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Carlito's Way

Herstellungsland:USA (1993)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Drama, Krimi, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,82 (11 Stimmen) Details
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von nubret:

Heute möchte ich einen Film besprechen, der wohl vielen von Euch bekannt sein dürfte. Dennoch gehe ich davon aus, daß dieses Glanzstück bei den Meisten etwas unter dem Radar fliegt. Ich selbst nehme mich dabei nicht aus. Umso überraschter war ich nach meiner jetzigen Sichtung darüber, was für ein brillantes Werk uns Regie-Genie Brian De Palma mit CARLITO´S WAY geschenkt hat.

Zehn Jahre nach dem furiosen SCARFACE haben sich der Filmemacher und sein Star Al Pacino noch einmal zusammengetan, um ein weiteres Gangster-Epos auf die Beine zu stellen. Und das Ergebnis kann sich, wie nicht anders zu erwarten, durchaus sehen lassen. CARLITO´S WAY ist etwas ruhiger, bedachter und auch etwas erwachsener als der laute, aber dennoch geniale Vorgänger. Zu verdanken ist diese Tatsache natürlich nicht zuletzt seinem großartigen Hauptdarsteller, dessen nuanciertes Spiel De Palmas Streifen schon fast alleine tragen könnte.

Doch zunächst zur Handlung:

Nach fünf Jahren wird der Drogendealer Carlito Brigante (Al Pacino/SERPICO) aus der Haft entlassen. Eigentlich hätte er dreißig Jahre absitzen müssen, aber sein durchtriebener Anwalt David Kleinfeld (Sean Penn/GUNMAN) hat sämtliche Register gezogen, um seinen Mandanten frühzeitig aus der für ihn prekären Situation zu befreien.

Und tatsächlich ist der Gangster mittlerweile geläutert. Er träumt davon, mit seiner alten Liebe Gail (Penelope Ann Miller/DAS RELIKT) abzuhauen, um in der Karibik ein neues, friedvolles Leben zu beginnen. Doch dieses Vorhaben gestaltet sich schwieriger, als Carlito vermutet hätte.

Die Phantome seine dunklen Vergangenheit holen ihn immer wieder ein. Um am Leben zu bleiben, muß er erneut zur Waffe greifen. Doch die größte Gefahr geht von seinem Anwalt und vermeintlichen Freund Kleinfeld aus, der es in Brigantes unfreiwilliger Abwesenheit geschafft hat, sich ein nicht unbedeutendes kriminelles Imperium aufzubauen. Er nutzt Carlitos Loyalität auf perfide Weise aus, was für beide schließlich lebensbedrohliche Konsequenzen hat.

Sicherlich ist Brian De Palma neben Martin Scorsese einer der bedeutendsten Regisseure im Bereich des modernen Spannungskinos. Ohne jeden Zweifel hat letztgenannter mit GOODFELLAS und CASINO zwei makellose Werke für die Ewigkeit geschaffen, dennoch ziehe ich De Palmas Streifen denen Scorseses in vielen Punkten vor. Wenn man sich Filme wie BLOW OUT, DER TOD KOMMT ZWEIMAL oder DRESSED TO KILL ansieht, stellt man mit geschultem Auge fest, daß trotz aller Professionalität immer noch ein Bisschen Experimentierfreudigkeit aufblitzt, die De Palmas Filme im direkten Vergleich zu Scorseses nüchternen, aber zweifelsohne brillanten, Epen ein Stück weit sympathischer macht.

Bei CARLITO´S WAY drängen sich aber wohl naturgemäß am ehesten Vergleiche zum zehn Jahre früher entstandenen SCARFACE auf, der sich eines wesentlich höheren Bekanntheitsgrades erfreut. Dies ist wohl vor allem dem Umstand geschuldet, daß De Palmas 1983 entstandenes Werk wesentlich zugänglicher ist als sein reiferer Bruder aus 1993. Tony Montana ist halt ein Gangster, wie man ihn sich vorstellt. Kompromisslos, brutal, menschenverachtend. Ein Monster in Menschengestalt, das sowohl fasziniert als auch abstößt. Ein Paradebeispiel für den in die Hose gegangenen amerikanischen Traum, der nur in einem gewaltigen Kugelhagel enden kann.

Sich auf die Figur des Carlito Brigante einzulassen, ist da weitaus schwieriger. Ein Verbrecher, der die Fehler aus seiner Vergangenheit bereut und sich einfach ein friedliches Plätzchen zum Leben wünscht, ist scheinbar für die meisten Filmfreunde, warum auch immer, weitaus weniger beeindruckend als ein drogenabhängiger, menschenverachtender Irrer.

Sehr schade, denn CARLITO´S WAY bietet so vieles, was ihn einzigartig macht. Besonders erwähnenswert ist natürlich die außergewöhnliche Leistung des Schauspiel-Giganten Al Pacino, dem es gelingt, das Gefühlsleben des von ihm glänzend dargestellten Gangsters sehr beeindruckend auf die Leinwand zu projizieren. Die Idee, Carlitos Gedanken aus dem Off  direkt an den Zuschauer zu richten, ist ein weiterer genialer Schachzug eines großartigen Regisseurs, der dessen Meisterschaft nur noch stärker untermauert.

