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Henry - Portrait of a Serial Killer

(Originaltitel: Henry: Portrait of a Serial Killer)
Herstellungsland:USA (1986)
Standard-Freigabe:FSK keine Jugendfreigabe
Genre:Biographie, Horror, Drama, Krimi,
Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,18 (37 Stimmen) Details
inhalt:
Downtown Chicago: Henry und sein etwas älterer Kumpel Otis hausen in einem heruntergekommenen, viel zu kleinen Appartement. Die beiden kennen sich aus dem Knast, das schweißt zusammen. Viel Dosenbier, ab und zu eine Gameshow im Fernsehen. Ein bißchen Spaß muss sein bei all dem Frust. Gelegentlich verschwindet Henry ohne Erklärung und hat bei seiner Rückkehr Gegenstände dabei, die Otis noch nie gesehen hat. Daß Henry auf seinen Streifzügen hemmungslos mordet, erfährt Otis erst später...
eine kritik von chollo:

"Henry Portrait of a Serial Killer" ist ein Film der lose auf den Taten der Serienmörder Henry lee Lucas und Otis Toole basiert. Diese sollen in einem Zeitraum von etwa 5 Jahren, an die 30 Personen ermordet haben. Diese Verbrechen begingen sie zeitweise zu zweit oder im Alleingang. Der Großteil der Verbrechen wird dabei Lucas zugesprochen, der dadurch zweifelhafte Berühmtheit erlangte wie etwa Ted Bundy; John Wayne Gacy oder Jeffrey Dahmer. Inwieweit die Taten und vor allem der Umfang derer der Realität entsprechen, bleibt bis heute ungeklärt. Dieser hatte nämlich während seiner 18 Jährigen Haftzeit gegen gute Behandlung und Gefälligkeiten mehr gestanden, als ihm angelastet wurde. Das nahmen die zuständigen Ermittler natürlich gerne an, um ihn mit hunderten ungeklärten Todesfällen der letzten Jahrzehnte zu füttern die Lucas zum Teil dann bereitwillig zugab. Letztendlich starben beide (Otis 1996; Lucas 2001) im Gefängnis ohne jemals richtig Licht ins Dunkel gebracht zu haben.

Lose basieren ist dadurch bei dieser "Umsetzung" durchaus wörtlich zu nehmen. Inspiration erklärt es wohl besser. Die Namen der Täter sowie einige Aspekte ihres Hintergrunds wurden beibehalten, wohingegen vor allem der Verlauf ihrer Taten und deren Opfer der Dramaturgie des Films entsprechend abgeändert wurden.

Der Authentizität dieses Werks tut das in diesem Fall aber beileibe keinen Abbruch. Denn diese ist im wahrsten Sinne atemberaubend. Regisseur John McNaughton (Sein Name ist Mad Dog; Wild Things) hat es geschafft, lange vor etwa Rob Zombie, den "White Trash" einem größeren Publikum zugänglich zu machen. White Trash ist in diesem Fall Synonym und abwertende Bezeichnung der weißen Unterschicht in den Südstaaten, wo dieser Begriff  auch geprägt wurde. Henry und Otis, als Angehörige dieser Gruppe, fristen ihr tristes Leben als Zweckgemeinschaft in einem heruntergekommenen Apartment. Während sich Henry tagsüber als Kammerjäger betätigt, darf sich Otis als Hilfsarbeiter an einer Tankstelle die spärlichen Brötchen verdienen. Die Freizeit der beiden besteht dann überwiegend aus gelegentlichen Kneipenbesuchen und Fernsehen. Otis jüngere Schwester Becky, die ebenfalls in der Behausung wohnt und als femininer Part der Gemeinschaft dient, bringt dann ab und an mit ihrem jugendlichen Charme etwas Leben in die Bude. Von Normalität ist diese verkorkste Dreiecksbeziehung trotzdem Meilenweit entfernt.

