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Manche mögen's heiß

(Originaltitel: Some Like It Hot)
Herstellungsland:USA (1959)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Komödie
Alternativtitel:Manche mögen's heiss
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,00 (9 Stimmen) Details
inhalt:
Chicago 1929. Gamaschen-Colombo, Anführer einer Gangsterbande, hat soeben einen Verräter "beseitigt". Dumm für die beiden arbeitslosen Musiker Joe und Jerry, dass sie unfreiwillig dem Massaker zusehen mußten. Um den rücksichtslosen Gangstern zu entkommen, verkleiden sie sich als Frauen und heuern bei einer Mädchenkapelle an. Diese ist gerade auf dem Weg ins sonnige Florida. Dass sich die beiden "Damen" als solche recht wohl fühlen, dafür sorgt die unmittelbare Nähe von Sugar. Sie ist die alles betörende Ukulele-Spielerin der Band. Verständlich, dass es nicht allzulange dauert, bis sich eine der beiden gehörig in Sugar verliebt.
eine kritik von lappi:

Es gibt drei wichtige Regeln beim Filmemachen: Du sollst nicht langweilen, du sollst nicht langweilen und du sollst nicht langweilen!

Eine Aussage, die fast schon als ewige Wahrheit im Filmbusiness angesehen werden kann. Billy Wilder hält sich an diese, seine Aussage. Er versteht es Filme zu schaffen, die auch über die Jahre frisch und frech bleiben, mutig sind und die Gemüter der damaligen Sittenwächter zum brodeln gebracht haben und auch noch im Jahr 2020 nichts an ihrer Aktualität eingebüßt haben.

Mit Manche mögen's heiß (Some Like It Hot) schuf Wilder 1959 einen nicht nur für damalige Verhältnisse äußerst provokanten sondern auch höchst amüsanten Genremix aus Gangsterfilm, Musikfilm und Komödie. Aus meiner persönlichen Sicht heraus ist Manche mögen's heiß eine der besten Komödien und auch Filme überhaupt. Doch ich möchte mich hier auf die Komödie beschränken. 

Komödien nehmen für mich immer noch eine Sonderposition ein. Ja, sie sind für mich fast schon die Königsdisziplin in Sachen Filmemachen. Humor ist breit gefächert und ist gerade dadurch unglaublich schwer an den Mann zu bringen. Schnell greifen Filmschaffende auf Witze unterhalb der Gürtellinie zurück und wollen die Menschen mit Fäkalhumor und anderen billigen Mitteln zum Lachen zwingen, bieten mit ihren Werken jedoch keine Substanz und laden eher zum Fremdschämen ein. Wilder seinerseits entlarvt mit seinen Filmen gesellschaftliche Tabus und Stereotypen und persifliert diese ungeniert. Dabei geht mit einer diebischen Freude im höchsten Maße provokant vor. 

Was macht Manche mögen's heiß nun so heiß? Im Prinzip hat der Film alles, was einen guten Film ausmacht. Originelle Story, unglaublich gut aufgelegte Schauspieler, viel Witz und vor allem Chuzpe seitens des Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten (Wilder in Personalunion). 

