SCHNITTBERICHTE | # | A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z
Titel suchen:
Zombie Army 4 Dead War · Die Kultjagd · ab 38,99 € bei gameware Daymare: 1998 Black Edition · Blutiges Horror-Gameplay mit Resi 2-Geschmack · ab 34,99 € bei gameware

...die keine Gnade kennen

Originaltitel: Raid on Entebbe

Herstellungsland:USA (1977)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Drama, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,00 (6 Stimmen) Details
inhalt:
27. Juni 1976: Auf dem Entebbe Airport in Uganda bringen palästinensische Terroristen ein Passagierflugzeug der Air France in ihre Gewalt und nehmen die über 200, meist israelischen Passagiere als Geiseln. Ihr Ziel: Die Geiseln gegen einige ihrer in Gefangenschaft befindlichen Gesinnungsgenossen
einzutauschen. Für die Geiseln beginnt ein sieben Tage dauerndes Martyrium, denn ihre Heimat ist tausende Kilometer entfernt und vom ugandischen Präsidenten Idi Amin und seinem Regime ist keine Hilfe zu erwarten.
eine kritik von tom cody:

 

Heute habe ich mir mal einen dokumentarisch angehauchten Action-Drama-Thriller ausgesucht, der eine der legendärsten Kommandooperationen bzw. Geiselbefreiungen der jüngeren Geschichte behandelt. Die Rede ist von

Raid on Entebbe,

in Deutschland besser unter seinem etwas reißerischen Titel bekannt als

…Die keine Gnade kennen. 

Die TV-Produktion (!) von 1977 hält sich hierbei weitestgehend an die historischen Fakten.

Hierbei handelt es sich zunächst um folgendes: Am 27. Juni 1976 wurde ein Airbus der „Air France“ auf einem Flug von Tel Aviv nach Paris, nach einer Zwischenlandung in Athen, von Mitgliedern der "Volksfront zur Befreiung Palästinas - Auswärtige Operationen" (die allerding seit '72 unabhängig von der PFLP agierte) und zwei deutschen Mitgliedern sogenannter „revolutionärer Zellen“ (Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann) entführt. Dummerweise streikte das Sicherheitspersonal in Athen zu dieser Zeit! Nach einer Zwischenlandung in Libyen, ließen die Hijacker die Maschine bis nach Entebbe in Uganda fliegen, wo die Entführer unter dem Schutz des berüchtigten Diktators Idi Amin standen. Kurz nach der Landung wurden die Geiseln in das Flughafengebäude verlegt. Bald darauf wurden die israelischen (bzw. jüdischen) Geiseln vom Rest der Passagiere getrennt und in einem separaten Raum untergebracht. Während der nächsten Tage entspann sich ein dramatischer Verhandlungsmarathon um das Leben der Geiseln. Während sich Amin vor der Weltpresse als friedensstiftender Unterhändler aufspielte, hielt er doch in Wahrheit die schützende Hand über die Terroristen. Sehr schnell erkannte Israel, dass man hier nur mit Verhandlungen wahrscheinlich nicht weiterkommen würde. Hilfe von befreundeten Nationen war nicht zu erwarten. Also plante man zusätzlich eine militärische Befreiungsaktion, welches die Planer aber vor ungeheure Probleme stellte. Wie sollte man die enorme Entfernung von 4000 Kilometern bis nach Uganda überbrücken, wenn sich nicht irgendein Land finden ließe, wo man die Maschinen auftanken könnte? Wie konnte man sich das Überraschungsmoment bei einem Angriff auf das Flughafengebäude sichern, ohne das Leben der Geiseln zu gefährden? Wie sollte man mit ugandischen Soldaten verfahren, die so dumm wären, sich den Israelis in den Weg zu stellen? Und was war mit den in Entebbe stationierten Mig-Jägern? Wenn nur eine dieser Maschinen abheben würde, wäre die gesamte Operation zum Scheitern verurteilt…. Nachdem man endlich die Zusicherung hatte, in Kenia auftanken zu dürfen, starteten am 04. Juli 1976 mehrere C-130 Herkules-Maschinen und eine Boeing zur Luftüberwachung in Richtung Uganda. An Bord befanden sich gepanzerte Fahrzeuge, Jeeps, eine für den Überraschungsmoment sehr wichtige, schwarze Mercedeslimousine und ca. 100 Mann der Spezialeinheit „Sayeret Matkal“ unter ihrem Kommandanten Yonathan ‘Yoni‘ Netanjahu, dem älteren Bruder des späteren Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Eine der wagemutigsten Geiselbefreiungen der Geschichte nahm ihren Lauf… 

