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Ein Zauber gegen die Dunkelheit

(Originaltitel: A Spell to Ward Off the Darkness)
Herstellungsland:Deutschland, Frankreich, Estland (2013)
Genre:Dokumentation, Drama, Musikfilm
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,00 (1 Stimme) Details
inhalt:
Ein namenloser Musiker wohnt einige Zeit in einer modernen Hippie-Kommune in Estland und zieht sich dann zurück in die Einsamkeit einer Hütte ins finnische Hinterland. Am Ende sieht man ihn mit einer Band in einem Osloer Club einen Black-Metal-Gig spielen.
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von therealash:

A Spell to Ward Off the Darkness beginnt wie einer der Filme von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub, beispielsweise Il ritorno del figlio prodigo / Umiliati, in denen sich die Kamera von einem Baum ausgehend langsam um sich selbst dreht, um schließlich wieder beim Anfangsbild zu enden und von dort neu zu beginnen. Wie sich mancher schon denken mag, befinden wir uns also im experimentellen Film, der uns jenseits der normalen Mainstream-Produktionen immer wieder zeigt, was jenseits der fiktiven Filmwelt so passiert und uns das Sehen in der Realität neu lehrt.

Was in A Spell to Ward Off the Darkness folgt, ist ein ähnlicher Shot: ein nächtlicher See, minutenlange Dunkelheit, Nachthimmel, leises Dröhnen, dann Stimmen, Musik, Chöre. Dann Schnitt: ein Feuer lodert, Menschen trommeln, leises rhythmisches Klatschen begleitet die Szenerie, Funkenflug, paganistische Naturfeier.

Wir befinden uns vom Setting in einer alternativen Kommune bei Vormsi in Estland. Dort wohnen Männer, Frauen und Kinder jenseits der urbanen Zivilisation. Kurz sehen wir den Protagonisten, der auf einer Westerngitarre ein eher folkgetöntes Lied spielt. Es ist Robert Aiki Aubrey Low, der unter dem Pseudonym Lichen, was so viel wie Flechte bedeutet, als Musiker und Sound Artist arbeitet und bei der Drone-Doom-Stoner-Band Om schon mitwirkte oder bei der Post-Blackmetal-Supergroup Twilight, in der unter anderem Thurston Moore von Sonic Youth dabei war.

Die Bewohner der Kommune forschen an einer Art Oktagon, das sie im Garten aufbauen, wie einen spirituellen Kraftraum, der zur Meditation dient und vielleicht zur Beschwörung uralter Energien der Natur, zur Hexerei oder anderem Zauber, wo die Kräfte der Natur gebündelt werden. Die restlichen Freizeitaktivitäten der Kommune sind neben Musik, Gespräch und Reflexion eher beschränkt und kulminieren im erzählerischen Höhepunkt, der mit der privaten Sauna damit ausgereizt ist, dass dort Männer und Frauen sich gegenseitig den Finger in den Popo stecken, natürlich auch in der Dunkelheit. Man kennt sich ja.

Die Gespräche der Kommunenbewohner sind eher wirr und lose. Sie besprechen sich zu Theorien über das Leben, den Tod und das Universum, über Metaphysik, den Körper, Tanz, Trance, den Geist und die Musik. Ein scheinbar kommunales Utopia.

Doch unserem Protagonisten scheint das nicht zu reichen, um seine inneren Dämonen zu bannen. Er steigt aus von den Aussteigern. Er reist weiter ins skandinavische Hinterland nach Hyrynsalmi in Finnland, dem Land der tausend Seen. Unser Protagonist entflieht der Kommune, die sich stellenweise auch nicht anders verhält wie der typische Strandurlauber auf einem dystopischen Mallorca und zieht in ein kleineres abgelegenes Häuschen am See, in dem nur noch ein paar Illustrierte, Fotos, Bilder und Blumentapeten von vergangenen und vermeintlich idyllischen Zeiten erzählen. Er wandert durch die wunderschöne Natur Finnlands in die innere Isolation. Zwischen See, Wald und Fels flaniert er, irrt und beobachtet mit uns das Moos, die Bäume, Eis, Felsspalten und Bäche, tropfend, flirrend - die grüne Lunge der Welt. Eine Utopie, die bekanntlich das Herz jedes Black Metallers höherschlagen lässt.

Doch auch hier kann er sich selbst nicht entkommen. Er ist der Eremit, studiert irgendwelche Bücher, von denen wir nichts erfahren und beobachtet die Nacht, während das Lagerfeuer brennt. Schließlich sitzt er des Nächtens mit einer Kerze vor dem Spiegel und beginnt sich das Gesicht Weiß zu schminken, legt das sogenannte War Paint, die Kriegsbemalung des Black Metallers an. Und wie es in diesen inneren Zirkeln so üblich ist zündet er zwar keine Kirche an, aber schließlich das abgelegene Häuschen, in dem er nicht länger bleiben kann. In seiner Kriegsbemalung betrachtet er das brennende Haus, während es die Flammen in die Nacht abtragen und seine ursprünglichen Energien wieder der Atmosphäre zurückgeben.