Fast noch beeindruckender als Pacino agiert jedoch Sean Penn, der für seine grandiose Leistung, ebenso wie Penelope Ann Miller, für den Golden Globe nominiert wurde. Es gelingt ihm dabei auf beeindruckende Weise, den Niedergang Kleinfelds vom erfolgreichen Anwalt zum drogensüchtigen, psychopathischen Killer nachzuzeichnen. Meiner Meinung nach seine bisher herausragendste Leistung!

Aber auch bei den Nebendarstellern wurden mit Luis Guzman, John Leguizamo und Viggo Mortensen schwere Geschütze aufgefahren, die diesen ohnehin schon hervorragenden Film noch eine Stufe höher stellen. Mit der ebenfalls grandios aufspielenden Penelope Ann Miller hat man dann auch die passende Darstellerin auserkoren, der es obliegt, auch den romantischen Teil von CARLITO´S WAY stets glaubwürdig in den Zuschauerraum zu transportieren und nicht im Kitsch ertrinken zu lassen.

Was die Action anbelangt, ist CARLITO im Vergleich zu SCARFACE natürlich wesentlich ruhiger. Beeindruckend ist jedoch eine leichenreiche Schießerei in einem Billard-Saloon, bei der De Palma sämtliche Register seines filmischen Könnens zieht. Die spannungsgeladene Verfolgungsjagd am Ende des Films ist dann wiederum eine gelungene Reminiszenz an den großen Meister Alfred Hitchcock, und vermag es durchaus, den Zuschauer tief in seinen Sessel zu  drücken. Bei diesem tollen Finale werden übrigens Erinnerungen an die furiose Ballerszene aus De Palmas eigenem Streifen THE UNTOUCHABLES wach, die wiederum eine Verbeugung vor Sergei Eisensteins PANZERKREUZER POTEMKIN darstellt.

Ebenso beeindruckend ist der tolle Soundtrack, der viele Disco-Hits der damaligen Zeit bereithält und dem Zuschauer, in Verbindung mit den zahlreichen Nachtclub-Szenen, ein wohliges Retro-Feeling beschert. In den romantischen Parts ist passenderweise Joe Cockers You are so beautiful  zu hören, das auch die weiblichen Filmfreunde in Verzücken versetzen sollte. Für den restlichen Soundtrack zeichnet sich Patrick Doyle (DONNIE BRASCO) verantwortlich, der einige wunderbar eingängige, teils ergreifende Melodien beigesteuert hat.

An der Kamera hat man mit Stephen H. Burum (THE UNTOUCHABLES) einen alten Spezi De Palmas an Bord, der einige unvergessliche Bilder eingefangen hat, die jedoch diesmal etwas weniger experimentierfreudig sind als  in anderen Werken diese Regisseurs.

CARLITO´S WAY basiert auf der Novelle After hours von Edwin Torres, die das zweite Werk darstellt, das sich mit dem kriminellen Leben Carlito Brigantes beschäftigt. Der Original-Titel wurde bewusst nicht verwendet, um keine Verwechslungen mit Martin Scorseses DIE ZEIT NACH MITTERNACHT (After hours/1985) hervorzurufen. So klein ist die Welt.

De Palma selbst war mit seinem Film übrigens sehr zufrieden. Laut eigener Aussage bezweifelte er, jemals einen besseren Film drehen zu können.

Nun ja, angesichts der vielen Meisterwerke, die dieser Mann uns geschenkt hat, ist das wohl reine Geschmackssache. Nichtsdestotrotz ist CARLITO´S WAY herausragendes Thriller-Kino, dessen bestechende Qualität unbestreitbar ist. Von der darstellerischen und auch technischen Seite ist alles wie gewohnt erstklassig. Aber auch der romantische Teil kommt angenehm kitschfrei daher, was dieses Werk in Kombination mit einem in diesem Genre nicht oft anzutreffenden Tiefgang zu etwas ganz Außergewöhnlichem macht.

Und um nochmal den direkten Vergleich zu De Palmas 1983er Werk  zu verdeutlichen, würde ich es wie folgt beschreiben:

SCARFACE ist ein wilder, wohlschmeckender Cocktail, der wohl jedem munden dürfte. CARLITO´S WAY hingegen wirkt wie ein erlesener, aus besten Trauben gekelterter Rotwein, der mit so viel Liebe hergestellt worden ist, daß man ihn eigentlich nur zu besonderen Anlässen aus dem Keller holt.

2003 von Universal auf DVD erschienen. Leider ausverkauft und nur zu horrenden Preisen zu haben. Die Anschaffung lohnt sich trotzdem.

