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Lords of Chaos

Herstellungsland:Großbritannien, Schweden, Norwegen (2018)
Standard-Freigabe:FSK keine Jugendfreigabe
Genre:Biographie, Drama, Krimi, Thriller,
Musikfilm
Alternativtitel:The Mayhem Story
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,78 (18 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Gewalt, Mord und brennende Kirchen kennzeichnen die die norwegische Black-Metal-Szene der 1990er-Jahre. Im Mittelpunkt des "Chaos" stehen Øystein "Euronymus" Aarseth, Mitgründer der legendären Band Mayhem und selbst ernannter Erfinder des "wahren norwegischen Black Metals" sowie Varg "Greven" Vikernes, ein Bekannter und Bandkollege auf der Suche nach Anerkennung in den Black-Metal-Kreisen. Was als Freundschaft zwischen den beiden jungen Musikern beginnt, endet mit einem blutigen Mord und prägt die Szene bis heute. (Studio Hamburg)

Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von fratze:

10. August 1993: Der Norweger Kristian... äääh, pardon, ich meinte natürlich Varg Vikernes tötet seinen einstigen Freund Øystein Aarseth mit 23 Messerstichen. Der Grund: Øystein schuldet ihm Geld aus Plattenverkäufen... obwohl, nein, das wäre doch ein sehr dürftiges Mordmotiv... ach ja, das war's: Er ist Kommunist und obendrein noch ein mongolenstämmiger Lappe, was Varg als strammer Nazi selbstredend nicht dulden kann! ... nein, das ist auch nicht gut... wie wär's damit: Er hatte einen Plan geschmiedet, Varg umzubringen, daher war das quasi ein unumgänglicher Präventivschlag von Varg! ... nee, irgendwas fehlt da immer noch... genau, jetzt hab ich's: Øystein hat Varg angegriffen, also hat Varg ganz eindeutig in Notwehr gehandelt... dreiundzwanzig mal... äääähm... ja!

Rückblende: 1983 formiert Øystein Aarseth aka. Euronymous die Band Mayhem, mit der er einen eigenen Musikstil begründet: TRVE NORWEGIAN BLACK METAL! Während die Vorläufer dieses Subgenres, gemeinhin als erste Welle des Black Metal bezeichnet, keinen einheitlichen Musikstil pflegten und aus den Bereichen des Heavy, Thrash, Speed und Death Metal kamen, stellten Mayhem mit ihrem unverkennbaren Sound die Blaupause dessen, was man noch heute als Black Metal kennt, und traten damit die zweite Welle los.

"Ihr seid kacke!"

Komplettiert wird die Formation 1988 nach einigen Demos und diversen Besetzungswechseln vom Schweden Per Yngwe Ohlin, Rufname Pelle, jedoch genannt: Dead! Dieser bekleidet bis 1991 den Posten des Sängers, scheidet dann jedoch auf eigene Initiative gleichsam aus der Band wie aus dem Leben - mit einer Ladung Schrot ins Gehirn. Und das bereits drei Jahre vor Kurt Cobain. Als Euronymous ihn findet, knipst er zunächst einige Fotos von der Leiche und sammelt dann einige Schädelsplitter auf, um Amulette für seine Bandkollegen daraus zu basteln. Dies hat zur Folge, dass Bassist Necrobutcher die Band verlässt und Mayhem somit erstmal - bzw. mal wieder - auf Eis liegt.

Irgendwann zwischen Deads Einstieg und seinem Suizid kommt es zur ersten Begegnung zwischen Euronymous und Varg, der damals tatsächlich noch Kristian heißt. Er ist eine Art Hang-Around der sich um Euronymous und Mayhem formierenden Black-Metal-Szene und wird zunächst als Poser und Mitläufer belächelt - bis er Euronymous ein Demo seiner eigenen Band Burzum zur Hörprobe übergibt. Euronymous ist so beeindruckt, dass er ihn bei seinem Label Deathlike Silence unter Vertrag nimmt und ihn in den sogenannten Schwarzen Zirkel, den harten Kern der Szene, einführt. Angetrieben von der Ideologie des Zirkels, die Euronymous predigt, sowie seiner eigenen paganistischen Rückbesinnungsbestrebungen zündet Varg schließlich die eine oder andere Kirche an und katapultiert sich damit an die Spitze der satanistischen Bewegung - sehr zum Leidwesen ihres einstigen Begründers Euronymous. Alsbald schlägt die Freundschaft der beiden um in Rivalität, Missgunst und Paranoia, was letztlich im Mord an Euronymous gipfelt.