Nun beginnt der letzte Akt. Wieder Dunkelheit. Ein verzerrtes Dröhnen schwillt an, dann klirrende elektrische Gitarren, ganz klar dem Black Metal zuzuordnen. Wir befinden uns in einem kleinen Club auf einem Konzert im norwegischen Oslo, der Heimat des unheiligen Schwarzmetall, mit einer glorreich-unrühmlichen Geschichte, die man gar nicht mal so schlecht in Lords of Chaos von Jonas Akerlund im Kleinen nacherzählt findet. Aber zurück zu A Spell to Ward Off the Darkness. Unser Protagonist gehört zur fiktiven Band, in der auch Hunter Hunt-Hendrix von Liturgy, Nicholas McMaster von Krallice und der Free-Jazzer Christopher „Weasel“ Walter mitspielen und wohl auch improvisieren. Robert Aiki Aubrey Lowe selbst schreit und schrubbelt sich an der Gitarre sprichwörtlich die Seele aus dem Leib, die Dunkelheit aus dem Inneren. Womöglich, wie es diese Musik auch ureigentlich macht, versucht er mit dem Zauber des Klangs diese innere Dunkelheit abzuwenden, nicht ohne Zärtlichkeit - nicht ohne Wut. Ganz klar, hier geht es um Gefühle, die nach Außen müssen, dunkle Gefühle, die sonst keinen Platz in der Gesellschaft haben. Nach dem Gig geht unser Protagonist sofort in die Umkleidekabine und schminkt sich vor dem Spiegel ab, geht schnurstracks aus dem Club in die Nacht von Oslo.

In Norwegen, wo der Schwarzmetall endet und auch der Film.

Regie führten Ben Rivers und Ben Russell, die auch die Kamera bedienten, die Musik stammt von der eigens ins Leben gerufenen Band Queequeg, eine Reminiszenz an Herman Melvilles Jahrhundertroman Moby Dick, auch eine metaphorische Suche nach dem Unheimlichen und Überwältigenden. Mein Dank geht an Prof. Dr. Marcus Stiglegger, ohne dessen Expertise ich sicher nicht auf diesen Film aufmerksam geworden wäre.

In diesem Sinne: steht zu eurer Wut!

9/10
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Kommentare

15.03.2020 01:43 Uhr - Kaiser Soze
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Ash, Menschenskind, schön wieder von Dir was lesen zu dürfen^^
Aich, wenn der (Inhalt des) Film(s) echt nicht nach meinem Geschmack klingt, war es ein unterhaltsames Review, das mir gut gefallen hat. Ich werde die Tage mal nen Trailer suchen und behalte den Film zumindest mal im Hinterkopf als Deine Empfehlung ^^

15.03.2020 12:08 Uhr - TheRealAsh
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Danke, Kaiser:-) Der Film gefällt sicher nicht jedem, ich hätte ja persönlich 10 Punkte gegeben, aber dachte dann, dass der Geschmack hier entscheidend ist. Den Trailer findest du hier, der reicht für einen ersten Blick eigentlich: https://www.youtube.com/watch?v=S9NA4R9-GH4

LG
Ash

15.03.2020 14:10 Uhr - The Machinist
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Cooler Tipp, Danke dir!
Da ich Filme wie ''Lords of Chaos'', ''Metalhead'' und ''Until the Light takes Us'' im Allgemeinen und die Musikrichtung im Besonderen sehr gerne mag, könnte der was für mich sein.

Marcus Stiglegger ist für mich zumindest immer ein Garant, wenn es um Filmperlen Unter dem Radar geht.

PS.: Habe es mittlerweile tatsächlich geschafft mir ''Border'' und ''Holiday'' anzusehen. Geiler Scheiss!

15.03.2020 18:58 Uhr - Dissection78
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Hört sich genauso interessant an wie hudeleys "Engineering Red"-Besprechung. "A Spell to Ward Off the Darkness"? Der Titel kommt mit irgendwie bekannt vor. Ich werde mich auf die Suche begeben. Lief der mal auf Arte?

15.03.2020 22:14 Uhr - TheRealAsh
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@Machinist: Schön, dass dir die beiden Filme gefallen, ich denke mit obigem wirst du auch was anfangen können, auch wenn der vollkommen anders ist

@Dissection: ja, mein Lieber, der ist definitiv was für dich. Keine Ahnung, ob der auf Arte lief, ich habe keine TV-Ausstrahlung bei der Titeleintragung gefunden, wäre mal interessant.

16.03.2020 00:22 Uhr - Cabal666
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Sehr schöne Review zu einem extrem interessanten Film!
Als Liebhaber der härteren Musik, dem auch einige der im Text genannten Bands nicht unbekannt sind, klingt das für mich nach einem Must-See. Zumal ich auch von "Metalhead" und "Lords of Chaos" sehr angetan war. Überrascht mich, dass ich davon bisher noch nie was gehört habe.
Danke fürs Drauf-aufmerksam-machen jedenfalls! Toll geschrieben!

16.03.2020 00:34 Uhr - TheRealAsh
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Dank dir! Wie gesagt, ich bin über Marcus Stiglegger drauf gekommen, der in seinem Facebook-Profil darauf aufmerksam gemacht hat. Für mich als "alter" Blackmetaller der 2. Welle mit Richtung Postblack ist das für mich absolut gelungenes Futter. Der Film hat mich wirklich wie seit langem nicht mehr, richtig gepackt und nachgewirkt.

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