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Reise nach Agatis

Herstellungsland:Deutschland (2010)
Genre:Horror, Drama, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 6,09 (11 Stimmen) Details
inhalt:
Das Ehepaar Isabell und Rafael nimmt die junge Anhalterin Lisa auf dem Weg in den Urlaub mit. Alles scheint idyllisch und geordnet zu laufen und die drei freunden sich schnell miteinander an. Zusammen machen sie einen Motorbootausflug, aber Stück für Stück kippt die heitere Stimmung. Mitten auf dem Meer muss Lisa immer öfter feststellen, das Rafael getrieben wird von sadistischen und perversen Neigungen. Was als Psychoterror beginnt, wird schon bald zu einem brutalen, tödlichen Spiel.
eine kritik von cecil b:

 

 

Eine Review zu einem Film von Marian Dora zu schreiben, das ist auch eine Form von Verarbeitung. Der deutsche Regisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent inszeniert Grenzerfahrungen. Bei seiner Darstellung von Sadismus, Masochismus, psychischer und körperlicher Gewalt handelt es sich nicht um eine filmische Achterbahn, die man einfach mit Begeisterung und einem Schritt in die Realität verlässt. Die Nachwirkung kann in einem arbeiten. Dora spricht Gedanken und Gefühle an, die in den Schritt greifen, und Fragen stellen, die sich manch Zuschauer wohl gar nicht stellen möchte. Ein jeder stellt sich ja auch etwas andere Fragen, die Antworten sind erst recht individuell bestimmt.

Hier sind meine Impressionen. Und dazu ein Interview, welches ich mit dem Protagonisten des Films führen durfte. Ein kleiner Einblick hinter die Kulissen von REISE NACH AGATIS. 

 

 

 

Doras Autorenfilm REISE NACH AGATIS ist auf der ganzen Linie überzeugend kreiert, die Akteure können den Anweisungen standhalten. Schauspieler, Regisseur und Hörfunk- sowie Fernsehmoderator Thomas Groersch kann die zwielichtige Un­be­re­chen­bar­keit von Rafael gut verkörpern, er übernahm auch mit gutem Gespür das Casting.  Janna Lisa Dombrowsky (Bandaged) bietet mit ihrem Debüt als Lisa eine beeindruckende Leistung. Ein eindrucksvolles Spiel präsentiert auch Tatjana Müller. Die ehemalige Ehefrau von Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Ulli Lommel (Regie:  Die Zärtlichkeit der Wölfe, † 2017) , bei dem Marian Dora als Mitarbeiter seine ersten nennenswerten Kenntnisse in Sachen Filmkunst erlangte! Sie stellt die psychische Ambivalenz ihrer Rolle wirklich effizient dar. Nun denn, auf auf, auf die Reise nach Agatis. 

Idyllische Bilder rufen schnell Gedanken an entspannte Erlebnisse auf. Cut. Die Normalität ist in der Ferne. Nicht mehr sichtbar. Weg. Nackt, in der absoluten Schutzlosigkeit gefangen. Ein Schrei ertönt, und wir wissen, dass dieser wiederkehrt. 

Mit dem Grauen zu beginnen, um ein Fundament für die Suspense zu haben, das ist nicht neu. Aber man kann sich darüber freuen, wenn dieses Prinzip so aufgeht wie in REISE NACH AGATIS. Es ist auch nicht der erste Film, der die Situation, mit einem Boot auf dem Meer zu sein, fernab von der Sicherheit des Landes, als Schauplatz für den Schrecken nutzt. Dieser Schauplatz ist auch in der Realität nichts Ungewöhnliches, und, nennen wir den doch eine bewährte Ausgangsposition. Verschiedene Gedichte von Janna Lisa Dombrowsky werden von dieser hin und wieder vorgelesen. Das erste Gedicht kann man so interpretieren, dass es anspricht, wie die Natürlichkeit uns anekeln kann, und dann verbinden sich die Worte diesbezüglich mit der Un­na­tür­lich­keit, die doch auch eine natürliche Essenz hat. 

Typisch für Dora, gehen Täter und Opfer vorerst aufeinander zu. Isabell und Rafael haben ein Verhältnis, das uns von Natur aus schnell dazu animieren kann, zu psychologisieren, in gut und böse aufzuteilen, das Miteinander zu überdenken, ohne, dass uns eine einfache Beurteilung oder Kategorisierung uns dabei hilft. 

