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Long Weekend - Tage der Furcht

(Originaltitel: Long Weekend)
Herstellungsland:Australien (1977)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Horror, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 6,45 (11 Stimmen) Details
inhalt:
Das Pärchen Peter (John Hargreaves) und Marcia (Briony Behets) fährt über ein Wochenende raus aus Sydney, um ungestört die Natur zu genießen. Doch kaum ist das Zelt aufgebaut, bemerken die beiden, dass die Natur rauer ist als erwartet. Ihr unangemessenes Verhalten tut ein übriges dazu, dass das Wochenende zum Horrortrip wird.
eine kritik von cecil b:

 

Filme gaukeln uns etwas vor. Dennoch kann diese Illusion unsere Gefühlswelt angenehm oder unangenehm beeinflussen. Dazu werden z. B. Monster, Mörder und übernatürliche Mächte erfunden. Was aber, wenn die Quelle der Angst, die die Figuren für uns verspüren, undeutlich ist? Das dargestellte Motiv für diese Angst ist doch manchmal besonders dann erschreckend, wenn es nicht verbrannt oder erschossen werden, oder man diesem nicht entkommen kann. LONG WEEKEND ist ein Paradebeispiel für einen Film, der so Dramatik erzeugt. Öko-Horror gehört zu seiner Grundstruktur, und, gefährliche Tiere kann man töten, aber, LONG WEEKEND begeht diesen einfachen Weg nicht. Ein Drama steht im Vordergrund, einen Horrorfilm würde ich LONG WEEKEND nicht nennen. 

Regisseur Colin Eggleston († 2002, Homicide, Cassandra) hat Everett De Roches (1946–2014, Razorback) interessantes Drehbuch zu LONG WEEKEND solide in Szene gesetzt. Dafür wurde er auf dem Sitges - Catalonian International Film Festival belohnt. Warum erwähne ich die Auszeichnungen meist, obwohl ich mich diesen gegenüber doch auch schon kritisch gegenüber geäußert habe? Sie weisen darauf hin, dass einige Cineasten auf eine außergewöhnliche Kunst aufmerksam geworden sind, und verhelfen den Künstlern dadurch dazu, erkannt und gefördert zu werden. Warum sollte man das nicht unterstützen, dass die Kunst so mehr Zuschauer bekommen kann? So hoffe ich, dass es mir auch als aufmerksamer Filmfan gelingt, LONG WEEKEND für manchen Freund der Filmkunst interessant zu machen. Und wer Filme, die vor mehr als dreißig Jahren gedreht worden sind, nicht so gerne sieht, kann es ja mal mit dem Remake von 2008 versuchen. 

 

 

 

Die Perspektiven auf das Geschehen wechseln zwischen den Sichtweisen der Protagonisten, das Paar ist vorerst praktisch als Gespann eine Figur. In einer Beziehung, in der man das Leben miteinander teilt, entsteht ein verantwortungsvoller Prozess. Die persönliche Entfaltung, auch die Zufriedenheit des Partners oder der Partnerin, spielen in der Regel eine Rolle. In LONG WEEKEND ist in diesem Kontext fast das komplette Einmaleins der Psychologie in Mimik, Dialogen und Gestik zu sehen. Das Paar scheint trotz kleiner Höhenflüge kaum noch Liebe zu spüren, die Erwartungshaltung an den jeweils anderen äußert sich in Schuldzuweisungen und Vorwürfen. Und bald fühlt es sich nicht mehr nur dieser Situation ausgeliefert, das Gefühl des Ausgeliefertseins findet im Dschungel unmittelbar statt. Die Angst vor der Un­ab­än­der­lich­keit, davor, dass der Traum eines gemeinsamen Lebens zerbricht, der Vergänglichkeit, wird auf das projiziert, was auch nicht zu kontrollieren ist: Die Wildnis. 

