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TheRealAsh
Level 9
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Eintrag: 01.09.2018

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A Thought of Ecstasy

Herstellungsland:Deutschland (2017)
Standard-Freigabe:FSK keine Jugendfreigabe
Genre:Erotik/Sex, Liebe/Romantik, Thriller

Bewertung unserer Besucher:
Note: 4,83 (6 Stimmen) Details
inhalt:
Kalifornien im Jahr 2019. Ein Mann auf der Suche nach einer verlorenen Liebe. Eine Frau verloren in der Sehnsucht nach Vergeltung. Ein Land gelähmt von einer Hitzewelle und zerrissen von Misstrauen und Paranoia. Und ein 20 Jahre altes Tagebuch, das die Sehnsucht sich zu verschwenden weckt. Frank erkennt sich und seine vor Jahren verlassene große Liebe Marie in einem neu erschienenen Buch wieder. Im Sog der Erinnerungen kappt er alle Verbindungen zu seinem bürgerlichen Leben und folgt den Orten des Tagebuchromans in das Death Valley. Seine Begegnung mit Nina, die ihn auf seltsame Weise in den Bann zieht, scheint die Worte des Buches vor seinen Augen zu materialisieren. Oder wird Frank zu einer Figur in einer anderen, neuen Geschichte, die er längst nicht mehr selbst steuert? RP Kahl hat eine Reise in die nahe Zukunft inszeniert, die voller Bilder und Assoziationen steckt. Ein erotischer Fiebertraum und die Dystopie eines Landes, in der die Große Mauer im Süden ebenso zum Alltag geworden ist, wie Studentenaufstände in Sacramento, die von der Polizei mit Waffengewalt niedergeschlagen werden.
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von therealash:

Ich muss zugeben, dass ich beim ersten Mal etwas enttäuscht war. Unter dem Trailer zu A Thought of Ecstasy, bei dem die wunderschöne Tanzszene mit der augenbeklappten Marie und ihren Doppelgängerinnen Lust auf mehr macht, hatte ich ganz andere Vorstellungen. Auch die Einordnung "Neo-Noir", wie ich es im Deadline gelesen habe, ließ mich an trockene Wüsten denken, in denen ein abgehalfterter Detektiv einen brutalen Frauenmord aufklären will, nur um sich am Ende selbst zu verlieren. Auch die ästhetisch geilen Nacktbilder im Death Valley ließen mich auf Antonionis Zabriskie Point und Dumonts Twentynine Palms hoffen. Ich geb's offen zu, ich hatte aufgrund des sehr hochwertigen Trailers einfach keinen Low-Budget- und Independent-Film erwartet, was aber ja eigentlich ein Kompliment sein dürfte.

Und na ja, eigentlich ist obige Story gar nicht mal so weit entfernt. Denn die Handlung bietet wirklich einen Neo-Noir, der in der flirrenden Hitze eines Kalifornien des zukünftigen Jahres 2019 spielt und vom deutschstämmigen Frank handelt, der auf der Suche nach seiner Jugendliebe Marie ist, die er als Autorin eines gerade publizierten Romans vermutet. Dazwischen passieren seltsame Dinge, es gibt die Romanautorin oder Literaturagentin Liz Archer, die in ihrem Roman über Frank und Marie vermeintlich geschrieben hat und plötzlich eine neue Figur ins Geschehen einbaut, mit dem Namen Nina, in die sich Frank auch noch verliebt. Oder? Ganz schön verwirrend. Denn natürlich verliert sich Frank langsam in diesem Vexierspiel zwischen dem Sein und dem Nichts.

Regie und männliche Hauptrolle fanden unter der Schirmherrschaft von RP Kahl statt, der für seine unbequemen Filme wie Bedways oder Angel Express und seine provokant-ästhetischen wie dramaturgisch poststrukturalistischen Filmmanifestationen bekannt ist. Besser kennen ihn die meisten aber wohl als Schauspieler in kleineren Rollen aus Berlin Calling, Oh Boy, Polizeiruf 110 oder diversen Teilen des Tatort. Manche Filmstudenten mögen ihn als Professor an der Dekra Hochschule für Medien kennen und schätzen, da ich aber Filmhochschulen nur aus meinem privaten Audiokommentarreich kenne, kann ich davon nur vom Hören-Sagen sprechen.

Das Drehbuch und die Produktion teilte sich Kahl mit Torsten Neumann, der schon bei Bedways in die Produktion involviert war und das Internationale Filmfest Oldenburg mitbegründet hat. Ebenfalls sehr hochwertig ist die Kameraarbeit von Markus Hirner, der eigentlich Photograph ist und hier ein ästhetisch besonderes Filmdebüt hinlegt, in dem die detailliert komponierten und quadrierten Kompositionen zwischen grellem Wüstenlicht und düsterem Darkroomschummer nachhaltig in die Iris gebrannt werden. Man darf diese auf den ersten Blick ungewöhnliche Ästhetik auf keinen Fall unterschätzen.