Das hat schon etwas von David Lynch, wenn der Protagonist mehrere Figuren darstellt, die als Akt seinen Facettenreichtum zeigen, und direkt jegliche Sicherheit des normalen Verständnisses hinter sich lassen. Und spätestens dann kann sich der Zuschauer darauf einlassen, die Wahrnehmung abseits des Bekannten anzunehmen. Nah dran, an einem lebensgefährlichen Menschen. Nur wenig Sicherheitsabstand wird gewährt. Der Verlust der Intimzone beginnt harmlos, wenn die beiden Frauen ihre von der Natur so wohlgeformt gegebene Weiblichkeit in der Sonne bräunen. Sie sind so in Szene gesetzt, dass man sich an einen Badesee verlegt fühlen kann, wo mancher Mensch die Konzentration aufbringen muss, diese natürliche Ästethik nicht als nahezu hypnotische Empfindung zuzulassen. Fühlt man sich dann direkt angesprochen, wirkt es noch heftiger, wenn Rafael genau da ansetzt, und die Grenzen langsam aber stetig überschreitet. Der Aspekt der Psychosexualität beginnt in unserer bekannten Wahrnehmung und springt dann vom Tellerrand.

Es werden Entscheidungen gefällt, die über die Grenzen hinausgehen, und andere dazu zwingen, mit auf die andere Seite zu kommen. Menschen, die sich dazu entschieden haben, die Grenze vom Nahen zu begutachten. Es entwickelt sich immer mehr der Zwang dazu, entscheiden zu müssen, das loszulassen, an dem sich auch Lisa festhalten will. Der für alle traurige Triumph der Reise ist dann die Klimax des Exis­ten­ti­a­lis­mus. "Auf die Freiheit! ". 

Ja, nach einem Film von Dora kann man oft damit beginnen zu philosophieren. REISE NACH AGATIS kann inhaltlich wie inszenatorisch ein ungewöhnliches Kunststück genannt werden. 

Die Totale zeigt die schöne Umgebung, Postkartenkitsch bleibt aus. Der Zuschauer wird mit ins Boot geholt, von dem aus er durch die Halbtotale daran erinnert werden kann, wie das ist, wenn das Meer unter einem ist. Doras beeindruckenden Schnitte fügen alle Sequenzen zum perfekten klassischen Szenenverlauf zusammen. Das Tageslicht verschwimmt in manchen Szenen mit den Bildern. Die Gewohnheit möchte vielleicht protestieren, da die glatten Mienen von Hollywood doch schon früh 'saubere' Bilder in den Sensus gepflanzt haben. Hmm, eigentlich großartig, dass das Licht die visuelle Perzeption so beeinflusst, wie wir es auch aus der Realität kennen. Nach dem harten Anfang bahnt sich das weitere Grauen immer mehr an, stufenweise, bemerkenswert von der Musik (Transmitted Dreams) unterstützt, die zwischen einem wunderschönen Geigen - Synthesizer- und Klavierspiel und zunehmend bedrohlichen, oft monotonen, Druck auf den Ohren pendelt. Diese Entwicklung, "Merkwürdig, wie sich alles verändert.",  wird durch die Wahl der Einstellungen schlichtweg genial visualisiert. Die nahe Einstellung zeigt die Figuren nicht als schicke Stars des Popcorn-Kinos, die Falten und Unebenheiten sind so sichtbar, wie sie es auch in der Wirklichkeit sind. Der nächste Schritt, zur nächsten Tür, die die Psyche schützt, geht über zur Großaufnahme. Wir kommen dem Extrem näher, es geht uns nahe. Das Finale setzt die nahen und halbnahen Einstellungen wirksam ein, bis es hart ins Detail geht, und die letzte Schutzhülle des Zuschauers abgestreift wird. 

 

Die Story von REISE NACH AGATIS, dessen Grundlage von dem Produzenten des Films, Adrian d'Angelo, stammt, ist oberflächlich gesehen nicht gerade komplex. Aber das Drehbuch, und die Intensität der Inszenierung, ermöglichen viele psychologische Aspekte, die die Gedanken anspornen können, bis der Kopf qualmt. Allerdings ist das Denken auch nicht unbedingt wichtig, um diesen Film zu erleben. Die Psyche macht das schon von alleine, ob man will oder nicht. Gerade weil Dora für REISE NACH AGATIS bestimmt kein besonders hohes Budget zu Verfügung stand, und er diesen Film innerhalb von drei Tagen gedreht hat, bezeichne ich seine Regie als erstklassig. Die Musik und die Effekte (ein paar der besten, die ich je gesehen habe) reihen sich da gut mit ein, und auch die Darsteller enttäuschen nicht. FLESHLOVER, der erste Film von Dora, den ich besprochen habe, ist noch eine Steigerung, aber ich vergebe REISE NACH AGATIS ebenfalls 8 Punkte, da dieser weitere Kammerspielfilm aus meiner Sicht genauso gut funktioniert. 