Zum Jahreswechsel 1976/1977 entstanden gleich drei Filme über die Befreiungsaktion in Entebbe. Am schnellsten war 1976 die amerikanische TV-Produktion „Unternehmen Entebbe“ („Victory at Entebbe“). Trotz namhafter Stars wie Kirk Douglas, Helmut Berger, Elizabeth Taylor oder Burt Lancaster ist der Film wenig empfehlenswert, sondern wirkt eher wie ein billiger Schnellschuss, der auch optisch nie über einfachsten TV-Look hinauskommt.

1977 drehte die Israelis ihre eigene Kinoversion unter dem Titel „Mivtsa Yonatan“ („Operation Thunderbolt“), in der die deutschen Entführer von Klaus Kinski und Sybil Danning gespielt wurden. Regie hatte der spätere „Cannon-Films“-Produzent Menahem Golan. Obwohl „Operation Thunderbolt“ sogar für einen Oscar als bester ausländischer Film nominiert wurde, empfand ich selber den Streifen doch eher als holprig, etwas unbeholfen und mit Kinski als Bösewicht zudem recht klischeehaft besetzt.

Der dritte, ebenfalls 1977 entstandene und fürs US-TV produzierte Film ist nun der hier vorliegende „…Die keine Gnade kennen“ („Raid on Entebbe“). In Deutschland hat es der Streifen zudem auch zu einer Kinoauswertung gebracht. Allerdings war die deutsche Fassung des 140 Minuten dauernden Films lange Zeit nur in einer um satten 20 Minuten gekürzten Fassung erhältlich. Erst 2013 brachte der Verleih „Ascot“ eine ungeschnittene Fassung heraus. Die neu eingefügten Szenen wurden hierbei mit Untertiteln versehen.

Von allen drei Entebbe-Filmen ist dies mit Abstand der beste. Ich muss gestehen, ich liebe diesen Film (trotz kleiner Schwächen). Man muss natürlich mit den richtigen Erwartungen an „Raid at Entebbe“ herangehen. Trotz seines dramatischen, deutschen Titels und der Mitwirkung von Charles Bronson, darf man hier keinesfalls einen reinen Actionfilm erwarten! Der Film ist zunächst ein sehr dichter, spannender Mix aus Politthriller und Entführungsdrama. Sowohl bei der Schilderung der politischen Hinterzimmer-Diskussionen, wie man denn nun verfahren sollte, als auch der Tortur der Geiseln und der quälenden Ungewissheit über ihr Schicksal, ist der Film stets glaubhaft und mehr als überzeugend. Wenn die „Sayeret Matkal“ dann endlich der Befehl zum Starten bzw. das endgültige „Go!“ zum Losschlagen erhält, steigt natürlich auch beim Zuschauer das Adrenalinlevel. Zum gelungenen Finale hat der Film dann auch einige sehr gute Actionszenen zu bieten, die auf den Betrachter des Films im wahrsten Sinne des Wortes „befreiend“ wirken. ;-). Auch die neu eingefügten Szenen lassen den Streifen, trotz seiner doch recht langen Laufzeit, fast zu keiner Sekunde langweilig wirken. Einzige Ausnahme bleibt hier eine ca. dreiminütige Einstellung auf ein paar Fernseher, in der lediglich einige Nachrichten zur Situation laufen. Einige der zusätzlichen Szenen lassen sogar den deutschen Entführer etwas humaner wirken. Eine andere Szene, bei der Brigade General Dan Shomron, gespielt von Charles Bronson, vor dem Abflug noch ein letztes Mal durch das verlassene Flughafengebäude von Entebbe geht und nur die Leichen der getöteten Terroristen an einer Wand aufgereiht sieht, verleiht der ganzen Szenerie eine doch ziemlich melancholische Note. Insgesamt hält der Film durchgehend ein zufriedendstellendes Spannungs-Level und wird mit Beginn der Befreiungsaktion sogar wirklich aufregend. Wenn ich dann z.B. in einer Amazon-Review lese, dass der Film extrem langweilig sei und Chuck Norris‘ „Delta Force“ doch viel mehr rocken würde…da kann ich dann nur noch verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.  

