut sich das dann eigentlich in seinem Wust von Aufnahmen nochmals an ? Keiner. Warum ? Weil es auf dem Display weniger wirkt, als hätte man eben direkt zur Bühne live Kontakt aufgenommen, ohne dieses Ding dazwischen. Es kann heute keiner mehr in sein Restaurant gehen, den gebrachten Teller mit SEINEN DIREKTEN SINNEN genießen, weil gleich wieder der beste Blickwinkel für das Handyfoto gefunden werden muss. Mann, saugt den tollen Anblick mit euren AUGEN auf, konserviert diesen, schmeckt, riecht.

Am wichtigsten: kommuniziert wieder mehr direkt mit euren Freunden. Vergesst mal Whats App und den ganzen Quatsch. Ruft direkt mal an, schaut selbst wieder mal persönlich beim Kumpel vorbei, redet einfach. Mit dazugehöriger Gestik, Mimik, schaut euch dabei in die Augen.

Viele heutige seelische Probleme rühren davon, weil die Menschen nicht mehr direkt kommunizieren können. Ich selbst bin seit 32 Jahren mit schwerbehinderten Menschen (körperlich + seelisch) täglich zusammen und bemerke, dass viele seelische Störungen aufgrund mangelnder Kommunikationsfähigkeit zustande kommen. Aber, o.K., wir könnten jetzt noch stundenlang darüber schreiben, das würde aber hier jetzt den Rahmen sprengen.
Mein Tipp; achtet einfach wieder mehr auf direkte Eindrücke, schaut nicht alles gefiltert durch euer Handy.
Und begeistert junge Leute in eurem Umfeld auch mal wieder für ein "Old school -Verhalten", was sich vor allem an direkter Kommunikation zwischen Menschen orientieren sollte.

He, umso wichtiger, dass Du heute hier diesen Film vorgestellt hast. Finde ich KLASSE von Dir und hast Dir damit meinen höchsten Respekt verdient. So eine intelligente Analyse bei so einem wichtigen Thema.
Applaus Applaus.....
Gruß C.M.

01.10.2020 21:07 Uhr - tp_industries
2x
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Erfahrungspunkte von tp_industries 542
Wenn unser Dackel einmal am Bellen ist! 😄

Aber ich unterschreibe jedes Wort was du geschrieben hast! Und ich finde es immer wieder bemerkenswert, wie ausführlich und fundiert du deine Kommentare formulierst (ernst gemeint). Man merkt das du ein emotionaler, kommunikativer, wortgewandter und freundlicher Mensch bist. Unbedingt beibehalten!!!

Diese Energie würde ich aber mal gerne wieder in einer Review von dir lesen! 😉

01.10.2020 21:40 Uhr - Cinema(rkus)
3x
User-Level von Cinema(rkus) 1
Erfahrungspunkte von Cinema(rkus) 28
tp_industries

Ja, manchmal muss sich so ein kleines Dackel-Mädel einfach Gehör verschaffen; dann wird einfach mal in die große weite Welt hinausgekläfft....zwinker...zwinker...

He, Danke für Deine netten Worte; gefällt mir, wie Du mich so einschätzt. Du selbst bist aber auch auf jeden Fall eine Bereicherung für das Forum; mach bitte auch weiter so !!!

Mann, ja, eben geschaut...Mein letztes Review von 07/2020; ja, da könnte mal wieder was neues kommen. Die Filme, über die ich schreiben möchte, sind schon in meinem Kopf abgespeichert. Jetzt muss ich nur noch Zeit finden. Bei einem Job, einem riesen Hof/Grundstück, 2 Hunden, einer Katze, 12 Hühnern....alles nicht so einfach. Ach ja, nicht zu vergessen, meine Frau....hihihiih....
Mal schauen.....vielleicht im Dezember ? Der Kamin prasselt, meine Frau schläft schon, dann schenk ich mir ein Gläschen Kloster Eberbach Wein ein...und tippe evtl. mal wieder. ....

02.10.2020 02:39 Uhr - TheRealAsh
1x
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Erfahrungspunkte von TheRealAsh 1.399
Kenne ich nicht, hört sich aber sehr gut an. Musste ja beim ersten Blick an "Bennys Video" von Haneke denken.

