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The Tree of Life

Herstellungsland:USA (2011)
Genre:Drama, Fantasy
Bewertung unserer Besucher:
Note: 5,77 (13 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Jack wächst in den 60er-Jahren im mittleren Westen der USA als ältester von drei Brüdern auf. Vordergründig scheint die Welt in Ordnung. Alles geht seinen gewohnten Gang, jeder hat seinen Platz in der Gesellschaft. Der sonntägliche Kirchgang gehört ebenso zum festen Ritual wie die gemeinsamen Mahlzeiten im Kreis der Familie. Aber der kleine Jack sieht die Risse in der Fassade. Wie seine Mutter hat er die Fähigkeit, mit der Seele zu sehen und dadurch Liebe und Empathie zu entwickeln. Sein Vater hingegen predigt dem Kind, unnachgiebig für die eigenen Interessen zu kämpfen. Er will ihn stärken für das "richtige, feindliche Leben". Jack ist hin- und hergerissen zwischen seinen Eltern und ihren Idealen. Als er im Laufe seiner Kindheit mit Krankheit, Leid und Tod konfrontiert wird, verdüstert sich seine heile Kinderwelt und erscheint ihm immer mehr als undurchdringliches Labyrinth. In der modernen Welt fühlt sich der erwachsene Jack als verlorene Seele, ständig auf der Suche nach dem großen Plan, der im Wandel der Zeit unveränderbar bleibt und in dem jeder seinen festen Platz hat. Ein tiefgreifendes Ereignis führt ihn schließlich zu einer wunderbaren Erkenntnis... (Concorde)

eine kritik von le samouraï:

Meditationen über das Leben. Die Geburt des Universums. The dawn of creation.  Ein Hymnus des Lebens.

"Where were you when I laid the foundations of the Earth? ...
When the morning stars sang together, 
and all the sons of God shouted for joy?"  
(Buch Hiob)

Man kann nicht jeden Film mit den gleichen Maßstäben bewerten. Doch was der reguläre Kinogänger und Filmeschauer erwartet ist klassisches Erzählkino. Was Viele nicht begreifen: Nicht jeder Film bedient klassisches Erzählkino. Mit dieser falschen Erwartungshaltung kann man sich Einiges verderben. Dieses Unverständnis, ich möchte sagen, diese Ignoranz gegenüber Film als Kunstform ist allgegenwärtig. Sehr deutlich im Falle von The Tree of Life aus dem Jahr 2011. Terrence Malick, mit seiner singulären Arbeitsweise, hat das Medium Film wie kein Zweiter unserer Zeit revolutioniert.  Und niemand scheint davon Notiz zu nehmen - Alle schau(t)en Inception oder Interstellar. Das ist massenwirksames Unterhaltungskino, das sich den geringen Ansprüchen eines bequemen Publikums beugt. Tree of Life jedoch geht deutlich darüber hinaus. Es ist weniger ein Film als ein universales kosmisches Ereignis. Diese Ambition ist in jeder Sekunde des Films spürbar; lebensbejahend, verspielt, versöhnlich, wunderschön. Zu unkonventionell für die Academy Awards, gerade richtig für Cannes. So lassen sich Wahrnehmungsmodi klassifizieren. Kaum einem zeitgenössischen Regisseur würde man heute noch zumuten, ein solches Mammutwerk zu bebildern. 

Die Gesichte ist dabei ein zutiefst intimes Sujet: die Kindheit in den texanischen Vororten der 1950er - zwischen der nährenden Mutter (Jessica Chastain) und dem oft tyrannischen Vater (Brad Pitt). Die US-amerikanische Kernfamilie als Ausgangspunkt einer Zeit und Raum sprengenden Chronik: Malick geht an die äußersten Grenzen menschlicher Erfahrung, die in einem unvergleichlichen Gedankenstrom festgehalten ist: Wunder, Liebe, Trauer, Schmerz in dynamischer Montage. Emmanuel Lubezkis immersive Kameraführung ist der Inbegriff des Staunens. Selbst an die Entstehung des Lebens auf der Erde wagt sie sich; ein mysteriöses flackerndes Licht stellt Anfang und Ende heraus. Visuell sind Parallelen zu Kubricks SF-Meilenstein 2001: A Space Odyssey (1968) augenscheinlich, zumal special effects supervisor Douglas Trumbull an beiden Werken beteiligt war - auch an einen gewissen Underground-Künstler, Stan Brakhage (!) mag man denken. Die Bilder gebären im wahrsten Sinne das Universum aus sich heraus; Lavafontänen und Eruptionen, das Erkalten der Erdoberfläche, vom Einzeller zum Mehrzeller, Jäger und Beute. 140 Minuten lang werden wir Zeuge dieses unnachgiebigen Schauspiels aus Schöpfung und Entwicklung.  

