SCHNITTBERICHTE | # | A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z
Titel suchen:
Assassins Creed Valhalla · Schreibe deine eigene Wikingersaga · ab 58,99 € bei gameware The Last of Us 2 · Eine emotionale Geschichte · ab 59,99 € bei gameware

Einsame Entscheidung

(Originaltitel: Executive Decision)
Herstellungsland:USA (1996)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Action, Thriller
Alternativtitel:Critical Decision
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,85 (49 Stimmen) Details
inhalt:
Ein Jumbo ist von Terroristen entführt worden. An Bord 400 Passagiere und eine Nervengasbombe, stark genug um Washington zu zerstören. Mit einem Shuttleflugzeug schafft es eine US-Eliteeinheit, unbemerkt ins Flugzeug zu gelangen. Ihnen bleiben 3 Stunden...
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von cabal666:

Nanu, der Film hat hier noch gar kein Review, obwohl es so viele Fans davon gibt? Dem muss ich echt mal Abhilfe schaffen!

"Einsame Entscheidung" ist ein äußerst spannender Actionthriller aus den 90er Jahren mit beachtlichem Cast. Bei dieser Joel-Silver-Produktion handelt es sich um das Regiedebüt des sonst hauptsächlich als Cutter tätigen Stuart Baird, der danach nur noch bei zwei weiteren Filmen selbst inszenierte (dem Tommy-Lee-Jones-Sequel "Auf der Jagd" und dem missratenen "Star Trek: Nemesis") und sich auch heute noch bei seiner Arbeit in der Regel auf die Montage nach Abschluss der Dreharbeiten beschränkt. Sein erster Film als Regisseur ist dabei handwerklich erstaunlich in sich stimmig geworden, was wohl auch der schützenden Hand Joel Silvers zu verdanken war. Die äußerst effektive Inszenierung macht "Einsame Entscheidung" (oder "Executive Decision", wie er im Original heißt) zu einem der gelungensten Vertreter seines Genres.

Die Handlung um eine Gruppe muslimischer Terroristen, die ein Linienflugzeug entführen und einen verheerenden Anschlag in den USA planen, kann man aus heutiger Sicht fast schon als prophetisch bezeichnen, auch wenn die Attentäter des fünf Jahre später stattgefundenen 11. September weniger raffiniert vorgingen und auch keine Bombe mit einer derart vernichtenden Wirkung wie im Film an Bord hatten. Ein mulmiges Gefühl bekommt man als Zuschauer hier dennoch mehr als einmal. Glücklicherweise vermeidet der Film dabei eine undifferenzierte Dämonisierung arabischer Muslime und bemüht sich immerhin insofern um Grauzeichnung, als dass die Terroristen einen nachvollziehbaren Grund für ihr Handeln haben und sich einige, als sie vom ganzen Plan erfahren, tatsächlich gegen ihren Anführer stellen, wenn auch vergeblich. Das produzierende Studio Warner Bros. bekam kurz vor der Veröffentlichung anscheinend dennoch kalte Füße wegen des durchaus als kontrovers einzustufenden Inhalts und ließ daher eine zusätzliche Schnittfassung für den europäischen Markt erstellen, die die meisten Bezüge hinsichtlich des religiösen Hintergrunds der Flugzeugentführer entfernte. Mittlerweile ist diese Fassung auch in den USA die vorherrschende. Im Grunde ein Akt feiger Zensur, aber da die betreffenden Szenen für das Verständnis der Handlung nicht essenziell sind, kann man damit leben. Viel schwerer wiegt hierzulande, dass die deutsche Synchronfassung den Film zusätzlich verfälscht, indem sie sämtliche Charaktere auf deutsch miteinander reden lässt, auch wenn diese in ihrer Landessprache sprechen, um vom Umfeld nicht verstanden zu werden. Dazu kommen noch weitere sinnentstellende Passagen in den Dialogen, durch die der religiöse Hintergrund endgültig nicht mehr erkennbar ist. Leute, die Filme im O-Ton schauen, haben dieses Problem freilich nicht, dennoch ist es ärgerlich, da sehr gute Sprecher für die deutsche Version verpflichtet wurden.