Die Regie bei „Raid on Entebbe“ hatte Irvin Kershner, den die meisten sicherlich als Regisseur des wahrscheinlich besten Star Wars-Film überhaupt kennen, nämlich „Das Imperium schlägt zurück“ („The Empire Strikes Back“ 1980).  Aber auch Filme wie „Die Augen der Laura Mars („The Eyes of Laura Mars“ 1978),  „James Bond 007 - Sag niemals nie“ („Never Say never Again“ 1983) oder „Robocop 2“ (1990) gehen auf sein Konto.

Zudem kann „Raid on Entebbe“ mit einer durchaus sehenswerten Besetzungsliste aufwarten. Peter Finch („Network“ 1976) überzeugt als leicht zögerlicher Yitzhak Rabin, der (zu Recht) zunächst ein wenig davor zurückscheut, eine Soldatentruppe ohne die nötige Absicherung auf ein mehr als riskantes Kommandounternehmen zu schicken. Weitere bekannte Gesichter innerhalb des israelischen Stabes oder der Armee-Einheiten sind John Saxon, Jack Warden, Robert Loggia, Charles Bronson und James Woods. Yaphet Kotto (James Bond 007 – Leben und Sterben lassen“ (1973), „Alien“ (1979)) gibt einen wirklich widerlichen Idi Amin ab, der sich als Wohltäter und Unterhändler aufspielt, in Wahrheit aber die Terroristen durch seine schwerbewaffneten Soldaten schützt. Der eigentlich gar nicht mal unsympathisch gezeichnete Deutsche Wilfried Böse wird von Horst Buchholz verkörpert, der hierbei eine interessante Alternative zu den mit Helmut Berger und Klaus Kinski doch eher klischeehaften  „Bad Guys“ der anderen Verfilmungen bietet. Zudem hat Böse wohl auch tatsächlich nicht mit seiner Waffe versucht, auf Geiseln zu schießen (obwohl er die Gelegenheit dazu hatte), sondern richtete sie "nur" auf die angreifenden israelischen Soldaten. Zu guter Letzt ist unter den Passagieren auch noch der stets verlässliche Martin Balsam zu finden, sowie Eddie Constantine als Flugkapitän des entführten Airbus.  

Die Musik zu „Raid on Entebbe“ stammt vom bekannten Komponisten David Shire, der zu so unterschiedlichen Streifen  wie „Fahr zur Hölle Liebling“ („Farewell my Lovely“ 1975), „Die Hindenburg“ (1975), „Die Unbestechlichen“ („All the President’s Men 1976), „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3 (The Taking of Pelham 123“ 1974) oder David Finchers „Zodiac- Die Spur des Killers“ (2007) den Soundtrack lieferte. Ein wahrer Triumph ist die Filmmusik in der Szene, in der die Flugzeuge startklar gemacht werden und die Einheiten in ihre Maschinen steigen (eine meiner absoluten „all-time-favourite-moviescenes“).  Zusätzlich setzt sich unwiederbringlich die hebräische Hymne „Hine Ma Tov“ in den Gehörgängen fest, da sie an mehreren Stellen des Films zu hören ist.  