Den Rahmen der Geschichte bildet die Flucht der Freunde Joe und Gerald vor der Mafia, die unfreiwillig Zeuge eines Mordes geworden sind - herrlich: Comedy-Talent Jack Lemmon und Sexsymbol Tony Curtis als hinreißende Frauen. Sie schaffen es vorerst ihren Häschern zu entkommen und erschleichen sich auch gleichzeitig einen Job - in einer reinen Frauen-Band. Zum Vorbild für die Rahmenhandlung wird das St. Valentinsmassaker genommen, welches am 14.2.1929 in Chicago stattgefunden hat. In dieser Zeit litten (?) die Amerikaner auch unter der Prohibition, mit deren Hilfe die Moral der Menschen wieder auf Spur gebracht werden sollte. Moral ist im Film grundsätzlich ein großes Thema sowie auch die Prüderie der Amis (und den Menschen insgesamt). Man könnte meinen, Wilder mache sich als Nicht-Amerikaner über deren ganzes Weltbild lustig. Der zeitliche Kontext des Films ist dabei nicht nur inhaltlich relevant, sondern wir erfahren auch vieles über die Wertvorstellungen jener Zeit. Um in der Band arbeiten zu dürfen, müssen die beiden Jungs sich als Frauen verkleiden. Wilder, der auch in Boulevard der Dämmerung durch die Beziehung einer älteren unverheirateten Dame zu einem jüngeren Mann Hollywood und Publikum provoziert hat, tastet sich vorsichtig an Themen wie Homosexualität und Travestie heran. In den USA (und auch in vielen anderen Ländern) auch heute noch hochbrisante Themen. Bis 2003 gab in einzelnen Bundesstaaten hohe Freiheitsstrafen für homosexuelle Handlungen. Zugleich stellt der Hays-Code Filmemacher vor das Problem bestimmte Themen gänzlich außen vor zu lassen bzw. zu tabuisieren. 

 

„Jetzt hast du es geschafft.“ - „Was geschafft?“ - „Du hast mir einen Busen abgerissen... (resignierend) Jetzt hast du mir den anderen auch noch abgerissen.“

 

Wilder bedient sich für Manche mögen's heiß an dem, was heutige Comedians auch seit längerem nutzen: Er beobachtet Männer und Frauen und persifliert dabei ihre jeweiligen Eigenarten und Sichtweisen auf das andere Geschlecht und hat damit, wie auch die Comedians, ungemeinen Erfolg. Das Ergebnis ist eine höchst ironisierte Version von Mann und Frau, die einen Spiegel vor die Nase gehalten bekommen. Männer und Frauen reflektieren sich selbst und jeder bekommt sein Fett weg!

 

„Männer? Diese schrecklichen haarigen Biester, die alles antatschen müssen? ... Und dabei wollen sie alle nur das Selbe von einem Mädchen.“

 

Dieses legendäre Zitat hat in Deutschland durchaus nochmals durch das Lied „Ein Schwein namens Männer“ - selbst eine äußerst selbstironische Betrachtung des Mannes - durch die beste Bänd der Welt Berühmtheit erlangt. In der Übertreibung finden sich zugleich Anschaulichkeit und Wahrheit. Unsere beiden Helden wollen nur das Eine - Sugar (Sexsymbol Nummer 1: Marilyn Monroe - die auch in diesem Film wieder mit einer wundervollen Gesangseinlage glänzen darf). Sie lernen sie im Zug kennen, mit allen anderen Frauen, die hier nicht als brave Mädchen vorgestellt werden, sondern wie Männer auch nur Spaß, Sex und Party im Kopf haben. (Witzige vorstellung: zwei Hähne im Stall, die wie Kinder im Sußigkeitenladen sind, aber nichts probieren dürfen.) Völlige Gleichheit also. Man könnte es durchaus als fortschrittliches Denken auslegen. Die Emanzipation des Frauenbildes - Eigenständigkeit, Single und nicht an Mann, Herd oder Haus gebunden. Der Blick der Männer auf die Frauen hingegen wird aber auch gerne durch die Kameraführung verdeutlicht. Die Einführung von Sugar erfolgt durch eine Kamerafahrt über ihre Beine, über den Po und Rücken und endet auf ihrem Gesicht. Sexualisiert wird ohne Frage und ohne Scham. Gleichwohl werden aber nicht nur männlicher Stereotypen entlarvt. Sugar wird als blondes, naives Mädchen dargestellt, die sich einen reichen Kerl schnappen will. Das erst aufgebaute, moderne Bild der Frau wird aber gleichsam wieder durch Sugar konterkariert. Sie sucht nach einfältigen, aber höchst ehrlichen Romanzen, einen reichen Sugar-Daddy, der sie aushält. Doch hat sie ihr Herz am rechten Fleck, was sich am Ende zeigt. Frauen und Männer sind eben doch nur Romantiker und wollen alle das Selbe von einander. 

