SCHNITTBERICHTE | # | A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z
Titel suchen:
Dying Light 2 uncut PS4 · Der Nachfolger des Zombie-Krachers. Mehr Blut! · ab 59,99 € bei gameware Böses Zombie-Spiel PS4 aus AT · Hol dir den Klassiker ohne Zollprobleme · ab 19,99 € bei gameware

Shame

Herstellungsland:Großbritannien (2011)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Drama
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,78 (9 Stimmen) Details
inhalt:
Brandon (Michael Fassbender) ist sexbesessen. Der erfolgreiche New Yorker Geschäftsmann onaniert morgens unter der Dusche, später noch einmal im Büro, gabelt One-Night-Stands auf, verkehrt mit Prostituierten, hat Privat- und Bürorechner voller Pornos und besitzt eine umfangreiche Sammlung an Sexheftchen. Als sich seine chaotische und mit einem Haufen psychischer Probleme belastete Schwester Sissy (Carey Mulligan) bei ihm einquartiert, wird sein bisheriges Leben allerdings über Gebühr eingeschränkt.
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von cabal666:

Ein absolut intensives Drama mit einem richtig großartigen Michael Fassbender.

"Shame" ist der zweite Film von Steve McQueen (dem Regisseur, nicht dem Schauspieler! ^^) und ebenso seine zweite Zusammenarbeit mit Fassbender. Inszenierte er selbigen in seinem Debüt "Hunger" als einen seiner Freiheit beraubten Fanatiker, der seinen Körper als politische Waffe benutzt, so besetzte er ihn hier als verwöhnten Yuppie, der alle Vorzüge der westlichen Wohlstandsgesellschaft genießt, sich durch eine zerstörerische Abhängigkeit aber sein eigenes inneres Gefängnis errichtet, wie es McQueen in einem Interview ausdrückte. Diese britische Produktion, die in New York gedreht wurde, ist in der Kritik dabei häufig mit "American Psycho" verglichen worden. Diese Analogie trifft es allerdings nicht wirklich. Denn durch die Thematisierung der Sexsucht des Protagonisten ergeben sich zwar auch hier einige Tabubrüche, allerdings geht Steve McQueen der Zynismus eines Bret Easton Ellis ab. "Shame" soll auch kein satirischer Abgesang sein, sondern versteht sich vor allem als Charakterstudie. Fassbenders Figur ist ein unter Bindungsängsten leidender Mann, der sich zwar andauernd auf erotische Abenteuer einlässt und dazu eifrig pornographische Medien konsumiert, allerdings unfähig ist, emotionale Nähe zuzulassen. Das plötzliche Auftauchen seiner ebenfalls psychisch labilen Schwester wirft ihn nun aus der Bahn, da er so dazu gezwungen ist, Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen.

Die beiden Hauptfiguren mögen extreme Charaktere sein, allerdings kann man "Shame" durchaus auch als allgemeinen Kommentar zur Situation des modernen Menschen, vor allem in der Großstadt, sehen. Denn obwohl immer mehr Menschen auf engem Raum zusammenleben und die Menschheit durch das Internet immer stärker vernetzt wird, findet gleichzeitig auch eine starke Entfremdung der Leute voneinander statt. Und es gibt sicher nicht wenige, die nach gescheiterten Beziehungen bzw. aus Angst vor Zurückweisung lieber Pornos konsumieren, sexuelle Dienste in Anspruch nehmen oder sich allein auf One-Night-Stands einlassen, anstatt wirklich enge Bindungen zuzulassen. Ein Stück weit können sich so mit Sicherheit viele im Protagonisten Brandon wiedererkennen. Der Film wertet sein Verhalten dabei nicht, sondern bildet das Geschehen nur mit einem kühl registrierenden Blick ab. Auch wird die Kindheit Brandons und seiner Schwester Sissy, in der wohl die Ursache für seine emotionale Abstumpfung und ihr verzweifeltes Bedürfnis nach Liebe liegt, nicht näher beleuchtet. So kann jeder Zuschauer die Leerstellen für sich füllen und zu einem eigenen Schluss kommen.

