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Der Leuchtturm

(Originaltitel: The Lighthouse)
Herstellungsland:Kanada, USA (2019)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Horror, Drama, Fantasy
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,79 (14 Stimmen) Details
inhalt:
Ein entlegener Leuchtturm-Außenposten an der Küste Neuenglands wird zum Schauplatz eines archaischen Duells zweier dem Wahnsinn nahen Männer. Thomas Wake (Willem Dafoe) und Efraim Winslow (Robert Pattinson) werden auf eine einsame Insel gesandt, um eine marode Leuchtturmanlage zu warten und in Betrieb zu halten. Zur Zeit der Jahrhundertwende an der rauen Atlantikküste ist das eine wichtige Aufgabe, die sich mehr und mehr in einen Überlebenskampf verwandelt. Die zwei extrem unterschiedlichen Charaktere prallen ungebremst aufeinander und als ein nicht enden wollender Sturm über sie hinwegzieht, wird aus psychologischen Sticheleien schon bald ein brutaler Nervenkrieg.
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von velvetk:

Aber natürlich. Es liegt doch auf der Hand. Wohin sollte man sonst flüchten...? Weiter weg und entlegener geht es nun wirklich nicht, ohne auch noch den letzten, schon rissigen Faden zur Zivilisation endgültig zu kappen - obwohl man während dieses Films eine beständige Spannung an diesem dünnen und unter Spannung stehenden Faden verspürt. 

Ein Leuchtturm auf einer kleinen Insel. 

Ende des 19. Jahrhunderts verschlägt es die beiden Männer Thomas Wake (Willem Dafoe) und Ephraim Winslow (Robert Pattinson) zur gemeinsamen und für etwa vier Wochen angedachten Schicht in einen Leuchtturm an der Küste Maines. Der ältere und eigenartig humpelnde Wake bestimmt recht schnell die Aufgabenverteilung und erteilt sich selbst den angenehmeren Part bezüglich des Lichts am Leuchtturm und der täglichen Küche unter Dach. Darüber hinaus darf nur Wake gewisse und stets verriegelte Teile des Leuchtturms, wie etwa die mysteriös spiegelnde Spitze, betreten. Auch für den meist verschlossenen Schreibtisch, wo sich eine Art offizielles Tagebuch befindet, hat nur Wake einen altgedienten Schlüssel. Der mürrische und passiv erscheinende Winslow, der ziemlich schnell von schmerzenden Visionen, euphorischen Ängsten und wiederkehrenden Alpträumen geplagt wird, und obendrein von Wake für die reichlich anstehende Drecksarbeit abkommandiert wird, schmeckt das mit der voranschreitenden Zeit überhaupt nicht. Es kommt zu zickig hallenden Anspannungen wegen Kleinigkeiten, köstlichen Fehltritten und Winslow lässt sich das stete Schikanieren von Wake alsbald nicht mehr ohne Parade gefallen. Es kommt vermehrt zu teils nichtig wirkenden Streitereien und die brüchige, männliche Schale trifft auf vielerlei Mythen, Sagen und Überlieferungen, auf Ängste und einen andauernden, heftigen Sturm, der den irgendwann übersteuerten Aufenthalt der beiden bärtigen Männer deutlich strapaziert. Tosender Wind, karges Land, prasselndes Wasser und schroffe Felsen soweit das Auge reicht.

