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Casshern

Herstellungsland:Japan (2004)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Action, Drama, Science-Fiction
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,00 (1 Stimme) Details
inhalt:
In einer fernen Zukunft: Nach einem 50 Jahre währenden Krieg ist die Erde ein verwüsteter Planet und die meisten Überlebenden sind unheilbar erkrankt. Der Wissenschaftler Dr. Azuma forscht an einer genetischen Methode um die Menschheit zu heilen. Doch ein Unfall in seinem Forschungslabor hat schwerwiegende Folgen für die gesamte Welt: Aus der revolutionären Nährlösung erwachsen intelligente Mutantenwesen, welche die menschliche Rasse als Bedrohung ansehen. Die Mutanten nennen sich selbst "Neo Sapiens" und erklären schlussendlich der Menschheit den Krieg. Dr. Azuma hingegen nutzt seine Nährlösung, um seinen im Gefecht gefallenen Sohn Tetsuya wieder zum Leben zu erwecken. Das Experiment gelingt, doch Tetsuya entwickelt übernatürliche Kräfte. Gefangen in einem Schutzanzug, der sein unkontrolliertes Muskelwachstum hemmt, kehrt er zurück zur umkämpften Zone 7, dem Ort, wo er sein rsprüngliches Leben verlor. Hier erkennt er dann seine wahre Bestimmung - Er ist Casshern, der Beschützer der Menschheit...
eine kritik von the machinist:

Casshern

Ein hochphilosophischer Action-Fiebertraum

 

Was kommt dabei heraus wenn man The Matrix Revolutions, Power Rangers und Dune - Der Wüstenplanet zusammen in einen Topf wirft? Nun, vielleicht am ehesten so etwas wie Kazuaki Kiriyas Filmdebüt Casshern. Eine japanophile Endzeit-Dystopie, welche die einstige Tricktechnik im Jahr 2004 an ihr Limit brachte, wilde Tokusatsu-Action vor permanente Greenscreens projiziert und so viele ethische Fragen aufwirft, dass selbst Aristoteles der Kopf schwirren würde. Die Frage ob ich sowas geil finde hat sich an dieser Stelle bereits erübrigt.

Irgendwann in der fernen Zukunft: Nach einem 50 Jahre andauernden Krieg hat die Großasiatische Republik ganz Eurasien erobert, von dem umkämpfen Kontinent ist jedoch nur noch ein Schutthaufen übrig und die schwerkranke Bevölkerung leidet an Hungersnöten und grassierenden Seuchen. Um dem Massenexitus Einhalt zu gebieten sucht Dr. Azuma (Akira Terao) fieberhaft nach einer Lösung, auch um seine sterbende Frau Midori (Kanako Higuchi) zu retten. Da kommt die Entdeckung der lebensverlängernden Neo-Zellen, mit denen sich ''menschliche Ersatzteile'' züchten lassen, gerade recht. Doch Gott zu spielen hat bekanntlich immer seine Folgen und die Wissenschaftler staunen nicht schlecht als eines schicksalhaften Tages Wesen aus der künstlichen Ursuppe entsteigen, die sich selbst Neo-Menschen nennen. Die werden natürlich prompt als unerwünschte Nebenprodukte deklariert und kurzerhand exekutiert. Einige von ihnen können allerdings flüchten und sinnen auf Rache, wofür ihnen ein verlassenes Schloss voller Kriegsmaschinerie ganz recht kommt. Inzwischen benutzt Dr. Azuma die Neo-Zellen dafür um seinen an der Front gefallenen Sohn Tetsuya (Yusuke Iseya) ins Leben zurück zu holen. Wiedergeboren als Superheld Casshern zieht der in die Schlacht gegen die Roboterarmeen der Neo-Menschen, sieht sich aber bald mit den Fragen konfrontiert für wen und gegen wen er da eigentlich kämpft und ob die Welt es überhaupt noch wert ist gerettet zu werden...    