Wie dem auch sei. In handwerklicher Hinsicht kann man dem Film definitiv nur wenig vorwerfen. Die dynamische Kamera vom mittlerweile verstorbenen oscarnominierten Alex Thomson (u.a. "Excalibur", "Legende", "Cliffhanger") ist oft nah am Geschehen und fokussiert sich häufig auf das Mienenspiel der Akteure. Stuart Baird, der hier natürlich auch teilweise für den Schnitt zuständig war, hält durch häufige Parallelmontagen die Spannung durchgängig auf einem hohen Niveau. Die Musik vom legendären Jerry Goldsmith ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Auch das Drehbuch von den Brüdern Jim und John Thomas (waren u.a. verantwortlich für den ersten und zweiten "Predator" und "Wild Wild West") ist eines der besseren in diesem Genre. Trotz einiger überkonstruierter Passagen, stereotyper Charaktere und einem sehr unglaubwürdigen Finale sorgt es mit seinen zahlreichen Wendungen dafür, dass keine Langeweile aufkommt. Dabei steht hier mehr die Problemlösung anstelle ausgedehnter Schießereien, Kämpfe und Explosionen im Vordergrund, auch wenn der Film an denen ebenfalls nicht arm ist. Denn die Helden des Films, eine Spezialeinheit, müssen nicht nur unbemerkt an Bord des Flugzeugs gelangen, sondern anschließend unter hohem Zeitdruck die Bombe ausfindig machen, diese entschärfen und schließlich noch die Terroristen überwältigen, ohne vorher versehentlich auf sich aufmerksam gemacht zu haben. Allerdings kann man an dieser ständigen Spannungserzeugung auch kritisieren, dass sie vielleicht etwas übers Ziel hinausschießt. Denn wenn die Geiselnehmer immer wieder Verdacht schöpfen, ohne dass dies letztlich zu Konsequenzen führt, außer kurz vor dem Showdown, ist das dann doch eher ungeschicktes Storytelling. Zumal der Film mit seiner enormen Laufzeit von über zwei Stunden auch etwas zu lang geraten ist. So manche Dialogszene hätte man sich lieber gespart.

Insgesamt bleibt dennoch hinsichtlich des Plots und des Pacings ein positiver Eindruck zurück. Kommen wir schließlich noch zur Besetzung, die, wie eingangs erwähnt, wirklich viele große Namen bietet. Bei der schauspielerischen Leistung sieht es da schon eher durchwachsen aus, wenngleich der Großteil für einen Film dieses Genres durchaus solide Leistungen zeigt. Kurt Russell als eigentlicher Protagonist des Films, ein wissenschaftlicher Geheimdienstberater, der eher gezwungenermaßen das Einsatzkommando unterstützen muss, bringt die Anspannung und Selbstzweifel seiner Figur glaubhaft zum Ausdruck. Er ist hier kein übermenschlicher Muskelprotz wie Snake Plissken, sondern ein durchschnittlicher Typ, der sich in einer Extremsituiation beweisen muss. Damit lädt er auch besser zur Identifikation ein, zumal seine Rolle auch als einzige eine richtige Character-Arc spendiert bekam. Zum Schluss muss sein Charakter, der gerade erst dabei ist, seinen Pilotenschein zu machen, nämlich so richtig über sich hinauswachsen. Das ist definitiv mehr als ansprechend erzählt, auch wenn es im Showdown auf ziemlich unglaubwürdige Weise geschieht. Mimik-Minimalist Steven Seagal war damals wohl die größte Überraschung im Cast, denn obwohl bei Kinostart noch groß mit ihm auf dem Plakat geworben wurde und er zu Beginn als knallharter Kämpfer und Leiter der Spezialeinheit eingeführt wird, verabschiedet sich seine Figur im Stil eines Hitchcock-Twists schon nach der Hälfte des Films auf Nimmerwiedersehen. Das geschieht aber auf eine richtig heroische Weise und auch zum richtigen Zeitpunkt, denn durch sein nicht vorhandenes Schauspieltalent und seine Hau-Drauf-Attitüde hätte er in die mehr von taktischen Zügen geprägte zweite Hälfte ohnehin nicht wirklich rein gepasst. In den Szenen davor kann man ihm sowieso in ausreichender Menge bei dem zusehen, was er (zumindest damals auch noch persönlich) am besten konnte: aufschlitzen, Schläge und Tritte verteilen und wild um sich ballern.

