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I'll Never Die Alone

Originaltitel: No moriré sola

Herstellungsland:Argentinien, Spanien (2008)
Standard-Freigabe:FSK keine Jugendfreigabe
Genre:Action, Horror, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 5,40 (35 Stimmen) Details
inhalt:
Auf einem Road Trip sehen die vier Freundinnen Moira, Carol, Leonor und Yasmine ein verletztes Mädchen am verlassenen Straßenrand liegen und kurz darauf drei Typen mit Gewehren im Wald. Die Mädchen bringen das Opfer zur Polizei, werden aber anschließend selber verfolgt und von der Straße abgedrängt. Die jungen Frauen werden in den Wald verschleppt und nacheinander brutal missbraucht. Die Überlebenden nehmen blutige Rache an ihren Peinigern. Aber schmeckt Rache wirklich süß...?
eine kritik von cecil b:

 

Was habe ich damals mit mir selbst gekämpft, ob ich mir den Rape and Revenge-Film I SPIT ON YOUR GRAVE (1978) anschaue. Zusammen mit Wes Cravens THE LAST HOUSE ON THE LEFT ist dieser Streifen ein exploitativer Klassiker dieses klitzekleinen Genres, welches darstellt, wie Frauen, und selten auch Männer, die vergewaltigt wurden, sich blutig rächen. Bei der Darstellung von Mord, Folter und heftigen Schlägereien, da wird selten der moralische Zeigefinger erhoben, aber die Darstellung von Vergewaltigungen, das ist für viele böse böse böse. Na ja, man muss so etwas ja nicht gucken. Und wenn man weiß, dass man das nicht möchte, kann man sich ja immer noch dafür auf die Schulter klopfen, so etwas 'verwerfliches' abzulehnen. Ein wenig bin ich wohl auch darauf konditioniert, so etwas abzulehnen, aber ich habe dieses Genre auch für mich entdeckt, und das schon, als ich ISOYG gesehen hatte. Der in Argentinien und Spanien gedrehte I'll Never Die Alone ist im Grunde ein Exploitationsfilm unserer Zeit, der Ideen der besagten Klassiker aufgreift, und diese nach eigenen Ermessen formt. Das ist zum Teil gut gemacht, auch wenn das niedrige Budget und die Non-Professionalität seine Spuren hinterlassen hat. Der Regisseur und Drehbuchautor dieses Schmuddelfilmchens, Adrián García Bogliano, lässt durchblicken, welche Freude dieser Spanier an Exploitations- und Horrorfilmen (Texas Chainsaw Massacre wird auch zitiert) der Siebziger hat. Ein wenig mehr Mut zu einem Stil, der von den Vorbildern abweicht, wäre aber auch erfrischend gewesen. Beim simplen Drehbuch wurde Bogliano wie so oft von seinem Bruder, dem Regisseur und Drehbuchautor Ramiro unterstützt, 2006 wurde das Gespann für 36 pasos ausgezeichnet. Auch der Low Budget-Produzent, Schauspieler und Effekt-Spezialist Martín Frías, der auch für die Effekte von I'll Never Die Alone zuständig war, werkte an der Story. 

 

 

Es scheint so, als ob die Rollen einfach so verteilt wurden, dass Männer mit grobschlächtigen Gesichtern zu Tätern, Frauen mit Kulleraugen zu ängstlichen zarten Pflänzchen, ohne Kindchenschema zu wehrhaften Amazonen auserkoren wurden. Keine schlechte Wahl, aber das Verhalten der Figuren ist fast vorherbestimmt. Die Persönlichkeiten der jungen modernen Frauen werden durch die Dialoge über Bekannte, Freundinnen  und "Typen" oft nur angedeutet. Wobei interessant ist, dass eine der Täterinnen in Spe auch darüber spricht, wie der eigene Vater sie das Schießen gelehrt hat. Sind die Rollen nur so verteilt, dass Männer mit Gewalt verbunden werden?  Im Prinzip ja. Die Reise der jungen Frauen durch die abgelegenen Gegenden, und damit die Begegnung mit den Verhältnissen dort, führt zu folgendem Fazit. Es wird dargestellt wie eine geschlechtlich bestimmte Machtverteilung innerhalb der Gesellschaft Missbrauch den Weg ebnen kann, aber auch, wie in einem Patriachat Männer, die sich gegen Missbrauch richten, zu Opfern werden können. Auch wenn das ja gar nicht dumm ist, dass die Individualität nicht gänzlich ignoriert wird, ist in I'll never die alone keine wirklich interessante Tiefe zu finden. Adrián García Bogliano kann allerdings eine bedrückende Atmosphäre aufbauen. Schade, dass er dies nicht durchgängig zu Stande bringt. I'll Never Die Alone ist in drei Teile aufgeteilt. Die Reise ins vermutlich argentinische Hinterland, die ellenlangen Vergewaltigungen und die Rache. 

