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Die Schwestern des Bösen

Originaltitel: Sisters

Herstellungsland:USA (1972)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Horror, Thriller, Mystery
Alternativtitel:Blood Sisters
Sisters - Die Schwestern des Bösen
Sisters - Schwestern des Bösen
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,17 (18 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Dominique und Daniele wurden als siamesische Zwillinge geboren. Als Daniele sich in ihren Arzt verliebt, will sie ihre Schwester loswerden. Der Arzt löst das Problem auf eigene Art und Dominique stirbt bei dem zweifelhaften Eingriff. Daniele's Psyche ist nach diesem Eingriff gespalten - und damit wird sie zum lebensgefährlichen Albtraum für ihre männlichen Partner. Immer dann, wenn es intim wird, richtet Daniele ihre Opfer mit einem Fleischermesser. Als die Reporterin Grace Zeuge eines solchen Mordes wird, die Polizei aber keinerlei Spuren entdecken kann, geht die Psycho-Folter erst richtig los. (Screentime VHS-Cover)

Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von le samouraï:

"What the Devil hath joined together let no man cut asunder..."

 

Brian De Palmas SISTERS (Die Schwestern des Bösen, 1973) eignet sich hervorragend im Hinblick auf die feministische Filmtheorie - ähnlich wie die späteren Erotikthriller Dressed To Kill (1980) und Body Double (1984). Der wiederholte Vorwurf, Gewalt gegen Frauen zu zelebrieren - in Body Double gar als Karikatur seiner selbst mit einem überdimensionierten elektrischen Bohrer, der durch den Boden ins tiefere Stockwerk gräbt, sein Opfer zu Tode penetriert - resultiert in der Beschuldigung der Misogynie. Exhibitionismus, Voyeurismus und (pervertierte) Hitchcock-Zitate begleiten seither leitmotivisch sein Oeuvre.

Wenn man sich die Parallelen zu Hitchcock klarmacht, d. h. die Fortführung seiner filmischen Tradition, lassen sich ausmachen: die Manipulationsmechanismen des Zuschauers, der geführte Kamerablick, die Kamera als eigentliches Erzählinstrument, das uns das Wesentliche schon in seinen Bewegungen und Fokussierungen näherbringt. Brian De Palma, möchte man sagen, übernimmt zahlreiche dieser Techniken, macht sie sich zu eigen und kreiert doch etwas ganz Autonomes. In vielerlei Hinsicht wagt De Palma sich sogar weiter als der master of suspense, der noch so manche Obszönität auf der Leinwand wegen strengerer Zensurauflagen in geschickter Montage umgehen musste (1). SISTERS bewegt sich in Anbetracht seines Gewaltgrades nämlich eher auf dem Niveau jenes spezifisch italienischen Psychothrillers, der um eine mysteriöse Mordserie kreist, dem Giallo (2).

Die ambitionierte Reporterin Grace Collier (Jennifer Salt, Co-Producer/Writer von American Horror Story) beobachtet im gegenüber liegenden Wohnhaus in Staten Island - ganz im Stil von Rear Window (1954) - einen bestialischen Mord, begangen vom frankokanadischen Model Danielle Breton (Margot Kidder, Black Christmas, 1974). Als die Polizei ankommt, ist die Leiche verschwunden. Weitere Nachforschungen ergeben, dass Danielle zuvor von ihrem siamesischen Zwilling Dominique getrennt wurde...

