SCHNITTBERICHTE | # | A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z
Titel suchen:
Ghost of Tsushima · Stahl und Schwertkampfkunst · ab 59,99 € bei gameware Doom Eternal · Das Nonplusultra in Sachen Durchschlagskraft · ab 48,99 € bei gameware

Die Hamburger Krankheit

Herstellungsland:Deutschland (1979)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Drama, Katastrophenfilm, Thriller
Alternativtitel:La Maladie de Hambourg
El Virus de Hamburgo
The Hamburg Syndrome
Hamburgersyken
La Maladie d'Hambourg
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,00 (1 Stimme) Details
inhalt:
Die Bundesrepublik wird von einer geheimnisvollen, todbringenden Seuche heimgesucht. In Hamburg macht sich eine Gruppe von Menschen auf den Weg zu einer Odyssee durch das Land, um nach Überlebenden und einer Rettung zu forschen. Die Reise entwickelt sich zu einer aussichtslosen Flucht in die Berge Bayerns, deren Idylle jedoch ein Trugschluss ist.
eine kritik von cecil b:

 

Nein, Peter Fleischmann, der die Regie bei DIE HAMBURGER KRANKHEIT führte, dreht keine Filme für die Gorehounds, auch wenn der Nachname anderes vermuten lässt.  

Fleischmanns Filme, wie etwa ES IST NICHT LEICHT, EIN GOTT ZU SEIN oder JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN, sind radikal, aber weniger blutig. Dieser Regisseur liebt es, ähnlich wie einst Christoph Schlingensief (Terror 2000 – Intensivstation Deutschland), ein pessimistisches Gesellschaftsbild zu malen, und die Unterdrückung des Individualismus zu thematisieren. Und das hat er auch mit DIE HAMBURGER KRANKHEIT gemacht. Dieser Film stellt fiktiv dar, wie die Gesellschaft und das System, in dem wir leben, wohl mit einer Epidemie umgehen würden. Ausgelöst durch eine tödliche Infektionskrankheit, über die man nichts weiß, außer dass sie sich schnell verbreitet, und lebensgefährlich ist. In Zeiten der Corona-Krise hat ein großer Teil der Welt genau so ein Problem. Ein Virus, über den wir wenig wissen, beeinflusst mehr oder weniger unser komplettes Leben. Der Staat gibt Anweisungen, die besagen, wie wir uns zu unserem Schutz und den von anderen verhalten sollten, und müssen. Fleischmanns Zukunftsbild gibt keine guten Aussichten, was die Entwicklung dieser Situation angeht. 

 

                                                                 "Sind wir denn Sklaven unserer Zeit? "

 

Der Arzt und Professor Sebastian (Gut: Helmut Griem: Ansichten eines Clowns, Fabrik der Offiziere), der Wurstverkäufer Heribert, gekonnt von Ulrich Wildgruber (1999, Die Bartholomäusnacht) als armes Würstchen dargestellt, der kleinwüchsige Rollstuhlfahrer Ottokar (beeindruckend energiegeladen: Fernando Arrabal: The Emperor of Peru) und die circa 20-jährige Ulrike, tun sich zusammen, als Hamburg unter Quarantäne steht. Sie brechen aus der Quarantäne-Unterkunft aus, mogeln sich durch die polizeiliche Überwachung und Kontrolle, und versuchen gemeinsam einen Weg zu finden, mit der Situation umzugehen. Ausgerechnet der introvertierten Ulrike kann eine besondere Bedeutung zugesprochen werden. Denn sie ist ein Gegenpol, zu all den Männern, die die Führung übernehmen wollen.