Interessant am Rande: So ganz weit hergeholt ist der Vergleich zu „Delta Force“ (1986) mit Chuck Norris übrigens nicht. Der Film orientiert sich sicherlich auch an den Fakten dieser Befreiungsaktion von 1976 und stockt das Ganze mit jeder Menge übertriebener Action auf. Zudem war „Delta Force“ eine Produktion des von Menahem Golan gegründeten „Cannon“-Studios und Golan selbst hatte ja fast 10 Jahre zuvor Regie bei „Operation Thunderbolt“ geführt. Lustigerweise ist in beiden Filmen Martin Balsam in einer Rolle als Geisel zu sehen.

Abschließend würde ich sagen, "...die keine Gnade kennen" ist ein spannender, mitreißender und sehr gut gespielter Mix aus Politthriller, Drama, Actionfilm und Zeitgeschichte, den ich (trotz vielleicht ein oder zwei kleinerer, dramaturgischer Hänger) jedem, der nicht unbedingt auf ein Non-Stop-Actionfeuerwerk aus ist, uneingeschränkt (mit 8 von 10 Punkten) empfehlen kann.

8/10
Weiter:
mehr reviews vom gleichen autor
Captain
Tom Cody
8/10
10
Tom Cody
9/10
die neuesten reviews
Durchgeknallt
Kaiser Soze
8/10
Bright
Cabal666
4/10
perfekte
TheMovieStar
7/10
Ape,
Ghostfacelooker
teuflische
Chímaira
7/10

Kommentare

08.12.2017 19:37 Uhr - JasonXtreme
2x
DB-Co-Admin
User-Level von JasonXtreme 13
Erfahrungspunkte von JasonXtreme 2.545
Saugeil Rezi zu einem Film den ich bisher nicht kenne. Der muss aber schleunigst her! Erstens wegen der Thematik, zweitens wegen der Besetzung, und drittens weil ich ja schon Delta Force mag :D

08.12.2017 19:44 Uhr - Tom Cody
2x
DB-Helfer
User-Level von Tom Cody 20
Erfahrungspunkte von Tom Cody 8.797
08.12.2017 19:37 Uhr schrieb JasonXtreme
Saugeil Rezi zu einem Film den ich bisher nicht kenne. Der muss aber schleunigst her! Erstens wegen der Thematik, zweitens wegen der Besetzung, und drittens weil ich ja schon Delta Force mag :D

Thanks.
Ein 4. Grund wird sich dir ca. Mo. 11.12. an dieser Stelle eröffnen, wenn du dann mal einen Blick in die neueste Trailer-Meldung wirfst! ;-)

08.12.2017 20:03 Uhr - Pratt
1x
DB-Helfer
User-Level von Pratt 23
Erfahrungspunkte von Pratt 12.109
Tolles Review zu einem eher unbekannten Charles Bronson Film, ich kenne sowohl die urspüngliche Kinofassung als auch die "Extended", die definitiv vorzuziehen ist. Wie schon erwähnt spielt Bronson eher den Stargast. Interessante und relativ detailgetreue Umsetzung der Geschehnisse, aber mit einigen eher zähen Passagen, ich schwanke eher zwischen 6-7 Punkten.

08.12.2017 22:31 Uhr - Tom Cody
3x
DB-Helfer
User-Level von Tom Cody 20
Erfahrungspunkte von Tom Cody 8.797
08.12.2017 20:03 Uhr schrieb Pratt
Tolles Review zu einem eher unbekannten Charles Bronson Film, ich kenne sowohl die urspüngliche Kinofassung als auch die "Extended", die definitiv vorzuziehen ist. Wie schon erwähnt spielt Bronson eher den Stargast. Interessante und relativ detailgetreue Umsetzung der Geschehnisse, aber mit einigen eher zähen Passagen, ich schwanke eher zwischen 6-7 Punkten.

