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Kings

Herstellungsland:Frankreich, Belgien (2017)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Drama, Krimi, Liebe/Romantik, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 6,00 (1 Stimme) Details
inhalt:
Millie ist eine willensstarke, fürsorgliche junge Frau, die allein acht Pflegekinder großzieht. Als in ihrer Nachbarschaft Rassenkonflikte aufflammen und die Spannungen immer größer werden, verbündet sie sich mit ihrem unberechenbaren Nachbarn Obie, um ihre Kinder zu schützen. Nach dem Freispruch der vier Polizisten, die den Afroamerikaner Rodney King mit Stockschlägen und Fußtritten brutal misshandelt hatten, brechen in Los Angeles gewalttätige Unruhen aus. Millie muss mit Obies Hilfe einen Weg aus dem lebensgefährlichen Chaos finden, um zu verhindern, dass ihre Familie ins Kreuzfeuer gerät ...
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von cabal666:

Ein ambitioniertes, aber letztlich gescheitertes Drama über die Rassenunruhen in Los Angeles Anfang der 90er Jahre.

"Kings" ist der zweite Film der türkischen Regisseurin und Drehbuchautorin Deniz Gamze Ergüven und gleichzeitig ihr Herzensprojekt, für dessen Zustandekommen und Fertigstellung sie über 10 Jahre brauchte. Der Erfolg ihres preisgekrönten Debüts "Mustang" ermöglichte ihr schließlich die Finanzierung und Produktion des Films. Wie man das aber nun mal von anderen Regisseuren kennt, sind deren verwirklichte Traumprojekte nicht unbedingt die, welche dann auch von Kritik und Zuschauern genauso begeistert aufgenommen werden wie vorhergehende Filme. Gleiches geschah hier, denn "Kings" schaffte es international nicht einmal die Millionenmarke  an den Kinokassen zu knacken und erhielt, im Gegensatz zu "Mustang" ein eher gemischtes bis negatives Echo. Woran lag das?

Einer der Gründe dürfte sein, dass Ergüvens Film ziemlich unfokussiert wirkt. Er handelt von einer afroamerikanischen alleinerziehenden Mutter aus ärmlichen Verhältnissen, die bei sich zu Hause viele Pflegekinder aufzieht. Einer dieser Adoptivsöhne, der Freundschaft mit einer aufmüpfigen Herumtreiberin schließt, ist die zweite Hauptfigur des Films. Zwischen beiden Perspektiven wechselt die Erzählung dabei über die Laufzeit des Films, allerdings ohne einen gleichwertigen Rhythmus zu finden. Hinzu kommt, dass "Kings" sich zahlreichen Nebenaspekten wie Polizeibrutalität, Gang-Kriminalität und gegenseitigen Vorurteilen und Spannungen zwischen Afroamerikanern und in Los Angeles ansässigen koreanischen Migranten widmet, diese jedoch allesamt nicht zufriedenstellend abdeckt. Was schade ist, denn in seiner ersten Hälfte gelingt es ihm durchaus, die aufgeheizte Atmosphäre kurz vor Ausbruch der Unruhen für einen modernen Betrachter nachvollziehbar heraufzubeschwören. Wobei er auch die Ereignisse behandelt, die letztlich dazu führten, wie beispielsweise die Erschießung der afroamerikanischen Teenagerin Latasha Harlins durch die koreanische Verkäuferin Soon Ja Du, welche sie für eine Diebin hielt. Selbiges Geschehnis wird direkt in der Anfangsszene des Films nachgestellt. Die berüchtigten Amateuraufnahmen des Zwischenfalls, bei dem der Kriminelle Rodney King von mehreren Polizisten krankenhausreif geprügelt wurde, werden ebenso eingebunden. Der Freispruch der betreffenden Beamten war, wie die meisten wissen sollten, der letzte Tropfen, der das Fass dann zum Überlaufen brachte. Denn die kalifornischen Gerichte und Strafverfolgungsbehörden übersahen offensichtlich, was für ein Signal sie mit den milden Urteilssprüchen gegen Soon Ja Du und die ihre Befugnisse übertretenden Beamten an die unter behördlicher Diskriminierung leidende afroamerikanische Bevölkerung aussandten.