"Scorpions?"

1998 brachten die Autoren Michael Moynihan und Didrik Søderlind das Sachbuch "Lords of Chaos" heraus, das sich u.a. zentral mit den Ereignissen rund um Mayhem, Burzum und deren Protagonisten befasste und diverse Interviews mit damals Beteiligten enthielt. Zwanzig Jahre später wurden diese Begebenheiten unter demselben Titel von Regisseur Jonas Åkerlund verfilmt. Åkerlund, der zuvor vorrangig Musikvideos drehte und dessen Vita sich liest wie ein Who-is-Who internationaler Rock- und Pop-Größen des letzten Vierteljahrhunderts (u.a.: Roxette, The Prodigy, Metallica, Madonna, Jamiroquai, Ozzy Osbourne, U2, Macy Gray, Paul McCartney, Rammstein, Britney Spears, The Rolling Stones, Lady Gaga, David Guetta...), war 1983 für ein Jahr Schlagzeuger der Proto-Black-Metal-Band Bathory und hatte entsprechend (Anm.: zumindest losen) Kontakt in die Szene und zu Euronymous.

Entsprechend wird der Film vorrangig aus der Ich-Perspektive von Euronymous erzählt. Deutlich merkt man hier die positive Rolle, die ihm dabei zugedacht wurde. Das Publikum, das hier rezipiert werden soll, kann man sich vorstellen: Metalheads im mittleren Alter, die die Ereignisse damals durch die internationale Presse verfolgten, so dass hier eine hohe Identifikation mit den personae dramatis erfolgt. Tatsächlich erkennt man hier aber bestimmt vieles ganz unabhängig davon, ob man damals Teil der Szene war oder nicht, aus dem eigenen Lebenslauf wieder: Saufen, feiern, Jugendrebellion, auf alles und jeden scheißen und die Gesellschaft mit dem eigenen diffusen, unausgegorenen Weltbild anprangern - eine Phase, die wohl so ziemlich jeder in seiner Jugend mal durchgemacht hat. Das schafft Sympathie, das hält die Leute bei der Stange - bis zu dem Zeitpunkt, wenn sich die psychischen Extreme der Black-Metal-Kids zeigen. Selbstverstümmelung während einer Live-Show ist da noch das harmloseste, was nachfolgend passiert. Ab dann geht es für solche Zuschauer, die mit der Szene nichts am Hut haben oder hatten, vermutlich höchstens aufgrund einer morbiden Faszination weiter im Text.

"Hör auf zu lächeln! Du versaust das Make-Up!"

Zunehmend wird klar, dass wir es hier nicht mit irgendwelchen Schuljungen zu tun haben, sondern mit einigen doch recht verwirrten Geistern. Allen voran Euronymous, der sich selbst als eine Art Sektenführer zu stilisieren versucht, während nach und nach deutlich wird, dass er im tiefsten Grunde nur ein Aufmerksamkeit heischender, kleiner Junge ist. Die insgesamt sehr düstere und brutale Inszenierung des Films wird immer wieder unterbrochen von Szenen, in denen der Junge Øystein durchkommt und Momente der Verletzlichkeit zeigt, etwa als er sich die Haare schwarz färbt und seine kleine Schwester fragt, ob er jetzt böse sei, oder als er seine Eltern besucht und im Rentierpulli mit seinem Vater auf der Couch fernsieht, die Beine auf dessen Schoß abgelegt. Demgegenüber stehen die Szenen, in denen er sich als das Urböse persönlich, quasi der Charles Manson der Szene aufspielt, etwa als er nach der Brandstiftung an der Fantoft-Stabskirche zu Varg meint, es sei gut, dass er ihn inspiriert habe, oder als er nach Bård "Faust" Eithuns verübten Mord seinen Anhängern gegenüber behauptet, Faust und er hätten darüber philosophiert, wie es wohl wäre, jemanden zu erstechen. Faust, damals Schlagzeuger bei der Band Emperor, tötete 1992 in Lillehammer den Homosexuellen Magne Andreassen mit 37 Messerstichen, was im Film sehr eindringlich dargestellt wird.

