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Motherless Brooklyn

Herstellungsland:USA (2019)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Drama, Krimi
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,67 (3 Stimmen) Details
inhalt:
„Motherless Brooklyn“ folgt Lionel Essrog (Norton), einem einsamen Privatdetektiv mit Tourette-Syndrom, bei seinem riskanten Vorhaben, den Mord an seinem Mentor und einzigen Freund Frank Minna (Bruce Willis) aufzuklären. Mit nichts weiter als einigen Hinweisen, aber befeuert von seinem drängenden, obsessiven Verstand deckt Lionel streng gehütete Geheimnisse auf, die entscheidend für das Schicksal und das Gleichgewicht der ganzen Stadt sind. Der rätselhafte Mord spült ihn in Gingeschwängerte Jazzklubs in Harlem, in die unnachgiebigen Slums von Brooklyn und schließlich in die vergoldeten Säle der Mächtigen von New York. Um seinen Freund zu ehren, nimmt Lionel den Kampf gegen Gangster, Korruption und den gefährlichsten Mann der Stadt auf – und um die Frau zu schützen, die seine eigene Rettung sein könnte.
eine kritik von velvetk:

Die Gerüchte um Motherless Brooklyn hielten sich fast zwanzig Jahre und verloren sich irgendwann in sich selbst. Edward Norton, der das zugrundeliegende Buch von Jonathan Lethem bereits vor dessen Veröffentlichung las und sich gleichwohl die Rechte daran sicherte, brauchte dann nicht ohne Grund fast zwanzig Jahre, um sein Herzensprojekt finanziert zu bekommen, denn von dem lesenswerten Roman entfernt sich der Film mitunter soweit es nur geht. Was Norton geritten hat, die Geschichte nicht Ende der Neunziger spielen zu lassen, sondern im New York der 1950er, bleibt mir der auf der Blu-Ray befindliche Audiokommentar von ihm schuldig, den ich mir bald mal geben will, aber letztlich geht dieser Schritt über das Urteil "...es funktioniert schon irgendwie" hinaus. Man mag von Norton und seinem hiermit bestätigten Ruf, nicht immer Hollywood-Systemkompatibel zu sein, halten was man will, aber das Endergebnis spricht für sich. Motherless Brooklyn sieht verdammt toll aus! Ja, selbst der von Filmkorn und wärmenden Unruhen freie Digitaltransfer trägt der visuellen Klasse von Motherless Brooklyn nichts ab, auch wenn ein solcher Film, der in den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts spielt, auf 35mm Film besser gekommen wäre - das steht ganz außer Frage.

Auch die Ausstattung samt der hervorragenden Kostüme sind im Angesicht des recht schmalen Budgets von gerade mal 26 Millionen Dollar formidabel geraten, die Wahl der Drehorte authentisch und manch prächtiges CGI-Stadtpanorama kein Störenfried. Als Fan des Buches hat es zwar ein paar Minuten gedauert mit dem Wechsel des Szenarios, aber das Endergebnis ist stark geworden und der Noir-Krimi ist in diese Zeit verschoben vielleicht sogar besser aufgehoben - jedenfalls hat Romanautor Lethem sein Okay für diesen Bruch zum Buch ganz offiziell gegeben.

Motherless Brooklyn ist ein klassischer Krimi ohne atemberaubende Höhen oder spektakuläre Knalleffekte - die Geschichte bleibt immer auf dem Boden und beleuchtet im filmisch erdigen Teint den Weg von Lionel Essrog (Edward Norton), der den Mord an seinem Freund und Mentor Frank Minna (Bruce Willis) aufklären will. Das Problem ist, dass Lionel unter dem Tourette-Syndrom leidet, welches ihm und seinem scharfen Verstand immer wieder im Weg ist. Essrogs Ermittlungen führen ihn ganz tief in Machenschaften New Yorks, deren Tragweiten weit über eine Genugtuung im Kleinen und persönliche Rache hinausgehen.