DIE HAMBURGER KRANKHEIT zeigt seinen Sonnenschein, die hübsche Ulrike (Carline Seiser, Tatort: Sweetie), begleitet von Synthesizer-Klängen (Jean-Michel Jarre (Gallipoli)), die sanft die Anmut der Figur unterstreichen, und meist einen guten Mittelweg zwischen bedrohlichen, melancholischen und ansprechenden, hoffnungsvollen Tönen finden, betörend schön. Da es Seizer gelingt, flott durch ihre Mimik ihren Unmut und ihr Bedürfnis nach Ruhe und Geborgenheit darzustellen, die ihr unter Quarantäne verborgen bleiben, ist es unnötig, diese schauspielerische Leistung in ihrer Qualität noch näher zu beschreiben. Ulrike wird von jedem Mann in ihrer Umgebung sexualisiert, und die Regie betont das noch dadurch, dass ihr Körper durch eng anliegende Kleidung fast sichtbar wird, bis er es dann wörtlich ist, und diese Figur stets das süße scheue Reh gibt. So platt das 'klingt' ist es nicht. Viele Männer möchten sich um die junge Frau kümmern, damit sie sich selbst stark fühlen, und eine mögliche hoffnungsvolle Zukunft auf sie projizieren können, die blutjunge, potenziell gebärfähige Frau. Welch Ironie, dass sie in deren Augen am liebsten die Zukunft bedeuten soll, und sich selbst am liebsten wieder auf Mamas und Papas Schoss setzten möchte. Den Schoss möchte ihr so mancher Mann bieten, Ulrike denkt aber nicht an Gegenwart und Zukunft, sie möchte alles, wie es früher war. Sie richtet sich nicht wirklich gegen jemanden. Aber sie sagt kaum ein Wort, weiß nie, was zu tun ist, und hat nichts zu unser auserwählten Gesellschaft beizutragen. Eine optimistische Sichtweise ist auch das nicht. Eher eine weltfremde. Aber die, die meinen, sie wüssten, was richtig und was falsch ist, die wissen es auch nicht besser. 

Betrachtet man alle im Vordergrund dargestellten Figuren, so wird man wohl versuchen mit dem Arzt, dem Professor, Sebastian, eine rational, vielseitig denkende Identifikationsfigur zu haben. Aber Fleischmann streckt den Mittelfinger heraus, er führt auch das systematische Denken des Zuschauers ad absurdum. Unser vermeintliche Rationalist scheitert, bei dem Versuch, mit den Staatsorganen konstruktiv und realistisch zusammenzuarbeiten. Gegen pseudo-medizinische Untersuchungen, hanebüchen theoretische Berechnungen und Statistiken, den Willen, etwas zu tun, egal ob es Sinn ergibt, ist kein Kraut gewachsen. Verordnungen und Anweisungen sollen eine systematisch überwachte Sicherheit vermitteln. Wir möchten Sebastian womöglich die Verzweiflung daran sowie die Einsatzbereitschaft hoch anrechnen, und müssen ihn doch eigentlich von Anfang an als Utopisten abtun, mitsamt Pseudo-Moral. Er spricht anfangs auf einem Kongress von einer Gesellschaft, die aufgrund ihres Schwerpunktes, der "Produktionskapazität", keine Rücksicht auf alte, wenig leistungsfähige Menschen nehme, diese sogar aussetze. Man ist an dieser Stelle eventuell dazu geneigt, etwas zum Beifall beizutragen, der da zu hören ist, und wird eines besseren belehrt, wenn der Herr Professor auch Applaus dafür bekommt, dass er sagt, dass alte Menschen ja keine Hunde oder Katzen sein (sag bloß), oder er den Gedanken äußert, man könne als Gegenzug medizinische Möglichkeiten dafür finden, das menschliche Leben zu verlängern, möglicherweise Unsterblichkeit verwirklichen. Er bekommt wissenschaftliche Unterstützung, die den Eindruck komplett macht: "Der Mensch hat zwangsläufig immer bewiesen, dass er die Natur beherrscht! ".

Tja, der Spieß hat sich umgedreht, die Natur hat mit einer ihrer kleinsten Ausführungen die Oberhand gewonnen. Einer nach dem andern verlässt seinen Platz in der leistungsorientierten Gesellschaft, unabhängig davon, wie alt die Person ist. Andere behalten ihre berufliche Position, und werden dadurch zu Lakaien, die ihre Arbeit mechanisch absolvieren. Der Stammtisch, die Presse und die Staatsoberhäupter the­o­re­ti­sie­ren über militärische Kampfstoffe, Terroristen und sogar außerirdische Angriffe. 

Und der rassistische sowie sarkastische Zyniker Ottokar, der auch mal sexuell übergriffig ist, und Heribert, der darum bemüht ist, allen zu zeigen, dass er wisse, was zu tun ist, weil er sich ja auf der Straße auskennt, sind wohl kaum eine erstrebenswerte 'Alternative' zu den anderen bereits erwähnten Figuren.

„Nur wenige denken, doch alle haben Meinungen.“ George Berkeley. 