Von 2007 bis 2016 existierte der ausschließlich über Pay-TV empfangbahre Fernsehsender Animax, der sich komplett auf fernöstliche Trickserien mit deutscher Lokalisierung spezialisiert hatte. An Wochenenden gab es dort dann zusätzlich die Möglichkeit Realfilm-Adaptionen zu bekannten Anime oder auch andere japanische Filme zu sehen, die im regulären Free-TV kaum gezeigt wurden. Einer davon war Casshern, der ebenfalls lose auf einer japanischen Zeichentrickserie namens Shinzo Ningen Casshern basiert. Ich als damals fünfzehnjähriger Bursche, der gerade seine Faszination für Anime entdeckt hatte, wusste noch nicht was mich an diesem schicksalhaften Abend erwartete als mein Blick rein zufällig die winzig klein gedruckte Filmbeschreibung ''Casshern, Sci-Fi/Action, 145 Min.'' entdeckte. Vielleicht war es eine göttliche Fügung, doch tief in meinem Unterbewusstsein spürte ich es. Dieser Film wollte von mir gesehen werden! Wenn ich so an diese Zeit zurückdenke, dann dürfte es tatsächlich Casshern gewesen sein, der mich für japanisches Kino empfänglich gemacht hat. Und das obwohl ich seinerzeit nicht einmal sonderlich viel davon verstanden habe. 

Um den postapokalyptischen Handlungsort überhaupt gebührend darstellen zu können, benötigte es die in Mode gekommene Digital Backlot-Technik, bei der Schauspieler vor einem Greenscreen agieren und im Nachhinein sämtliche Hintergründe digital eingefügt werden. Aus Hollywood kannte man dieses Verfahren bereits von Sky Captain and the World of Tommorrow, später auch aus Sin City oder 300, in seinem Heimatland sprengte Casshern die Effekte-Skala und ging als bis dato teuereste Produktion des Landes in die Geschichte ein.

Dies sieht nach sechzehn Jahren freilich nich mehr ganz so frisch aus, speziell die überbordenden Computeranimationen unterliegen teils drastischen Qualitätsschwankungen, doch dafür überzeugt der unverbrauchte Artstyle nach wie vor. Detailliert gebastelte Steampunk-Kulissen innerhalb spätgotischer Herrenhäuser verleihen dem bizarren Weltkriegs-Setting etwas theaterhaftes und stehen ebenso im direkten Kontrast zum CGI-flirrenden Cyberpunk-Bombast der restlichen filmischen Landmasse. Das wirkt schon in den Eröffnungsminuten episch wie sonst was und unterstreicht perfekt den epochalen Kern der Geschichte, auch wenn die realen Gebäude wie auch die zu sehenden Darsteller oftmals wie genau das aussehen was sie nunmal auch sind - reinkopiert. Da sich dergleichen durch den gesamten Film zieht kann allerdings auch die Rede von kompromisslosem Stilwillen sein; der Regisseur hat mit dem Mut zur Einzigartigkeit praktisch einen optischen ''Blade Runner auf Crack'' geschaffen. Gelegentlich hat man sogar ein wenig Angst die Ausstattung könne jeden Moment aus dem Fernseher kippen und über einem zusammen krachen.

Genauso ausschweifend wurden auch die zahlreichen Action-Szenen inszeniert, die dazu noch mit vielerlei Verfremdungseffekten, Lichtspiegelungen und sprunghaften Bildausschnitten hervorragend den Anime-Charakter des Mindblowing-Streifens zur Geltung bringen. Das Aussehen des Titelhelden erlag dabei einer schlüssigen Grunderneuerung, die zum teils extrem düsteren Grundton des Werks passt. Neben der Shinobi-artigen Mundmaske, welche nahezu jedes DVD-Cover des Films ziert, trägt Tetsuya eine bioorganische Rüstung, die nicht nur seine überentwickelten Muskeln zusammenhält, sondern ihn auch weitestgehend unverwundbar macht. So ist es ihm auch möglich im Alleingang eine ganze Armee an Maschinensoldaten auseinanderzunehmen, was in der Umsetzung schon den Eindruck erweckt, man habe das Kopfkino eines kleinen Jungen der gerade mit Actionfiguren spielt, verfilmt. Wer jedenfalls schon immer sehen wollte wie ein Typ aus dem Stand hundert Meter in die Luft springt und sich im Sturz als menschliches Geschoss durch einen Roboter bohrt, der sollte Casshern im Hinterkopf behalten.