Zugegeben: Ich war bisher kein großer Fan von The VVitch aus dem Jahr 2015. Regisseur und Autor Robert Eggers - den man nun definitiv im Auge behalten sollte - lieferte mit seinem unglaublich dichten Debut ein diesem Meisterwerk vorauseilenden Film ab, der schlicht kein gruppentaugliches Vergnügen ist. Ich habe The VVitch damals in einer wenig geduldigen Runde geschaut, die wohl eher etwas in Richtung Insidious oder The Conjuring erwartet hatte. Dementsprechend fiel das Urteil unter der angesäuselten Gruppendynamik eher mäßig aus. Rückblickend ein Fehler. Ich bin froh, dass ein paar ungewöhnliche Ecken und ziemliche schräge Einfälle bei mir hängen geblieben sind und so erwies sich The VVitch neuerlich - ganz allein im abgedunkelten Heimkino - als sprödes, eigensinniges und fahl schneidendes Highlight, dem aber noch der finstere Humor von Der Leuchtturm fehlt. Ganz recht; The VVitch zeigte schon nachdrücklich unter Vorbehalt, wo die Reise mit Eggers einmal hingehen sollte und der noch junge Regisseur zementiert nun mit seinem herausragenden zweiten Langfilm ein galliges Fundament, dass mich richtig umgehauen hat - hier drücke ich die Daumen, dass Eggers weiterhin auf kreativ vertrackte und im Endeffekt höchst wirkungsvolle Filme setzt, und sich nicht von seelenlos glatten Großproduktionen ködern lässt.

Der Leuchtturm ist ein gleichermaßen wohltuendes, vereinnahmendes und anstrengendes Kammerspiel mit zwei überragend agierenden Hauptdarstellern - überhaupt gibt es im Film kaum weitere Figuren, sieht man einmal von ein paar kurz aus dem Bild laufenden Silhouetten am Anfang und einem geheimnisvollen, schrill kreischenden wie verlockend erregenden Fischweib ab. Dabei ist die archaisch zerfurchte Geschichte als solche nicht eindeutig zu werten, handelt es sich bei Eggers Fabel-Vermengung um einen unklaren Batzen Metakino mit vielen möglichen Ansätzen und sich widersprechenden Richtungen - im Grunde ist das Rätsel abseits des faszinierenden Weges nicht von vordergründiger Bedeutung. Robert Eggers und sein Bruder Max legten die Story dieses Films rätselhaft, verschroben und trächtig von ehrfurchtvollen Legenden längst vergangener Zeiten an. Hier treffen wahre Begebenheiten auf verhärtete, übernatürliche Überlieferungen. Der Leuchtturm ist Märchen, Tatsache und Mahnmal, Ekstase und Oase während eines selben Atemzuges - und gelacht werden darf auch wenigstens einmal, als Winslow eines Morgens die randvollen Bettpfannen an der Klippe entlang trägt und diese letztlich in den peitschend nassen Wind kippt. Herrlich. Eggers versteht es wie lange kein Autorenfilmer physische und psychische Schmerzebenen zu bündeln und wahrt sich dennoch eine natürliche, stoppelige und ungeschminkte Schönheit. Nach und nach wird aus der ohnehin schon wenig idyllischen Sphäre am Rande einer neuen Welt ein Alptraum innerhalb eines wahrhaftigen Sturmes, der sowohl außerhalb der Behausung, als auch zwischen den beiden Männern tobt, die im Grunde gar nicht so verschieden sind, wie es zunächst scheint - oft sind es nur unscheinbaren Narben und die verstrichene Lebenszeit, die hinter dem einen oder anderen liegt, mehr nicht.

Damit ist Der Leuchtturm zum einen ein latent aggressiver Film über das unabwendbare, chronische Zusammensein mit all seinen belastenden Tücken, provozierten Untiefen und berauschten, überheblichen Momenten. Ein unausweichlicher und von Alkohol getränkter Budenkollaps. Zum anderen ist Der Leuchtturm ein extrem zehrendes, dramaturgisch forderndes Experiment mit all seinen nahtlos einsetzenden Traumsequenzen, den fieberhaften Orgasmen (und Einbildungen). Was ist wahr? Was gedacht? Wunsch- oder Alptraum? Es bleibt angenehm unklar - ich denke, der urbane und immerzu schmerzvoll grinsende Film lässt sich vor allem dann am besten genießen, braucht man nicht auf jede angedeutete Regung einen krachenden Konter, auf jede vielleicht irrtümlich laut gedachte Frage eine befriedigende Antwort. Ein Leuchtturm am Rande des zivilisierten Lebens. Aber natürlich. Doch Thomas Wake und Ephraim Winslow finden trotz wenig ausgespielter Sympathien für den anderen kurz zueinander, auch wenn sie dabei dann total besoffen und ziemlich laut lallend sind. Plötzlich platzen all die nach Läuterung gierenden Emotionen aus Winslow, der sich nüchtern dann doch eher schweigsam dahin müht. Plötzlich erscheint aufopfernde Nähe nicht unmöglich. Es liegt doch auf der Hand. Wohin sollte man sonst flüchten? Beide Männer haben - wie alle Menschen zwischen Flut, Ebbe und den Wassern der Existenz - ihre Geheimnisse. Und Geheimnisse machen andere im besten Fall immer neugierig. Ein Schlüssel derer, nicht? 