Weibliche Dopplungen, die Eine ist heiter-besonnen und friedliebend, die Andere geheimnisvoll-introvertiert mit einem Hang zum Psychotischen (evil twin, dark double). Sigmund Freud macht in seinem Essay über "Das Unheimliche" (1919) deutlich, dass Wiederholungen ein- und desselben grundsätzlich un-heimlich seien, changierend zwischen dem Vertrauten und Unvertrauten. Solche Irritationen entstünden aus dem Betrachten von Doppel- bzw. Wiedergängern der gleichen Person oder auch multiplizierten Gegenständen. Das Zwillingsphänomen ist somit eine Variation dieses Unbehagens (3). Hitchcock übersetzt in Filmen wie Psycho (1960) die Allgegenwart des dualen Prinzips;  die Schwestern Marion/Lila Crane und die dissoziative Identität von Norman Bates/Mother, in Vertigo (1956) die illusorische Dopplung Madeleine/Judy. De Palma findet hierfür auch eine plausible visuelle Metapher, den split screen.

Das Banale und der schiere Wahnsinn. Aufmerksam verfolgt die Kamera, wie zwei rote Tabletten den Abfluss des Waschbeckens hinunterrollen. Es ist ein unscheinbares Versehen, das eine Kette von Ereignissen in Gang setzt: der Kauf einer Geburtstagstorte, Danielle windet sich vor Übelkeit auf dem Boden des Badezimmers (4). In dieser brillanten Parallelmontage entfaltet sich im Hitchcock'schen Sinne suspense, denn der Zuschauer weiß mehr als die Handelnden und kann einen bösen Ausgang vorausahnen. Bernard Herrmanns (später für De Palma als Komponist von Obsession, 1976) Score schwingt unheilvoll mit, erst sanft einlullend, dann im absoluten Fieberwahn in die Höhen peitschend. Der Entzug der Medizin also, hier ein Katalysator für Raserei und einer Verwirrung der Persönlichkeiten in Danielle. Das Nachspiel des deliriösen Mordes an ihrem 'love interest' Phillip (Lisle Wilson) organisiert De Palma sehr ökonomisch im split screen; zwei Blickwinkel, eine Augenzeugin. Schaffen es Danielle und ihr Ex-Mann Emil (William Finley), den toten Körper zu verstecken, bevor Grace mit den Police Officers eintrifft? Intensive Spannungsmomente.

Ein weiteres Highlight gegen Ende des Films spielt sich in der psychiatrischen Klinik ab, wo die forsche Grace - selbst eine emanzipierte, ja investigative Journalistin - der Wahrheit auf der Spur ist. Prompt wird sie von Emil entdeckt und als Patientin eingewiesen. Durch Medikamente ruhiggestellt, beginnt er eine Hypnose an ihr: "There was no body because there was no murder" lautet die repetitive Phrase, die Grace gewissermaßen imprägniert bekommt. In der folgenden Traumsequenz - im avantgardistischen S/W gehalten - lernen wir die Backstory der Blanchion-Schwestern kennen. Grace tritt anstelle der bei der Operation verstorbenen Dominique. Im wahrsten Sinne träumt sie also den Traum einer Anderen, um dann traumatisiert schreiend aufzuwachen. Was für ein Trip ins Unterbewusstsein! Offenkundig inspiriert durch die Traumsequenz aus Roman Polańskis Rosemary's Baby (1968).

Conclusio: SISTERS Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen wäre ein Fehlschluss, zumal die drei zentralen handelnden Figuren unterschiedliche weibliche Rollentypen darstellen. Grace Collier ist eine konfrontative Autorin, die sich in ihren Kolumnen offen gegen Polizeigewalt und Rassismus ausspricht. Danielle/Dominique dagegen artikulieren eine Trennung zwischen Körper und Geist. Die ernüchternde Auflösung unterstreicht Brian De Palmas erzählerischen Feinsinn, der sich hier schon vollends entfaltet. Für ihn ist es ein erster kreativer Erfolg, der den Weg zu kanonisierten Meisterwerken wie Carrie (1976) und Blow Out (1981) ebnete. 

 

Anmerkungen:

(1) Man denke beispielsweise an To Catch a Thief (1955), wo die erotische Anziehungskraft zwischen Grace Kelly und Cary Grant wörtlich explodiert, wenn Feuerwerkskörper vor dem Fenster in die Luft gehen. Weitaus freizügiger und sexualisiert in seinen Mordszenen ist Frenzy (1972), der vier Jahre nach Abschaffung des Production Codes entstand.

