SCHNITTBERICHTE | # | A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z
Titel suchen:
Sniper Elite 5 · Immer beide Augen offen halten · ab 49,99 € bei gameware Dying Light 2 [uncut] · Stay Human · ab 64,99 € bei gameware

Die Blechtrommel

Herstellungsland:Deutschland (1979)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Drama
Alternativtitel:Blaszany bebenek
Bliktrommen
Tambour, Le
Tin Drum, The
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,58 (42 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Danzig, 1927: Mit drei Jahren beschließt Oskar Matzerath nicht mehr zu wachsen. Niemals will er Teil der scheinheiligen Erwachsenenwelt sein. Mit schriller Stimme und seiner Blechtrommel protestiert der kleinwüchsige Störenfried fortan gegen die muffige Weimarer Republik und den auf-kommenden Nationalsozialismus. Erst nach Kriegsende legt Oskar seine Skepsis gegenüber der Welt ab. (Kinowelt)

eine kritik von cecil b:
Darf man eine Oskar-gekrönte Günter Grass Verfilmung kritisieren, die unter anderem den Nationalsozialismus Deutschlands während des zweiten Weltkriegs thematisiert? Warum denn nicht?

Oskar wird während der Zeit der Weimarer Republik 1929 in Danzig geboren. Nachdem er auf die Welt gekommen ist, ist er von den Zuständen und den Menschen um ihn herum so angewidert, dass er beschließt nicht in so einer Welt aufzuwachsen. Daher wächst er nicht mehr. Er kommuniziert kaum mit den Menschen seiner Umgebung, sondern entdeckt sein Sprachrohr durch eine Blechtrommel, und der Fähigkeit so laut zu schreien dass Glas zerspringt. Selbst als der zweite Weltkrieg in den Vollen ist, versucht Oskar mit seiner eigenen Sprache weiter zu kommen.

Wie das bei Literatur so ist, gibt es meist nur schlüssige Interpretationen, und nicht DiE einzig wahre, wobei einige Interpretationen sich wohl bei allen Rezensionen gleichen.

Oskar ist keine Filmfigur im klassischen Sinne. Er ist eine Kunstfigur, die die Zeit der Weimarer Republik und des zweiten Weltkriegs mit einem symbolischen und kritischen Blick wiedergibt. Mit teilweise tiefschwarzen Sarkasmus erzählt seine Voice Over Stimme von einem Leben, welches eine rein metaphorische Bedeutung ist. Er wächst in dem ursprünglich polnischen Danzig auf, welches durch die Preußen auch Heimatort vieler Deutscher geworden ist. Sein Vater kommt ursprünglich aus Polen, und seine Mutter hat slawische Wurzeln. Oskar lebt in einer Zeit voller Armut und Hunger, die der erste Weltkrieg verursacht hatte. Immerhin "hatte sich der Krieg verausgabt", wie Oskar es nennt. Von Geburt an misstraut Oskar der Welt, die ihn so lieblos und gehässig erscheint. Er hat seine ganz eigene Weltansicht. "Ich erblickte das Licht der Welt in der Gestalt einer Glühbirne," sagt er, als er missmutig den Mutterleib verlässt, und auf eine Glühbirne starrt. "....DIE HEBAMME HATTE MICH ABGENABELT, DA WAR NICHTS ZU MACHEN." Als er die Welt der verklärten, lauten und verlogenen Erwachsenen beobachtet, beschließt er nicht so zu werden wie sie, die Erwachsenen. Als Oskars Mutter eine Beziehung mit dem Kolonialwarenhändler Alfred anfängt, sie aber noch eine sexuelle Beziehung mit Oskars polnischem Vater hat, erkennt der klein-gebliebene Sonderling dass die Worte der Menschen nicht unbedingt das sagen, was die Menschen denken und fühlen. So verweigert er meist das Sprechen und beginnt sich durch die Klänge einer Blechtrommel zu produzieren. Seine Zukunftsperspektiven stehen genauso in den Sternen, wie die Zukunft von Danzig. Oskar wird gesagt, dass ihm das Lesen und Schreiben nie etwas bringen kann, aber er wird zur Schule geschickt. Die Kommunikation durch Schrift und Text ergibt für Oskar aber ja auch keinen Sinn, so wird getrommelt, bis Oskar selbst diese Kommunikationsmöglichkeit genommen werden soll. Dann beginnt er rebellisch so schrill zu schreien, dass er Glas zerplatzen lässt.

Oskars Familienverhältnisse symbolisieren wie das Volk Danzigs keine Wurzeln findet. Der Vater Pole, die Mutter hat eine ungenaue slawischen Herkunft und der Hausherr ein Deutscher. Ein Deutscher, der sich schon bald vom Nationalsozialismus mitreißen lässt.
Als der Nationalsozialismus dann mit Erfolg den zweiten Weltkrieg beginnt, beginnt auch Oskar mit seinen großen Augen nach einer Möglichkeit 'mit zu trommeln'. Er versteht nicht, warum seine polnischen Freunde nun verstoßen werden, aber er erlebt die Erwachsenen nun auch mal als eine Gemeinschaft, bei der er versucht mit zu trommeln. Bis er erkennen muss, dass sein Eigensinn weder seinen polnischen Freunden hilft, noch eine Zukunft in der nationalsozialistischen Gemeinde hat. Er findet zwar ein Ohr bei einem zwergwüchsigen Befehls-Organ und er findet die Liebe bei einer ebenfalls klein gebliebenen Italienerin (Italiens Diktator Mussollini arbeitete zeitweise mit Hitler zusammen), aber seine Trommel findet auch hier nicht den richtigen Ton.