Die Beweggründe für die jeweiligen Taten werden dabei relativ plakativ inszeniert: Faust etwa hängt den ganzen Tag in Euronymous' Plattenladen Helvete (>norweg.: "Hölle") rum und guckt Splatterfilme - wobei hier ausgerechnet auch noch beispielhaft "Tanz der Teufel" und "Braindead" ausgewählt wurden, um seine emotionale Abstumpfung zu veranschaulichen. Vargs Motivation hingegen scheint etwas tiefer zu schürfen, ist jedoch nicht minder plakativ: Sucht er anfangs noch die Anerkennung von Euronymous und der Szene, verselbständigt sich sein Handeln zunehmends, er wird zu einer Art Frankensteins Monster, das sich im Endeffekt gegen seinen Schöpfer wendet. Mit der ersten Brandstiftung wird er letztlich aber auch zum einzig konsequent handelnden Akteur der jungen Black-Metal-Szene, während sich die anderen mit Provokationen und geringfügigem Vandalismus begnügen, und auch später scheint er der einzige zu sein, der von der antichristlichen Ideologie überzeugt ist.

"Unsere abgefuckten Phantasien hatten sich in noch abgefucktere Realität verwandelt."

Ein harscher Kritikpunkt am Film bzw. an dessen Regisseur ist, dass dem Charakter des Euronymous hier zu starke Sympathien zugeschrieben werden, obgleich der wahre Euronymous relativ menschenverachtend gewesen sein soll. In Teilen stimmt diese Kritik natürlich: Euronymous bzw. Øystein ist hier eindeutig der positiv besetzte Protagonist, was Åkerlund auch ganz unumwunden zugibt und somit den Tenor des zugrunde liegenden Sachbuches kontrastiert, in welchem Autor Moynihan eine allzu deutliche Vernarrtheit in Vikernes und dessen Taten durchschimmern lies (Anm.: Moynihan galt damals noch als Schriftsteller der Neuen Rechten). Dazu ist zu sagen, dass Euronymous seinem Verhalten zufolge kein großer Menschenfreund gewesen sein kann, etwa dass er tatsächlich die Fotos von Deads Leiche machte, um sie später zu verwenden (Anm.: er realisierte es zu Lebzeiten nie, doch fand ein Foto vom toten Dead letztlich doch den Weg auf eine Mayhem-Veröffentlichung: das berüchtigte Bootleg "Dawn of the Black Hearts").  Allerdings ist ebenso anzumerken, dass dieser im Film dargestellte Positivismus Euronymous' Imageproblem ziemlich klar hervorhebt: Er will böse sein, er will Satanist sein, er will Anführer der Szene sein und bezeichnet alle anderen als "Poser"- er bleibt jedoch im tieftsten Grunde Businessman und versucht lediglich sein Produkt zu vermarkten. Die größte Offenbarung seinerseits passiert in einem wendehalsigen Gespräch mit Varg, als Euronymous ihm gegenüber zugibt, dass seine gesamte Art, sein ganzes Auftreten nur dazu dient, Mayhem bekannt zu machen und kommerziell voranzubringen - was zeigt, dass im Grunde er selbst der größte Poser von allen ist.

Die schauspielerischen Leistungen bewegen sich auf recht hohem Niveau. Rory Culkin (Anm.: ja genau, der kleine Bruder von Macaulay) veranschaulicht hier den Euronymous und dessen Konflikt zwischen infernalischem Szeneführer und verletzlichem Jungen sehr beeindruckend. Emory Cohen als Varg wirkt zunächst wie die Rolle eines klassischen Mitläufers, jedoch zunehmend diabolischer, allerdings in einigen Szenen wiederum unbeholfen, tappsig und trottelig. Gerade letzteres war durchaus von Åkerlund beabsichtigt, als Seitenhieb nämlich auf den Vorlagengeber dieser Figur - zusätzlich zu dem Geniestreich, die Rolle des Nazis ausgerechnet mit einem jüdischen Schauspieler zu besetzen (Anm.: Die Reaktion des echten Vikernes auf den Film war entsprechend negativ, er zeigte sich in zwölf (!) Clips auf seinem Youtube-Channel u.a. sehr echauffiert über die "völlig falsche Darstellung" seiner Person durch den "fetten Judenjungen"; ansonsten betonte er zwölfmal sehr deutlich, wie egal ihm der Film sei). Jack Kilmer, Sohn von Val Kilmer, als Dead versteht es brilliant, dessen Depressionen und Autoagressionen zu vermitteln, hierbei am intensivsten natürlich bei dessen Suizid. Valter Skarsgård, Sohn von Stellan ("Thor", "Nymphomaniac" u.a.) und Bruder von Bill ("Es" I und II), gibt den Faust, und das auf eine furchterregend ausdruckslose Art (Anm.: in diesem Falle durchaus positiv zu verstehen).