Diesem gelungen vermittelten geschichtlichen Hintergrund steht leider eine viel zu hektisch inszenierte zweite Hälfte gegenüber. Auch bleiben die Charaktere für den Zuschauer völlig fremd; man erfährt weder, woher der Altruismus der von Halle Berry gespielten alleinerziehenden Mutter herrührt, noch, was sämtliche anderen Figuren antreibt. Beispielsweise, warum Daniel Craigs Charakter, der jähzornige Nachbar Berrys, plötzlich ihr und ihrer Familie gegenüber auftaut und sich für sie einsetzt. Man hat das Gefühl, dass viele Szenen aus dem Film herausgeschnitten wurden, die die Hintergründe erklärt hätten. Wobei dazu im Internet allerdings keine Angaben zu finden sind. Der wohl schwerwiegendste negative Aspekt ist jedoch, dass "Kings" auch tonal ziemlich chaotisch geriet. So wurde hier oft zwischen recht dramatischen Szenen unpassender Humor eingeschoben. Beispielsweise sieht man gefühlt stundenlang Craig und Berry, die von einem rassistischen Polizisten an einen Laternenpfahl gekettet wurden, dabei zu, wie sie versuchen, sich davon zu befreien, während gleichzeitig die Odyssee des ältesten Pflegesohns und seiner Freundin auf ihrer verzweifelten Suche nach Hilfe für einen verletzten Freund gezeigt wird. Diese Unentschiedenheit zwischen Humor und Ernst verdirbt leider vieles.

Besonders misslungen ist außerdem eine Traumszene, in der sich Berrys Figur eine erotische Beziehung mit Craigs Charakter herbeiphantasiert. Beide sieht man dabei nackt vor schwarzem Hintergrund durch die Luft schweben. Das sollte anscheinend sinnlich wirken, geriet jedoch unfreiwillig komisch. Zuletzt ist dann noch das Ende absolut nichtssagend und bricht dazu an einer Stelle ab, die vieles auserzählt lässt. Der dritte Akt endet somit, bevor er eigentlich richtig beginnen konnte, denn von den vielen erzählerischen Konflikten wird kaum einer zufriedenstelend aufgelöst.

Das war's jetzt aber mit den negativen Aspekten. "Kings" ist ansonsten in handwerklicher Hinsicht nämlich überdurchschnittlich gelungen. Kameramann David Chizalet (mit dem Ergüven schon bei "Mustang" zusammenarbeitete) liefert dynamische Bilder und die Musik von Rocksänger Nick Cave und seinem langjährigen Kollaborateur Warren Ellis (mit dem zusammen er in den letzten Jahren hauptsächlich Western und Thriller vertonte) kontrastiert diese mit sphärischen Streicher- und Keyboardklängen. Und die Schauspieler sind über jeden Zweifel erhaben. Daniel Craig gibt genüsslich den Anti-Bond und zeigt als tobender und fluchender Trinker eindrucksvoll seine Bandbreite. Halle Berry (die passenderweise im letzten Bond-Film vor seinem Einstand iner Hauptrolle zu sehen war) gelingt es zwar nicht, an ihre bravouröse Leistung in "Monster's Ball" anzuknüpfen, in dem sie eine ähnliche Figur verkörperte; als entschlossene Mutter aus einer gesellschaftlichen Unterschicht kann sie aber auch hier überzeugen. Newcomer Lamar Johnson als wichtigster Charakter neben den beiden zeigt ebenso eine kraftvolle Performance, wie auch die bisher hauptsächlich in Fernsehserien aufgetretene Rachel Hilson als seine impulsive Freundin.

Unterm Strich bietet "Kings" so zwar gutes Schauspiel, ist toll fotografiert und ansprechend musikalisch untermalt und hält einen relevanten gesellschaftskritischen Subtext parat. Nur leider gelingt es Regisseurin und Autorin Ergüven nicht, diese Bausteine zu einem funktionierenden Ganzen zusammenzusetzen. In der ersten Hälfte kann ihr Zweitwerk zwar noch als Milieustudie überzeugen, danach fällt es aber erzählerisch und tonal auseinander. Letztlich ist der Film eine verpasste Chance. Schade.

6/10
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Kommentare

21.05.2020 14:33 Uhr - cecil b
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Toll formulierte Review!

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