02.10.2020 18:52 Uhr - Kable Tillman
3x
DB-Helfer
User-Level von Kable Tillman 12
Erfahrungspunkte von Kable Tillman 2.206
Chapeau, Applaus Applaus für Review und Kommentarsektion. Cecil, du hast hier wirklich eine Perle des deutschen TV-Films ausgegraben, an die ich mich auch noch positiv zurückerinnern kann. Fast 10 Jahre alt und noch immer so aktuell wie damals, wenn nicht sogar noch aktueller. Damals habe ich noch Abitur gemacht und es als packendes, lehrreiches Drama aufgefasst. Heute weiß ich, dass Geschichten wie diese tagtäglich irgendwo auf unserer Welt passieren. SPOILERWARNUNG: Die Selbstmordraten unter Jugendlichen sind in den USA je nach Altersgruppe um 70% bis 150% gestiegen, seit soziale Medien einen festen Platz in deren Leben eingenommen haben vor ca. 10 11 Jahren. Die Generation Z (ab 2000 Geborene) sind mit sozialen Medien aufgewachsen, sie kennen nichts anderes mehr. Ich empfehle hierzu auch die Dokumentation "The Social Dilemma" auf Netflix.

Ich kann mich Cinema(rkus)-Appell nur anschließen: Geht öfter raus und erlebt schöne Momente auch ohne euer Handy. Euer Gehirn ist eine beeindruckende Festplatte, die schneller lädt als jede SSD es jemals könnte.

03.10.2020 15:59 Uhr - Kaiser Soze
2x
DB-Co-Admin
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Erfahrungspunkte von Kaiser Soze 20.262
Interessante Lektüre! Ich finde es immer sehr gut, wenn man - so wie hier - merkt, dass sich ein Autor sehr viel Mühe bei seinen Texten gibt; Hut ab! Sehr gelungen & wirklich sehr gut verfasst.

Der Film selbst ist wohl eher nicht mein Geschmack bzw. reizt mich tatsächlich leider gar nicht, aber Dein Review macht schon neugierig.

04.10.2020 22:05 Uhr - cecil b
Moderator
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Freue mich auch über die weiteren Kommentare!

TheRealAsh: Bennys Video. Es gibt Parallelen, aber auch starke Unterschiede, wie ich bei wiki nachgelesen konnte. Ich musste das lesen, denn den habe ich noch nicht gesehen. Haneke hat bei mir aber bisher immer gut funktioniert.

Kable: Thanx! :) Eine interessante und gute Ergänzung, wie ich finde.

Kaiser Soze: Danke! :) Freut mich, dass dir die Review gefallen hat, obwohl der Film weniger von deinem Interesse ist.

So, komme bestimmt wieder mehr zum lesen von anderen Texten, mit denen Schnittberichte hier beschert wird.

21.03.2021 18:13 Uhr - Rullep
1x
User-Level von Rullep 2
Erfahrungspunkte von Rullep 93
Gut und treffend beschrieben, cecil!

Ich hab den damals bei der TV-Premiere gesehen und war ehrlich gesagt zwiegespalten. Grundsätzlich gut gespielt aber was mich an dem Film störte war zum einen die Frage, wieso er sich überhaupt beim masturbieren filmt und zum anderen die fehlende Beziehung zu seiner Persönlichkeit. Zerrissenheit alleine reicht nicht, damit ich mich komplett auf die Handlung einlassen kann...

Wenigstens hast Du mit deiner Review versucht zu erklären, was die Ursache solchen Verhaltens sein kann. Dafür zwei Daumen hoch! Da der Film diese Erklärungssuche jedoch vorenthalten hat, würde ich ihm wohl nur maximal 7 Punkte geben. In dieser Reihe von TV-Dramen sah ich z.B. auch mal den Film "Komasaufen", der in meinen Augen besser geglückt war.

Trotzdem, Top-Review :-)

21.03.2021 19:50 Uhr - cecil b
1x
Moderator
User-Level von cecil b 19
Erfahrungspunkte von cecil b 7.504
Danke dir! :)

Ich denke, dass es ein Fehler gewesen wäre, zu viel zu 'psychologisieren'. Das macht es dem Zuschauer leichter, aber dann ist es immer noch subjektiv. So manche Diagnose ist ja auch subjektiv.

Komasaufen kenne ich nicht (den Film ;) ) aber danke für den 'Tipp'. :)

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