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No Tears for the Dead

(Originaltitel: Uneun Namja)
Herstellungsland:Südkorea (2014)
Genre:Action, Drama, Krimi, Thriller
Alternativtitel:The Crying Man
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,67 (3 Stimmen) Details
inhalt:
Gon (Jang Dong-gun) ist ein eiskalter Auftragskiller, der für die amerikanischen Triaden arbeitet und seine Aufträge stets mit tödlicher Präzision erledigt. Als er jedoch bei seinem letzten Job versehentlich ein unschuldiges kleines Mädchen erschießt, gerät sein Leben aus dem Gleichgewicht. Zerfressen von Schuldgefühlen will er aus dem Geschäft aussteigen, allerdings lässt sein Boss ihn erst gehen, wenn er noch ein letztes Ziel ausschaltet. Was es Gon noch schwerer macht: Bei der Zielperson handelt es sich um die Risikomanagerin Mo-gyeong (Kim Min-hee), der Mutter des Mädchens, die nach dem Tod ihrer Tochter jegliche Freude am Leben verloren hat und ihr Leid in Arbeit ertränkt. Noch ist sie sich in völliger Unklarheit darüber, dass sie im Mittelpunkt einer gewaltigen Verschwörung steht...
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von the machinist:

No Tears for the Dead

Tränen. Poesie. Mündungsfeuer.

 

2010 konnte Regisseur Lee Jeong-beom mit The Man from Nowhere bei Kritikern und Publikum, gleichermaßen, einen Riesenerfolg verbuchen. Auch international begeisterte das Action-Drama, in dem ein ehemaliger Hitman ein junges Mädchen aus den Fängen von Organhändlern befreien muss. In No Tears for the Dead beschreitet Lee ähnliches Terrain, und übertrifft sich abermals selbst.

Gon (Jang Dong-Gun) ist Koreaner, jedoch in Amerika aufgewachsen und arbeitet als professioneller Auftragskiller für ein Gangstersyndikat. Bei seinem letzten Auftrag tötete er versehentlich ein kleines Mädchen. Sein Gewissen quält ihn danach regelmäßig, also will er aussteigen. Doch sein Auftraggeber John Lee (Kim Joon-seong) lässt ihn nicht so einfach ziehen, immerhin braucht er diverse Unterlagen über die Finanzgeschäfte der Triaden, die Gon bei seinem letzten Job nicht beschaffen konnte. So scheint es, dass Mo-kyeong (Kim Min-hee), die Mutter des von Gon ermordeten Kindes, die Unterlagen zu besitzen scheint, weshalb sie liquidiert werden soll. Gon wird nach Korea geschickt, weigert sich aber den Auftrag auszuführen, was seine früheren Partner (u.a. Brian Tee) auf den Plan ruft, die jetzt Jagd auf Gon und Mo-kyeong machen. Gon entschließt sich einmal in seinem Leben jemandem zu helfen und Mo-kyeong zu beschützen...

Die Erwartungen waren groß und ich staunte nicht schlecht als mich No Tears for the Dead - nachdem er mich lange zappeln ließ - ab der Hälfte seiner Laufzeit, regelrecht aus den Socken haute. Das mit Protagonist Gon nicht zu spaßen ist, macht bereits die Eröffnungssequenz in einem zigarrenrauchgeschwängerten Jazz Club klar, dessen Mobiliar prompt einen neuen Anstrich verpasst bekommt. Hier dürften wohlige Erinnerungen an Gangsterfilme der Achtziger und Neunziger warm werden. Danach entschleunigt Lee Jeong-beom auf eine Weise, wie man sie eher von einem Nicolas Winding Refn erwartet. Dies geht natürlich auf Kosten der Kurzweil, doch schnell wird bewusst, dass Lee bei seinem Film Größeres vorschwebt.