Die Freizügigkeit und das frivole Element, das den prüderen Teil der Gesellschaft die Schamesröte in das Gesicht treibt, wird durch weitere Spielereien ergänzt. Herrlich sind die beschlagenen Brillengläser oder der Zeiger beim Fahrstuhl, der den Erregungsgrad der Protagonisten nicht nur in eine Richtung anzeigt. 

Mit diesen feinen Andeutungen spielt Wilder auch mit der strengen Zensur. Durch Dialoge und Bildsprache wandelt er für diese Zeit auf dünnem Eis. Die Linie des Geschmacklosen wird dabei aber nie überschritten. Offene sexuelle Handlungen werden vermieden. Dennoch heizt Wilder die Fantasie an und spielt mit den Vorstellungen der Zuschauer. Gerade in der Schlussszene haut Wilder nochmal einen raus und hat eine tolle Message für alle.

„Nobody is perfect“

heißt es hier. Manche mögen's heiß ist aber sowohl im Genre und als Film an sich mehr als nah dran. Kurzweilig, frech, mutig, zeitlos unglaublich amüsant und toll besetzt - und nicht langweilig. Er hat in seinen letzten 60 Jahren nichts an seinem Charme und Witz verloren und wird es auch in den nächsten 60 Jahren nicht. Daher ist er für mich eine der besten, wenn ich sogar die beste Komödie aller Zeiten.

10/10
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Kommentare

05.06.2020 22:50 Uhr - Intofilms
Ja, Billy Wilder, den könnte man natürlich auch heranziehen, wenn es darum geht, den größten Regisseur der Filmgeschichte zu benennen. Für mich auf jeden Fall einer der Größten und Besten, ganz eindeutig! Und dies ist in der Tat ein vollkommenes 10/10-Meisterwerk. Allerdings aus meiner Sicht nicht sein tatsächlich bester Film und nicht seine tatsächlich beste Komödie. Denn das ist für mich nun einmal „The Apartment“, den ich in meiner persönlichen Bestenliste der zehn genialsten Filme führe. Dennoch, „SLIH“ ist nichts weniger als ein Geniestreich, ich liebe diesen Film über alles und ich liebe und bewundere Billy Wilder. Ganz, ganz tolle Rezi, DANKE! ;)

05.06.2020 22:59 Uhr - lappi
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Danke :)

Ich bin noch am abarbeiten. Gibt noch ne ganze Latte an Wilders, die ich noch nicht kenne. Aber die, die ich kenne, sind echt saustark. Ich amüsiere mich auch immer wieder bei "Zeugin der Anklage" köstlich. Wilder ist für mich nicht der beste Regisseur (das ist für mich Kubrick), aber was Komödien angeht ist er ein Genie.

05.06.2020 23:17 Uhr - Intofilms
Kennst du schon seine wunderbar eigenwillige Holmes-Hommage „The Private Life of Sherlock Holmes“? Die ist im Grunde ebenso frech und anarchisch wie „SLIH“ und wird von mir gerne als perfekter Einstieg in Wilders Filme angepriesen. Sein Hollywood-Debüt feierte Billy Wilder übrigens 1942 mit „The Major and the Minor“. Und auf ihre Weise ist diese Komödie beinahe noch pikanter und gewagter als „SLIH“... Du wirst jedenfalls noch viele wundervolle Stunden mit BW haben, dessen bin ich mir sicher. Die habe ich aber auch immer noch. Ich sage ja, ganz ohne Zweifel einer der Besten... ;)

05.06.2020 23:30 Uhr - lappi
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Ne, kenne ich nicht. Aber wie schon geschrieben: abarbeiten :D
Sherlock sollte definitiv auch drin sein. Auf den bin ich schon gestoßen, aber nicht gesehen. Wilder hat mich bis jetzt noch nie enttäuscht.
Selbst Todesmühlen war ein starker Film, auch wenn die Thematik alles andere als Comedy ist.