Haben sich die zwanzig Jahre Wartezeit nun gelohnt? Ja. Aber in Jubel wird wohl kaum einer ausbrechen, selbst wenn man das Buch und seine Offenbarungen noch nicht kennt. Motherless Brooklyn ist - entgegen vieler Meinungen - ziemlich kurzweilig und trotz seiner thematischen Schwere erstaunlich leicht geraten, sieht man sich in der Lage, den bodenständig angelegten Figuren und den teils ungemütlichen Zugeständnissen dieser Epoche beizuwohnen und sich einer über weite Strecken sanft vorgetragenen Geschichte zu widmen. Chinatown light, wie mancher sagt. Aber das ist kein cineastischer Weltuntergang, diesem Polanski auf lange Sicht zu unterliegen. Der Kniff mit dem Tourette von Essrog wird nie überreizt und schon gar nicht ins Lächerliche gezogen - ganz im Gegenteil. Echte Lacher gibt es aufgrund des wieder einmal herausragenden Edward Norton-Off-Kommentars fast überhaupt nicht, auch wenn ich ein paar Mal wirklich schmunzeln musste. Als Essrog sich nach etwa 30 Filmminuten am Telefon meldet, nun, das ist schon ziemlich gut inszeniert und genauso gut gespielt. Auch die Szene mit dem Streichholz zwischen Lionel und einer aufreizenden Dame an einer Bar ist wohl bewusst locker angelegt, auch wenn Norton in der Personalunion Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller nie müde wird, Lionel als selbstbewussten Außenseiter zu zeigen, der unter seiner Störung leidet, aber immer das Beste daraus macht.

Edward Norton ist dann auch klar der Star des Films - alles dreht sich um ihn. Gefühlt etwas zu alt für die Rolle, gibt er dennoch eine preisträchtige Darbietung und auch seine Fähigkeiten als Regisseur und Autor sind keineswegs anzuzweifeln. Es liegt am Stoff selbst, dass die Inszenierung ganz große Höhen meidet. Letztlich ist Motherless Brooklyn ein klassischer Noir, ein beschaulicher Krimi alter Schule, dessen Drama einen nie zu Tränen rührt, einen aber auch zu keinem Zeitpunkt kalt lässt. Ein gehobener Unterhaltungsfilm mit Schnörkeln, Ecken und Kanten. Prominent besetzt, ordnet sich der Cast Norton unter. Bruce Willis, Alec Baldwin, Leslie Mann, Ethan Suplee, Michael K. Williams, Gugu Mbatha-Raw und Willem Dafoe. Alle haben wenigsten einen glänzenden oder wahlweise abgründigen Augenblick in Motherless Brooklyn. Nicht jeder Auftritt bringt die Handlung voran und manch gestellte Fährte führt auch mal zurück, verweilt auf der Stelle oder führt sich gar ins nichts - eben ganz so, wie sich das für eine waschechte Ermittlung gehört -, doch genau das macht Motherless Brooklyn vor allen Dingen atmosphärisch. Daniel Pembertons Score ist daran nicht unschuldig und DAS HIGHLIGHT des Films. Eine zwischen klassisch beschwingten Klängen und experimentell zwickenden Acid Jazz-Einlagen walzende Klangkaskade, die sich wunderbar durch den Film und den Raum um einen herum bewegt - 5.1-Pflicht! Thom Yorke, Sänger der Band Radiohead, steuerte einen Song bei, der zu diesem famosen Score passt und/oder umgekehrt. Ich weiß nicht, was eher da war, der Audiokommentar steht wie gesagt noch aus. Jedenfalls ist Motherless Brooklyn in dieser Hinsicht wunderbares Kino für die Ohren, welches in der sensibel träumerischen Tanzszene zwischen Laura Rose und Lionel Essrog in allen Disziplinen gipfelt - so schön, so zärtlich. Ein Moment, der sich ewig anfühlt.