Malick ist aber keineswegs Ästhetizist, das muss seit Badlands (1973) klar sein. Andererseits formen sich diese Bilder auch nicht einer bloßen Aussage wegen. Das würde ihm nicht gerecht. The Tree of Life ist eine spirituelle Erfahrung, welche die Ideen von Religiosität transzendiert. Spirituell, d. h. den Glauben an eine extrasensorische Wirklichkeit betreffend. Das wird vor allem im sur-realen Schluss am Strand manifest, wo sich die Familie wieder-vereinigt. Eine mit Erinnerungen angereicherte Seelenlandschaft, von Wellen umspült, mit Spiegelungen im klaren Sand. 

Tree of Life ist einzigartiges Experimental-Kino, das bekanntlich geschulte Sehgewohnheiten bedarf. Für mich womöglich das  Meisterwerk der vergangenen Dekade. 

"...it's a cosmic-interior epic of vainglorious proportions, a rebuke to realism, a disavowal of irony and comedy, a meditation on memory, and a gasp of horror and awe at the mysterious inevitability of loving, and losing those we love"
- Peter Bradshaw, The Guardian
 
Zusatz: 
Das US-amerikanische Edel-label Criterion hat 2018 gemeinsam mit Terrence Malick und Emmanuel Lubezki einen Extended Cut mit knapp 190 Minuten Laufzeit veröffentlicht, der zusätzliches Filmmaterial zur Kinofassung enthält. Es handelt sich um eine neue 4K-Abtastung mit leicht abweichendem color grading. Für den internationalen Markt bleibt es wohl beim "Cannes Cut", der auch der ursprünglich intendierten Fassung von The Tree of Life entspricht. Zu empfehlen ist hierbei z. B. die britische Blu-ray von 20th Century Fox.

Klar kann man hier nicht von massenkompatiblem Kino sprechen. Aber das macht TREE OF LIFE auch so genial... so unfassbar mythisch. heilig. spirituell. Als würde in allen Dingen ein wacher Geist wohnen (Pantheismus). Und Lubezki dringt mit seiner Kamera ungehemmt in diese uns verborgene Ideenwelt ein. Ein Rausch. Das ewig Wahre.  Ein guter Kollege nannte es "betörenden Größenwahn". Das trifft es, finde ich, ganz gut. Bei Malick könnte Größenwahn kaum fruchtbarer, gesünder sein, large-scale megalomania. Andere Filmemacher scheitern an dieser kindlichen Naivität, versagen kläglich mit diesem Narzissmus.

Denn die Bezeichnung "Film" kann hier gar nicht mehr bemüht werden. TREE of LIFE ist der Inbegriff des Schöpferischen, des Künstlerischen. Nun mag einer das als "prätentiös aufgeblasen" schimpfen... das ist .... auch ok. Aber ihm gerecht wird das mitnichten.

10/10
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Kommentare

01.03.2020 21:46 Uhr - Intofilms
1x
Von mir auch mindestens 9 Punkte! Ein wirklich ungemein faszinierender Film, visuell und erzählerisch überwältigend. Bei mir stellten sich auch ziemlich schnell Assoziationen zu „2001“ ein. Wie dieser ist auch „Tree of Life“ im Grunde nichts als reine Metaphysik. Und ebenso in höchstem Maße kunstvoll. Auch dank der fantastischen Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki (ein Genie!), die „Tree of Life“ zum wahrscheinlich dreidimensionalsten 2D-Film aller Zeiten macht. Fazit: Ein Ausnahmewerk in allen Bereichen, das so unglaublich viel zu bieten hat. Man muss sich jedoch darauf einlassen können... Wunderbare Vorstellung, merci! ;)

06.03.2020 15:27 Uhr - Mr.Tourette
1x
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Nur weil Malick sich gerne im "non-narrativen" Kino suhlt, heißt das noch lange nicht, dass es große Kunst ist. Für mich grenzt es ein wenig an Überheblichkeit, was Malick produziert: "Seht her, ich der große Künstler mache große Kunst" ohne seinen Zuschauern irgendeinen Rahmen zu geben.

