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Smoking Gun - Nicht jede Frau will gerettet werden

(Originaltitel: Damsel)
Herstellungsland:USA (2018)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Drama, Komödie, Western
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,00 (1 Stimme) Details
inhalt:
Samuel Alabaster (Robert Pattinson) reist quer durch Amerika in den Wilden Westen, um die Liebe seines Lebens, Penelope (Mia Wasikowska), zu heiraten. Als er erfährt, dass sie entführt wurde, beschließt er, sie heldenhaft zu retten! Ein chaotisches Abenteuer beginnt, das schnell die Frage aufwirft: Will die junge Dame überhaupt gerettet werden? Ein selbstironischer Western, der auf unterhaltsame Weise mit den Klischees um starke Männer und hilflose Frauen aufräumt.
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von velvetk:

"...mein Adamsapfel ist zu dick für so'ne Scheiße."

Am Anfang ein in dichte und komplett ergraute Nebelschwaden gehüllter Strand, irgendwo im Westen. Schroff steinerne Gebilde ragen mehrfach aus dem Wasser und ein unscheinbares, hölzernes Boot und die dazugehörigen Paddel nähren sich dem menschenleeren Ufer. Ein der Hoffnung zugeneigter Mann steigt mitsamt seinem Gepäck, einer Gitarre und einer grob verschlagenen Holzkiste, in dem sich ein kleines Pony befindet, aus dem Boot, um aufzubrechen und seine große Liebe zu ergründen...

Sonnenaufgang. Neuanfang. Birken über Birken.

Puh!, langweiliger könnte das mit einem FSK 12-Flatschen beklebte Cover von Smoking Gun kaum ausfallen. Erdig fade Farbtöne, vor Klischees triefende und wahllos zusammengeklatschte Motive auf der Vorder- und Rückseite, Kostüme, die sehr nach schlechtem Fasching aussehen, und so ein bisschen flächig über das Land strahlender Sonnenschein im Sehnsuchtswinkel des Horizontes. Dazu kommt noch, dass ich bis vor kurzem kein allzu großer Bewunderer von Robert Pattinson war und trotz einiger hervorragender Darbietungen, wie in Der Leuchtturm beispielsweise, noch ein paar Nachwehen zu verdauen hatte. Diese Dinge und der strenge wie schicksalsträchtige Blick von Mia Wasikowska auf dem Plakat, sind alles andere als verlockend. Von den durchschnittlichen Bewertungen allerorts möchte ich dann gar nicht anfangen. Doch als aufgeschlossener Fan der endlosen Möglichkeiten dieser unerschöpflichen Kulisse des Westens, probiere ich mich nach wie vor an allerlei kleinen Produktionen und werde nicht selten eines besseren belehrt. Und verdammt, ist Smoking Gun - Nicht jede Frau will gerettet werden -, so der beknackte deutsche Verleihtitel, genial! Blendet man nämlich die potthässliche Hülle und die in die Irre führende Inhaltsangabe aus, bekommt man einen herrlich überspitzten und episodisch abgefahrenen, im besten Sinne wahnsinnigen und unerwartet verlaufenden Film zu sehen, der sich frisch und frech, aber eben auch seltsam vermarktet anfühlt, trotz des Major Labels Universal Pictures im Rücken.

"...Liebe..."

Die Autoren und Regisseure David und Nathan Zellner, welche auch im Film zu sehen sind, haben sich offenbar John Macleans abseitigen und wunderschönen Kompaktwestern Slow West genau angeschaut und atmen eine sehr ähnliche Luft, selbst wenn die Bilder in Smoking Gun nicht ganz so erlesen und stechend sind, wie die rastlosen Gemälde in Slow West. Audiovisuell herrscht hier gehobener Standard, der für sich genommen schon einen Blick wert ist. Egal ob die Kostüme, die im bewegten Bild besser kommen als auf dem Poster, die Landschaftsaufnahmen, welche zwischen bekannt und gefällig schön tendieren, oder die solide Ausstattung der oftmals einem Theaterstück breit angelehnten Schauplätze - Damsel, zu Deutsch Maid, so der viel treffendere Originaltitel, ist ein ansehnliches Stück Westen geworden.

"Es gibt Dinge, an denen kommt ein Mann nicht vorbei..."

Was wirklich begeistert und den eigenwilligen Stoff veredelt, ist zum einen das preisverdächtige Skript und zum anderen die mal grell überreizten, mal verzweifelt einfühlsamen Schauspielleistungen. Die Zellners sind wahre Virtuosen in den Bereichen Dialoge und trockene Situationskomik, Dramaturgie und Figurenführung. Dabei ist David Zellner nicht nur als Autorenfilmer im Hintergrund aktiv, sondern streng genommen auch als einziger Hauptdarsteller des Films eine Bank - ein sich klasse anfühlendes Highlight, das erst nach und nach klar wird. Smoking Gun fängt reichlich schräg an, führt sich selbst mehrfach von eingeschlagenen Pfaden in bizarre Wendungen hinein und spielt seinem fantastischen Cast glänzende Momente zu. Im ausgedehnten Prolog hat die Leinwandlegende Robert Forster als zynischer Prediger einen resignierten Einstand, der noch einmal mit Nachdruck und süffisanter Eleganz verdeutlicht, wie sehr Forster und seine darstellerische Präsenz fehlen. Was der überaus talentierte Robert Pattinson dann im Anschluss veranstaltet, ist absolut köstlich, ab einem gewissen Punkt ziemlich verwirrend und am Ende seiner ganz eigenen Reise sogar bewegend. Diesen ambivalenten Drahtseilakt, der in wenigen Minuten bloßgestellt in Trümmern liegt, schultert der mit optischen Accessoires verzierte Pattinson bravourös. Die Zähne, diese geile Gitarre auf dem Rücken und das exaltierte Poweracting von Pattinson, welches die Szenerie ansteckt, macht Lust auf viel mehr und sämtliche Nachwehen alter Tage sind nun ein für allemal verflogen! Smoking Gun greift als Leitmotiv das Thema Kommunikation auf und zieht sowohl seinen halsbrecherisch schwarzen Humor, als auch die leisen Zwischentöne immer wieder durch Knoten voller Missverständnisse. Zwischen dem, was manche Filmfiguren sagen und eigentlich meinen, und wie das letztlich vom Gegenüber gehört und verstanden wird, liegen Welten.