Ich gebe zu, VIELLEICHT bin ich in diesem Fall nicht so ganz objektiv, und für den unbedarften Zuschauer, der jetzt mit den historischen Hintergründen nicht so vertraut ist, KÖNNTE sich tatsächlich die ein oder andere Länge zeigen. Der Fairness halber (auch denen gegenüber, die absolut noch nichts von dem Film gehört haben), würde ich eventuell auch auf eine immer noch sehr solide 7er-Wertung gehen.

Naja, und was die deutsche Kinofassung angeht...dafür dass der Film tatsächlich nur eine TV-Produktion ist, sieht er jedoch hervorragend aus, da kann z.B. "Unternehmen Entebbe" mit seinem billigen Studio-Look echt nicht gegen anstinken.

09.12.2017 10:21 Uhr - JasonXtreme
2x
DB-Co-Admin
User-Level von JasonXtreme 13
Erfahrungspunkte von JasonXtreme 2.545
Wertungen sind doch eh subjektiv as can be. Von daher isses für Dich halt ne 8 für nen anderen nur ne 5...

09.12.2017 10:56 Uhr - TheRealAsh
2x
User-Level von TheRealAsh 10
Erfahrungspunkte von TheRealAsh 1.373
Wow, Tom, meine erste zeitnahe rezi von dir, endlich! Und dann gleich so ein Brett. Zeit- und filmgeschichtlich wirklich allerhöchstes Niveau. Chapeau! Kershner schätze ich sehr wegen Laura Mars, der hier ist mir bis jetzt allerdings entgangen, wird aber wegen des themas, der Musik und natürlich deiner rezi bald nachgeholt.

09.12.2017 12:34 Uhr - NoCutsPlease
2x
DB-Helfer
User-Level von NoCutsPlease 23
Erfahrungspunkte von NoCutsPlease 12.132
Starke Sache, dass es endlich mal wieder eine echte Tom-Cody-Kritik gibt.
Die Background-Story kenne ich, den konkreten Film allerdings noch nicht - in jeglicher Hinsicht also ein feiner Tipp.

09.12.2017 14:00 Uhr - Dissection78
2x
DB-Co-Admin
User-Level von Dissection78 15
Erfahrungspunkte von Dissection78 3.904
Schön, dass Du Dich nach über einem Jahr mal wieder in der Review-Sektion zurückmeldest. Und dann auch noch mit solch einem interessanten Text :)

"Raid on Entebbe" habe ich zwei, drei Mal gesehen, und fand ihn gut und spannend (7/10, mit der Tendenz nach oben). Ich kenne allerdings nur die gekürzte Version, die längere reizt mich jetzt natürlich. Ich weiß, dass sich der Streifen wohl recht eng an die Fakten hält (klarerweise innerhalb seiner filmischen Dramaturgie), da das Drehbuch aus Interviews mit Beteiligten entwickelt wurde. Die strategischen Überlegungen sowie die Argumente, die dem damals nicht unumstrittenen Befreiungsschlag vorausgingen, werden deutlich gemacht.
Außerdem geht "Raid on Entebbe" durchaus objektiv mit dem Stoff um und versucht, auch die Entführer als ernsthafte Charaktere und nicht nur als klischeehafte Abziehbilder erkennbar werden zu lassen. Wilfried Böse hatte - wie Du bereits erwähntest, Tom - damals, verschiedenen Zeugenaussagen zufolge, während des Angriffs der israelischen Truppen eben keine Geiseln ermordet, obwohl er dies leicht gekonnt hätte, sondern er forderte sie noch dazu auf, Schutz in den Waschräumen zu suchen.
Da war Uganda-Hitler Idi Amin das weitaus widerwärtigere Stück Mensch, ließ er doch nach dem israelischen Einschreiten die 75-jährige Israelin Dora Bloch, die zur Hochzeit eines Sohnes nach New York wollte und die ein Tag vor der Attacke in Kampala in ein Krankenhaus musste, entführen und ermorden. Erst drei Jahre später, nachdem Amin gestürzt und aus dem Land geflohen war, wurden ihre sterblichen Überreste in der Nähe einer Plantage, einige Kilometer von Kampala entfernt, gefunden. Das medizinische Personal, welches Bloch versorgte, wurde ebenfalls getötet. Und da er davon ausging, Kenia hätte mit den Israelis kooperiert, ließ Amin mehrere Hundert in Uganda befindliche Kenianer gleich mit umbringen.

