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DriesVanHegen
Level 4
XP 258
Eintrag: 06.12.2017

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The Stuff - Ein tödlicher Leckerbissen



The Walking Dead - Die komplette siebte Staffel

Sin Nombre

Herstellungsland:Mexiko (2009)
Genre:Abenteuer, Drama, Krimi

Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,50 (4 Stimmen) Details
eine kritik von driesvanhegen:

Nach unseren westlichen Standards ist die Kinder- und Jugendzeit eine, im Normalfall, sorgenfreie Zeit des Erlebens, Ausprobierens und Kennenlernens. Behütet und geborgen wächst man im Kreise der Familie in wirtschaftlicher Sicherheit auf. Probleme gibt es eigentlich keine, eher die typischen Stationen im Erwachsenwerden: erste Liebe und Trennung, Peergroups, Schulabschluss. So profan und selbstverständlich dieser Lebensweg erscheint, ist er dennoch nicht allgegenwärtig. Wenn die öffentliche Ordnung kapituliert, Korruption und Gewalt den Tag beherrschen und kriminelle Gangs die biologische Familie ersetzen, ist diese Vorstellung für eine unüberblickbare Zahl an Heranwachsenden in den südamerikanischen Ländern stattdessen nur ein unerreichbarer Wunschtraum.

Willy, genannt El Casper, ist Mitglied in einer der gleichwohl bekanntesten wie gefürchtetsten Gangs: der Mara Salvatrucha. Seine große Liebe Martha Marlene jedoch lebt im Viertel einer rivalisierenden Gruppe, wodurch El Caspers Besuche bei ihr gegen den Ehrenkodex der Mara verstößt. Als sein Regelbruch bekannt wird, müssen El Casper und dessen junger Freund Smiley den Gangleader Lil Mago zu einem Raubzug begleiten. Dabei tötet El Casper Lil Mago im Affekt und setzt somit eine Abwärtsspirale in Bewegung...

SIN NOMBRE wird gerne im Zuge des sieben Jahre zuvor entstandenen CITY OF GOD genannt. Tatsächlich besitzen beide Filme einige Gemeinsamkeiten: beide sind Spielfilmdebuts ihrer Regisseure, beide schildern ein extremes gesellschaftliches Milieu und beide vereint ebenso der authentische Anspruch. Allerdings soll kein Vergleich beider Werke erfolgen, denn bis auf thematische Verwandtschaft folgen beide Filme unterschiedlichen Pfaden. Nur so viel: während CITY OF GOD eher den Weg technischer Spielereien beschreitet und mittels Videoclipästhetik einen "coolen" Eindruck bei aller Ernsthaftigkeit vermittelt, gibt sich SIN NOMBRE geerdeter.

Vor allem die erste Hälfte kommt einer dokumentarischen Einführung in die Parallelwelt der Mara Salvatrucha ziemlich nahe. Die Mara Salvatrucha, kurz auch nur MS oder MS-13 (die 13. Straße in L.A. liegt im heutigen Herrschaftsgebiet), ist im Allgemeinen als eine der brutalsten Jugendgangs der Welt bekannt - Nachrichtenmeldungen sprechen Bände und schüren die kriminelle Mythologie weiter. Auch wenn SIN NOMBRE ein Spielfilm ist und diese für jedwede Form der Unterhaltung sorgen, kann von Glorifizierung des Lebensstils innerhalb der MS nicht gesprochen werden. Vielmehr gelingt ein behutsamer Blick in die brutale Welt, der gerade wegen seiner formalen Ruhe um authentische Darstellung bemüht ist. Die Anziehungskraft, der von Banden wie MS ausgeht, wird subtil, aber nachvollziehbar dargestellt. Die Mara Salvatrucha verspricht Schutz, Freundschaft und Kameradschaft, verlangt dafür aber unabdingbaren Gehorsam, Unterordnung und grenzenlose Treue. Gemeinsam mit dem etwa zwölfjährigem Smiley, der von El Casper in die Familie der MS eingeführt wird, wird der Zuschauer unmittelbar in diese, ihren eigenen Gesetzen unterliegende, Welt geschleudert und zur Begrüßung mit roher Gewalt willkommengeheißen. Der Anwärter wird dabei für dreizehn Sekunden von Mareros  verprügelt und gilt danach als Mitglied. Smiley erhält diesen Spitznamen nach durchstandener Prügel, da er trotz blutiger Wunden und Prellungen stolz lächelt. Um sein Leben endgültig der MS zu verschreiben, muss ein Mitglied einer rivalisierenden Bande getötet werden. In diesem Fall muss Smiley, mit Hilfe von El Casper, einen Gefangenen der MS-18 (Entstehung in der 18. Straße in L.A.) erschießen. Während Smiley im Nachgang mit leerem Blick seine Tat verdaut, steht El Casper der ganzen Angelegenheit deutlich abgeklärt gegenüber. Über seine Beweggründe sich der MS angeschlossen zu haben, erfährt der Zuschauer indes nicht viel. Er stellt ein durchschnittliches Mitglied dar, was sich vor langer Zeit wohl aus den gleichen Gründen zu einem Gangdasein entschieden hat, wie Smiley jetzt: Respekt erwiesen zu bekommen, einer der Großen zu werden und eine Heimat zu finden. El Casper jedoch ist schon zusehends distanziert und erträumt mit Martha Merlene einen Ausstieg. Ein freies Leben in den USA, fernab von Gangkriminalität und Gewalt.  Eine Kette von Ereignissen hat zur Folge, dass er innerlich komplett mit seinen einstigen Brüdern bricht und die Flucht nach vorne antritt. Dass er dabei sein altes Leben nicht komplett abstreifen kann, wissen dabei er und auch die Zuschauer. Es ist eine bittere Pille die Willy, wie er sich fortan wieder nennt, zu schlucken hat, doch Angst vor dem Sterben hat er nicht. Dafür hat er schon zu viel erlebt und gesehen. Einzig nicht zu wissen, wo und wann ihn seine Vergangenheit einholt, nagt an ihm.

