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Martyrium

(Originaltitel: Calvaire)
Herstellungsland:Belgien, Frankreich, Luxemburg (2004)
Standard-Freigabe:FSK keine Jugendfreigabe
Genre:Horror, Drama, Thriller
Alternativtitel:Calvaire - Tortur des Wahnsinns
Bewertung unserer Besucher:
Note: 6,28 (18 Stimmen) Details
inhalt:
Als der sich auf dem absteigenden Ast seiner Karriere befindliche zweitklassige Entertainer Marc Stevens durch eine Autopanne in einem abgelegenen Waldstück gezwungen ist in der heruntergekommenen Absteige eines gewissen Bartel zu übernachten nimmt das Unheil für Ihn seinen Lauf. Sehr bald muss er nämlich erkennen, das die Bewohner der Umgebung und des Dorfes allesamt, sowie auch Bartel sehr seltsame Wesenszüge an den Tag legen. Alsbald befindet er sich in der Gefangenschaft des anfänglich hilfsbereit scheinenden Bartel. Da dieser für Marc eine ganz besondere Rolle auserkoren hat beginnt für den Sänger eine Zeit unglaublicher psychischer wie physischer Gewalttätigkeit, Grausamkeit und Folter.
eine kritik von kokoloko:

Calvaire

Ein noch recht jung aussehender, leicht femininer Mann schminkt sich im Spiegel für die Bühne, summt ein wenig vor sich hin, im langen, ruhigen Shot sind im Hintergrund leise das Rauschen des Baches sowie das Zirpen der Grillen zu vernehmen. MARC STEVENS führt für ein rein aus Senioren bestehendes Publikum seine harmlosen, aber herzlichen Popsongs auf, mit Weihnachtsbaum auf der Bühne, bevor mit einem "Merry Christmas" und unter begeistertem Applaus das Abschminken beginnt, Marc wieder alleine in der Kabine ist, den Annäherungsversuch einer älteren Dame ablehnt und sich schließlich aufmacht, auf einer Weihnachtsparty zu spielen. Er wirkt beliebt und charismatisch, aber einsam und baldschon verloren in der tristen Landschaft des südlichen Frankreichs/Belgiens. "Marc, I'm going to miss you" sagt eine hübsche, trauernde Dame zum Abschied, Hauptdarsteller Laurent Lucas selber sieht ein wenig aus wie ein junger Sam Neill. Durch das Auslassen von Dialog und Musik und dicken Nebel kommt nun schnell Atmosphäre im wäldlichen Nichts auf, bis natürlich der Van nicht mehr starten will und sich glücklicherweise ein junger Mann namens Boris findet, der im endlosen Regen seinen Hund sucht.
Nach einem kurzen Gespräch geht es dann auf zur nächsten Herberge, wo leicht komisches Verhalten und ein rauer Umgangston nach etwa 17 Minuten Laufzeit schon auffallen - der Mechaniker ist aber leider ausgelastet, demnach lädt Gasthofbesitzer Bartel zum Übernachten ein und schaut sich den Wagen zudem selber an. Einzige Bedingung - "Don't go in the village", die Menschen dort seien wohl nicht so gastfreundlich, weird. Kaum ist Marc weg, durchsucht Bartel allzu gründlich den Van und beschließt somit das erste Viertel dieses bis dato recht stringent aufgebauten Films, der mit guten Darstellungen und schicken Bildern zu punkten weiß.

Das Bartel, der nette Gastwirt/vereinsamte Hinterwäldler die intimen Fotos von Marcs vollbusiger Frau einsteckt, ist dabei nicht als inciting incident zu sehen, durchaus aber als erste Grenzüberschreitung die klar macht, dass es hier nicht friedlich und konfrontationsfrei bleiben dürfte. Zudem darf Marc sowie der Zuschauer verstört feststellen, dass der Mangel an Frauen sich auch negativ auf die armen Schweine auswirkt, die versuchen in einer naheliegenden Krippe ihr dasein zu fristen. Etwas Backstory-Dialog klärt auf, dass Bartel von seiner Frau Gloria verlassen wurde und sie früher Sängerin war, er Clown/Comedian auf der Bühne. Nach einer halben Stunde und einem halbgaren Witz soll Marc sich nun mit einem Song revangieren und schlägt sich bravourös, schöner Chanson in diesem sonst eher düsteren Film mit galligem schwarzhumorigem Anschlag, die Fotos werden jedoch nicht angesprochen. Zum nun erreichten Bergfest des Films, 45 von 90 Minuten, wird die Isolations bzw. Gefangenschaft endgültig aufgebaut und der Van zerstört, Marc in misslicher Lage, trotzdem hätte der Film, ganz ohne opening kills oder sonstige blutige Szenen, echt eine FSK 12-Fingerübung sein können, die kaum Story, und dafür einiges an Atmospgäre bietet. (Vielleicht sollte man die paar Sekunden der nicht explizit gezeigten Sodomie dann trotzdem rauslassen, aber ihr wisst was ich meine.)