"Bist du ein Kämpfer für die Sache oder ein beschissener Rockstar? Denn du kannst nicht beides sein!"

Die Nebencharaktere wurden ebenfalls gut besetzt, auch wenn sie teilweise etwas hinten über fallen. Anthony de la Torra als Mayhem-Trommler Hellhammer etwa fällt besonders dadurch auf, dass er nach außen möglichst böse auftritt, sich aber lieber mit Ausreden aus der Affäre zieht, wenn z.B. Varg und Euronymous über weitere Brandstiftungen reden. Sam Coleman, zuvor gesehen als stummer Psychopath Bud in "Leatherface" (2017), spielt hier als Metalion den getreuen Lakaien und Stammfotografen von Euronymous und Mayhem. Ein wenig unbeleuchtet bleiben die Figuren des Darkthrone-Schlagzeugers Fenriz (Andrew Lavelle), den man im Film, da er namentlich nie genannt wird, nur an einem Anhänger um seinen Hals erkennt, des Occultus (Lucian Charles Collier), des Blackthorn (Wilson Gonzales Ochsenknecht - ja, wirklich!), der im Abspann gar nur als "Vargs Fahrer" bezeichnet wird, weil der echte Snorre Ruch nicht mit dem Film in Verbindung gebracht werden wollte, und des Dead-Nachfolgers am Mayhem-Gesang Attila Csihar, der nur in einer kurzen Sequenz von Studio-Aufnahmen zu Mayhems "De Mysteriis Dom Sathanas" auftaucht und von dessen Sohn Arion Csihar gespielt wird - welcher dabei aber zumindest optisch genauso aussieht wie sein Vater damals. Die dubioseste Figur des Films ist allerdings die der Ann-Marit, gespielt von der Sängerin Sky Ferreira. Diese wurde tatsächlich frei erfunden, soll aber einigen Aussagen Beteiligter zufolge auf einer realen Person basieren. In dem Zusammenhang, in welchem sie hier auftaucht, soll es zwischen Euronymous und Varg nämlich zusätzlich zu den sonstigen Spannungen auch noch um eine Frauengeschichte gegangen sein. Diese weitere unbestätigte Anekdote wird von Ann-Marit verkörpert, tatsächlich relevant für die Handlung ist sie aber eigentlich nicht. Böse Zungen würden vielleicht sogar behaupten, dass sie nur als Eye-Candy mit in den Cast aufgenommen wurde.

Was allerdings wahrlich gar nicht hätte sein müssen, ist der anglizistische Anklang er Sprache des Films. Okay, die Hauptdarsteller sind allesamt englischsprachig, und so kann man als Zuschauer wohl Aussagen wie "Ich schulde das Geld meiner Mom" noch auf den O-Ton des Films schieben und dafür eher Geschluder in der deutschen Synchro monieren - warum aber ein Norweger einem anderen Norweger einen Brief auf Englisch schreiben sollte, so wie Euronymous es an Varg gegen Ende des Films macht, verschließt sich letztlich wohl jedermann.

"Möchte jemand Tee?"