McQueen setzt bei der Visualisierung dabei vor allem auf lange Einstellungen mit zumeist statischer Kamera, die häufig das Gesicht Fassbenders anvisiert oder in Close-Ups seine Sicht und damit die Objekte seiner Begierde zeigt. Vereinzelt wagen McQueen, sein Kameramann Sean Bobbitt und Cutter Joe Walker (mit denen er auch bei sämtlichen seiner anderen Filme zusammenarbeitete) jedoch auch visuelle Experimente. Wie beispielsweise eine lange Kamerafahrt, bei der Fassbender in einer immer gleich bleibenden seitlichen Einstellung gefilmt wird, wie er rastlos durch die nächtlichen Straßen New Yorks joggt, wobei auf der Tonspur klassische Klaviermusik läuft, die sein Charakter gleichzeitig über Kopfhörer hört. Oder eine schnelle Montage, in der er, zumindest kurzfristig, beschließt, seine Sucht zu bekämpfen und sich von sämtlichen pornographischen Medien in seiner Wohnung zu trennen. Dabei werden in sehr schnellen, stakkatoartigen Schnitten extreme Close-Ups von Bildern aus Pornomagazinen gezeigt, die er noch ein letztes Mal durchblättert, bevor er sie entsorgt. Was die Sexszenen betrifft, so sind diese, da es sich um einen britischen Film handelt, wesentlich zeigefreudiger ausgefallen als in vergleichbaren Hollywoodproduktionen. Dies brachte "Shame" in den USA auch prompt ein NC-17-Rating ein. Sogar etwas Full-Frontal-Nudity wird dem Publikum geboten, denn in den ersten Minuten kann man Fassbenders bestes Stück in all seiner Pracht bewundern (;-). Den Film nur auf seinen schlüpfrigen Inhalt zu reduzieren, wird ihm aber bei weitem nicht gerecht. Denn der Sex hat in "Shame", entsprechend der Gleichgültigkeit des Hauptcharakters, nur wenig von der typischen Stilisierung, die sich in den meisten Spielfilmen findet und wird eher beiläufig zur Kenntnis genommen.

Herzstück des Films sind ohnehin die herausragenden Schauspielleistungen. Michael Fassbender ist wirklich die Idealbesetzung für die Hauptrolle. Durch sein nuanciertes Spiel lässt er den Charakter des Brandon in seiner Getriebenheit immer glaubwürdig erscheinen. Nach außen hin unnahbar und elegant, wobei jedoch immer ein gewisses Brodeln unter der Oberfläche zu spüren ist. Und wenn es dann mal zu einer emotionalen Explosion kommt, agiert er geradezu beängstigend eindringlich. Wirklich ganz großes Schauspielkino und ein Beweis für Fassbenders Wandlungsfähigkeit und die Tatsäche, dass er zu den besten Darstellern seiner Generation gehört. Carey Mulligan als seine auf den ersten Blick energiegeladen wirkende, in Wahrheit jedoch schwer depressive Schwester agiert dabei nicht minder überzeugend. Ihre Verletzlichkeit bringt sie auf sehr glaubwürdige Weise zum Ausdruck. Und stellt dabei außerdem noch ihr Gesangstalent unter Beweis. In einer Szene gibt sie nämlich den ursprünglich von Liza Minnelli performten, aber durch Frank Sinatra berühmt gewordenen Filmsong "New York, New York" auf besonders gefühlvolle Weise zum Besten. Auch die Nebendarsteller brauchen sich nicht zu verstecken. James Badge Dale (u.a. "The Departed", "Iron Man 3") gibt Fassbenders arroganten Chef, der sich zwar ebenso häufig auf sexuelle Eskapaden einlässt, sein Privatleben aber im Griff zu haben scheint. Und die großartige Nicole Beharie ist in einer kleinen, aber einprägsamen Rolle als Brandons nette Kollegin zu sehen, mit der dieser den Versuch einer romantischen Beziehung wagt, bei der ihn dann sein kleiner Freund (^^) aber auf demütigende Weise im Stich lässt.