Über Kahls Darstellung des Frank gibt es eigentlich nicht so viel zu sagen, außer, dass sein Denglisch etwas gewöhnungsbedürftig ist (allerdings auch passend und wohl gewollt) und er sich selbst ganz schön viel abverlangt, dass man versteht, dass er die Rolle selbst spielt. Ein absoluter Glücksfall für diesen Low-Budget-Film sind allerdings durch und durch die grandiosen Schauspielerinnen. Allen voran ist das Deborah Kara Unger (Cronenbergs Crash, Refns Fear X oder Silent Hill von Gans), die als mysteriöse Romanschriftstellerin ein Ritterschlag für den Film ist, da gerade ihre Darstellung und der von ihr gesprochene Off-Kommentar als Erzählstimme die Komplexität der Handlung perfekt umrahmen und weiterspinnen.

Na, und zu den Debüts von Lena Morris und Ava Verne kann man nichts sagen, außer: phantastisch und stilprägend. Morris ist das verführerische 90ies-Girl mit Augenklappe und großer Unterhose, die mit ihrem attraktiven Körper, ihren voluminösen Haaren und ihrem distinguiert-frechen Ausdruck jedem die Freuden der Jugend wieder in Erinnerung rufen muss, der in diesem Jahrzehnt jung war. Verne dagegen ist als Girl of the Present im Hier und Jetzt verankert und zeigt alles, was eine zeitgenössische junge Frau ausmachen kann (oder auch nicht). Die Extreme, denen sich Verne und ihren ebenfalls sehr begehrenswerten Körper hier aussetzt, sprechen auch hier für ihre Hingabe und ihr Talent. Allerhand, der Rolf Peter hat wirklich ein Auge für schöne und begabte Damen.

Nun ja, Vorbilder hat A Thought of Ecstasy sicher viele, die Kahl auch so benennt. Da ist zum einen eine direkte Hommage an Wim Wenders und seinen Paris, Texas, was die Wüste, das Vergessen und die Suche nach der verlorenen Liebe anbelangt. Auf der erotischen Filmseite steht der Hochpornograph Radley Metzger, der mit The Lickerish Quartet und vor allem der Romanverfilmung The Image von Catherine Robbe-Grillet den wohl besten SM-Arthouse-Porno gedreht hat, den es gibt (und der immer noch beschlagnahmt ist). Eine Prise Lost Highway von David Lynch gibt's noch als Sahnehäubchen.

Viel geredet und wenig Inhalt. Ich sag's mal so, A Thought of Ecstasy ist ein Metafilmfilm, der keinen klaren Anfang und sicher kein Ende hat. Marcus Stiglegger bringt's im Booklet mal wieder perfekt auf den Punkt, wenn er fragt, ob Film über sich selbst philosophieren kann. Gerade der unerwartet ödipale Twist am Ende gefällt mir am besten. Auch die Frage, in welcher nahen Science-Fiction Mutter und Tochter eigentlich die gleichen sind oder über das erzählen und schreiben, was sie waren oder vielleicht sein könnten, ist für mich perfekt eingefangen und verwirrend, wie es sein muss.

Aber: ich nehme an, dass viele den Film erstmal ziemlich schlecht finden werden. Vom intellektuellen Überbau ist mir das persönlich auch manchmal etwas zu viel. Das sind vor allem die Zitate vom Medientheoretiker Jean Baudrillard (Der Symbolische Tausch und der Tod) und dem nicht nur sexuell sehr expliziten Schriftsteller und Philosophen Georges Bataille (Die Geschichte des Auges). Ich finde, das bräuchte der Film gar nicht, aber das kann man natürlich machen. Bei Bedways hat Kahl sich ja auch auf den ultralangweiligen Soziologen-Philosophen Niklas Luhmann bezogen, was der Film ebenfalls gar nicht bräuchte, aber ein interessanter doppelter Boden ist.

Jedem, dem solche Verbindungen zu gestelzt und pseudointellektuell sind, dem rate ich von diesem Film also dringend ab und empfehle Big-Brother-TV und ähnliche Höhenflüge aus dem SPON-Feuilleton.

Von der Veröffentlichung gibt es überhaupt nichts zu beanstanden. Die Special Edition bietet das Gesamtpaket aus Bluray- und auf die gleiche Laufzeit angepasster DVD-Version, was dem Film noch mehr Zähigkeit und Fieber hinzufügt. Auch die kürzere 16er-Version ohne Hardcore-Szenen ist enthalten, die mir ebenfalls gut gefällt (da mir zu viele nackte Mädchen manchmal Angst machen). Ein Audiokommentar und eine interessante Diskussion mit Marcus Stiglegger runden den ekstatischen Gedanken ab.

Bevor ich's vergesse, mein altes Steckenpferd: der Soundtrack ist absolute Oberklasse und mit der Kuration der Electronica-Jungs von Moderat und Gajek wirklich das Feinste vom Feinsten (inklusive Gustav-Mahler-Symphonie-Rework). Leider gibt es das Teil nur als digitale Veröffentlichung zu erwerben, da ich mir hier gerne ein tiefschwarzes Vinyl gönnen würde.

Alles in Allem ist A Thought of Ecstasy hochinteressante deutsche Filmliteratur, wie sie tatsächlich nur in Deutschland gemacht wird. Ich möchte sagen, das ist schon fast Suhrkamp, wenn dieser Verlag noch gut wäre.

