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Last and First Men

Herstellungsland:Island (2020)
Genre:Science-Fiction
Bewertung unserer Besucher:
Note: 10,00 (1 Stimme) Details
eine kritik von therealash:

Der isländische Komponist Jóhann Johannssón verstarb im Mai des Jahres 2018 völlig unerwartet. Einem breiteren Hörkreis wurde er bekannt durch seine Soundtrackarbeiten zu den Filmen von Denis Villeneuve wie Prisoners, Sicario oder der linguistischen Außerirdischen-Geschichte Arrival, die in ihrer visuell-akustischen Dimension visionär genannt werden kann und wohl eines von Jóhannssóns ausgefeiltesten kinematisch unterstützten Werken ist. Viele Jahre vor seinem Tod arbeitete der Filmfanatiker an einem eigenen Film, dessen Ursprünge in den sogenannten Spomeniks liegt, was nichts anderes als Denkmäler heißt, die in der ehemaligen Republik namens Jugoslawien errichtet wurden und noch heute in den Nachfolgestaaten zu finden sind.

Um die Spomeniks zu verstehen, muss man beispielsweise das Denkmal für die Revolution der Einwohner von Moslavina nennen, das in seiner futuristischen Art selbst etwas Außerirdisches hat und nicht von ungefähr an prähistorische Kunst oder die der Maya oder Sumerer erinnert, da im damals von einem gewissen Tito regierten Jugoslawien unter dem Banner Kommunismus das aktuelle Politische gerne der Zeit entrückt dargestellt und verfremdet wurde, da religiöse Darstellungen nicht dem damaligen State of the Art entsprachen. Josip Broz, der Tito genannt wurde, war der zu dieser Zeit Staatschef des ehemaligen Jugoslawien und beauftragte diese Spumaniks, was im obigen Beispiel ein circa 10 Meter hohes und 20 Meter breites Stahlbeton-Denkmal ist, auf dessen Weg sich ein Massengrab der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Partisanen aus vornehmlich Kroaten, Serben, Juden oder Sinti und Roma befindet. Die in Last and First Men gezeigten Spomeniks finden sich in Bosnien, Kroatien, im Kosovo oder Serbien und wurden meist bei Konzentrationslagern und anderen Plätzen von Kriegsmassakern errichtet. Einen fundierten und visuell schönen Einblick in diese Denkmäler erhält man im Bildband Spomeniks von Jonathan Jimenez (Carpet Bombing Culture 2018).

Jóhann Jóhannsson war von diesen Monumenten so fasziniert, dass er mit dem norwegischen Kameramann Sturla Brandth Grøvlen für einen Monat den Balkan bereiste. Grøvlen gewann beispielsweie mit seinem One-Shot-Kamerafilm Victoria von Sebastian Schipper den Goldenen Bären und ist für seine experimentelle Kameraarbeit bekannt, die in Last and First Men durch sein besonderes Format sofort ins Auge fällt, da der Film in 16mm und Schwarz-Weiß gedreht wurde, was seine Atmosphäre noch entrückter macht.

Soviel zum visuell-architektonischen Überbau des Filmprojektes. Inhaltlich wählte Jóhannssón einen der Urtexte der Science-Fiction, die unzählige Schriftsteller und Filmemacher inspirierte, von Stanley Kubricks 2001 - Odyssee im Weltraum, zu Andrei Tarkowskis Solaris, zu Douglas Trumbulls Silent Runner, über Isaac Asimov, Jorge Luis Borges, Virginia Woolf, Stanislaw Lem, Howard Philips Lovecraft, bis hin zu Star Trek und Star Wars. Es handelt sich um den 1930 erschienenen Roman Die letzten und die ersten Menschen des englischen Autors Olaf Stapledon, der neben H.G. Wells oder S. Fowler Wright einer der Urväter der Science Fiction genannt werden kann und tatsächlich visionär war in einer Zeit, die noch vor dem Zweiten Weltkrieg stand. Interessant ist hier wirklich, wie sehr sich die Parallelen des Science-Fiction-Genres gegenseitig befrucheteten. So wird die Verbindung zu Stapledons Roman Der Sternenmacher, in dem der Protagonist jenseits seines physischen Körpers zum Schöpfer des Universums durch das Weltall reist, zu Stanley Kubricks 2001 - Odyssee im Weltraum mehr als deutlich, der wiederum auf einem Roman von Arthur C. Clarke basiert, für den wiederum Stapledons Roman eine große Inspirationsquelle war. Der Schriftsteller Brian Aldiss, der wiederum mit seiner Kurzgeschichte Supertoys Last All Summer Long Kubrick und Steven Spielberg zu A. I. - Artificial Intelligence inspirierte, bezeichnete Stapledons Roman wiederum als heiliges Buch der Science Fiction.