Schon wie McNaughton diesen Alltag in Szene setzt, ist an Pessimismus nicht zu überbieten. In immer wiederkehrenden Rhythmus betrachtet man die handelnden Personen dabei, wie sie am Klapptisch umringt von Camping-Stühlen ihre Fertiggerichte herunterschlingen, um sich alsbald auf der abgesessenen Couch vor die Flimmerkiste zu schieben oder sich grundlos zu besaufen. Tristesse und Monotonie bestimmen das "Absitzen" ihrer Lebensjahre in Freiheit. Henry, der sich ständig in einem Zustand der Passivität und Gleichgültigkeit befinden zu scheint und Otis mit seinem Infantilen Gebaren, bilden hierbei das dazu passende Zweigespann. Der Nihilismus ihrer Existenz ist von Beginn an zu spüren, und überträgt sich unbarmherzig auf den betrachtenden Zuschauer. Man hat ständig das Gefühl, Zeuge etwas Unheilvollem zu sein oder zu werden.

Getragen wird dieses Spiel vor allem durch den herausragenden Michael Rooker. Dieser scheint in der Rolle des Henry vollends aufzugehen und liefert hier in meinen Augen die Performance seines Lebens. Rooker schafft es hier durch Minimalismus in Mimik und Gestik, das Maximum an Intensität rüberzubringen. Sein gesamter Habitus wirkt unauffällig und trotzdem ständig Bedrohlich. In den schrecklichsten Momenten, wie etwa beim zerteilen einer Leiche, behält er eine fast schon stoische Ruhe. Stets scheint er den Überblick zu behalten um sein Handeln rational zu Ordnen. Das wirkt umso stärker als das sich Henry während des gesamten Films äußerst Wortkarg gibt und somit seine Denkabläufe dem Zuschauer verborgen bleiben. Tom Towles (Fortress- Die Festung; The Rock- Fels der Entscheidung) spielt seinen Otis wiederum als Triebtäter wie er im Buche steht. Widerwärtig, Sadistisch und während seiner Taten unkontrolliert, ja fast schon hysterisch. Das macht seine Rolle keinesfalls uninteressant. Es fällt einem nur leichter sich vor ihm zu Ekeln, oder als klassischen Monster zu identifizieren. Becky, als letzter Hoffnungsschimmer sozusagen, steht dem Treiben eher Hilflos gegenüber. Ungeachtet dessen trägt ihre Präsenz mitunter zur Auflockerung der teils unerträglichen Schwere des Gezeigten bei.

Trotz der Thematik und seiner Indizierung die bis 2012 bestand, wird der unbedarfte Gorehound hier freilich enttäuscht. Schauwerte werden zwar auch geboten, doch bezieht der Film seine ungeheure Wirkung aus den nüchternen Bildern, mit denen das Grauen hier visualisiert wird. Laut Jugendschützern waren die etwaigen Sympathien für den oder die Täter bzw. eine klare und anschauliche Unterteilung in Gut und Böse der ausschlaggebende Punkt für die Beschränkung dieses Werks. Meines Erachtens eine Begründung die potenzielle Interessenten als Einfältig deklariert und von Unverständnis zeugt.

"Henry- Portrait of a Serial Killer" ist ein Dämon von einem Film. Unterhaltung ist hier das falsche Wort. Erfahrung trifft es eher.

10/10
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Kommentare

19.03.2018 12:40 Uhr - JasonXtreme
1x
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Schön beschrieben, sicherlich Rookers beste Rolle, aber auch McNaughton hat hier ein sicheres Händchen bewiesen. Ein äusserst unangenehmer Film - wurde soweit ich noch weiß auch vorab geschnitten damals, wobei man da aber keine genauen Infos findet. Stand mal in irgendeinem Filmmag von jener Zeit

19.03.2018 12:50 Uhr - leichenwurm
2x
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Nihilistisches Meisterwerk... sehr gut besprochen CHOLLO ! Ein Film über den sich Bücher füllen lassen könnten. Ein Musterbeispiel für kontroverses Genre-Kino mit Subtext. McNaughton war nie wieder so gut und Rooker... meine Güte was für eine Leistung ! Kleine Anmerkung meinerseits: Becky war im Film Otis jüngere Schwester und nicht Henrys. Ansonsten tadelloses Review... ;-) !

19.03.2018 16:39 Uhr - CHOLLO
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Danke euch beiden!

@ leichenwurm

Fehler ist behoben, danke;)

19.03.2018 17:54 Uhr - Nubret
1x
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Ja, sehr schöne Arbeit zu einem tollen Film!

19.03.2018 21:48 Uhr - TheRealAsh
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Sehr schön geschrieben, schon ewig her, dass ich den gesehen habe, muss auch mal wieder, aber wie du so schön sagst, Spaß ist anders

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