Genau da ist der Unterschied zwischen dem von mir geliebten Kubrick und seinen Werken und Herrn Malick. Der eine lädt seine Zuschauer zu einem Spiel ein, während der andere den Großteil des Publikums im künstlerischen Regen stehen lässt.

Mag dem einen oder anderen Gefallen. Ich bleibe lieber bei Kubrick :D

06.03.2020 19:33 Uhr - Taran
2x
Moderator
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Tolle Vorstellung! Ich bin auch gespannt was eine Neusichtung bringt, denn er hat sich mir irgendwie schon ins Gehirn gefressen. Mein erster Eindruck sah damals so aus:

Einerseits könnte man von einem bildgewaltigem, spirituell essentiellem, unvergleichlich schönem, erhabenen Film sprechen...andererseits von einem langatmigen, langweiligem, voller trivialen Kindheitserinnerungen vollgestopfter Brocken von Film! Wie so oft liegt die Wahrheit aber mal NICHT dazwischen, sondern es scheint beides gleichzeitig zu stimmen und sich im schlimmsten Fall gegenseitig aufzufressen.
Einerseits erzählt The Tree of Life in erinnerungsfetzenartigen Rückblenden das Leben einer Familie in den 60er Jahren mit Hauptaugenmerk auf den ältesten Sohn der Familie, da es seine Erinnerungen zu seien scheinen. Auf der anderen Seite wird seine Entwicklung den Wahrheiten und der Entstehung des Lebens gegenübergestellt was in seiner kryptischen Mystifizierung bei Erstsichtung nur schwer zu greifen und verstehen ist.
Die Stärken des Filmes liegen (zumindest bei meiner Erstsichtung) weniger auf der dramaturgischen Seite der Erzählstruktur, sondern eindeutig auf reiner optischen und auditiven Faszination der "Zwischensequenzen". Diese Bilder mit der grandiosen Musikuntermalung sind einfach extravagant und einzigartig, so was hab ich selten gesehen.
Die hochkarätigen Darsteller Brad Pitt, Sean Penn und Jessica Chastain schaffen es mit ihrem wundervollem Einsatz nicht immer gegen die Trivialität des Gezeigten anzukommen.
Ich für meinen Teil war zwar einerseits absolut überwältigt, aber oft auch einfach gelangweilt, beides in regelmäßiger Abwechslung. Sollten bei erneuter Sichtung (hinterher ist man ja immer etwas schlauer) die beiden unterschiedlichen Strukturen des Filmes ineinander übergreifen, sich ergänzen und zusammen harmonieren, könnte daraus vielleicht sogar erzählerisch ein Meisterwerk werden, welches es optisch sowieso schon ist, bis dahin bin ich jedoch eher zwiegespalten und aufgrund des Gedankens an die alternative Langversion, die nochmal fast 60min länger ist, eher im furchtsamen Fluchtmodus.

Eine abschließende Bewertung erscheint mir momentan nicht möglich, wie soll man das auch in einer Zahl ausdrücken...


07.03.2020 13:03 Uhr - le Samouraï
1x
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Erfahrungspunkte von le Samouraï 104
Danke für die Kommentare!

Ich denke, für TREE OF LIFE sollte man auch die Bereitschaft mitbringen, sich voll und ganz der Bilderflut hinzugeben. Andererseits bleibt das inhaltsleer und lässt einen völlig kalt. ;) Wie ich oben schon ausgeführt habe, zielt Malick auch gar nicht auf einen handfesten "Sinn" ab - im Vordergrund steht das Menschsein schlechthin.
Mit der richtigen Geisteshaltung nämlich wird der Film zum hyperrealen Happening. Am besten lässt sich das m. E. mit Tarkowskis "Spiegel" vergleichen, der ebenso zutiefst menschlich und zutiefst persönlich ist.

"The most personal is the most creative."

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