Ab diesem Punkt verbindet SIN NOMBRE zwei bis dahin parallel laufende Handlungsstränge. Willy trifft auf Sayra und deren Vater und Onkel, die aus Honduras in die USA und fliehen wollen. Sie und tausende weitere Namenlose (sin nombre = ohne Namen) reisen illegal auf Güterzügen durch Mexiko um in weiter Ferne, die Nordgrenze in die USA zu überqueren. Neben der Zusammenführung zweier Handlungen wendet sich SIN NOMBRE von einem Milieudrama hin zu einer Art Road Movie. Der nüchterne Stil bleibt erhalten, allerdings wird eine eher konventionelle Dramaturgie aufgebaut. Trotz handelsüblicher Spannungskurve bleibt SIN NOMBRE dabei realistisch. Obwohl sich Sayra und Willy aufgrund ihrer miteinander verwobenen Schicksale näherkommen, ist ihre Beziehung keine Romanze. Er: von Trauer zerfressen, kann er  so schnell keine neue emotionale Bindung aufbauen. Sie: rettet sich an den Stärksten und Erfahrensten. Beide haben den Zug der Hoffnung (alternativer deutscher Untertitel) bestiegen. Hoffnung auf ein einfacheres  und sichereres Leben. Dabei erleben Willy und Sayra Situationen, die einen alle Hoffnungen fahren lassen: der Verlust geliebter Menschen, das Ausgeliefertsein gegenüber Behörden und dem Wetter, Entbehrungen.

Selten hat man im Film so junge Figuren gesehen, deren kurze Leben von Strapazen und Trauer gezeichnet sind. Eine ferne Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt sie den Zug der Hoffnung besteigen und irgendwo in weiter Ferne abgekämpft und gezeichnet von den Erlebnissen wieder verlassen. Dabei gibt der Film all den Flüchtlingen Namen und Gesicht, führt Gründe für deren Flucht an, schildert ihren Leidensweg ohne dabei jedoch werten zu wollen. Zu nüchtern ist die Bildsprache, aber dennoch immer wieder erschreckend. Vor allem wenn der Tod zum ständigen Begleiter wird und nur eine von vielen Alltäglichkeiten verkommt.

Um schlussendlich doch noch einen kleinen Verweis zu CITY OF GOD anzusprechen: während die Darsteller dort fast ausschließlich aus Laien bestanden, spielen in SIN NOMBRE tatsächlich echte Darsteller in die Filmrollen. Der Recherche von Regisseur Cary Joji Fukunaga ist es dabei zu verdanken, dass man ein erschreckend realistisches Drama präsentiert bekommt. So hat Fukunaga unter anderem einige Zeit auf den betreffenden Güterzügen verbracht und Flüchtlinge begleitet. Seine Filmographie ist seit dem Erscheinen von SIN NOMBRE übrigens kaum angewachsen, kann aber unter anderem mit der hochgelobten Serie TRUE DETECTIVE aufwarten.

Kein bequemer und distanzierter Blickwinkel, sondern gemeinsam und unmittelbar ist man mit den beiden Hauptdarstellern auf der Flucht. Die Furcht und Erschöpfung, aber auch Überlebenswille und Mut werden spürbar. Das muss man als Zuschauer aushalten können, denn SIN NOMBRE zwingt zum Hinsehen, wenn Ungewissheit und Elend beiläufig zum täglichen Begleiter werden. Bisweilen erscheint er fast schon zu deprimierend. Denn wie wird zum Schluss angedeutet? Das Ziel scheinbar erreicht, aber dennoch allein und verloren inmitten einer fremden, lauten und unübersichtlichen Welt. Ein Film der es schafft, auf anfangs dokumentarische, später auf erschreckend nüchterne Weise vom alltäglichen Geschehen in einer fremden Welt zu erzählen. Trotz all der Ohnmacht, die man ob des Werkes empfinden kann, schafft es die Kamera immer wieder teils bezaubernde Bilder zu schaffen. Ebenso stimmig ist der Soundtrack, der mal dezent, mal treibend  das südamerikanische Lebensgefühl einfängt. Obwohl der Film, vor allem aber der zweiten Hälfte, sehr auf klassische Dramaturgie setzt, bleibt die Spannung dabei etwas auf der Strecke. Dem Thema selbst und den tieftraurigen Gesichtern und Geschichten beider Hauptfiguren ist es dann zu verdanken, dass ein erschütterndes Drama gelungen ist.