P.S.: Wenn der Plan ist, nachdem man einen Film von Marian Dora gesehen hat, ein Steak zu genießen, empfehle ich, dieses nicht blutig konsumieren zu wollen. Wobei, das ist natürlich Geschmackssache. ;) 

 

                                                               

 

                                                                    INTERVIEW mit Thomas Goersch

 

VIELEN DANK erstmal, dafür, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast! Ich bin gespannt, auf das, was wir von dir erfahren werden, und hoffe, dass meine Fragen dafür eine ausreichende Basis geben. 

CECIL B: Wie hattest du den Kontakt mit Dora aufgenommen, über den man so wenig weiß?

Thomas Goersch:

Eigentlich gar nicht. Wir kannten Beide, den leider schon verstorbenen Filmemacher, Carl Andersen, mit dem ich vor Marian ein paar Filme gedreht habe. Wir haben uns bereits 2003 kennengelernt. Marian hat das Making of zu dem Film gemacht.
Er war noch nicht Marian Dora, also hatte seine bekannten Filme noch nicht gedreht. Als er mich dann nach Jahren angesprochen hat, ob ich die Rolle in „Reise nach Agatis“ spiele, hatte ich auch keine Ahnung, dass hinter ihm Marian Dora steckt, und er diese Filme gedreht hat. Er war ein gemeinsamer Freund von mir und Carl und das hat ausgereicht, dass ich ihm vertraut habe. Und ich mochte das Buch natürlich.

 

2. CECIL B: Wo wurde REISE NACH AGATIS gedreht, gab es einen bestimmten Grund dafür, dass dort gedreht wurde? 

Thomas Goersch:

Gedreht wurde in Kroatien. Einen bestimmten Grund glaube ich nicht, denn wir kannten dort niemanden. Aber es gab jede Menge unbewohnte Inseln vor der Küste. Ideal natürlich, um aus einer Küste „Agatis“ zu machen. 


3.. CECIL B: Konntest du bereits mit einem Boot fahren, oder musstest du das für den Film lernen?

Thomas Goersch:

Ich hatte keine Ahnung. Aber als Schauspieler lernt man ja schnell, oder tut einfach so, als ob man es könnte. Aber geradeaus fahren könnte ich jetzt schon. 

4. CECIL B: Wieso hattest du dich für Tatjana Lommel und Janna Lisa Dombrowsky entschieden? 

Thomas Goersch:

Nun, Marian wollte natürlich einen besonderen Typ. Blond und sehr verletzlich, leidend.
Ich habe zu der Zeit für viele Regiekollegen die Filme besetzt, weil ich einfach viele Leute kenne. Tatjana und Janna passten sehr gut auf die Vorstellung und natürlich geht auch nicht jede Schauspielerin nackt vor die Kamera. Mut war also auch verlangt.

5.. CECIL B: Hattest du oder hatten die Schauspielerinnen ein Problem damit, die harten Szenen, oder Nackt-Szenen, umzusetzen? 

Thomas Goersch:

Also mir war das scheißegal. Ich habe einen kleinen Schwanz, trotzdem egal. Die Mädels haben auch nicht herumdiskutiert, ob man jetzt nackt sein muss oder nicht. Sie waren nackt.  Man stelle sich vor, man dreht nur 3 Tage und muss einen Tag diskutieren, ob man nun nackt sein will oder nicht. Janna war nach den Szenen immer so aufgewühlt, dass sie erst mal eine Runde geheult hat. Viel Zeit haben wir verloren, weil sie geweint hat. Sie war noch nicht sehr erfahren, als Schauspielerin, und konnte nicht so richtig zwischen Spiel und normaler Welt unterscheiden. Ein Grund, weshalb ich dann gegen Ende Angst hatte, wenn sie ein Messer in der Hand hatte.

6. CECIL B: Der Film wurde innerhalb von drei Tagen gedreht. Wurde nicht auch dadurch viel abverlangt, hattet ihr davor genügend Zeit zum proben? 

Thomas Goersch:

Proben ? Guter Witz. Wir haben besprochen was in der Szene passiert und haben es dann gedreht. Manche Sachen nur einmal. Wir haben uns ja auch erst während der Dreharbeiten sozusagen kennengelernt. 

