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Real

(Originaltitel: Rieol)
Herstellungsland:Südkorea (2017)
Genre:Action, Drama, Krimi, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,00 (1 Stimme) Details
eine kritik von laughing vampire:

Was würde passieren, wenn man Gaspar Noé und Nicolas Refn gemeinsam ein ordentliches Budget gäbe, um einen futuristischen Gangsterfilm in Südkorea zu drehen? Das Resultat wäre wohl nicht weit entfernt von dem, was Regie-Newcomer Lee Sa-rang a.k.a. Love Lee mit vorliegendem Film zustande gebracht hat. Und „Real“ ist dennoch einer der meistgehaßten Filme in Südkorea.

Ich weiß noch, wie ich im Sommer 2017 während meines Aufenthalts in Busan auf der Suche nach neuen koreanischen Filmen war und im Kino nebst Marvel und Co. scheinbar nur dieser eine Film lief. Das Poster hat mich visuell angesprochen, also kaufte ich blind eine Karte, setzte mich in den großen Kinosaal eines Kaufhauses und war verwundert, daß außer mir nur zwei oder drei weitere Personen anwesend waren. Untertitel gab’s natürlich keine, meine Koreanischkenntnisse sind auch sehr rudimentär, und tatsächlich hatte ich keine Ahnung, worum es eigentlich ging, aber diese wirre Bilderflut mit ihren herben Einlagen von Sex und Gewalt typisch koreanischer Art konnte mich dennoch sofort für sich gewinnen. Wie überrascht war ich, als ich anschließend von den ganzen Verrissen erfuhr. Die Presse sprach von einer absoluten Katastrophe und Schande für den koreanischen Film, Hauptdarsteller Kim Soo-hyun weinte noch vor der Prämiere auf der Bühne, und eine weitere Person nahm sich später sogar das Leben (mehr darüber weiter unten). Was ist hier passiert?

Der junge und erfolgreiche Gangsterboß Jang Tae-yeong führt in einer bizarren Neon-Version von Seoul ein Casino, leidet aber unter einer gespaltenen Persönlichkeit. Mit Hilfe eines Arztes versucht er, sein Alter Ego in einen Komapatienten zu transferieren, was scheinbar zur Folge hat, daß dieser nun jene Identität annimmt und unter anderem mittels chirurgischer Eingriffe versucht, sich dem Original-Ich anzugleichen. Um einen Rivalen, der versucht, Tae-yeongs Casino-Imperium zu untergraben, auszuschalten, tun sich die „beiden“ Männer zunächst zusammen. Der falsche Tae-yeong läßt allerdings nicht locker, spannt seinem Original zudem die Freundin aus, die er mit der synthetischen Droge „Siesta“ (in Kaugummi-Form) gefügig macht, und es kommt zu einem Konkurrenzkampf, bei dem schließlich auch die russisch-koreanische Mafia mitmischt. Nach und nach taucht die Frage auf: Wer ist hier eigentlich das Original, wer ist „real“? Und welche Rolle spielt eigentlich diese mysteriöse Droge?

Die Story ist natürlich stark von Werken wie „Fight Club“ beeinflußt und an sich im 21. Jahrhundert nichts Neues, nimmt aber durchaus einige interessante Wendungen und dient als geeigneter Hintergrund für das hier gezeigte blutige Verwirrspiel – wobei die wirklich brutalen Momente erst im letzten Drittel gezeigt werden. Kim Soo-hyun als Tae-yeong überzeugt in seiner Doppelrolle: Das „Imitat“ tritt zunächst als verschrobener, tuntiger Charakter mit einer grotesken Discokugel-Maske auf, der nach und nach Stücke entfernt werden, und gleicht sich schließlich immer weiter dem „Original“ an, auch, was etwa die Körpersprache betrifft. Und auch die Nebenfiguren (sprich: alle Figuren außer den beiden Tae-yeongs) überzeugen, allen voran natürlich Sulli als weibliches Objekt der Begierde Yoo-hwa.  Denn ein solcher Film funktioniert selbstverständlich nicht ohne die richtige Frau. Etwas mehr Tiefe für ihren Charakter wäre auch nicht verkehrt gewesen, aber ihre Performance fand ich überzeugend und für einen solchen Film passend.