Und weiter will ich dann auch schon nicht nacherzählen, denn dass uner Hauptprotagonist in eine missliche Lage mitten im Nichts kommt war klar und auch dass er im Laufe des Films dann die auf dem deutschen Cover sowie im Originaltitel implizierte Erlöserhaltung einnimmt, doch was genau es mit den Animositäten und Motiven auf sich hat, wieso vor dem Dorf gewarnt wurde und wie der Fluchtversuch läuft, das lasse ich mal lieber offen - die Entdeckung nämlich lohnt sich imo nicht zwangsläufig so sehr für die Spannungskurve, sehr wohl aber für die bloße Atmosphäre, das schonungslose Szenario an sich und eine absolut grandios absurde Tanzszene mit Pianomusik, in der ein nett beleuchteter Weihnachtsbaum noch für Zuckerstangen sorgt. Anyway, die Philosophie des Films wandelt bzw enttarnt sich wortwörtlich von "being enthusiastic" zu "being stubborn" und demnach geradlinig verlaufen auch die Handlungen und bleiben die Verhältnisse eine ganze Zeit lang, bevor mir dann auffällt dass die sonst sehr starke Tartan DVD mit O-Ton und Subs, übersetzten Schriftzügen, einem gruseligen Untermenü mit lautem Stöhnen ohne Bild dazu und einem vierseitigen Inlay mit Kapitelnamen und einem kleinen Text über den Film, auf dem Backcovertext doch einen Tippfehler hat da hier von 98 Minuten Film die Rede ist, es aber 89 Minuten sind, abzüglich des Abspanns 84 nur, weshalb wir uns schon kurz vorm Finale befinden müssten.

Dieses bricht dann auch mit lachendem Wahnsinn, desorientierenden Schnitten und wunderbar flirrenden Macroaufnahmen sowie belastendem Sounddesign auf den Zuschauer herein und macht zudem in einer ziemlich intensiven und unrerträglichen Szene klar, dass Gaspar Noé und Fabrice du Welz den selben Kameramann besetzt haben. Chaos & Ohnmacht eines mit Handkamera eindrucksvoll inszenierten Ansturms dominieren jedenfalls und erinnern an das legendäre enfant terrible des farnzösischen Kinos, gar an sein neuestes Meisterwerk, "Climax", bevor die weiten Flächen und die hoffnungslose Landschaft schließlich auflösen und den Zuschauer durchaus vebrlüfft und fertig zurück.

Fabrice du Welz wirkt im Interview wie ein junger, aufgeregter Regisseur mit einer klaren Vision und definitiven Vorbildern und seine Referenzen und Anlehnungen an zahlreiche Genreklassiker sind teils recht offensichtlich, da es aber auch von diesen referenzreichen Titeln bereits etliche gibt, aber ich mich tatsächlich am ehesten an "Timber Falls" erinnert gefühlt, nur europäischer weniger generisch. Was du Welz nämlich auch macht, ist nicht nur seinen Meistern Tribut zollen, sondern auch bewusst einigen Genrekonventionen und Klischees aus dem Weg zu gehen, die es sonst so sehr im gerade amerikanischen Horrorfilm zu sehen gibt - keine nervigen Teenies, keine Frauencharaktere, kein final girl oder opening kill, keine kultigen One-Liner, größtenteils keine Musik. Eine Offenbarung oder so spannend ist das rein formal 2019 nicht mehr, duch die kompetente Inszenierung, die starken Bilder, das überzeugende Schauspiel, die Konsequenz und Kürze des Films klappt es aber trotzdem, sticht im Genregros heraus und kann zudem einige Weihnachtspunkte sowie Dialoge für sich verbuchen. Kein Meisterwerk, aber ein super Langfilmdebüt eines interessanten Regisseurs, dessen weitere Filme ich auch sehen will.
7/10 und 3/5 Zuckerstangen