Zufälligerweise habe ich mich in den letzten Wochen ein wenig mit dem deutschen Links- und Rechtsterrorismus ab den späten 60ern bis in die 90er beschäftigt, also vornehmlich mit der RAF samt zweiter und dritter Generation sowie mit den beiden bekanntesten anderen Terrorgruppen der extremistischen Linken in der Bundesrepublik: die "Bewegung 2. Juni" und die "Revolutionären Zellen". Letztere hatte der im Film von Horst Buchholz gespielte Wilfried Böse ja um 1972 in Frankfurt/Main mitbegründet.
Und immer wieder ist es erstaunlich wie überaus vernetzt solche Leute natürlich auch ins Ausland waren. So wurden RAF-Mitglieder in Lagern der palästinensischen Terrororganisation PFLP u.a. im Libanon, in Jordanien und im Irak ausgebildet. Die Ausbildung von Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann (Mitentführerin in Entebbe) sowie weiteren "Genossen" der RZ fand im Südjemen statt. Auch zur "Action Directe" in Frankreich, den "Brigate Rosse" in Italien und den "Cellules Communistes Combattantes" in Belgien bestanden zumindest ab den frühen 80ern Kontakte; früher schon, in den 70ern, zum Top-Terroristen Ilich Ramírez Sánchez (genannt "Carlos).

Wissenswerte Fakten am Rande:
Der berühmte Entführungsfall der "Landshut"-Maschine nach Mogadischu/Somalia im Jahre 1977, also ein Jahr nach Entebbe, wurde vom "Kommando Märtyrerin Halima" der PFLP ausgeführt, benannt nach dem Kampfnamen von Brigitte Kuhlmann. Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller, die ja der ersten RAF-Generation angehörten, sollten unter anderen (neben der Schleyer-Entführung) durch diese Aktion bekanntermaßen aus der Stammheimer Haft freigepresst werden.
Und Ulrich Wegener, der erste Kommandeur der GSG 9, die maßgeblich für jene "Landshut"-Geiselbefreiung verantwortlich war, weilte informationsdiensttechnisch auch 1976 während der Operation Entebbe vor Ort.

Faszinierend ist aber ebenso die Vernetzung von rechtsextremistischen Terroristen aus Reihen der Wehrsportgruppe Hoffmann, der Hepp-Kexel-Gruppe, der Wiking-Jugend oder Friedhelm Busses VSBD/PdA zum damaligen Zeitpunkt. Zum Teil wurden also auch "Kameraden" in Lagern der PLO im Libanon ausgebildet - alles selbstverständlich unter den ideologischen Bannern "Antizionismus", "Antiimperialismus" und "Antiamerikanismus".
Jetzt könnte ich auch noch das MfS der DDR (umgangssprachlich "Stasi" genannt) erwähnen, das u.a. einen Neonazi (heute: Ex-Neonazi) wie Odfried Hepp, der für die palästinensische PLF (nicht zu Verwechseln mit der PLO, der PFLP oder der DFLP... wem fällt jetzt noch "Das Leben des Brian" ein? ;)) Waffenlager in Europa anlegte, als IM führte, oder Gladio... Aber das würde hier und jetzt den Rahmen sprengen, ist nämlich reichlich OT und just schon sehr ausladend, selbst, wenn's noch nicht mal ein kleiner Abriss ist, der der Komplexität dessen, was geschah, kaum gerecht wird. Sehr kompliziert, das! Mal wieder... :)