Und natürlich geht es hier auch um ein immer einzelnes Kinoauge und eine Maske, die mir in der SM-Szene als Mischung aus Michael Myers und Donald Trump besonders viel Freude bereitet hat.

Was aber ist der ekstatische Gedanke aus dem Titel? Das muss jeder wohl für sich selbst entscheiden. Für mich ist es die Übertretung des Tabus im Film. Denn dafür ist Film ja da.

Wie sagte Ödipus ungefähr:

"Nicht geboren zu sein ist immer noch das beste."

9/10
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Kommentare

02.09.2018 03:52 Uhr - kokoloko
1x
User-Level von kokoloko 10
Erfahrungspunkte von kokoloko 1.411
Großartige Review zu einem Film, auf den ich vorher wie nachher sehr gespannt bin! Wie sperrig oder unzugänglich genau der Film jetzt ist, werd ich wohl selber herausfinden, nur klingen einige, auch als Kritikpunkte genannte, Anspielungen in der Tat nach zu viel des Guten und nicht jedem, der mit allzu verkopften Arthouse-Filmen nichts anfangen kann, würde ich allerdings direkt zu Big Brother raten ;)

02.09.2018 09:12 Uhr - TheRealAsh
User-Level von TheRealAsh 9
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Danke Koko! Das meinte ich nicht mit dem Geschmack für arthouse oder nicht, sondern die nachträgliche überinterpretation, wie das in spon manchmal abläuft, wo dschungelcamp, dsds und dem rest oft etwas angedichtet wird, das eigentlich nicht vorhanden ist.

02.09.2018 10:07 Uhr - Nubret
1x
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Erfahrungspunkte von Nubret 1.077
Da ich selbst schon während einer abenteuerlichen Westküstenrundfahrt durchs Death Valley gefahren bin, ist der Film eigentlich Pflichtprogramm. War wirklich eine Reise, bei der ich viel über mich selbst gelernt habe (bin sonst sehr, sagen wir mal Pfalz-verwurzelt und wenig experimentierfreudig).

Dein Besprechung ist jedenfalls toll wie immer, der Trailer recht interessant. Obwohl ich die Darsteller (männlich wie weiblich) wenig attraktiv finde. Dennoch darf es für mich natürlich die "schweinische" Fassung sein.

02.09.2018 13:01 Uhr - TheRealAsh
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Na, mit der jeweiligen Weinkönigin können die natürlich nicht mithalten;-)
Das ist übrigens auch eine Reise, die ich gerne mal gemacht hätte, wird dir dann bestimmt gefallen (Twentynine Palms kennst du, oder? Wenn nicht, auch hier Pflichtprogramm).

02.09.2018 20:50 Uhr - BFG97
2x
Moderator
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Da hast du mal wieder einen wahren Leckerbissen verfasst, der einen ganz tollen Einblick in den Film gewehrt. Trotzdem bin ich bei solchen Filmen eher vorsichtig^^

03.09.2018 13:14 Uhr - Ghostfacelooker
1x
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02.09.2018 20:50 Uhr schrieb BFG97
Da hast du mal wieder einen wahren Leckerbissen verfasst, der einen ganz tollen Einblick in den Film gewehrt. Trotzdem bin ich bei solchen Filmen eher vorsichtig^^


Stimme dir zu, zumal es bei Ash´s Titeln immer auch mal wieder sein kann, daß seine eigene intellektuelle Eitelkeit ( die ich mir auch zuschreibe, somit mehr Kompliment als alles andere ) dem Werk durch Lyrik und formulierender Wortgewandtheit, einen sehenswerteren Anschein verleiht, der im Nachhinein eventuell für mich nicht erfüllt wird.

Siehe meine Sicht, seine Sicht in den Beispielen Bad Batch, Mother, Twin Peaks Staffel 3, bei denen völlig konträre Meinungen herrschen und ich sie aber, hätte ich vorher nur seine Reviews dazu gelesen, 100 % hätte sehen wollen.

Bin gespannt ob es mir bei diesem Film durch sein tolles Review ähnlich ergehen wird, oder ich wie bei anderen Titeln von ihm einer Meinung sein werde

03.09.2018 19:25 Uhr - TheRealAsh
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Besser hätte ich es nicht ausdrücken können, Ghost. Und ja, ich glaube, da wird es dir vollkommen so gehen. Vielleicht können wir mal eine Ausschlusskategorie machen, wo wir immer geteilter Meinung sind und dann wieder eine Einschlusskategorie^^

Danke!

04.09.2018 00:40 Uhr - Ghostfacelooker
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Weiß ja nicht ob man, wenn man bei deiner Auflistung auf Review klickt alle 122 zu sehen bekommt, aber von denen die ich gesehen habe stimme ich immerhin bei 15 überein^^^^^^^^

04.09.2018 15:27 Uhr - JasonXtreme
1x
DB-Helfer
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Nichtmal mitbekommen, dass ich den ja gewonnen hab^^ cool, komme ich also in Genuss dieses Dingens :D

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