Als großes Manko erweist sich dann das Drehbuch, was aber nicht etwa bedeutet der Film wäre dem Fehlen eines spannenden Plots erlegen, was oftmals ein Problem vieler Blockbuster ist. Nein, statt an Style over Substance krankt Casshern ironischerweise an zu viel Substanz. Kiriya reißt dermaßen viele Themen an (darunter Faschismus, Terrorismus, Völkermord und menschliche Selbstüberschätzung), schafft es aber kaum diese auch wirklich zu vertiefen, wodurch die Grundstory mit der Zeit allzu konfus gerät. Die durchgehende Parabel über die Bedeutung der eigenen Existenz ist hingegen recht offensichtlich und Bedarf keiner eingehenden Analyse. Sollte man sich dennoch intensiver mit der Handlung von Casshern auseinandersetzen wollen, ist dies zumindest für solche Hardcore-Fans lohnenswert, die auch etwas mit den nachdenklich stimmenden Frühwerken von Mamoru Oshii (Tenshi no Tamago, Ghost in the Shell) und Hideaki Anno (Neon Genesis Evangelion) anfangen können. Bei genauer Beobachtung erschließen sich nämlich etliche Randnotizen, die den Inhalt bei mehrmaligem Sehen plötzlich in einem ganz anderen Licht erstrahlen lassen. 

Punkten kann Casshern wiederum mit dem tollen Cast, aus dem insbesondere die Darsteller der herrlich androgynen Neo-Menschen hervorstechen und diese in ihrem Verhalten besonders interessant ausfallen, da man ihr emotionales Handeln zumindest entfernt nachvollziehen kann und sie somit viel mehr sind als bloße Abziehbilder beliebiger Filmschurken. Hingegen ist es sehr schwer sich ob der Irrealität des Geschehens wirklich in die Figuren hineinzuversetzen und allgegenwärtiger Japan-Kitsch sowie das facettenreiche Overacting einen als Zuschauer eher kalt lassen.

Für Gänsehaut sorgt der arschcoole Soundtrack von Shiro Sagisu, der von sakralen Kirchenchorklängen, über Klavierstücke bis hin zu hymmnengleichen Hardrock-Exzessen mal wieder alles im Petto hat, was besonders mit der geradezu mythologischen Bildsprache harmoniert, bei der es schon mal passieren kann dass aus heiterem Himmel ein göttlicher Blitz mitten im Schlachtfeld einschlägt, oder beim Schwertkampf zwischen Casshern und Neo-Mensch Barashin eine Buddha-Statue mit monochromem Kunstblut übergossen wird. Das alles feiert einer einzigen großen Reizüberflutung entgegen, bei der dann selbst Tetsuyas Freundin Luna im Angesicht einer gigantischen Mecha-Kriegsmaschine und Anflügen von surrealem Biopunk-Horror ausruft ob das denn alles nicht bereits viel zu weit geht.

Letztendlich verkündet Regisseur Kiriya mit seinem großen moralischen Gleichnis im Finale eine zutiefst menschliche Botschaft. Und das obwohl er gerade die gesamte Zivilisation mit tosendem Bombast ins Nirvana gepustet hat. Allein die Tatsache, dass ich den Film trotz solcher Wiedersprüche nach wie vor abfeiere, spricht eigentlich schon für sich. 

Ein weiteres Reboot des Stoffes gab es dann noch 2008 in Form der großartigen Anime-Serie Casshern Sins von Studio Madhouse. Dies war aber das bislang letzte Lebenszeichen des Franchise.