 

 

 

10/10
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Kommentare

11.11.2018 09:30 Uhr - Insanity667
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Sich auf die Figur des Carlito Brigante einzulassen, ist da weitaus schwieriger. Ein Verbrecher, der die Fehler aus seiner Vergangenheit bereut und sich einfach ein friedliches Plätzchen zum Leben wünscht, ist scheinbar für die meisten Filmfreunde, warum auch immer, weitaus weniger beeindruckend als ein drogenabhängiger, menschenverachtender Irrer.


Jein! :) Ich denke eher, dass die Aufmerksamkeit, die Tony Montana zuteil wurde, eher der Entstehungszeit des Films geschuldet ist. Klar, es gab Männer die Rot sehen, Dirty Harry und was weiß ich noch alles, wenn es darum ging, Antihelden parat zu haben. Aber mit Tony Montana wurde die letzte moralische Grenze publikumswirksam und im großen Stil überschritten. Der Inbegriff der Ambivalenz. Das macht objektiv einen geläuterten Verbrecher auf der Suche nach Frieden nicht gleich uninteressanter, im Gegenteil, ich persönlich finde das sogar spannender. Das Problem ist jedoch, dass 10 Jahre nach "SAY HELLO TO MY LITTLE FRIEND" das Genre schon fast wieder abgegrast war und "Good Fellas" für die breite Masse einen zu großen Schatten geworfen zu haben scheint, einfach nur unglücklich gelaufen! Für mich sind beide Filme Meisterwerke ihrer Zeit, auch wenn ich 1993 noch mit Lego gespielt habe! 10/10, auch für dein Mammutreview wertester Nubi! :D

11.11.2018 10:19 Uhr - Nubret
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So gesehen hast Du natürlich auch irgendwo recht, lieber Insanity.

Dennoch musste ich auch im eigenen Bekanntenkreis feststellen,daß "Carlito´s Way" eher einen geringen Stellenwert hat. Selbst bei den Leuten, die "Scarface" vergöttern. Nun ja, Scorseses Streifen ist vielleicht wirklich zu übermächtig..

Sei´s drum. Meisterwerke sind jedenfalls alle drei.

11.11.2018 11:31 Uhr - TheRealAsh
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Als Pfälzer bevorzugt man natürlich auch einen guten Rotwein. Ich finde deine These gar nicht so falsch, Scarface hat einfach das allgemein populärere Identifikationspotential.

Ich finde auch, dass Carlito genial ist und spekuliere schon seit langem auf eine ordentliche Bluray-Auswertung. Sehr ambitioniertes Review!

11.11.2018 15:29 Uhr - Nubret
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Lieber Rotwein als tot sein, sag ich ich dazu nur..und eine Blu-Ray-Auswertung ist wirklich überfällig.

11.11.2018 18:54 Uhr - dicker Hund
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Die Sichtung ist zu lange her, als dass ich den noch ernsthaft beurteilen könnte. Diese Fleißarbeit von einer Rezension lädt aber zur Auffrischung der Erinnerung ein.

11.11.2018 19:06 Uhr - Nubret
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Och, so fleißig war ich doch gar nicht. Die Idee zu der Besprechung ist mir eigentlich erst gestern Abend gekommen. Na ja, unter dem Einfluß alkoholischer Getränke flutscht es manchmal recht gut bei mir. Wobei die meisten Besprechungen natürlich völlig nüchtern entstehen.

Danke für das Lob, mein Bester!

12.11.2018 16:24 Uhr - Ivan_Danko
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Super Besprechung zu einem ruhigen, aber enorm spannenden Thriller-Meisterstück. Besonders Sean Penn's widerlicher Minipli ist mir in Erinnerung geblieben :-). Auf alle Fälle hast Du recht, hier muss mit Augenmerk auf die Kleinigkeiten herangegangen werden, setze den aber trotzdem leicht hinter die bereits oben genannten 2 Konkurrenten, wobei Goodfellas für mich eindeutig die Nr. 1 bildet. Vielen Dank für die Erinnerung, den muss ich wirklich mal wieder anschauen, 9 Punkte hätte der bei mir aber auch.

12.11.2018 18:51 Uhr - NoCutsPlease
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Nubrito's way is always a good way!

12.11.2018 19:07 Uhr - Nubret
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Danke, ihr beiden!

13.11.2018 12:29 Uhr - Mr.Tourette
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Wiedermal wunderbar! In der UK gibts eine BluRay nur mit OV Ton, aber gibt ja vielleicht den einen oder anderen, der das bevorzugt. Zu einem guten Rotwein sag ich nicht nein.

13.11.2018 19:03 Uhr - Nubret
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Danke auch an Dich, Mr. Tourette!

Zu einem guten Rotwein sollte niemand nein sagen!

14.11.2018 17:25 Uhr - Pete_CHtoGB
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Hey mein Freund, wieder eine Review die meine Gedanken wiederspiegelt. Gut geschrieben und voller interessanren Infos. Bin schon gespannt was du uns als nächstes servierst. In diesem Sinne Danke du Telepath 😉

14.11.2018 18:11 Uhr - Nubret
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Thanks, Pete!

Und immer schön am Ball bleiben!

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