Meine Review bezieht sich auf die 'Kurzfassung', die mit 136 Minuten natürlich etliche Metaphern und Themen hat, die im einzeln besprochen einen Abend füllen würden. So versuche ich mich auf das Wesentliche zu beschränken. Die Kunstfigur des Oskar entspricht einer simplen Symbolik. Eine Symbolik, die gerade durch ihre Einfachheit effektiv ist. Und das nicht nur weil sie einfach verständlich ist, sondern auch weil die von David Bennent fulminant gespielte Figur durch ihr Charisma verstört. Der zornige, misstrauische Blick der riesigen Augen, und die erschreckend bestimmte, aber kindliche Stimme, sind unvergesslich!

Und Volker Schlönndorffs Inszenierung wurde nicht umsonst mit dem Oskar prämiert (Oskar He He). Es gelingt ihm in jeder Szene das ganze Geschehen einzufangen, und dadurch eine geradezu epische Gesamtheit von vielen Eindrücken zu erlangen. Dadurch verlieren sich in den Bildern die einzelnen Personen, welches sinnvoll ist, da der Film ja auch thematisiert, dass sich das Individuum in der Masse verliert. So verlieren die Figuren aber auch an Präsenz. Auch die Erzählung ist so auf Oskars Wahrnehmung fixiert, dass die Figuren nur noch einen symbolischen Charakter bekommen. Dadurch verlieren die einzelnen Charakteren an Persönlichkeit, was zwar wie gesagt gewollt ist, aber keine Möglichkeit für Identifikationsfiguren gibt. So bleibt dem Zuschauer nur übrig sich mit dem Erzähler Oskar zu identifizieren, der einen teilweise befreiend schwarzhumorigen Sarkasmus bietet. Da dessen Symbolik aber auch einen Einfluss auf den zwischenmenschlichen Ebenen der Gefühle wie etwa der Sexualität hat, ist der Zuschauer schnell verwirrt. Der Wechsel zwischen dem metaphorischen Zeitbild und der Kunstfigur- die am Menschen an sich verzweifelt-, stellt die Nationalsozialistische Thematik manchmal in den Hintergrund. Manchmal so sehr, dass man denkt, dass der Oskar kein eigensinniger Anarchist ist, der sich dem System verweigert, sondern auch ein Narzisst, der einen Weg für sich selbst sucht, egal in welchem System. Wenn man bedenkt, dass der Nationalsozialismus (Narzisst) während der Unruhen der Bürger ('Anarchist') in der Zeit der Weimarer Republik fruchtete, fällt einem um so mehr auf, dass Oskar ein teilweise lyrische, sarkastische Symbolik ist, die das desorientierte Gefühl der Menschen in Danzig vom Jahre 1920 bis in den zweiten Weltkrieg hinein darstellt. NICHT DIE POLITIK wird thematisiert, SONDERN DAS LEBEN DER BÜRGER.

Schlöndorff hat durch seine Szenerien ein authentisches, aufwendiges Bild der Weimarer Republik und der Zeit des Dritten Reiches wiedergegeben. Das Schauspiel, die Regie, und die musikalische Begleitung sind in ihrer hohen Qualität nicht in Frage zu stellen. Die Kunstfigur des Oskar ist durch ihren Sarkasmus und Bennents Spiel sehr unterhaltsam. Aber zu oft verlieren sich der politische und gesellschaftliche Kommentar und die bedrückende Gefühls-Ebene der symbolischen Kunstfigur Oskar. Die Themen verlieren sich manchmal zu sehr im Wechsel, wodurch die Wirre der Zeit auch heute noch verstört und abstößt. Das ist im künstlerischen und geschichtlichen Sinne passend, ist aber zäh und ab der Hälfte nur leidlich zugänglich.

Künstlerischer Aspekt: 10 Punkte

Spannung: leidliche 7 Punkte
Als Verfilmung: Es wurden in erster Linie die ersten zwei Teile des Buches verfilmt. Da ich es nicht gelesen habe: Keine Ahnung!
Aber das erste Drittel des Films ist genial!









8/10
Weiter:
mehr reviews vom gleichen autor
Gehirn,
cecil b
7/10
Dead
cecil b
9/10
Hole
cecil b
8/10
die neuesten reviews
Thomas
hudeley
8/10
Hostel
Karottenapfel
9/10
Seized
TheMovieStar
5/10
Bunch
Ghostfacelooker
Musketeer,
Argamae
8/10
Jurassic
Phyliinx
7/10
Dead
tp_industries
4/10
kommentar schreiben

Um Kommentare auf Schnittberichte.com veröffentlichen zu können, müssen Sie sich bei uns registrieren.

Registrieren (wenn Sie noch keinen Account hier haben)
Login (wenn Sie bereits einen Account haben)