Was ästhetisch besonders heraussticht, ist die prägnante Neon-Optik des Films, die sich für einen Schauplatz wie Seoul natürlich anbietet, und die teilweise extrem ruhige Inszenierung, die immer wieder von brutaler Action unterbrochen wird. Ich persönlich habe mir oft die Frage gestellt, ob man die futuristischen Schauplätze und Handlungselemente eigentlich in den Bereich der Science Fiction einordnen könnte, oder ob es sich einfach um eine visuell überzeichnete Version der Gegenwart handeln soll – und wenn ich mir mit so etwas den Kopf zerbrechen kann, bin ich eigentlich schon zufrieden. Untermalt wird das Ganze hauptsächlich von Ambient-Klängen, hin und wieder sind aber auch Techno-Beats zu hören. Auch der Aufbau ist ungewöhnlich: Obwohl scheinbar linear erzählt, ist der Film in mehrere Kapitel eingeteilt, von denen der Prolog sowie das erste Kapitel nur wenige Minuten dauern, während Kapitel 2 („VS“) mehr als die Hälfte des gesamten Films, der immerhin fast 140 Minuten dauert, einnimmt. Dies ergibt rückblickend sogar Sinn, wobei ich hier keine Spoiler einbauen möchte, denn es liegt mir etwas daran, daß der Film bei Interesse auch gesichtet wird. Meiner Meinung nach hätte es an vielen Stellen gerne noch ein bißchen extremer und gewagter sein dürfen. Das Finale ist allerdings so herrlich überzeichnet, daß wohl sogar ein Zack Snyder im Kino feucht geworden wäre.

Was sind nun also die Gründe für die ganze vernichtende Kritik? Dazu gibt es verschiedene Theorien: Der Film wurde unter anderem von Alibaba mitfinanziert, einem festlandchinesischen Konglomerat, und das Verhältnis zwischen Südkorea und der „Volksrepublik“ ist historisch angespannt, wenn auch schwankend (wie so ziemlich alles in der meist extrem reaktionären koreanischen Politik). Da ich selbst alles andere als ein Freund der chinesischen Regierung bin, kann ich den Unmut über diese Soft-Power-Aktionen nachvollziehen, allerdings hat dies mit dem Endprodukt, das in der Form auch sicherlich nicht in China gezeigt wurde, rein gar nichts zu tun. Hier wurden auch keine Taiwan-Flaggen zensiert, hier wird Pyongyang nicht zur Hauptstadt Koreas erklärt, hier steckt einfach chinesisches Geld drin, wie in vielen amerikanischen Blockbustern ebenfalls. Dies sind die Zeiten, in denen wir leben.

Der Fakt, daß der Film wirr, brutal und herausfordernd ist? Also bitte, damit hatte Südkorea nun wirklich noch nie Probleme. Selbst 1960 war Kim Ki-youngs psychosexueller Schocker „Hanyeo (Das Hausmädchen)“ ein Riesenerfolg, obwohl das Land noch vom Krieg verwüstet und politisch und wirtschaftlich instabil war. Und vieles, das seither von der Halbinsel in den Westen gedrungen ist, spricht auch eine deutliche Sprache. „Real“ ist vielleicht ein Tick surrealer, verschachtelter und vor allem langsamer – oft auch etwas zu langsam, denn Love Lee schafft es nicht immer, die vielen ruhigen Momente mit Bedeutung zu füllen – als manche Erfolgsfilme. Ähnlich wie „Only God Forgives“, den ich über alles liebe und der leider auch kein großer Erfolg war. Ein wichtiger Punkt ist sicher auch, daß viele Fragen zunächst unbeantwortet bleiben und man am Ende besonders nach der ersten Sichtung eher noch weniger versteht als davor. Was aber nicht heißt, daß man den Film nicht auch einfach so genießen kann. Zudem leben wir in einer Welt, in der David Lynch als großer Künstler gefeiert wird. Meine persönliche Vermutung ist ein Schneeballeffekt: Irgend jemand hat einfach entschieden, daß „Real“ schlecht sein soll, und alle wollten sich anschließend mit negativen Kritiken überbieten, um einen schönen Skandal zu haben.