Übrigens: Hauptdarsteller Noé Hernández aus WE ARE THE FLESH taucht hier in einer winzigen Szene auf.

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Kommentare

06.12.2017 16:28 Uhr - TheRealAsh
2x
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Deine Rezi gefällt mir sehr gut, Fukunagas leider spärliches Regiewerk auch und Sin Nombre sogar ausfallend gut. Leider kann ich deine Nichtbepunktung nicht nachvollziehen, da ich es insgesamt einfach hilfreich finde, wenn man die Einordung sieht. Das nimmt mir persönlich viel von der Rezi weg, da ich gerade in diesem Fall einfach nicht weiß, wie du diesen Film jetzt einordnest. Gut findest du ihn, das seh ich. Aber ist ja deine Sache. Nur so als Anmerkung;-)

06.12.2017 20:29 Uhr - DriesVanHegen
2x
User-Level von DriesVanHegen 4
Erfahrungspunkte von DriesVanHegen 258
06.12.2017 16:28 Uhr schrieb TheRealAsh
Deine Rezi gefällt mir sehr gut, Fukunagas leider spärliches Regiewerk auch und Sin Nombre sogar ausfallend gut. Leider kann ich deine Nichtbepunktung nicht nachvollziehen, da ich es insgesamt einfach hilfreich finde, wenn man die Einordung sieht. Das nimmt mir persönlich viel von der Rezi weg, da ich gerade in diesem Fall einfach nicht weiß, wie du diesen Film jetzt einordnest. Gut findest du ihn, das seh ich. Aber ist ja deine Sache. Nur so als Anmerkung;-)

Nein, zu Punkten lasse ich mich nicht überreden ;)
Aber du hast recht, hier ist mir tatsächlich eine Art Fazit bzw. punktuelle Meinungsäußerung durch die Lappen gegangen. Da werde ich morgen mal noch einen Absatz ergänzen.

06.12.2017 21:23 Uhr - Intofilms
2x
Ein unendlich grausamer Film. Ich habe mich seit meiner Kinosichtung nicht mehr an "Sin Nombre" herangewagt. Dabei hätte er es verdient, wieder und immer wieder geschaut zu werden. So gut ist der!
"Sin Nombre" ist für mich vor allem kraftvoll-urwüchsiges Kino, das man so heutzutage nur ganz selten zu sehen bekommt (erinnert mich irgendwie an Lino Brocka). Das hat mich am allermeisten beeindruckt. Sehr interessant finde ich außerdem seine dezidiert naturalistische Programmatik: Das Milieu, in dem wir aufwachsen, prägt und bestimmt unser Leben (auch hier kommt mir wieder Lino Brocka in den Sinn). Und Leben in "Sin Nombre" bedeutet eben unentrinnbares Grauen. Die Flucht, die Zugfahrt, die weite Reise - all das ist zutiefst ironisch. Denn es gibt hier kein Fortkommen, kein Entkommen.
Und natürlich: Die (jungen) Schauspieler sind einfach sensationell!
Von mir gibt's fast die Höchstwertung. Hoffentlich habe ich bald die Courage für eine Neusichtung...
Sehr gute Vorstellung, Dries. Danke! ;D

06.12.2017 22:35 Uhr - NoCutsPlease
2x
DB-Helfer
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Daran sieht man mal wieder, warum der Driesknödel auf meiner Delikatessenliste steht! ;)
Allein das Intro ist toll und auf deinen zusätzlichen Wertungsabsatz freue ich mich schon.
Der Film klingt nach einem echten Erlebnis, das einen total mitnimmt, genau mein Ding!

08.12.2017 10:52 Uhr - DriesVanHegen
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Erfahrungspunkte von DriesVanHegen 258
Habe gerade noch einen Absatz ergänzt, der nach der fast schon ausufernden Filmbeschreibung, etwas mehr auf den Punkt ist und vielleicht mehr Eindrücke zwecks einer Bewertung bieten kann.

08.12.2017 13:17 Uhr - TheRealAsh
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Hast du fein gemacht, Rollkragenpulloverkojak! Ich würde mir trotzdem eine bepunktung wünschen auf der nach oben offenen knödelskala;-)

Aber Widerstände sind bekanntlich Überlebenschancen

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