CECIL B: Die Effekte sind unglaublich gut. Darf man fragen, wie man solche Szenen so realistisch umsetzten kann?

Thomas Goersch:

Ich glaube man braucht auch Kenntnisse wie es wirklich in den menschlichen Gedärmen aussieht. Ich habe die Gedärme zusammengebastelt, indem ich die aus Deutschland mitgebrachten Schweinegedärme ausgestopft habe. Du kannst dir vorstellen, wie die stinken, nach 3 Tagen in der Tiefkühlbox. Marian hat es da genau raus, was man zeigt und was nicht, damit es realisitsch aussieht.

8. CECIL B: Hattet ihr vor oder während der Dreharbeiten über das Ziel des Films, die Intentionen, gesprochen, oder wurdet ihr einfach ins kalte Wasser gestoßen? Waren Szenen verhandelbar? 

Thomas Goersch:

Wir haben nicht darüber gesprochen. Ich war ab dem ersten Moment Raphael. Ich habe diesen Typen verstanden und gelebt. Ich sagte mir: Der Typ macht das gerne was er da tut. Er genießt es. Also muss er die ganze Zeit lächeln. Er ist im Urlaub, er hat Spaß. Er muss einfach lächeln. Und das war dann Raphael: Jemand, der daran Spaß hat was er tut.

9. CECIL B: Konntest du gut mit Dora zusammenarbeiten? Da du 4 Jahre später in Doras CARCINOMA mitgewirkt hast, vermute ich, dass ihr gut zusammenarbeiten könnt. 

Thomas Goersch:

Das ist immer so lustig. Jeder vermutet, dass man mit Dora schwierig zusammenarbeitet. Wir haben uns immer blind verstanden. Er hat mir nie etwas erklärt. Wer in einem Marian Dora Film mitspielt, der muss das machen was das Buch und Dora sagen. Eigentlich wie bei jeden anderem Film. Nur darf man hier keine jammernde Sissy sein.

10. Bist du mit deinem Beitrag zu REISE NACH AGATIS zufrieden? 

Thomas Goersch:

Da bin ich jetzt mal ganz protzend. Die Figur des Raphael ist der Film. Wie viele Menschen haben mir gesagt, dass sie mich in den Film gehasst haben. So sollte es sein. Knalle mal so eine Figur in 3 Tagen hin ohne jede Vorbereitung. Ich rede nicht von großem Schauspiel, aber von großem Mut ,sich 3 Tage lang in solch einer Figur auszuliefern, und ohne Rücksicht auf Verluste zu spielen. Komplett im Wahnsinn aufzugehen und abends noch für die ganze Truppe zu kochen. Ich habe die Arbeit einfach nur geliebt und ich habe Raphael geliebt.

11. War Dora mit diesem Film zufrieden? 

Thomas Goersch:

Das kann ich Dir gar nicht sagen. Er redete nie viel darüber ob er etwas gut fand oder nicht. Er lobte nicht. Er tadelte nicht. Er redete immer bei dem Film von einem Experiment, weil er in 3 Tagen gedreht wurde. Das hat mir nicht gefallen, denn ich habe diese Rolle mit Haut und Haaren gespielt und das war für mich kein Experiment. Ich war intensiver dabei als bei anderen Filmen, sonst hätte es wohl in 3 Tagen nicht geklappt

12. Du arbeitest daran, gerade in diesen schweren Zeiten einen Film zu verwirklichen, einen Horrorfilm. Möchtest du etwas dazu sagen? 

Thomas Goersch:

Ja. Derzeit spinnt die Welt, und als Schauspieler oder Regisseur muss man seine Pläne sortieren.
Ich bin als Regisseur in einer Komödie unterwegs, und ich hatte langfristig vor einen Horrorfilm zu verwirklichen. Ich habe eine tolle Idee für einen Film und ich wollte darin die Hauptrolle spielen. Ich vollende gerade das Buch „Spider on the Edge“. Für mich eine wahnsinnige Horroridee, und meine Idee ist es, mit den Besten der Szene umsetzen zu wollen. Manoush und Sabrina Arends sind dabei. Für die Special Effects: Philipp Rathgeber, und für weitere Rollen caste ich gerade noch. Ja, und ich suche einen Regisseur hierfür, der meine Vorstellungen über das Buch teilt. Vielleicht findet sich auch ein Produzent und etwas Geld.