Dafür spricht auch, daß er der letzte Film ist, in dem Schauspielerin und Megastar Sulli mitwirkte. Sie hat sich 2019 mit nur 25 Jahren das Leben genommen, nachdem sie von den absolut widerlichen, ultrakonservativen koreanischen Massenmedien förmlich zerstört worden war, weil sie es unter anderem wagte, offen zu ihrer Sexualität und Weiblichkeit zu stehen und zum Beispiel ohne BH im Fernsehen (und in „Real“ sogar ganz nackt) aufzutreten. Kein übertriebenes „Feminazi“-Getue amerikanischer Art, nichts dergleichen, nur elementare Dinge, die in einer entwickelten Gesellschaft im 21. Jahrhundert längst selbstverständlich sein sollten. Sulli war ein Jahr jünger als ich. Dies zeigt sehr deutlich, wo Südkorea immer noch steht und verharrt, und man kann nur hoffen, daß vor allem der perverse und zerstörerische Umgang mit Stars, der wirklich nirgendwo auf der Welt schlimmer ist, irgendwann ein Ende finden wird. Personenkult hat in Korea oft sehr bizarre Auswirkungen, wie man nicht nur im Südteil des getrennten Landes beobachten kann.

Ob der Film und die öffentliche Reaktion darauf ein weiterer Grund für ihren Suizid gewesen ist, weiß ich nicht, aber sollte das so sein, dürfte „Real“ wohl in der Tat einer der unglücklichsten Filme aller Zeiten sein. Ein Lichtblick ist nur, daß in den Jahren seit seinem Erscheinen einige Kritiker ihre Stimme für diesen Film ergriffen haben, und die Chancen gut stehen, daß dieses ungewöhnliche, faszinierende Werk in Zukunft als Geheimtipp gehandelt werden wird. Mit dieser Kritik möchte ich auch meinen Beitrag dazu leisten. Wer mit Refn und Konsorten etwas anfangen kann, wird hier garantiert auch seine Freude haben.

Ganz ehrlich: Der Film mag letzten Endes wie so vieles Geschmackssache sein, aber daß er einer der „schlechtesten Filme aller Zeiten“ sein soll, ist völliger Unsinn und in keiner Weise nachvollziehbar. Dafür ist „Real“ auch viel zu hochwertig produziert und mit viel Hingabe aller Beteiligten verwirklicht („realisiert“), besonders für ein Debutwerk mit einem doch ziemlich hohen Budget und ordentlichen Stab. Kein seelenloser Blockbuster, sondern ein gewagter, intensiver und cooler Neon-Thriller. Ich hoffe wirklich, daß Regisseur Love Lee trotz diesem unverdienten Mißerfolg irgendwann zurückkehren wird, um seinen Stil noch weiter zu verfeinern und uns in Zukunft mit noch mehr Filmen zu beglücken. Und ich zumindest setze mich dafür auch gerne wieder in einen leeren Kinosaal. Von mir gibt’s dafür knappe, aber vor allem für das wirklich großartige Finale sehr verdiente 9 Punkte.

9/10
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Kommentare

02.05.2020 03:19 Uhr - Laughing Vampire
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DB-Helfer
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Für weiteres Lesen: Es gibt einen sehr interessanten (und weitaus kritischeren) Artikel, der die von mir nur rudimentär und oberflächlich geschilderte Handlung detailliert analysiert und auch Aspekte aufgreift, die mir bei meinen beiden Sichtungen entgangen sind. Zu finden hier: https://medium.com/@eligastor/korean-film-real-rieol-2017-plot-explanation-8ab1796b44af

02.05.2020 07:10 Uhr - Ghostfacelooker
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Ich gebs zu! Obwohl ich den Film noch nie gesehen habe, mich dein Review aber bestimmt dazu verführt, falls ich ihn irgendwann irgendwie irgendwo finde-, war ICH DERJENIGE der entschied das er schlecht ist!!^^^^^^^
Toll das dieser Schneeball wenigstens so rum funktioniert, denn wenn ich einen Film gut finde, klappt das nie

02.05.2020 11:23 Uhr - The Machinist
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Mit Refn und Konsorten kann ich auf jeden Fall was anfangen, genauso wie mit koreanischen Filmen. Deswegen - und aufgrund deiner hervorragenden Kritik - hab ich mir eben die Blu-ray von ''Real'' importiert. Da will ich doch mal selbst sehen was der so kann.

Ich arbeite gerade auch an Reviews zu so zwei richtigen Brettern, das kann aber noch ein wenig dauern.