"Shame" ist so insgesamt kein Film für die breite Masse. Er ist langsam inszeniert und bietet dem Publikum keine einfachen Antworten. Auch die ruhige, meist vom Klavier intonierte Filmmusik von Harry Escott vermeidet eine allzu deutliche emotionale Beeinflussung, wobei die klassischen Musikstücke von Johann Sebastian Bach und die vereinzelt angespielten Lieder von den New-Wave-Bands Blondie und Tom Tom Club auf dem Soundtrack schon eher Assoziationen auslösen. Jedenfalls lebt der Film von der unaufgeregten Inszenierung, der ambivalenten Charakterzeichnung, den erzählerischen Andeutungen und, wie erwähnt, der absolut hervorragenden Leistung des Casts. Wer sich hierauf einlässt, wird mit einem richtig starken Drama belohnt, das zum Ende hin wohl nur wenige kalt lassen dürfte.

9/10
mehr reviews vom gleichen autor
die neuesten reviews

Kommentare

29.05.2020 11:53 Uhr - Intofilms
1x
Ich muss dir in allem zustimmen, Cabal. Ein wahnsinnig intensiver Film ist das. Vor allem natürlich wegen Michael Fassbender. Auch für mich einer der aktuell besten Schauspieler, der sich in jede Rolle mit Haut und Haar stürzt (hier buchstäblich). Ein echtes Natur- und Ausnahmetalent. ;)

29.05.2020 14:39 Uhr - The Machinist
1x
User-Level von The Machinist 7
Erfahrungspunkte von The Machinist 670
Oh ja.
Egal ob ein Film mit Fassbender nun gut ist, oder nicht, er selbst ist immer einsame Spitze. ''Shame'' hatte ich damals ein paar Jahre nach Erscheinen gesichtet und aus der Erinnerung heraus würde der bestimmt auf 8 Punkte bei mir kommen, wobei ich Lars von Triers Variation des Themas ''Nymphomaniac'' noch eindringlicher fand.

Tolle Kritik.

29.05.2020 15:18 Uhr - Cinema(rkus)
1x
User-Level von Cinema(rkus) 1
Erfahrungspunkte von Cinema(rkus) 28
CABAL666
Erstklassig analysiert; Kompliment.
Bei dem Film haben bestimmt einige Banausen, unsicher kichernd, wieder irgendwelche (sexistischen) Sprüche auf Lager. Du gehst jedoch auf die psychologische Ebene und schilderst komplett seriös, welche Problematik sich eigentlich hinter einer Sex-Sucht versteckt bzw. was eigentlich Auslöser davon ist. Gefällt mir sehr gut, wie Du mit dem Thema in Deiner Kritik umgehst. Sehr treffend formuliert.
Der Film selbst ist fabelhaft. Fassbender sehe ich auch als grandiosen Mimen. Mir hat er auch sehr gut in der "Macbeth"-Verfilmung imponiert.
In dem von Dir besprochenen "Shame" trumpft er jedoch ebenfalls auf. Ich sagte/schrieb es heute schon an anderer Stelle. Filme wie "Shame" oder "Motherless Brooklyn" lassen mich noch an das gute Kino glauben; an Filme, die einen Sinn ergeben und einen tollen Anlass geben, verschiedenste Themen zu reflektieren und mit guten Freunden zu diskutieren.
Freut mich immer wieder, wenn ihr Reviewer solche Filme besprecht. Die mögen bei der großen Masse nicht so stark ankommen, als wenn ihr "Wrong Turn 36" präsentiert, aber die Filme vom Schlage eines "Shame", berühren das wahre
Cineasten-Herz.
Thanks dafür; freut mich immer wieder, wenn auch auf der Welt noch andere Kerle sitzen, die dem anspruchsvollen Film etwas abgewinnen können.

Deine Kritik ist jedenfalls genauso niveauvoll, wie der Film selbst.....

kommentar schreiben

Um Kommentare auf Schnittberichte.com veröffentlichen zu können, müssen Sie sich bei uns registrieren.

Registrieren (wenn Sie noch keinen Account hier haben)
Login (wenn Sie bereits einen Account haben)