Der Beginn: Die Kamera (Vincent Monton: Disembodied Voices) ist lange auf ein gigantisches Gestein gerichtet. 

Zusammen mit der akustischen Begleitung eines wuchtigen Paukenschlags und einem kraftvollen Dröhnen, wirkt dieses Stück Natur dann gewaltig. Melancholische Geigen und einzelne Schläge auf den Tasten eines Piano stimmen schon gut eine tragische Entwicklung ein. Die Vogelperspektive zeigt die einzelnen Teile des Paares, die ihr dramatisches filmisches Kammerspiel im Dschungel vollenden werden, als kleine Wesenheiten, verloren in der Stadt.

Fernseher und Radios berichten von unerklärlichen Gewaltausbrüchen wilder Tiere gegenüber Menschen, das Paar ignoriert die Nachrichten. Die Ignoranz und die Schein­hei­lig­keit des Paares der Natur gegenüber, sie zieht sich durch den Film, spiegelt sich im Miteinander der Protagonisten wider, und schließt den Teufelskreis, in dem sich das Paar schon lange befindet, und der sich in aller Ruhe maximiert. Die Macht, die die Protagonisten über den jeweils anderen haben möchten, ist ein Schnitt ins eigene Fleisch. Und der Versuch, das zu kompensieren, indem das Verhalten den Tieren gegenüber um sie herum fragliche Formen annimmt, ist es auch. Besonders Peter glaubt, man muss einem wilden Tier manchmal nur gut zusprechen, und ein Leckerli anbieten, um es für sich zu gewinnen. Schmerzvoll wird er zurück in die Realität gebracht. Und ein paar liebe Gesten reichen auch nicht aus, um eine Beziehung zu kitten. Es ist unerklärlich, warum die in den Medien angesprochenen Tiere angreifen? Nun, es ist auch nur als Schwäche erklärlich, dass Peter die Freiheit der Natur genießt, indem er durch die Gegend ballert. Umso mehr sein Gewaltpotenzial zu erkennen ist, desto mehr Raum bekommt diese Figur dann auch. Und dass ein Tier stirbt, durch das Verschulden der Protagonisten, das passiert schon mal. Ist ärgerlich, ist ja aber 'nur' ein Tier. Ein verantwortungsvolles Verhalten ist von­nö­ten.

Beißende Tiere, Kadaver, züngelnde Schlangen, das wiederkehrende undefinierbare Gejaule und Geheule als hörbarer Anthropomorphismus, die Machtlosigkeit, keine guten Voraussetzungen, um eine Beziehung aufzuarbeiten. Und was ist, wenn die Seele so gepeinigt ist, dass dadurch die Wahrnehmung von der Umgebung verändert wird? Der reinste Horror. Psychischer Natur, die die Fan­ta­sie­vor­stel­lung puscht. LONG WEEKEND kann dann gut funktionieren, wenn der Konsument akzeptiert, dass vieles nicht erklärt wird, und er damit wie die Figuren allein gelassen wird. Manche der gezeigten Vorgänge kann man auch als einen metaphorischen Ausdruck dafür verstehen, dass Menschen sich nicht alles erklären können, was da in der Natur so vor sich geht. Oder untereinander.