02.05.2020 13:28 Uhr - Laughing Vampire
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DB-Helfer
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@Ghostface: Na, immerhin haben wir alle unseren Stolz als individuelle Filmkritiker!
@Machinist: Wow, das freut mich! Schön, wenn das gleich so direkte Auswirkungen hat. Ich hoffe wirklich, daß dir der Film auch gefällt. Laß es uns dann auf jeden Fall auch mit einer Kritik wissen. Auf deine nächsten Reviews bin ich auch gespannt -- bei mir kommt als Nächstes wohl mal wieder ein Film, den ich wirklich für einen der schlechtesten halte. ;)

02.05.2020 21:15 Uhr - The Machinist
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Kritik, weiß ich noch nicht. Die Blu-ray kommt vermutlich eh erst im Juni an. ;-)

Jedenfalls hatte ich mal deine Review zum ''Helter Skelter'' von Mika Ninagawa gelesen, woraufhin ich mir diesen besorgt hatte und sofort in das Teil verliebt war. Und tja, seitdem bin ich so ein geheimer Laughing-Vampire-Fanboy, ohne jetzt irgendwie schleimen zu wollen.

Und es ist immer schön sich mit jemandem auszutauschen, der im asiatischen Sektor bewandert ist, zumal ich da jetzt nicht so viele Leute kenne und ich im Freundeskreis bei Nennung von Namen wie Sion Sono und Takashi Miike meist nur fragend angeschaut werde.

02.05.2020 21:16 Uhr - The Machinist
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Und den erwähnten schlechten Film werde ich mir natürlich auch direkt holen ... vielleicht.

02.05.2020 21:18 Uhr - Cabal666
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Tolle und sehr aufschlussreiche Kritik zu einem sehr interessanten Film.
Sullis Selbstmord im letzten Jahr habe ich mitbekommen, kannte die Hintergründe bisher aber nicht so wirklich. Dass die Gesellschaft in Südkorea teilweise noch viel extremer auf Leistungserzeugung ausgerichtet ist als in Japan und dazu sehr konservativ (soweit ich weiß, ist Südkorea das katholischste Land Asiens) war mir auch schon bekannt, aber genaue Vorstellungen macht man sich davon eben nicht, bis es zu einem Trauerfall kommt. Ich mag ja viele Filme aus Südkorea, aber leben wollen würde ich da nicht.
Deine Beschreibung hat mich auf jeden Fall sehr neugierig gemacht. Von Nicolas Winding Refn hab ich bisher leider noch gar keinen Film gesehen, mit Gaspar Noés Stil bin ich allerdings vertraut. Außerdem hab ich eine Schwäche für verwirrende Mindfuck-Filme. Und kontroverse Werke interessieren mich auch. Nach "Real" werde ich also in der nächsten Zeit Ausschau halten. Ich bin gespannt!

03.05.2020 00:16 Uhr - Laughing Vampire
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DB-Helfer
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@The Machinist: Oh, wow. Daß ich mal eine Kritik zu "Helter Skelter" geschrieben habe, wußte ich nicht einmal mehr! Umso schöner. Von der Regisseurin sind letztes Jahr ja zwei neue Filme erschienen, von denen ich insbesondere "Diner" (Trailer hier: https://youtu.be/W6igq-iN5L0) unbedingt sehen möchte. Damit warte ich allerdings noch, bis ich wieder nach Asien kann, denn derzeit sitze ich wegen Corona auch in meiner Heimat am Bodensee fest... :) Und es war schließlich deine Kritik, die mich zu dem hier inspiriert hat.
@Cabal666: Vielen Dank! Das katholischste Land Asiens sind ja die Philippinen, Südkorea ist dagegen stark vom US-Protestantismus beeinflußt. Wenn man nachts z.B. in Seoul unterwegs ist, sieht man überall rot leuchtende Neon-Kreuze. Aber der Rest ist vollkommen korrekt: Die Leistungsgesellschaft ist unmenschlich, und auch ich würde derzeit nicht dort leben wollen. Auch, weil Ausländer doch noch stark diskriminiert werden (und auch weil mein bester koreanischer Freund dieses Jahr leider bei einem Unfall gestorben ist). Für einen Kurzaufenthalt kann ich das Land jedoch unbedingt empfehlen. Der Film wird dir sicher auch gefallen, also unbedingt Ausschau halten! :)

05.05.2020 20:59 Uhr - Ghostfacelooker
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Beileid zu deinem Verlust

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