Die dröhnenden und belastenden Geräusche des signalisierenden Leuchtturms, klirrende und brechende Scherben, aus Gefäßen schießendes Blut, umherkreisende und schreiende Möwen, die warnende Sirene, berstende Körper, das unentwegt sonore Ticken einer Uhr, Körperflüssigkeiten, die im gleißenden Höhepunkt von oben nach unten tropfen, manch im Ungemach suchende Stille und die zumeist stürmische See im Rücken - das mal subtile, mal brachiale Sounddesign mit seinen spärlichen Passagen im Soundtrack macht einen Großteil der aufreibenden Atmosphäre aus. Egal ob reißendes Fleisch, welches von Vögeln aus einem menschlichen Körper gepickt wird oder der fegende Sturm - Der Leuchtturm ist ein Paradies für jene, die einen situativen, im richtigen Moment aufschreienden und dann und wann leise verendenden Raumklang zu schätzen wissen. Neben dem fabelhaften Sound, begeistert die faserig kalkulierte und gekörnte Bildgestaltung und das faszinierende Lichtbildnis mit all seinen Huldigungen an eine wagnisreiche Zeit, die gut hundert Jahre zurück liegt, nur ohne Blitzer und Risse, übermäßiges Rauschen oder der Zeit geschuldeten Bildfehler. Kameramann Jarin Blaschke erweist sich nach The VVitch erneut als intim beobachtender Virtuose der Winkel und Blicke im gekrümmten Bruch einer Kameralinse. Es ist - wie schon bei The VVitch - nicht nur das ungewöhnliche und mehr denn je quadratisch anmutende Bildformat, sondern vor allem die Entsättigung hinsichtlich natürlicher Farben und einer lichten Wärme. Nach The Lighthouse fiel es umso leichter, The VVitch komplett in schwarz-weiß zu schauen - nur zu, es wirkt, dreht man den Farbregler auf 0. Audiovisuell ist Der Leuchtturm ein schimmernder Augenschmaus. Hier spürt man in jedem Frame etwas, was sich kaum noch, weit ab von flutenden CGI-Orgien und bemüht abgespulten Plansequenzen in der Filmlandschaft findet - kernige, ästhetisch bedachte und frontal obsessive Magie mit irrwitzigen Perspektiven und einem mittendrin-Gefühl für eine unangenehm beengte, gezwungen intime Szenerie. Die Effekte in Der Leuchtturm sind tatsächlich nur als solche vorhanden und kein dauerhaft bestimmendes Element. Ob des visuellen Ansatzes geriet ich öfters in Staunen und ich fragte mich mehrfach; Wie haben die das gemacht? Hat man auf die manchmal unerbittliche und grollende Natur in all ihrer Kraft einfach gewartet? Ist das digital eingefügt, nachbearbeitet oder doch von Hand in Miniatur hergerichtet? Die Illusion. Der Leuchtturm ist grandios in jeder Hinsicht und des Zauberers Tricks aufgrund des altertümlichen Bildformats nicht offensichtlich. 