Die Inszenierung von Bogliano kann den Stil eines Roadmovies durch Kamerafahrten rund um das Auto der Frauen, oder kurz über dem Asphalt der Straße, gut präsentieren. Das Grau, welches so ziemlich jedes Bild umrahmt, kann eine dreckige Stimmung halten, der düstere Industriel, der in vielen Szenen relativ leise zu hören ist, passt überraschend gut. Oft wird das zarte Pflänzchen mit den Kulleraugen (mittelmäßig: Gimena Blesa: Penumbra, Here comes the Devil) mit nahen Einstellungen und Großaufnahmen zum Mittelpunkt vieler Bilder, ihre Rehaugen sind das perfekte Abbild des Kaninchens vor der Schlange. Die Umgebung, die zunächst unbekannten Figuren, alles wird durch dieses Kaninchen als Identifikationsfigur zur möglichen Bedrohung. Da sitzt diese Figur oft ängstlich im Vordergrund, und das Umfeld um sie herum ist wenig bis gar nicht zu sehen, was die Unsicherheit der jungen Frau verstärkt darstellt. Ein Kunststück, und die größte inszenatorische Stärke des Films. Der erste Teil von I'll Never Die Alone baut den Spannungsbogen geschickt auf. Und verliert im mittleren Teil an Spannung, als es zu den Vergewaltigungen kommt. 

Als die Frauen missbraucht werden, besteht ihnen gegenüber eine starke dramaturgische Distanz, und von einer Protagonistin kann man von da an nicht mehr sprechen. Die Schnitte von Adrián García Bogliano und Hernán Moyano (Regie und Schnitte: Pequeña Babilonia) sowie die Kameraarbeit von Fabricio Basilotta (Masacre esta noche, auch von den Bogliano-Brüdern) konnten zuvor noch überzeugen, die langatmige Quälerei ist aber holprig inszeniert. Die Szenenbilder sind und der dargestellte Missbrauch verläuft plakativ. Die unmittelbaren Reaktionen der Frauen sind jedoch nicht eintönig, da diese nicht nur schreien und weinen, sondern sich auch apathisch der Situation ergeben. Was wirklich fies und effektiv durch geschickte Bilder-Wechsel in Szene gesetzt wird, ist, wie die Frauen dabei zuschauen, wie ihre Freundinnen leiden müssen, mit der Gewissheit, dass sie ähnliches erleiden werden. Einfallsreich ist das aber auch nicht gerade. Das Leiden der Frauen wird von den Akteurinnen nicht schlecht dargestellt, aber Marisol Tur (Schauspiel und Make up: Masacre esta noche), Blesa, die unbekannte Magdalena De Santo und meine favorisierte Rächerin, die Kostüm-Designerin (Mi amor, mi amor) und Schauspielerin (36 pasos) Andrea Duarte, haben in dem schlichten dramaturgischen Kontext wenig Chancen für bemerkenswerte schauspielerische Künste. Und auch die Täter sind von z. B. Leonardo Cuchettie (Temblar) und Leonardo Canga (El sepelio de Balma) nicht besonders schlecht gespielt, aber zu blass, um wirklich zu überzeugen. Was diesem Teil des Films aber fast das Genick bricht, das sind Szenen, in denen man den Schauspielern ansehen kann, wie "Und Action" gerufen wird, und sie verzögert handeln. Solche Szenen brechen ähnlich ärgerlich mit der Dramaturgie wie ein Mikrophon, das im Bild erscheint. Immerhin, das erste mal konnte ich bei einem Rape and Revenge Film sofort schmunzeln, unterhaltsam ist auch das. Natürlich, es ist immer erschreckend, wenn dargestellt wird, wie Menschen nackt und schutzlos ausgeliefert sind, und von brutalen Widerlingen geschlagen, erniedrigt und vergewaltigt werden, aber auch diese Schrecken sind wenig wirksam, wenn sie so gestellt sind. Im letzten Teil bekommt I'l never die alone aber wieder ein bisschen in Schwung. 

Die Frauen, die zuvor nur wenig im Bild sind, zeigen sich jetzt direkt. Bei einem Film wie I'll Never Die Alone, der auch kein halbwegs ernst zunehmendes Drama ist, und der trotz Potential und obligatorischer Härte außerdem unfreiwillige Komik bietet, kann gute Laune aufkommen, wenn die Widerlinge gezüchtigt werden. Besonders Andrea Duarte kann ihr hübsches Gesicht so wunderbar wütend verziehen, dass "Yippie!" gerufen werden kann, wenn sie den Spieß umdreht. Dabei gibt es auch Szenen, die gestelzt und unglaubwürdig wirken, aber die sind künstlerisch trotzdem nicht schlecht durchdacht, und können echt gefallen. In blutigen Szenen sieht man allerdings das geringe Budget, die Effekte sind nicht besonders gut. 

 

 

Man kann erkennen, dass Regisseur Adrián García Bogliano ein gewisses Talent hat, welches die diversen Auszeichnungen für beispielsweise seinen Film Here comes the Devil erklärt. Aber sein exploitativer Rape and Revenge-Film kann seinen Vorbildern nicht annähernd das Wasser reichen. Die Darsteller sind nicht schlecht, aber die zum Teil holprig inszenierten Gewalt-Szenen bleiben weit hinter den dramaturgischen Möglichkeiten, die das Thema bietet. Interessenten müssen den Film definitiv nicht scheuen, aber dieser Rape and Revenge -Beitrag macht die Couch nicht zur Achterbahn, er bietet eher etwas seichte Unterhaltung.