Der Plot gestaltet sich somit keineswegs langweilig, zeugt jedoch von einer erzählerischen Trägheit, die auf der anderen Seite allerdings die Schwere der Ereignisse noch viel greifbarer macht. Sowohl Gon als auch My-kyeong, die als männlicher und weiblicher Gegen-Pol funktionieren - und denen, anders als in vielen anderen Filmen dieser Art, gegenseitige Zuneigung verwehrt bleibt - haben dabei mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen. Während Mo-kyeong, obwohl sie vor kurzem erst ihre Tochter verloren hat, einen ziemlich abgebrühten Eindruck macht, gibt es eine wahrhaft herzzerreisende Szene in der sie alle Hüllen fallen lässt, parrallel dazu sieht man Gon - der fast noch etwas überzeugender wirkt - still mitleiden. Der Aspekt des Films in dem Mo-kyeong Vergeltung für den Tod ihres Kindes verlangt, und der Mörder Gon sie oft nur wenige Meter entfernt beobachtet und später noch ihren vermeintlichen Retter mimt, stellt sich dabei als eine so typisch koreanische Erzählweise heraus, der jederzeit eine theatralische Doppelmoral anhaftet, wie man sie auch von einem Park Chan-wook oder Kim Jee-won erwarten würde.

Die eigentliche Rahmenhandlung um millionenschwere Triadenfonds läuft da fast etwas hintergründig, und dürfte gerade beim ersten Ansehen schwer zu durchschauen sein, wodurch No Tears for the Dead mehr oder weniger beiläufig zu einer Zweitsichtung einlädt. Immerhin bleibt der Plot trotz wirrer Perspektivwechsel meist auf dem Boden der Tatsachen und gefällt spätestens wenn prägnante Gesichter wie Kim Joon-seong und Kim Hee-won schnittige Dialoge zum besten geben. Der etwas lieblos reingeklatschten Nebenhandlung mit Mo-kyeongs demenzkranker Mutter, die für sie einen letzten Strohhalm der Hoffnung symbolisiert, wird indes zu selten die nötige Aufmerksamkeit zuteil um lange zu fesseln.

All diesen Kleinigkeiten und ineinander verwobenen Charakterbeziehungen, dienen aber letztendlich als Auslöser dafür, dass Gon nach einer merklich stimmungskippenden Krankenhaus-Szene über die restliche Filmstunde in bester Heroic Bloodshed-Manier die Fetzen fliegen lässt wie kein Zweiter. Anders als Cha Tae-sik in The Man from Nowhere, ist Gon dabei kein klassischer Sympathieträger, und eigentlich auch schon gar kein Antiheld mehr, denn dafür pustet er etwas zu bereitwillig und manchmal auch wirklich sehr genüsslich Lebenslichter aus. Und auch die amerikanischen Auftragskiller, die man Gon und Mo-kyeong auf den Hals hetzt, und die noch zu Anfang den Eindruck abgeklärter Profis erwecken, entpuppen sich auf den zweiten Blick als gewaltgeile Vollsadisten, die gehörig einen an der Waffel haben.

Ohnehin war koreanisches Kino noch nie besonders zimperlich und No Tears for the Dead macht da sicherlich keine Ausnahme. Wenn es zu einem Scharmützel in einer Apartementwohnung kommt, dann überschwemmt ein Sniper die Gänge mit Kunstblut und menschliches Leben wird buchstäblich verschwendet. Andererseits zeugt die Gewaltdarstellung von einer ästhetischen Formvollendung, speziell wenn in Messerkämpfen versucht wird den Gegner möglichst effektiv kampfunfähig zu machen.

Auch ansonsten erlaubt man sich bei der Action keine Schnitzer. Die ist mit berstenden Blutkapseln und eindrucksvoll qualmenden Gewehrläufen angenehm altmodisch und im Verhältnis zu etwaigen Hollywood-Blockbustern wahrhaftige Handwerkskunst. Zumindest müssen Antagonisten ihre Waffen tatsächlich mal nachladen und es gibt ein Auto, dass durch Gewehrsalven wortwörtlich ins Nirvana gepustet wird - und das ohne dabei zu explodieren.    