Inwieweit der Film also für bare Münze genommen werden kann, sei einfach mal dahingestellt. Weitgehend basiert er auf Interviews mit den beteiligten Personen, wie etwa Varg, Euronymous (Anm.: Interview mit dem Kerrang Magazine), Faust u.a.; natürlich dienen besonders die Aussagen der Protagonisten aus Moynihans Sachbuch als Grundlage, eine weitere Quelle war laut Aussagen der Darsteller die Doku "Until the Light takes Us" von Aaron Aites und Audrey Ewell. Außerdem stand Åkerlund in regem Kontakt mit Aarseths Eltern und hatte Einsicht in den Polizeibericht über die Ereignisse vom 10. August '93, was in einigen sehr detailreichen Szenen am Ende des Films gipfelt, welche einem vielleicht erst nach mehrmaliger Sichtung auffallen. Zudem waren Euronymous und Mayhem sowie auch Varg und der sonstige schwarze Zirkel schon damals sehr gut darin, sich selbst in Szene zu setzen und zu dokumentieren, was sich im Film u.a. in den Nachstellungen diverser bekannter Fotos von damals niederschlägt.  Dem gegenüber nimmt sich das Drehbuch jedoch auch so einige Freiheiten heraus: Jan Axel Blomberg alias Hellhammer etwa stieg erst nach Dead bei Mayhem ein und nicht wie im Film dargestellt vor ihm; die Brandstiftungen sind so wie gezeigt kaum belegbar (Anm.: Varg brennt hier z.B. eindeutig die Fantoft-Kirche nieder - ob dies wirklich so war, konnte ihm jedoch nie nachgewiesen werden);  schließlich die Szene, als Euronymous ermordet wird, ist sehr spekulativ gehalten - was sehr wahrscheinlich daran liegt, dass der einzige anwesende Zeuge - Varg Vikernes - seine Aussage zum damaligen Geschehen über die Jahre hinweg diverse Male abgeändert hat (Anm.: s. Einleitung). Entsprechend ist dem Film die Prämisse vorangestellt:

based on truth, lies and what really happened

 

Fazit:

Kein Film der jüngeren Zeit hat mich so sehr beschäftigt wie "Lords of Chaos". Mittlerweile habe ich ihn so an die sechs, sieben mal gesehen, immer wieder aufs Neue bin ich fasziniert, beeindruckt, begeistert, erschüttert, und bei jeder Sichtung entdeckte ich neue Details, neue Facetten, neue Eindrücke. Natürlich waren mir als Metal-Hörer die Ereignisse von damals in ihren Grundzügen bekannt (Anm.: auch wenn ich zu dem Zeitpunkt erst 11 Jahre alt war), doch habe ich sie angestachelt durch den Film nun nochmals aufgefrischt und zudem deutlich vertieft. U.a. habe ich mir die Doku "Until the Light takes Us" angesehen, einige Interviews mit Jonas Åkerlund, Rory Culkin und Emory Cohen gesichtet sowie einige Reviews gelesen/gesehen (Anm.: besonders sehenswert finde ich die Video-Reviewreihe auf dem Youtube-Kanal Krachmucker TV, die mir nochmals einige neue Sichtweisen auf den Film bescherte). Selten hatte bislang ein Film eine solch nachhaltige Wirkung auf mich und forderte eine so akribische nachträgliche Beschäftigung. Entsprechend ist der Aufbau dieser Kritik, die anfangs eigentlich noch ganz gut strukturiert war, vielleicht nach und nach etwas sprunghaft geraten, da ich während der ganzen Zeit, die ich nun schon daran arbeite, durch meine Aufarbeitungsmaßnahmen sowie die diversen Sichtungen immer mehr Aspekte aufgegriffen, andere verworfen und bestimmt auch vieles, was ich eigentlich sonst noch schreiben wollte, wieder vergessen habe.

Was bleibt also abschließend zu sagen? "Lords of Chaos" ist ein wahres Ungetüm, eine Grätsche zwischen True-Crime-Biopic, Charakterstudie, Jugend-Drama und Horrorthriller, und sogar einige komödiantische Momente sind nicht zu verleugnen. Dabei werden die Protagonisten z.T. recht gnadenlos dekonstruiert und entmystifiziert, was vielleicht die angepeilte Zielgruppe abschrecken und/oder zu negativen Stimmen bewegen könnte. Zudem spielt die Musik nur eine sehr untergeordnete Rolle, was insofern erstaunt, dass es im Kern ja um eine Band und ihren Leader geht. Dazu ist zu sagen: Dies ist - entgegen der obigen Genre-Zuschreibung - eindeutig kein (!) Musikfilm, und er wurde von den Verantwortlichen auch nie so betitelt oder beworben. Stattdessen wird hier die Radikalisierung einer Szene bzw. einiger ihrer Protagonisten nachgezeichnet, gewissermaßen ihr Aufstieg und Niedergang, deren Begründer den Geistern, die er rief, letzten Endes zum Opfer fiel. Und in seiner unvollkommenen Art zwischen detaillierter Aufarbeitung, reiner Spekulation und künstlerischer Freiheit ist "Lords of Chaos" unterm Strich letztlich eines: Ein echt beeindruckender Film!