- - - spoiler interno - - -
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Mia Wasikowskas Figur tritt - von ein paar musikalisch unterlegten Rückblenden im rustikalen Vorspann abgesehen - in der ersten Stunde überhaupt nicht in Erscheinung. Eben ganz so, wie das Slow West mit dem poetisch verschrienen Subjekt der Begierde vorgemacht hat. Mit ihrem ersten aktiven Schritt vor die Linse bricht der Film inmitten eines unerwarteten Augenblicks auseinander und mein Gesicht hat ratlos und überrascht wie seit Monaten nicht ausgeschaut. Lange hat mich kein Twist mehr so staunen lassen. Das Rezept dieser maximal wirkenden Wendung gleicht der von Hitchcocks Psycho, denn der vermeintliche und groß präsentierte Hauptdarsteller Pattinson tritt einfach so ab. Und zwar konsequent in einem heftigen Knall. Erst dachte ich, Damsel wäre zu Ende. Doch hier tut sich eine gelungene und gespiegelt temperierte Neuausrichtung innerhalb der Handlung und ein verschroben verschobenes Gesamtbild auf. All diese gewitzt-tragischen Wandlungen erweitern den ohnehin guten und leidlich unterschätzten Film um ganz neue Facetten und Blickwinkel. Smoking Gun ist somit in zwei spannende und gut gewichtete Episoden unterteilt, welche lediglich an einigen Übergängen verzeihlich vor sich her hinken. 
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- - - fine dello spoiler - - -

Wasikowska gibt dann folglich einen wachsamen, emotional gesetzt agierenden und wenig träumerisch angelegten Konter zu Pattinson und hat mir hier wieder einmal sehr gut gefallen - ich denke, es ist ein Komplott der Macher, dass Filmcover, Inhaltsangabe und die allgemeine Erwartungshaltung vorgeführt werden. Ein Scherz, der auch tatsächlich Humor enthält. Schade ist halt nur, verpasst man diesen gekonnten Schalk. Mia Wasikowska demontiert in ihrer Rollengewichtung durch die Autoren hindurch den ach so männlichen und nach fadenscheiniger Freiheit gierenden, einseitigen und klassischen Western mit einem Selbstbewusstsein, das die vorangegangene Ironie und der Romantisierung wegen in einem amüsanten Licht dastehen lässt. Ein bisschen Blut und kraftvoll abgefeuerte Waffen gibt's oben auf. Smoking Gun steigert sich unentwegt und die eigentliche Hauptfigur des Films, der allgemein überforderte Pfarrer Henry, der eben von Regisseur David Zellner selbst gespielt wird, irrlichtert am Ende genauso ohne ein erstrebenswertes Ziel durch die Welt, wie am Anfang. Ein Film über Kommunikation, Wegfindung und die Fügungen um einen herum.

"Miss Penelope?"
"Miss Penelope?"
"Was?"
"Miss Penelope? Ich bin eher der schüchterne Typ. Im Licht betrachtet, also nüchtern gesehen, würde ich mich gern, wie soll ich sagen, im Wald erleichtern. Einfach diskret, wenn es möglich ist. Verstehen Sie, was ich meine?"
"Nummer eins oder Nummer zwei? Wenn Sie nur pissen müssen, können Sie das auch da tun."
"Nummer 2."

Sonnenuntergang. Neuanfang. Birken überall.

Am Ende ein in dichte und komplett ergraute Nebelschwaden gehüllter Strand, irgendwo im wilden Westen. Schroff steinerne Gebilde ragen zigfach aus dem Wasser, kahle Bäume kauern einsam am Rande des Bildes und ein kleines, hölzernes Boot und die dazugehörigen Paddel entfernen sich von dem menschenleeren Ufer ohne Blick zurück. Eine der träumerischen Fantasterei abgeneigte Frau fährt mitsamt Gepäck und einem Pony in den undurchsichtigen Wassern davon...

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Kommentare

27.05.2020 10:36 Uhr - cecil b
DB-Co-Admin
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Lyrisch verfasst. Sehr schön zu lesen. Danke dafür!

27.05.2020 11:38 Uhr - Lukas
Wieder sehr elegante Review! Habe auch schnell an "Slow West" denken müssen und bin gespannt, ob mich "Smoking Gun" (wenn ich die Zeit finde, ihn zu sichten) ähnlich überzeugen wird.

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