''Jetzt hab ich es endlich verstanden. Schon dadurch dass wir leben, verletzen wir etwas oder jemanden. Das ist das Leben. Es ist das Verletzen an sich. Deshalb müssen wir einander verzeihen können. Denen verzeihen, die mit uns diese Welt teilen. Ihr, die ihr vorschnell urteilt. Ihr irrt euch. Wir existieren nicht nur einfach. Wir haben die Kraft gemeinsame Träume zu haben. Am Anfang mag etwas Kleines stehen. Es mag unmöglich erscheinen, aber genau da müssen wir anfangen. Aber ist das nicht viel zu schwierig?''

''Hoffnung. Das sind die Kinder von Luna und mir.''

- Tetsuya Azuma

 

Fazit: Wer es vermag sich auf die sperrige und schwer durchschaubare Story von Kazuaki Kiriyas Debüt einzulassen, der darf für knapp zweieinhalb Stunden in aufregendem wie innovativem Science-Fiction-Actionkino der Extraklasse schwelgen, das auf rein visueller Ebene nach wie vor Seinesgleichen sucht. Und bei mehrmaligem Sehen und genauen Zuhören ist es gut möglich, dass sich Casshern plötzlich auf so vielen Ebenen offenbart, die man vorher glatt übersehen hat.  

8/10
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Kommentare

18.09.2020 21:48 Uhr - dicker Hund
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Ich bin mir nicht sicher, ob und wie viel ich "Casshern" abgewinnen könnte. Aber das hier war eine angenehme Bekanntmachung.

🙂

19.09.2020 08:34 Uhr - sonyericssohn
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Von dem hab ich bisher nur gelesen. ....jetzt wieder.....
Wenn mir der mal unter die Finger kommt kriegt er seine Chance. Schöne Vorstellung Machinist und eine Zustimmung an den Hund ! ;-)

19.09.2020 14:26 Uhr - The Machinist
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@dicker Hund & sony:
Danke euch. Nur Vorsicht bei der deutschen Blu-ray, die wurde für den westlichen Markt geschnitten um den Film leichter verständlich zu machen... was nicht wirklich funktioniert.
Auf der DVD von I-on New Media hingegen befindet sich die japanische Originalfassung, womit ich trotz schlechterer Bildqualität zu dieser rate. Falls Interesse bestehen sollte, kriegt ihr die beim größeren Onlinehändler eurer Wahl für etwa 5 Eu.

20.09.2020 11:02 Uhr - cecil b
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Ganz große Klasse, diese Review!!!!!

"Nein, statt an Style over Substance krankt Casshern ironischerweise an zu viel Substanz. " Deine dann folgende Begründung ist ein Punkt, der mich bei so manchen eigentlich tollen Filmen echt stören kann. Es gibt daher auch einige Kunstfilme, die ich ganz toll finde, aber die brechend voll mit Ansätzen sind, und gerade dadurch dramaturgisch den Faden verlieren können.

20.09.2020 11:59 Uhr - The Machinist
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@cecil: Danke dir.
''Casshern'' hat halt den Vorteil diese erzählerische Undurchsichtigkeit mit ganz viel Karumms kompensieren zu können. Mich hat er da schon immer an besagten ''Evangelion'' erinnert, der einen wirklich nachdenklich stimmen kann, auch wenn man zum Ende hin vielleicht mit vielen großen Fragezeichen über dem Kopf dasitzt.
Ansonsten kann ich dich aber voll verstehen. Gerade mit Lars von Triers Aktuellstem ''The House That Jack Built'' hatte ich so meine Probleme und war besonders ob der oft angewandten ''Es ist ja alles sooo provokant und Meta''-Floskel eher zimlich abgenervt.

20.09.2020 19:05 Uhr - cecil b
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'Klingt an sich ja gut, und mein Interesse ist geweckt.

Von Trier: Tu mich manchmal schwer mit ihm. Antichrist finde ich allerdings genial ( die Review dazu hat mich echt gefordert!) , und Melancholia eigentlich auch. Wobei der zweite bei mir nur meiner Interpretation nach wirklich zündet, gerade weil der so schwer ist.

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