"Poser!"

10/10
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Kommentare

05.04.2021 08:51 Uhr - dicker Hund
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Epische Kritik mit jeder Menge interessanten Hintergrundinformationen. Auch mir hat "Lords of Chaos" gefallen und Nachhall bereitet. Ich wäre punktemäßig irgendwo im oberen Drittel.

05.04.2021 09:55 Uhr - sonyericssohn
1x
Moderator
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Mit 10 Punkten bin ich auch dabei. Is zwar ein Film für den man (ich) in passender Stimmung sein sollte, aber der packt dich von Beginn an.
Und ich stimme Hund zu, mega Kritik zu einem Werk das im Kopf bleibt. Irgendwann muss eine zweite Sichtung her.

05.04.2021 12:02 Uhr - Intofilms
1x
Brillante Vorstellung! Den Film habe ich tatsächlich immer noch nicht gesehen. Irgendetwas hält mich hartnäckig davon ab. Varg mit Frankensteins Monster zu vergleichen, finde ich sehr gut. Ich glaube, er ist der größte Poser von allen. Die ersten Alben bis zu seiner Inhaftierung sind allerdings vollkommen einzigartig. Und so war er eben auch ein genialer Musiker. So langsam beginne ich übrigens, mich davon loszulösen. Ganz wird es mir wohl nie gelingen. Aber es wird doch schwächer.

05.04.2021 12:53 Uhr - tp_industries
1x
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Ohja, ein wirklich garstiger Film.
Gerade die beiden Morde und der Selbstmord gehen, in ihrer nüchtern/brutalen Darstellung, an die Nieren.
Hier wurde wirklich ein hochgradig unangenehmer, wie faszinierender Streifen geschaffen.
Bei 10 Punkten wäre ich zwar nicht, aber mit starken 9 Punkten bin ich dabei.

Deine Kritik ist mindestens so gut wie der Film. Danke dafür!

05.04.2021 15:26 Uhr - Fratze
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Meinen allerinfernalischsten Dank euch allen 😈🤘

Freut mich, dass der Film auch bei euch so hoch im Kurs steht. Ich war echt unentschlossen, ob ich wirklich eine 10 geben sollte, da ich ja doch ein paar kleine Kritikpunkte hatte. Letztendlich hat mich der Film aber derartig begeistert und wie beschrieben noch so nachhaltig gewirkt, dass keine niedrigere Wertung in Frage kam. Und schön, dass euch meine drei oder zwei Gedanken, die ich mir dazu gemacht und hier mal eben hingerotzt habe, auch zusagen 😁

05.04.2021 22:30 Uhr - TheRealAsh
1x
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Wow, wirklich gut recherchierte und leidenschaftliche Review zu einem sehr guten Film, ich bin hier auch dabei :-)

05.04.2021 23:33 Uhr - Lukas
1x
Sehr gelungene Review zu einem Film, der schon lange auf meiner Einkaufsliste steht und den ich mir sicher irgendwann zulegen werde, auch wenn ich nur wenig bis nichts mit Metal anfangen kann; ein viel größeres Kompliment für den Film kann es insofern kaum geben. :-)

06.04.2021 00:43 Uhr - The Machinist
1x
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Boah, da ist aber ordentlich Herzblut deinerseits geflossen! Den Film habe ich bislang einmal gesehen und wollte eigentlich auch noch darüber schreiben. Ich wäre bei 8 Punkten.

06.04.2021 01:07 Uhr - Dissection78
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Ganz hervorragend, Fratze! Die mörderischen Ereignisse hatte ich damals durch die Lektüre diverser Musikzeitschriften mitbekommen, das umstrittene Buch von Michael Moynihan und Didrik Søderlind später mehrfach gelesen. Zufälligerweise hörte ich gestern und heute einige Sachen von Moynihans Band Blood Axis, die musikalisch jedoch eine komplett andere Schiene fährt, ideologisch aber gleichfalls reichlich kontrovers ist.