09.12.2017 17:22 Uhr - Tom Cody
1x
DB-Helfer
User-Level von Tom Cody 20
Erfahrungspunkte von Tom Cody 8.797
@TheRealAsh
Thanx! Hier mal einen Blick zu riskieren ist sicherlich nicht verkehrt. Und die Langfassung von "Cinema Classics" gibt's es auch für einen ordentlichen Preis bei amazon (oder anderen Verkaufsportalen) zu finden (nur leider nicht als Bluray...da hätte ich dann sofort zugeschlagen).

@NoCutsPlease
Schön, dass ich auch mal (wieder?) einen Film finden konnte, den du noch nicht kennst. ;-)
Nicht zufällig lese ich gerade auch nochmal (habe da eine ordentliche Second Hand-Variante aufgetrieben) das Buch "90 Minuten in Entebbe" von William Stephenson. Sehr flüssig geschrieben und hochinteressant, obwohl es sogar schon Ende '76 erschienen ist.

@Dissection78
Hui, danke erstmal für die ausführliches Feedback.
Ich musste letztens tatsächlich peinlicherweise feststellen, dass meine letzte Kritik tatsächlich schon über ein Jahr her ist. Die nächste wird definitiv nicht so lange auf sich warten lassen.

Hochinteressant sind dann auch dein zusätzlichen Background-Informationen. ich hab's gleich zum Anlass genommen, zumindest den Namen der Deutschen und der PFLP noch einmal gesondert zu erwähnen.

Das mit Dora Bloch und den ermordeten Exil-Kenianern war mir natürlich bekannt. Die arme Frau Bloch hatte ich nur aus Spoiler-Gründen nicht erwähnt. Das Ganze zeigt aber sehr gut die absolute Skrupellosigkeit im Vorgehen von Idi Amin. In "Der letzte König von Schottland" tauchte ja ebenfalls die Entebbe-Aktion am Rande auf.
Nun ja, jemand der sich selbst den Titel gibt: „Seine Exzellenz, Präsident auf Lebenszeit, Feldmarschall Haddsch Doktor Idi Amin Dada, Viktoria-Kreuz, Distinguished Service Order, Military Cross, Herr aller Tiere der Erde und aller Fische der Meere und Bezwinger des Britischen Weltreichs in Afrika im Allgemeinen und Uganda im Speziellen“, kann eigentlich auch nicht mehr so ganz bei 100%ig geistiger Gesundheit sein.

Dass sich die Entführer der Landshut nach Brigitte Kuhlmann benannten, war mir jetzt auch neu.
Das mit der Ausbildung von RAF-Mitgliedern in Lagern der PFLP wurde doch, meine ich, auch in "Der Baader Meinhof Komplex" behandelt.

"Fun"-Fact am Rande: Die Spezialeinheit "Sayeret Matkal" hat Deutschland bereits 1972 bei der Geiselnahme in München ihre Unterstützung angeboten (bzw. natürlich die israelische Regierung). Das wurde dankend abgelehnt, da die deutsche Polizei sehr wohl alleine mit diesem Problem fertigwerden könnte. Das tragische Ende ist bekannt...
---------------------------------------------------------------------------------------------------------

Alle anderen an der Story Interessierten verweise ich nochmal auf die (hoffentlich tatsächlich) Montag erscheinende Trailer-Tickermeldung. ;-)

09.12.2017 19:51 Uhr - JasonXtreme
1x
DB-Co-Admin
User-Level von JasonXtreme 13
Erfahrungspunkte von JasonXtreme 2.545
Ich bin schon heiß drauf. Und fetten Dank an Dissection für die tollen Infos

kommentar schreiben

Um Kommentare auf Schnittberichte.com veröffentlichen zu können, müssen Sie sich bei uns registrieren.

Registrieren (wenn Sie noch keinen Account hier haben)
Login (wenn Sie bereits einen Account haben)