 

 

5/10
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Kommentare

08.02.2018 14:33 Uhr - Ghostfacelooker
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Aber mein Lieber, eine Vergewaltigung ist wie Mord ja schon auch böse böse böse. Review im Gegensatz dazu nicht^^

08.02.2018 17:35 Uhr - dicker Hund
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Sehr gut getroffen! Wertungstechnisch liege ich irgendwo in der Nähe. Der Fokus auf die Vergewaltigung zu Lasten der nur halbherzig gegorenen Rache stößt auf. Ein gewisser Unterhaltungswert ist aber vorhanden. Wirklich klasse fand ich allerdings den herrlich reißerischen Trailer;-)

08.02.2018 17:44 Uhr - Insanity667
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Was das Genre angeht, finde ich, dass es mit "The last House..." und "I Spit..." bereits in den 70ern erledigt war. "I'll Never Die Alone" setzt da nochmal einen drauf, aufgrund der beschriebenen Unzulänglichkeiten in Sachen Schauspieler und Machart lässt mich das Ding aber völlig kalt... Sorry...
Was mich hingegen nicht kalt lässt ist, wie immer, deine feine Schreibe! Da lässt man sich doch gerne nochmal auf Themen ein, an denen schon lange ein dicker, roter Haken ist! Vielen Dank Cecil!

08.02.2018 20:29 Uhr - cecil b
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Freut mich sehr, dass euch die Review gefällt! :)

Ghostfacelooker: Es gibt so viele schreckliche Dinge, die verdammt böse sind. Aber im Film kann ich damit umgehen, da es sich ja dann um Fiktionen handelt. ;)

dicker Hund: Mit deinem Kommentar triffst du es auch sehr gut. :)

Insanity667: Wer Gewalt sät und Beim Sterben ist jeder der Erste zeigten ja, dass dieses Thema echt gut umgesetzt werden kann, ISOYG und LHOTL sind für mich dann auch die, die noch was zu sagen hatten. Ich sehe das ja ähnlich wie du, Ill never die alone hat mich auch nicht gerade berührt. Aber irgendwie hat es mir gefallen, dass ich bei so einem Film mal nicht so berührt wurde. ;) Danke Insanity667

By the Way: Ich kann gut verstehen, wenn man so etwas nicht gucken möchte. :)

08.02.2018 20:44 Uhr - BFG97
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ein weiteres Meisterwerk und damit meine ich nicht den Film, sondern deine Review ;) wie immer spitze geschrieben cecil :D

08.02.2018 20:55 Uhr - NoCutsPlease
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Starkes Ding wieder, El Cecilio! :) Es ist doch immer wieder bemerkenswert, wie du auch B- und C-Ware mit dem künstlerischen Auge betrachtest! :)
Diesen Film habe ich mir noch nicht gegeben und er scheint wohl eher verzichtbar zu sein. Der absolute Pionierstreifen im Rape-and-Revenge bleibt aber Bergmans "Die Jungfrauenquelle", auch wenn das eher Arthousekino ist.

08.02.2018 21:07 Uhr - JasonXtreme
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hm klingt eher nach ner Sparmaßnahme, aber nach einer formidabel rezensierten! Seinen Here comes the Devil mochte ich aber durchaus ganz gerne

09.02.2018 09:37 Uhr - Horace Pinker
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Gewohnt schönes Review, welches den Film gelungen und Sprachgewaltig vorstellt. Da ich (von vereinzelten Ausnahmen abgesehen) nicht allzu viel mit dem R&R Subgenre anfangen kann werde ich wohl eher auf die Sichtung von I'll Never Die Alone verzichten.

09.02.2018 13:39 Uhr - cecil b
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Freuuuuuu! :)

NCP: Habe ich mir wirklich gedacht, dass du Die Jungfrauenquelle erwähnst. Ist auch unbedingt erwähnenswert, besonder weil dieses Genre oft auf die dreckige Variante reduziert wird.

HP: Kann ich verstehen. :)

12.02.2018 02:50 Uhr - Dissection78
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Der Streifen beinhaltet sicherlich einige verstörende Stellen, doch auch mich ließ er im Großen und Ganzen kalt. Hast Du also sehr gut getroffen, cecil. Ich würde ihm rückblickend sogar eher noch ein Pünktchen weniger geben als Du, da ich ihn bei allen inszenatorischen Unzulänglichkeiten insgesamt auch noch als unglaublich dröge empfand. Vielleicht gebe ich ihm aber trotz allem irgendwann doch noch einmal eine Chance :)

16.02.2018 21:41 Uhr - cecil b
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Ich kann bei diesem Film alles zwischen drei und sechs Punkten nachvollziehen. :) Ich finde den ersten Teil richtig gut, den mittleren schlecht, und den letzten O.K. Mich hat es wohl auch erfreut, dass mich dieser Film kalt gelassen hat, und ich lachen konnte. :)

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