(2) Popularisiert durch Dario Argentos Frühwerk, lief das Genre zu Beginn der Siebziger-Jahre zur Hochform auf. Auf dem schmalen Grat zwischen crime fiction und Horror erweist es sich als enorm wandlungsfähig, was genre transgressors wie Malastrana (1971) oder Le Orme (1975) eindrucksvoll bezeugen.

(3) Ein weiterer Aspekt ist die Unschlüssigkeit darüber, ob es sich bei einer Puppe um ein belebtes Objekt handelt oder nicht (vgl. die Figur der Olimpia in E. T. A. Hoffmanns "Sandmann").

(4) Interessant hier ist die Ähnlichkeit zu einer Szene in David Cronenbergs Rabid (1977), in der die Protagonistin - gespielt von Marilyn Chambers -, mit den Symptomen eines Tollwutvirus auf dem Fußboden zu kämpfen hat. Rabid eignet sich ebenso, mit dem Modell der monstrous feminine (Barbara Creed) im Horrorfilm gedeutet zu werden.

Veröffentlichungen auf blu-ray von Arrow Video (2014/2017) und Criterion mit neuem 4K-Transfer (2018).

8/10
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Kommentare

02.01.2020 23:38 Uhr - dicker Hund
2x
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Den habe ich schon seit dem ebenfalls starken Review von NCP auf dem Radar. Muss aber angesichts dieser wohlformulierten Mahnung bekennen, den noch immer nicht nachgeholt zu haben.

03.01.2020 09:02 Uhr - Dissection78
3x
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Deine Rezension ist eine Wucht! Gefällt mir ausgesprochen gut. De Palmas hier besprochenes Thriller-Frühwerk gefällt mir ebenso. Zwar roher sowie vielleicht holpriger und etwas unausgereifter als spätere, gestalterische Meisterstücke à la "Carrie", "Obsession", "Dressed to Kill", "Blow Out" oder "Body Double", doch dafür hat "Sisters" m. E. dieses spezielle Low-Budget-Grindhouse-Flair, das es mir des Öfteren so angetan hat. Super Film.

03.01.2020 13:07 Uhr - Lukas
1x
Wirklich exzellente, analytisch starke Review zu einem Film, den ich (glaub ich zumindest ;-)) noch nicht gesehen, aber nun allen Grund habe, dies nachzuholen!

03.01.2020 16:38 Uhr - le Samouraï
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03.01.2020 17:08 Uhr - le Samouraï
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03.01.2020 17:15 Uhr - cecil b
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Ein gutes Beispiel dafür, dass eine Review mit Spoilern sehr wertvoll sein kann. Danke dafür!

Film: Geht unter die Haut!

Kommentarfunktionion: Müsste wieder klappen. :)

P.S.: Klappt offensichtlich wieder. ;)

03.01.2020 20:01 Uhr - le Samouraï
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Danke euch für die tollen Rückmeldungen.

@ Dissection78: Genau dieser bizarre Grindhouse/Arthaus-Flair macht m. E. "Sisters" aus. Unverkennbar De Palma. Finde es großartig, dass er hier so geschätzt ist. :D

Und bevor ich es vergesse: Frohes neues Jahr an alle!!

03.01.2020 20:34 Uhr - DriesVanHegen
2x
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Habe die olle DVD von Epix vor knapp 10 Jahren gekauft und zu der Zeit erst- und bisher auch letztmalig geschaut.
Ich war zu der Zeit glaube noch nicht reif genug für den Film und kenne bis heute leider noch viel zu wenig aus de Palmas Schaffenswerk, aber der spannungsfördernde Einsatz des Splitscreen ist mir im Gedächtnis geblieben.
Ein famos geschriebener Reminder, um den mal wieder in den Player zu schieben.

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