Da LONG WEEKEND ja ein überwiegend realitätsnaher Film ist, passt es bestens, dass die Umgebung durchaus realistisch, teilweise dokumentarisch, beleuchtet, farblich gestaltet, inszeniert ist. Da nur das zu sehen ist, was die Protagonisten vor Ort sehen können, kann man sich natürlich gut in diese Situation hineinfühlen, auch, wenn die altmodischen Frisuren und die Kleidung kaum eine oberflächliche Identifikation ermöglichen. Aber, die Darstellung des menschlichen Egoismus, ein Paradoxon jeder Beziehung, und natürlich dessen Auswirkung in Bezug auf die Natur, auch in Form von Ignoranz, Naivität und Weltfremdheit, die ist zeitlos. Und, einem Stadtmenschen kann es schon mulmig werden, wenn er in der Wildnis unterwegs ist. Besonders in Australien, wo Millionen von Tieren leben, über die man nicht Bescheid weiß, und die zum Teil auch gefährlich werden können. Gefangen in der Schwärze der Nacht, und dann diese Geräusche, die die Unsicherheit in­ten­si­vie­ren. Die dargestellten Umstände dürften zu BLAIR WITCH PROJEKT inspiriert haben. Hexen gibt es eigentlich nicht (mehr ;) ). Schon mal das Brüllen eines tasmanischen Teufels gehört? Mich wundert der deutsche Name für dieses Tier nicht. Der Blick auf einen Koalabären spricht schnell die Vermenschlichungen, den Teddy-Bären-Ach-wie süß-Effekt an, und suggeriert ein schönes Bild aus menschlicher Perspektive, der folgende Schlag einer Axt in einen Baum ist folgerichtig aussagekräftig. Die Schnitte von Brian Kavanagh (Der Geisterjäger) sind dann effektiv abrupt, über die weniger guten Blenden kann man hinwecksehen. Die nahen und halbnahen Perspektiven sind hervorragend dafür geeignet, um das Kammerspiel in Szene zu setzen. Die Totale und die Supertotale bieten sich natürlich an, um das Meer, in dessen Nähe sich die Protagonisten bewegen, und das damit verbundene Gefühl, darin der Macht der Natur ausgeliefert zu sein, wie der Macht des zwischenmenschlichen Dramas, als gewaltig und übergroß darzustellen. Des Nachts muss die Beleuchtung natürlich so perfekt sein, wie sie es ist. Auch wenn die musikalische Dramaturgie (Michael Carlos: Sunday too far away), und die Geräuschkulisse, natürlich mit Mitteln der damaligen Zeit arbeiten, heißt das noch lange nicht, dass diese nicht immer noch verdammt gut funktionieren. Bei einem Kammerspiel-artigen Film bleibt es nicht aus, dass das Schauspiel ein gutes sein muss. Das ist es, weil es authentisch ist.

 

 

 

Zwischendurch fühlte ich mich etwas genervt, und ich vermutete, gelangweilt zu sein, weil oft ja eigentlich relativ wenig passiert. Es war aber wohl eher diese Unbehaglichkeit, die ich spürte, da sich der Zuschauer so schnell in diese ausweglose Lage hineinversetzen kann, die keinen Spaß macht, und die kaum durch Action und Kunstblut unterhaltsam ist. Weil da keine Lösung in Sicht ist, sondern ein Akt der Tragik seinen weitestgehend realistischen Lauf nimmt.

LONG WEEKEND ist dafür prädestiniert, aufgrund einer bestimmten Erwartungshaltung beim Zuschauer zu scheitern. Auf ein Ehedrama oder einen Öko-Horrorfilm kann man Egglestons Film nicht festlegen. Muss das denn sein? Nein. Ein besonderer Film, mit tollen Schauspielern, einem guten Soundtrack und einer gekonnten Regie. Gut, trotz seiner Längen. Die etwas gemächliche Narration potenziert eigentlich nur das Gefühl, dass man sich nach einem Ende der Misere sehnt, und den Protagonisten geht es ja auch nicht anders. Wagt man sich da heran, wird man mit einem sehr gut durchdachten Finale mitsamt einem starken Ende belohnt, das auch von kleinen konstruierten Klischees nicht madiggemacht wird. Das direkte Ende hat eine sehr bissige Ironie, wenn man so will. LONG WEEKEND ist ein ruhiger Film, der Wert auf die psychologische Sichtweise setzt, und erst im Finale richtig zuschlägt. Mal was anderes, und auch deswegen sehenswert. 