Für die Kamera zeichnet sich der Okular-Virtuose Lee Mo-gae (A Tale of Two Sisters, I saw the Devil) verantwortlich, der Bilder von höchster Konzentration liefert, bei denen kein einziger Frame überflüssig erscheint und selbst die wildesten Schnittgewitter noch übersichtlich bleiben. Er ist es auch, durch dessen Arbeit No Tears for the Dead zu einem Filmerlebnis wird, wie es intensiver kaum sein könnte und das mit dem Einsatz gräulich-bläulicher Farbfilter, stilistisch dem stählernen Look eines Michael Mann (Heat, Collateral) gleichkommt. Entfernt kann auch die Rede von gewolltem Nihilismus sein, wie man ihn in den Filmen des Hongkong-Action-Gottes John Woo (Hard Boiled, A Better Tommorrow) findet.  

Der etwa zwanzigminütige Showdown, in dem Gon innerhalb eines mehrstöckigen Gebäudekomplexes gegen seine Ex-Kollegen antritt, dürfte ob des ähnlichen Schauplatzes Assoziationen zu Stirb Langsam wachrufen und zeugt ebenfalls von der kammerspielartigen Intensität des ersten The Raid-Teils. Beinahe schon poetisch wird es, wenn dann nebst Blut aus Schusswunden noch Wasser aus Sprinkleranlagen fließt und die geschundenen Körper und Seelen der Figuren eine versinnbildlichte Katharsis durchlaufen, auch wenn dies als etwas zuviel Interpretationswilligkeit meinerseits gedeutet werden kann.

Die amerikanischen Regie-Kollegen lässt Lee Jeong-beom damit überwiegend ganz schön alt aussehen - also genau wie im Film selbst - und festigt sich damit einen Platz im modernen Action-Pantheon, und das obendrein als spannender Geschichtenerzähler.      

''You have no other choice. Get rid of her!''

''What if I refuse?''

 

Fazit: In der ersten Hälfte inszeniert Lee Jeong-beom seinen No Tears for the Dead als unterkühltes Thriller-Drama in dem Jang Dong-Gun und Kim Min-hee an Schuldgefühlen zerbrechen. Das darauffolgende Inferno aus ekstatisch gefilmten Nahkämpfen und Stahlbädern gleicht damit einem Akt der Läuterung und gehört ganz ohne Zweifel zu den Sternstunden des modernen Actionkinos. 

9/10
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Kommentare

06.05.2020 18:37 Uhr - Ghostfacelooker
1x
User-Level von Ghostfacelooker 18
Erfahrungspunkte von Ghostfacelooker 6.828
Klingt ganz nach meinem Geschmack. Danke für das schmackhaft machende Review

06.05.2020 21:58 Uhr - Inferis
1x
DB-Helfer
User-Level von Inferis 13
Erfahrungspunkte von Inferis 2.959
Oh Mann, den wollte ich auch schon seit einer Ewigkeit schauen! Deine sehr gute Review macht auf jeden Fall auch Lust darauf und verspricht das was ich mir unter dem Film vorgestellt habe :)

07.05.2020 15:04 Uhr - The Machinist
User-Level von The Machinist 7
Erfahrungspunkte von The Machinist 719
Danke euch und freut mich wenn ich euer Interesse wecken konnte.

Kurioserweise gab's nie einen Deutschland-Release, weshalb ich mir kurzerhand die US-BD besorgt habe. Wenn ihr ''No Tears for the Dead'' sehen wollt, braucht ihr also ein entsprechendes Gerät ohne Region-Lock. Sorry, falls ich jetzt dem geneigten Interessenten einen Dämpfer verpassen musste. ;-)

Falls vorhanden lohnt sich die Anschaffung des Films ohne Zweifel. Für mich einer der besten Actionfilme, die ich seit ''The Raid 2'' gesehen habe.

PS.: Vom gleichen Regisseur ist außerdem der, zwar nur noch solide, aber immer noch sehenswerte Netflix-Film ''Jo Pil-ho: Der Anbruch der Rache''.

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