In der Buchvorlage zu Last and First Men unter demselben Originaltitel (Methuen 1930) geht es denn auch um nichts weniger als die Geschichte der Menschheit über 2 Milliarden Jahre. Das Thema ist der Mensch, der sich in 18 verschiedenen Stufen der Entwicklung oder Evolution befindet. Der erste Mensch ist dabei der Mensch unserer kurzen Zeit, von sagen wir mal ca. 2.500 Jahren, dem der Erzähler sich historisch auf dem Höhepunkt seiner Zeit nähert. Herausragende Persönlichkeiten dieser Stufe sind Menschen wie Sokrates oder Jesus. Danach geht es spekulativ steil bergauf, da die Menschen der nächst höheren Stufen bereits den Weltraum erobern, Genmanipulationen vornehmen und das von Stapledon erfundene Terraforming betreiben, also die künstliche und vor allem technologische Urbarmachung von zunächst nicht bewohnbaren Planeten, was allerdings erst 1942 in der Kurzgeschichte Collison Orbit von Jack Williamson so namentlich genannt wurde. Die Erzählung in Stapledons Roman ist dabei weniger plotgebunden, sondern eher episch und breit angelegt, als Prozess der Evolution, der durchaus teleologisch ziel- und sinngebunden beschrieben wird. Die schön gestaltete deutsche Ausgabe (Piper 2015) sei hier den interessierten Lesern unbedingt empfohlen.

Soweit zur visuellen und inhaltlichen Dimension dieses künstlerisch ambitionierten Projekts, das Jóhannssón im Leben nicht mehr fertigstellen konnte. Das Drehbuch wurde mitgestaltet von José Enrique Mación und konzentriert sich inhaltlich neben der Entwicklungsgeschichte auch sehr auf architektonische Beschreibungen, die sich im Bild wiederum mit den sozialistisch-futuristischen Monumenten verbinden. Die Erzählerin ist Tilda Swinton, die gewohnt hochwertig ihr sprachliches Können unter Beweis stellt und hier auf eine sehr technisch-wissenschaftliche Art und Weise nach der Regie von Jóhannssón "predigt".

Eine Story im herkömmlichen Sinne gibt es nicht und so hat auch Jóhannssón selbst die Zuschauer schon gewarnt, dass es durchaus eine Herausforderung sein kann über eine Stunde lang auf seltsame Betonklötze zu schauen. Dennoch ist der Film in drei Ebenen unterteilt. Zum Einen ist das die außerweltliche Inszenierung der Spomeniks im Balkan, die als Hauptprotagonisten dienen und manchmal kreatürlich-menschlich erscheinen, manchmal jenseitig-randgängisch, konkret und abstrakt, greifbar und doch nicht einzuordnen. In ihrer realhistorischen Verknüpfung sind hierbei sowohl die Verbindungen zur Kunst der Maya oder Sumerer zu erkennen, die schon genannt wurden, als auch durchaus interessante Verbindungen zu dem, was die Amercian Renaissance oder die Deutsche Romantik das "Transzendente" oder das "Erhabene" nannten und beispielsweie in den Gemälden von Caspar David Friedrich gut zum Ausdruck kommt, wie Das Eismeer von 1823/24.

Die zweite Ebene ist eine circa in der Mitte des Films auftretende und relativ kurze Sonnenszene, welche in Los Angeles gedreht wurde und sprichwörtlich zusammen mit Stapledons Text zur Sonne als Energie- und Lebensquelle per se für Mensch und Erde gilt. Auf der dritten Ebene wird ein immer wieder dazwischengeschaltetes Oszilloskop dargestellt, das in Berlin aufgenommen wurde, aus einem luminiszierenden grünen Punkt besteht und die Verbindung der Worte der Erzählerin und damit den letzten Menschen zu den ersten Menschen herstellt - eine fragile Kommunikation, die kaum noch aufrechtzuerhalten ist.