Die volkstümliche Tradition, das Spießertum, welches an seiner Gewohnheit festhalten möchte, die Politik, die Religion, die Esoterik, die Staatsgewalten, sollen eigentlich eine klare Linie, eine vorteilhafte Denkweise bedeuten, oder die vermeintliche Sicherheit eines Au­to­ma­tis­mus geben, trennen viele Menschen aber voneinander. Selbst ein ganz junger Rainer Langhans, aus der berühmten Kommune 1 (Uschi Obermeier und Co.), bekommt sein Fett weg. Sein Spiel kann als mutige Selbstironie beschrieben werden. Unter den dargestellten extremen Umständen, sind Szenen, in denen beispielsweise ein mit Lederhose bekleideter älterer Mann jodelt, dann nur ein Teil von dem galligen Humor, den Fleischmann da durch die Gegend spritzt. Fast jeder möchte etwas von der Last, die sein Kreuz mit sich trägt, auf einen anderen übertragen, oder mit seiner Überzeugung Richtungen weisen. Die Sicherheit durch eine Führung ist ein Trugschluss. Es wird rebelliert, nach dem Motto, wer nicht meiner Meinung ist, gegen den bin ich, und dann sind es die benannten Begebenheiten, die fast jeden wieder einholen. Die Seuche, die Fleischmann sich da ausgedacht hat, macht die Menschen symptomatisch aggressiv. Mehrere Szenen konfrontieren den Zuschauer mit dem Gedanken, ob es die Krankheit ist, die da aggressiv macht, oder die Angst davor, die Komfortzone zu verlieren. Zudem fallen die Hemmungen, und so mancher scheint sein wahres Gesicht zu zeigen. Fleischmann zeigt einen geradezu zynischen Blick auf die Spezies Mensch. Der Mensch steht sich selbst im Weg: " Kommt mir bloß nicht zu nah! "

Man kann etliche Aha-Effekte haben, da die Dialoge und die ambivalenten Perspektivenwechsel vieler Figuren wirklich aussagekräftig sind. Und sagen, dass diese nicht nur über ihr eigenes Leben nachdenken, weil sie ihre Existenz nun in Gefahr sehen, sondern dass sie endlich auch mal über das Leben an sich, das Menschsein nachdenken. Fleischmann entlarvt die Menschheit dabei aber mit ihrer systematischen und individuellen Schwächen sowie ihre Widersprüchlichkeit nahezu kompromisslos. Auch unmittelbar szenisch, wenn wir beispielsweise Schweine sehen, die im Stall an einem menschlichen Kadaver nagen, und die Menschenkinder rufen: "Mörder! ". 

Fleischmann, Otto Jägerberg (Seniorenschweiz) und Roland Topor (1938–1997): Der Mieter) haben da ein brachiales Drehbuch verfasst, die Inszenierung hat sich daran angepasst. Die verschiedenen Figuren werden blitzschnell durch derbe Eindrücke vorgestellt. Die Wechsel zwischen den tragenden Figuren (die mit der Zeit ihre Position austauschen!) und den dargestellten Personen, die für verschiedene Gewalten von der Regierung, Medizin, Gesellschaft und Religion stehen, geschehen nicht harmonisch fließend, so auch nicht die Schnitte von Susan Zinowsky. Fleischmann setzt den Vorschlaghammer ein, um die Konfusion eines Volkes mit vielen Perspektiven zu übersetzen. Das ist anstrengend, bewusst nervig, erschreckend, sprich: wirksam. Wie bereits erwähnt, wird nur Ulrike hier und da eine ästethische Inszenierung gewährt. Die Kameraführung von Colin Mounier (Der Teufelsgarten) , die gewählten Blickwinkel und Einstellungen von der Großaufnahme bis hin zur Supertotalen, fast alles ist schmucklos, trist, pur, und stilistisch zwar vielseitig, aber unattraktiv. Angemessen, für die erwünschte Dramatik des Films. Aber, das fördert die Aufmerksamkeit des Zuschauers nicht unbedingt. Zu eintönig ist der Modus, und, das ist auch inhaltlich so. 