 

 

8/10
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Kommentare

01.06.2020 22:26 Uhr - dicker Hund
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Die Achtung vor diesem Film spiegelt sich in jeder Zeile. Besser als das kürzlich von mir gesichtete "Deadly Weekend" dürfte das "Long Weekend" sicher ausfallen. Ob es mir über den Weg laufen wird, wird sich zeigen. Sehr passender Titel zum Pfingstmontag jedenfalls!

02.06.2020 08:19 Uhr - sonyericssohn
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Also das Remake fand ich gelinde gesagt scheiße. Den Erstling, also jenen hier, hab ich bisher gemieden. Wer weiß.... vielleicht hab ich den Film einfach auch nicht kapiert...

02.06.2020 08:45 Uhr - Dissection78
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Ah, "Long Weekend"! Musste schon wieder kurz überlegen, welcher der drei 70er-"Weekends" das ist. "Savage Weekend" hattest Du ja bereits vor knapp zwei Jahren vorgestellt, jetzt fehlt Dir nur noch "Death Weekend" ;)

Ja, der ist nicht leicht zugänglich. Jamie Blanks' Remake ist quasi eins zu eins vom Originalskript übernommen und erinnert mich unwillkürlich ein wenig an seinen im Jahr davor entstandenen und bei uns beschlagnahmten Hinterwäldler-Schocker "Storm Warning", obwohl die Werke an sich sehr unterschiedlich sind, bis auf die Tatsache, dass in beiden ein Paar in freier Natur in arge Bredouille gerät.

Colin Egglestons Original ist von der Machart her 70er-typisch roher. Und selbst wenn beide Filme ihre Schwächen haben, bleiben sie in Erinnerung. Ich kann damit durchaus einiges anfangen. Supi, cecil! Mit solch ollen Streifen 'triggerst' Du mich immer wieder :)

02.06.2020 14:57 Uhr - cecil b
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Danke für euer Feedback! :)


Von meiner Seite folgen bestimmt noch Kommentare, später, in aller Ruhe.

Wirklich ein Film, der es einem nicht leicht macht. So anders, und, ich denke zu der Zeit seiner VÖ unvergleichlich. Als ich den früher sah, fand ich den auch "scheiße", bis auf das Finale. Und auch jetzt ist es kein Film, den ich gerne gucke. Aber, ich finde, der gehört zu diesen Filmen, die, wenn man weiß worauf es hinausläuft, also das Ende kennt, noch spannender ist. Tatsächlich wird einiges schnell prophezeit, wie ich es ähnlich fast nur von Argentos Klassiker Profondo Rosso kenne.

LONG WEEKEND möchte mMn nicht gefallen, er fällt aus fast jedem Schema. Die Ironie ist extrem hart. Für mich eine unbequeme Ausnahmeerscheinung, die sich auch ohne explizite Gewaltdarstellung von jeglichem Mainstream unterscheidet. Aber wirklich ein komischer Film.

Ich habe dem übrigens nur wegen Moonshades Review (ofdb) eine zweite Chance gegeben. Auf 9 Punkte komme ich trotzdem nicht.


"Savage Weekend" Gefällt mir besser, ein Geheimtipp sondergleichen, finde ich (trotz gleicher Wertung meinerseits). Seltsam, auch so ein Film, den ich erst mit mehreren Jahren Abstand für mich entdeckt habe.

"Death Weekend" habe ich nicht. Sollte ich das ändern?



03.06.2020 09:26 Uhr - Dissection78
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Hm, ob Du das ändern solltest...? Ich denke schon, dass Dir "Death Weekend" zusagen könnte, cecil. Aber nix Genaues weiß man nicht ;)

03.06.2020 10:43 Uhr - cecil b
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03.06.2020 09:26 Uhr schrieb Dissection78
Hm, ob Du das ändern solltest...? Ich denke schon, dass Dir "Death Weekend" zusagen könnte, cecil. Aber nix Genaues weiß man nicht ;)


Wie wahr. ;)

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