Vom Suchen und Finden, vom Ausbrechen und Lösen. Motherless Brooklyn konnte seine Kosten im Kino nicht wieder einspielen und wird wohl auch zukünftig kein großes Publikum finden. Dafür ist der Film viel zu sehr aus der Zeit gefallen. Wie dieses Werk wohl so ganz ohne Norton geworden wäre? Oder wenigstens unter anderer Regie? Ach, es ist einfach schön, den offenbar schwierig zu handhabenden Norton mal wieder in einer richtigen, echten Hauptrolle zu erleben. Da gehe ich gerne verzeihliche Kompromisse ein und gebe ohne Tadel nicht vollendete Spitzen auf, die man sich in Hollywood auf breiter Fläche hinsichtlich der Person Edward Norton längst ausspart. Ein guter Film. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe dem adaptierten Buch gerne, wenn auch völlig anders als erwartet, zugesehen und beim nächsten Mal gibt's vielleicht sogar noch 'nen Punkt obendrauf.

7/10
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Kommentare

29.05.2020 12:16 Uhr - Cinema(rkus)
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VELVETK
Schulterklopfen von mir; Deine Review ist genauso gut formuliert, wie der Film erstklassig ist. Ich selbst würde sogar noch 2-3 Küsse drauflegen, der Streifen ist für mich ein Höchstwertungs-Kandidat.

Ja, der Film ist angenehm gediegen inszeniert, und - NORTON SEI DANK ! - eigentlich aus der Zeit gefallen. Und gerade der Aspekt macht den Streifen umso sehenswerter. Ich finde den Kniff - das Ganze in den 50`ern spielen zu lassen - höchst genial. Die gleiche Geschichte in den 90`ern verankert ? Dann hätte Norton wohl den gesamten Inszenierungsstil anpassen müssen.
In meinen Augen eine Meisterleistung vom guten Ed. Dieses Werk so zu stemmen und noch dazu eine außergewöhnliche schauspielerische Performance abzuliefern, ist alle Hochachtung wert.
Wie er dieses "Tourette-Syndrom" herrlich nuanciert darstellt, ist eine ganz große Meisterleistung. Einer der wenigen Filme, die mich in letzter Zeit begeistert haben.
Ich empfinde es sehr mutig, dass Leute heute noch mit einer immensen Beharrlichkeit ihre Vision einer Geschichte verwirklichen, die dem "ACH SO MODERNEN ZEITGEIST" entgegen tritt.
So lange noch Filme wie "Motherless Brooklyn" entstehen, so lange glaube ich noch an das ursprüngliche Kino, an das magische Erzählen einer Geschichte. Ed Norton hat für diese Leistung einen ewigen Bonus in meiner persönlichen "Helden-Liste". Schade nur, dass solche Anstrengungen nicht durch mehr Kino-Einspiel belohnt werden. Aber klar, heutzutage musst Du eine einfach gestrickte Geschichte zimmern können, alle 3 Minuten etwas explodieren lassen und Du knackst die Milliarden-Dollar-Grenze.

Ich leg` mich fest:
Für diese Art von Filmen bin ich Film-Fan geworden.
Und so lange es Leute wie Dich - werter VELVETK - gibt, die diese Werke gebührend besprechen und würdigen, so lange gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass sich irgendwann am Ende doch noch filmische Qualität durchsetzen wird.

29.05.2020 15:46 Uhr - Lukas
Den hab ich zum Glück im Kino erwischt und sehr genossen! 8,5/10 Punkte von mir! Die Handlung in die 50er zu verlegen ist tatsächlich eine interessante Entscheidung, hat mich jetzt mangels Kenntnis des Buches aber auch nicht gestört.
Witzigerweise hat mich Pacing und Regiestil dafür sehr an die 90er erinnert. ;-)
Die Kritik ist wie immer 1a verfasst!

29.05.2020 23:41 Uhr - Punisher77
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Sehr interessante, flüssig verfasste Kritik - gefällt mir sehr!

An und für sich interessiert mich der Film schon, allerdings muss der Streifen wohl noch etwas warten. Der immer noch auf seine "Abarbeitung" wartende Stapel an Neuanschaffungen wird einfach nicht wesentlich kleiner...

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