 

 

 

Was hier und da an eine wütende Kraft eines Schlingensief erinnert, und auch mal an eine kritische Tiefe eines Werner Herzog (Aguirre- der Zorn Gottes/  Jeder für sich und Gott gegen alle), schwächelt durch manch plakative Szene (Ulrike tanzt mit einem Mann, der als Tod maskiert ist), und dadurch, dass die Kernaussage ausgewalzt wird. Das ist nie schlecht, und inhaltlich wünschenswert, braucht sich aber mit der Zeit so auf, dass das Schicksal der einzelnen Figuren und die Darstellung davon, dass die Individualität in der Gesellschaft paradox durch den Egoismus untergeht, etwas verblassen. Die nahezu einseitige Betrachtung der Dinge ist so pessimistisch, dass eine Subjektivität naheliegt, die die Ge­sell­schafts­kri­tik angreifbar macht. Eine Spur klassische Dramaturgie hätte dem Film auch gut getan. Wer sich aber aufregen, und einen besonders aktuell effektiven Runterzieher sehen möchte, oder sich nach Ironie sehnt, dem kann ich DIE HAMBURGER KRANKHEIT empfehlen, dessen Erwerb sich für mich schon gelohnt hat. Die Filmfans, die die harte Gesellschaftskritik von Jean-Luc Godards Week-End, und Schlingensief gefallen haben, können Fleischmanns Film bestimmt etwas abgewinnen. 

 

 

7/10
mehr reviews vom gleichen autor
Destroyers
cecil b
5/10
Tuyas
cecil b
9/10
Hände
cecil b
7/10
Reise
cecil b
8/10
die neuesten reviews
Martyrs
Kaiser Soze
2/10
Ravenous,
sonyericssohn
8/10
Gentlemen,
VelvetK
7/10
Hellraiser
dicker Hund
7/10
Behandlung,
hudeley
10/10
Old
Ghostfacelooker

Kommentare

27.05.2020 07:34 Uhr - dicker Hund
2x
User-Level von dicker Hund 15
Erfahrungspunkte von dicker Hund 3.645
Hochinteressante Titelwahl. Vor allem das Zitat von Berkeley scheint mir für etliche aktuelle Entwicklungen passend. Mir genügt aber erst einmal der Schmöker.

27.05.2020 11:24 Uhr - Tom Cody
1x
DB-Helfer
User-Level von Tom Cody 20
Erfahrungspunkte von Tom Cody 8.482
Hervorragende und wie gewohnt sehr fundierte Rezension eines Films, der mir zu Beginn dieser Pandemie als allererstes in den Sinn kam.
"Die Hamburger Krankheit", mit ihrem Pandemie-Opfern, die sich im Augenblick des Todes zu einer Fötus-Position verkrampfen, hat mir damals als Teenager einen ziemlichen Schauer über den Rücken laufen lassen.
Auch das (zunächst) vermeintliche Happy-End auf der Alm (wenn ich mich richtig erinnere)...oh, Mann.
Danke für diesen hochinteressanten Rückblick..

27.05.2020 11:33 Uhr - cecil b
1x
DB-Co-Admin
User-Level von cecil b 18
Erfahrungspunkte von cecil b 6.136
Ich freue mich sehr über eure Kommentare! :)

Der Film kann einem aktuell echt schwer im Magen liegen. Aber, mir liegt die Situation ohnehin schwer im Magen, auch daher, dass die Anforderung in allen Bereichen, auch auf der Arbeit, sehr hoch sind. Kunst kann dabei helfen, mit der Lage umzugehen.

Ich glaube, dass man durch diese Situation 'wachsen' kann. Darüber freue ich mich aber wohl erst, wenn das Schlimmste überstanden ist. ;)

Tom Cody: Mein Schauer: Kinder, die Masken von Leichen klauen. Selten hat mich eine Szene so verstört. My Jaw hit the Floor.

27.05.2020 17:30 Uhr - Punisher77
1x
DB-Helfer
User-Level von Punisher77 14
Erfahrungspunkte von Punisher77 3.423
Ein hochinteressantes Review, das einen guten Eindruck vom Film vermittelt.

Der Film selbst ist mir völlig unbekannt ... interessant, welche Schätze du da birgst. Könnte interessant sein.

03.06.2020 10:44 Uhr - cecil b
DB-Co-Admin
User-Level von cecil b 18
Erfahrungspunkte von cecil b 6.136
Thanx, Punisher77!


kommentar schreiben

Um Kommentare auf Schnittberichte.com veröffentlichen zu können, müssen Sie sich bei uns registrieren.

Registrieren (wenn Sie noch keinen Account hier haben)
Login (wenn Sie bereits einen Account haben)