Diese drei Ebenen bilden nun das Destillat aus Jóhannssóns Vision und dem, was er mit dem Soundtrack und seiner wie immer beeindruckenden Komposition erschaffen hat. Die Musik ist für mich als Laie schwer zu beschreiben und ähnelt derjenigen zu Villeneuves Arrival am ehesten, obgleich sie noch ausgereifter und auch hoffnungsvoller scheint. Da Jóhannssón sein Werk nicht mehr beenden konnte, übernahm dies Yair Elazar Glotman als Co-Komponist, der mit Jóhannssón schon beim Soundtrack zur metaphysischen Mindscape-Halluzination Mandy von Panos Cosmatos zusammengearbeitet hat und von dem man hoffentlich noch einiges im filmischen Bereich erwarten darf.

Bei Last and First Men hat Glotman ganze Arbeit geleistet und ihm ist es zu verdanken, dass diese offene Komposition abgeschlossen werden konnte. Daneben konnte er es ermöglichen, dass Jóhannssóns Harmonium, das seit mehr als drei Jahrzehnten im familiären Besitz ist, noch in die Einspielung eingefügt werden konnte, quasi als Inkorporation Jóhannssóns und Zeuge seiner selbst. Auch die Musiker, mit denen Jóhannssón sonst arbeitete, sind Teil dieses Werks, wie Hildur Guðnadóttir, die unlängst für ihren Soundtrack zu Joker mehrfach preisgekrönt wurde oder Colin Stetson, der die Soundtracks zu Hereditary oder Colour Out of Space komponierte.

Insgesamt kann man sagen, dass sich Jóhannssón architektonisch am Gerüst von Monumenten und Landschaften bewegt, wie auch eine für den Hörer inneliegende Architektonik seines musikalischen Werks aufmacht, das über diesen Film sicher noch greifbarer wird und vor allem sichtbar. Thematisch kann man durchaus sagen, dass Last and First Men sich ein wenig auf der Ebene bewegt, wie Villeneuves Arrival, mit der Ausnahme, dass Jóhannssóns Film abseits plotnarrativer Strukturen weitreichender und in Verbindung mit seiner Komposition berührender ist. Für mich persönlich steht Last and First Men eher in der Tradition eines Sci-Fi-Meisterwerks wie La Jetée von Chris Marker mit der Musik von Trevor Duncan, da auch hier gezeigt wird, dass Science-Fiction keine CGI-Gewitter benötigt, sondern etwas ist, das eine Vision der Zukunft aus der Vergangenheit erschafft.

Die Veröffentlichung der Deutsche Grammophon als Blu-ray-CD- oder Blu-ray-Vinyl-Box ist in ihrer Hochwertigkeit unbedingt zu empfehlen. Nicht zuletzt aber greift Jóhannssón einen Ton auf, der gerade heute notwendiger und deutlicher ist, denn je. Ich musste in letzter Zeit oft an den französischen Philosophen Michel Foucault denken, der in einem seiner Hauptwerke mit dem Titel Die Ordnung der Dinge ganz am Schluss darauf hinweist, dass bei einer Erschütterung des klassischen Denkens und Wissens, wie unsere Zeit es kennt, die Gefahr besteht, dass der Mensch am Meeresufer verschwindet wie ein Gesicht im Sand. Ich habe mich lange gefragt, was er mit dieser poetischen Formulierung meinte, in Verbindung mit den aktuellen Ereignissen und einem auf das Posthumane hinweisenden Kunstwerk wie dem von Jóhann Jóhannssón, meine ich aber einen Funken dessen besser zu verstehen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.

10/10
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Kommentare

05.04.2020 19:38 Uhr - Intofilms
1x
Hochachtung vor dieser Review! Muss ich haben. DANKE!!!

06.04.2020 00:18 Uhr - TheRealAsh
1x
User-Level von TheRealAsh 9
Erfahrungspunkte von TheRealAsh 1.297
Danke, wird dir sicher gefallen:-)

07.04.2020 18:38 Uhr - The Machinist
1x
User-Level von The Machinist 6
Erfahrungspunkte von The Machinist 589
Und eine weitere Empfehlung die ohne Umschweife in meine Liste wandert.
Von diesem Filmprojekt wusste ich bislang noch garnicht's, also merci der Herr.

07.04.2020 20:16 Uhr - TheRealAsh
User-Level von TheRealAsh 9
Erfahrungspunkte von TheRealAsh 1.297
Gern geschehn und dank dir für die Rückmeldung, bin gespannt, ob er dir gefällt!

LG
Ash

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