Willem Dafoe und Robert Pattinson. Keiner der beiden Akteure konnte hierfür eine Nominierung für den Oscar einheimsen, was im Angesicht der starken Konkurrenz zwar verschmerzbar, aber doch ein wenig schade ist. Von Dafoe ist man kaum etwas anderes gewohnt. Seine Darbietungen sind je nach Film immer sehenswert, hier und da eben absolut preisverdächtig. Sein breit und althergebracht akzentuierter Thomas Wake ist eine weitere, exotische Paraderolle für den renommierten Schauspieler und er gibt wirklich alles, um seine über all die Jahre verfeinerten Trademarks auszuspielen. Auf eine arrogante, furzende und verbittert-schelmische Weise ist das Platin und mir fällt niemand anderes ein, der das hätte so stark und ehrfürchtig schultern können. Robert Pattinson hat nicht erst mit diesem Film sein einst so unpassendes und auch irgendwie lästiges Posterboy-Image ablegen können - er ist ein überlegter Könner des Schauspiels und verschwindet mühelos mit seinem herrlich üppigen Schnurrbart, dem fies nachtragenden und Wut schürenden Grinsen in der Rolle des Ephraim Winslow. Die aufheulende und sich teils sanft beharkende Zusammenkunft von Dafoe und Pattinson ist großartiges Kino innerhalb inszenatorischer Formvollendung - beindruckend. 

Der Leuchtturm ist bisweilen ausufernd grotesk, aufgestaut reizend und gegenseitig unterwürfig, unangenehm windig und abstoßend, poetisch stolzierend und beschämend-frivol, unverständlich murmelnd und doch klar der Erlösung des gegenwärtigen Alptraums zugeneigt, teils urkomisch und augenzwinkernd eklig. Doch in erster Linie ist dieser visionäre Film rasend aufrichtiges Kino, das sich selbst nicht aufgeben würde, koste es was wolle. Schuldig der Schuld willen. Bis der Faden reißt und der Tod im Gewand einer antiken Tragödie den Abspann einläutet.

Wohin sollte man sonst flüchten...? 
Ein Leuchtturm.

8/10
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Kommentare

25.01.2020 08:10 Uhr - Charlie Bronson
1x
Ich konnte das Review erstmal nur kurz überfliegen aber trotzdem danke für den Tipp. Ich habe im letzten Jahr zwei Leuchtturm-Filme gesehen. "Keepers" und "The Light between Oceans", zwei unterschiedliche Genres, aber beide haben mir sehr zugesagt. Das einsame Setting hat schon was.

25.01.2020 10:03 Uhr - VelvetK
User-Level von VelvetK 5
Erfahrungspunkte von VelvetK 372
Gerne geschehen. Wenn dir der ordentliche Keepers gefällt, wird dir der Film hier ganz zusagen.

25.01.2020 18:36 Uhr - Cabal666
1x
User-Level von Cabal666 7
Erfahrungspunkte von Cabal666 716
Absolut großartiges Review zu einem großartigen Film!
Du gehst auf jeden wichtigen Aspekt ein, dabei sehr ins Detail und widmest dich auch möglichen Interpretationen der Geschichte, das alles dazu in sehr ausgefallenen und unterhaltsamen Formulierungen. Um dein Schreibtalent beneide ich dich echt!
Freut mich auch, dass dir der Film ebenfalls sehr gefallen hat.

25.01.2020 20:16 Uhr - VelvetK
1x
User-Level von VelvetK 5
Erfahrungspunkte von VelvetK 372
Danke, Cabal. Das ist ein wirklich sehr schönes Kompliment, gerade weil ich nach dem Schreiben meines Textes feststellen musste, dass sich unsere beiden Reviews in manchen Punkten derart ähneln, dass ich an einigen Ecken nochmal nachfeilte und einige Dinge umschmiss :-) Doch im Grunde bestätigt das nur, dass Der Leuchtturm einfach großartiges und abseitiges Kino ist, das man gar nicht anders sehen und ausschließlich lieben kann - irgendwie.

Ich durfte den Film zweimal auf der großen Leinwand sehen und schwanke noch, ob nicht eine 9 eher passt. Spätestens mit der schon jetzt herbeigesehnten Blu-Ray im Juni wird sich das zeigen.

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