Als Mitglieder seines Teams sind die versierten, immer wieder in Nebenrollen anzutreffenden Darsteller John Leguizamo, B. D. Wong ("Jurassic Park") und Joe Morton (u.a. "Terminator 2", "Speed") mit von der Partie, die allesamt mehr als ordentlich spielen. Die wohl beste schauspielerische Leistung zeigt jedoch der britische Charakterdarsteller David Suchet, der den meisten aus der Fernsehserie "Agatha Christie's Poirot" als titelgebende Hauptfigur bekannt sein dürfte. Als charismatischer Terroristenführer wirkt er hier richtiggehend furchteinflößend. Außerdem ist noch Halle Berry als mutige Stewardess zu sehen, wobei ihre schauspielerische Leistung eher zu wünschen übrig lässt und auch ihr optisches Erscheinungsbild diesmal, besonders was ihr Kostüm betrifft, in negativer Erinnerung bleibt. Zuletzt sieht man noch den allgegenwärtigen Nebendarsteller Oliver Platt als technisches Genie, das wie Russells Figur mehr gegen seinen Willen an vorderster Front bei der Rettungsmission mithelfen muss. Er ist dagegen durchaus in Ordnung. Platt und Berry sollten übrigens in der zwei Jahre später erschienenen Politsatire "Bulworth" erneut gemeinsam vor der Kamera stehen.

Bleibt insgesamt also ein überdurchschnittlicher Actionthriller mit Flugzeugentführungsthematik, der trotz seines nicht immer logischen Plots und nicht durchgängig überzeugenden Schauspiels von Anfang bis Ende zu unterhalten vermag und vor allem in Sachen Spannung auch nach mehreren Sichtungen einen sehr nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Für ein Regiedebüt ist das hier mehr als gelungen.

8/10
mehr reviews vom gleichen autor
Bounty
Cabal666
8/10
Stung
Cabal666
7/10
die neuesten reviews
Hitman
Tetro
5/10
Critters
Frei.Wild
10/10
Blues
lappi
10/10
Killing
Aquifel
8/10
Sommerfest
prince akim
9/10

Kommentare

16.05.2020 10:36 Uhr - TheMovieStar
1x
User-Level von TheMovieStar 7
Erfahrungspunkte von TheMovieStar 754
Noch keine Rückmeldung zu dem tollen Review? Dann bin ich mal der Erste! Schön geschrieben Cabal! Den Film selbst habe ich vor Jahren das letzte Mal gesehen, da hat er mir gut gefallen. Ist aber schon so lange her, dass ich mich fast gar nicht erinnern kann. Muss den vielleicht mal wieder gucken und dann das zweite Review auf sb.com hinter herschieben :-)))

17.05.2020 07:57 Uhr - Pratt
1x
DB-Helfer
User-Level von Pratt 23
Erfahrungspunkte von Pratt 11.731
Gutes Review, ich würde den Film sogar noch etwas besser bewerten, aber leider auch schon lange nicht gesehen. Immerhin habe ich ihn damals 1996 schon im Kino gesehen.

P.S. Auf den meisten US oder internationalen Postern ist Seagal nicht zu sehen, nur in Deutschland und ein paar anderen erupäischen Ländern, da man hier noch mehr Zugkraft erwartete.

17.05.2020 13:34 Uhr - NoCutsPlease
1x
DB-Helfer
User-Level von NoCutsPlease 23
Erfahrungspunkte von NoCutsPlease 12.120
Gelungene und zutreffende Kritik. :)

Im Grunde ist bei diesem Film zu wenig Seagal enthalten, um wirklich von einem Seagal-Streifen sprechen zu können, aber für einen Platz in der britischen "Steven Seagal Collection" war es anscheinend genug.

kommentar schreiben

Um Kommentare auf Schnittberichte.com veröffentlichen zu können, müssen Sie sich bei uns registrieren.

Registrieren (wenn Sie noch keinen Account hier haben)
Login (wenn Sie bereits einen Account haben)