05.06.2020 23:44 Uhr - Kaiser Soze
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Sehr gutes Review zu einem Kultfilm, der wie viele, andere "alte" Filme zwar nicht mehr jeden erreicht, aber dennoch seinen verdienten Platz im Filmgeschäft erlangt hat. Die Titelverlinkung sowie Zitate sind gut gesetzt!

05.06.2020 23:48 Uhr - Intofilms
„Todesmühlen“ kenne ich wiederum noch nicht. Das wird sich aber auch nicht ändern. Denn nach „German Concentration Camps Factual Survey“ (beteiligt war hier u.a. Alfred Hitchcock) musste ich mir versprechen, nichts Vergleichbares mehr zu schauen.

05.06.2020 23:57 Uhr - lappi
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05.06.2020 23:48 Uhr schrieb Intofilms
„Todesmühlen“ kenne ich wiederum noch nicht. Das wird sich aber auch nicht ändern. Denn nach „German Concentration Camps Factual Survey“ (beteiligt war hier u.a. Alfred Hitchcock) musste ich mir versprechen, nichts Vergleichbares mehr zu schauen.

Alles was mit KZ, Kriegsverbrechen und Co zu tun hat, ist meist schwer verdaulich, wenn man nicht gerade darauf abgeht.
Ich muss mir da auch nicht alles geben. Will ich auch gar nicht.
Es ist für mich aber ein interessanter Aspekt, dass auch heute namhafte Regisseure bei sowas beteiligt sind/waren.

06.06.2020 00:07 Uhr - Intofilms
05.06.2020 23:57 Uhr schrieb lappi
05.06.2020 23:48 Uhr schrieb Intofilms
„Todesmühlen“ kenne ich wiederum noch nicht. Das wird sich aber auch nicht ändern. Denn nach „German Concentration Camps Factual Survey“ (beteiligt war hier u.a. Alfred Hitchcock) musste ich mir versprechen, nichts Vergleichbares mehr zu schauen.

Alles was mit KZ, Kriegsverbrechen und Co zu tun hat, ist meist schwer verdaulich, wenn man nicht gerade darauf abgeht.
Ich muss mir da auch nicht alles geben. Will ich auch gar nicht.
Es ist für mich aber ein interessanter Aspekt, dass auch heute namhafte Regisseure bei sowas beteiligt sind/waren.

Fiktionale Darstellungen über diese Thematik kann ich mir ansehen. Das tue ich sogar ziemlich regelmäßig (erst gestern zum Beispiel „Distant Journey“). Ich muss wirklich sagen, dieses Thema beherrscht mich regelrecht, je älter ich werde. Früher war das weit weniger präsent. Da hatte ich mich zwar auch schon geschämt, aber nicht so wie heute...

06.06.2020 00:14 Uhr - lappi
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Scham wegen der Taten der Deutschen?

Ich sehe es als das, was es ist: Die Taten der Deutschen im Namen des Nationalsozialismus. Ich distanziere mich davon, akzeptiere es aber als Teil unseres historischen und kulturellen Erbes mit dem wir umgehen müssen. Ich schäme mich dafür nicht. Ich habe nichts mit diesen Menschen zu tun und es ist für mich auch schon zu lang her, als dass ich eine persönliche Beziehung dazu hätte. Jedoch nehme ich die Aufarbeitung an und verleugne die Taten nicht noch verteidige ich sie. Ich verurteile sie.

06.06.2020 08:35 Uhr - TheMovieStar
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Ein wahrlich lesenswertes Review zu einem unbestrittenen Klassiker. Svhön geschrieben 👌😊😊👍

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