7/10
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Kommentare

08.12.2019 20:42 Uhr - sonyericssohn
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Hm, einerseits klingt das Vehikel hier schon interessant. Aber irgendwie auch abschreckend.
Jedenfalls danke fürs vorstellen...ist vermerkt ;-)

10.12.2019 08:44 Uhr - (sic)ness_666
Moderator
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Ein toller Terrorfilm, der zwischen zwischen den anderen Beitragen der französischen "Härtewelle" leider unterging. Review/Kritik passt auch soweit.
Allerdings wirkt es schon befremdlich wenn du Zitate eines französisch/belgischen Filmes in Englisch wiedergibst. Warum das?
Ich bin zwar der englischen Sprache alles andere als ohnmächtig, aber das Verwenden der englischen Floskeln stört, meiner Meinung nach auch den Lesefluss. Kann man bspw. nicht einfach "aufhetzender oder aufrüttelnder Zwischenfall" schreiben statt "inciting incident" ? Ich weiß nicht ob das "anerkannte" Fachsprache/-jargon ist, aber für den normalen Leser und selbst mich als einer der sich auch schon etwas mehr mit Produktion und Dramaturgie etc. befasst hat, mindern solche Unterbrecher im Text den Lesespaß. Was schade ist, da ich deine Filmwahl mag und mich deine Meinung/Kritik immer sehr interessiert.

Nichtsdestototz: Danke für die Review :-)

10.12.2019 14:00 Uhr - kokoloko
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Die Zitate kamen daher, dass mein französisches Sprachverständnis nicht ausreicht für Dialogzitate und ich nunmal die UK-DVD geguckt habe, mit französischem Originalton und englischen Untertiteln. ;) Das "inciting incident" ist allerdings in der Tat ein facheigener Begriff der Dramaturgienlehre: "The inciting incident is an episode, plot point or event that hooks the reader into the story. This particular moment is when an event thrusts the protagonist into the main action of the story. Screenwriting guru Syd Field describes it as 'setting the story in motion'."


10.12.2019 15:14 Uhr - (sic)ness_666
Moderator
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Na wenn ich im Englischen nach der Definition schaue ist mir klar, dass da (wer hätte es gedacht?) ein englischer Begriff kommt. Doch da gibt es auch einen deutschen Begriff für. Und der heißt "erregendes Moment". Der kam sicher auch mal im Deutschunterricht dran, wenn "Hamlet" und Co. behandelt wird. ;-)
Der "inciting incident" war auch nur ein Beispiel meinerseits zur Erklärung. Mir ist ja bewusst, dass sich Begriffe wie bspw. "Foreshadowing" und jegliche Form von "Cuts" sich standardisiert haben in der Filmsprache. Aber wenn du jedes Element was du anspricht mit einem englischem Begriff oder Floskel beschreibst (zu denen es deutsche Pendants gibt) klingt das für mich eher wie eine Unterhaltung in einem Jugendclub der Hauptschule. Ich kann mir vorstellen, dass die Begriffe für dich zwar geläufig sind (weil du wahrscheinlich viele englischsprachige Beiträge anschaust), aber wenn du eine Review auf Deutsch verfasst, wäre es doch sehr sinnvoll die Elemente die du besprichst auch in dieser Sprache zu verfassen, oder? Denn die bilden schon ein wichtigen Bestandteil. Und wenn dir der deutsche Fachbegriff nicht geläufig ist, reißt dir hier keiner den Kopf ab. Kaum einer schmeißt hier mit den Lehrbuchbegriffen um sich. ;-)

11.12.2019 14:08 Uhr - kokoloko
2x
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Fair genug, Siccie, fair genug. "Erregendes Moment" kam in der Tat schon vor, in meinen stark von englischen Reviews geprägten Kritiken mache ich es mir in der Tat oft leicht mit meinen Anglizismen, nicht googeln oder umformulieren zu müssen. Ich werde zukünftig ein kritischeres Auge drauf werfen, wenn es deutsche Entsprechungen mit identischer Definition gibt, aber von foreshadowing, sleaze, planting und payoff, final girls und POV-shots wird man wohl noch öfter lesen.^^

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