Irgendwie ist es mir bislang noch nicht gelungen, den Film zu sehen, obwohl ich durchaus überraschend positive Stimmen aus der 'Szene' vernahm. Das wird sich in absehbarer Zeit ändern. Ich bin gespannt. Schade nur, dass meine Lieblinge von Darkthrone anscheinend ausschließlich am Rande auftauchen. Doch andererseits ist das nachvollziehbar, da sie sich größtenteils aus dem ganzen Mist raushielten.

06.04.2021 02:34 Uhr - Fratze
2x
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Und nochmals vielen Dank allerseits, das sind ja echt tolle Reaktionen hier, freu mich ^^

@Into/Lukas/Dissection: Uneingeschränkte Empfehlung meinerseits, holt den unbedingt nach. Da bin ich ja auch neugierig auf eure Urteile.

@Ash/Machinist: Ja, das war seit langem mal wieder ein Film, der echt "Herzblut" erfordert hat beim drüber Schreiben. Dabei bin ich gar nicht mal so sehr black-metal-affin, komme ja eher aus der Punkrock-Ecke (wobei es da m.E. durchaus Parallelen gibt), aber die Geschichte kennt man halt, und mich fasziniert so was schon seit langem immer wieder. Zudem finde ich, man merkt auch, dass der Film eine Herzensangelegenheit von Åkerlund war.

@Dissection: Mit Blood Axis hab ich mich noch nicht auseinandergesetzt... aber das allermeiste, was Moynihan gemacht, geschrieben oder sonst so von sich gegeben hat, ist ja wohl ziemlich kontrovers gewesen. In den letzten Jahren, hab ich irgendwo gelesen, soll er dementgegen wohl etwas gemäßigter unterwegs sein, aber ob das zutrifft, weiß wohl letztlich nur er selber.
Was Darkthrone angeht, fand ich "Until the Light takes Us" tatsächlich eine ganz gute Ergänzung zu "Lords of Chaos", dann versteht man vielleicht auch, warum Fenriz da so stiefmütterlich behandelt wird (er sagt in "UtLtU" ja u.a., dass es ihm selbst immer nur um die Musik ging, während sich Varg z.B. irgendwann immer mehr auf Politik/Ideologie konzentriert hat).

06.04.2021 12:59 Uhr - Necron
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Hammer Review, ein echtes Herzblut Projekt, genau so muss es sein :)

Der Film steht schon sehr lange auf meiner Liste, scheitert immer nur daran, das ich dafür wohl in der richtigen Stimmung sein muss. Das ist ja ganz offensichtlich ein sehr spezieller Nischen Film mit intensiver Stimmung. ;)

Eine Doku über die Ereignisse fand ich vor einiger Zeit bereits sehr faszinierend, auch wenn das sehr spezielle Musik Genre jetzt nicht so wirklich meins ist.


06.04.2021 15:20 Uhr - Fratze
1x
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Erstaunlich, es gibt diesen Film betreffend offenbar nur zwei Kategorien von Menschen: die, die ihn gut bis sehr gut finden und die, die ihn noch nicht gesehen haben 😆 Nach Murphy's Law müsste jetzt eigentlich als nächstes jemand kommentieren, der den Film scheiße findet (wobei allerdings Murphy's Law nie greift, wenn man versucht es anzuwenden).

@Necron: Auch dir nochmal danke für dein Feedback 😁

17.12.2021 11:35 Uhr - SierreHenry82
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Ich kann dem Film auch nur eine 10/10 geben. Der hat bei mir nachgewirkt und mich länger beschäftigt. Und sowas passiert bei mir so intensiv wirklich sehr selten.
Auch wenn einige Dinge fernab der Wahrheit entsprechen, so wie es scheint und daher der Herr Vikernes auch zurecht, sehr angepisst ist. Kann der Film ja im Grunde nichts dafür.
Daher bleibe ich bei meiner Wertung

Zusätzlich möchte ich jedem der den Film mag, ans Herz legen, sich unbedingt das gleichnamige Buch durchzulesen und unbedingt auch die Dokumentation: "Until The Light Takes Us" zu schauen

Sehr gut geschriebene Review! Respekt!

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