Ich glaube es ist wichtig sich als Künstler auch nicht in Corona-Zeiten zurückzuziehen. So hatte ich an Pfingsten das 1st Free Independent Film Weekend organisiert. Ein Online Filmfestival bei dem man in 3 Tage 105 Filme anschauen konnte.

Im Oktober kommt das Zweite Weekend, bei dem man derzeit seine Filme einreichen kann, Geht doch einfach mal in Facebook auf: 
https://www.facebook.com/Freeindependentfilmweekend/ 

CECIL B: Vielen Dank an Thomas Goersch! 

 

 

8/10
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Kommentare

26.06.2020 08:49 Uhr - DriesVanHegen
1x
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Schöne Besprechung zu Doras Werk, welches bei mir tatsächlich schon Ewigkeiten ungesehen im Regal schlummert.
Mein Problem bei bzw. mit Dora mittlerweile: Die Rezeption seiner Werke ist mir oft zu überkandidelt. Da wird über Sinn und Philosophie debattiert und jedes Mal frage ich mich, ob sich Dora dabei ins Fäustchen lacht, wenn er das lesen sollte.
Vor allem hinsichtlich seiner sehr drastischen und teil auch fragwürdigen Kurzfilmen, jagt mir doch immer wieder die Frage durch den Kopf, ob er mit seinen Filmen tatsächlich etwas ausdrücken oder eben doch nur schocken möchte.
Dass mir seine Langfilme dennoch oft zusagen, kann ich aber auch nicht abstreiten :D

Zu Thomas Goersch: Ich weiß auch nicht so recht, was ich von ihm halten soll. Er erscheint sehr engagiert und an vielen Dingen interessiert, stellt sich in meinen Augen aber auch öfter als großer Star dar - so wie ich seine Arbeiten bisher wahrnahm, ist er über den Underground- und Nischenbereich noch nicht hinausgekommen. Ich lasse mich hier aber gerne eines besseren belehren, sollte ich zu engstirnig sein!

26.06.2020 09:16 Uhr - cecil b
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Ich freue mich sehr über deinen Kommentar!

Bei deiner Perspektive auf die Review spielt es sicher eine Rolle, dass du den Film nicht gesehen hast.

Tatsächlich denke ich, dass du mit deiner Aussage Recht hast. Er wird oft über philosophisch angehauchte Reviews lachen, auch meine, vermute ich. Ich vermute, dass er sich nicht wirklich darüber lustig macht, sondern dass er darüber lachen muss, wie seine Filme die Psyche zu einem theoretischen Gedanken-Karussell machen können.

Wenn ich mich recht entsinnen kann, haben sich John Carpenter in Bezug auf Halloween und Tobe Hooper in Bezug auf TCM da auch gewundert, was so viele Leute in ihren Filmen gesehen haben.

Manchmal streiten Regisseure dann aber auch nicht ab, dass sie vermutlich auch mal unterbewusst einiges in Filmen ausgedrückt haben, ohne darüber bewusst nachzudenken.

Bei Dora ist es ja aber auch so. In seinen Filmen kommen z. B. oft Schnecken vor, die in verschiedenen Kulturen und Philosophien, und der Psychologie, eine Bedeutung zugesprochen wird. Jetzt hat man die Möglichkeit, zu überlegen, ob die Schnecke im Film eventuell in Bezug darauf eine Bedeutung hat, oder Dora nur eine Schnecke zeigen wollte, weil sie interessant aussieht. ;)

Bei Reise nach Agatis könnte ich lang und breit schreiben, wie ich zu dieser Idee kommen kann: "Der für alle traurige Triumph der Reise ist dann die Klimax des Exis­ten­zi­a­lis­mus. "Auf die Freiheit! ". Ich könnte in direkten Bezug zum Film beschreiben, wieso ich das so sehe.

Wie ich ja schrieb: " Ein jeder stellt sich ja auch etwas andere Fragen, die Antworten sind erst recht individuell bestimmt. Hier sind meine Impressionen."

Goersch dazu, vom Sinn her: Dann ist es halt, was du darin siehst, das kann ja nicht richtig oder falsch sein.

Das macht ja auch Kunst aus, finde ich, dass sie unterschiedliche Auswirkungen hat.

Mit Reviews zu Doras Filmen ist es wohl ähnlich wie mit seinen Filmen. Sie rufen gemischte Gefühle auf. ;)

Goersch: Ich denke, wenn du ein Schauspieler bist, darfst du dich nie klein machen, sonst kommst du nicht weiter. In einem Film von Dora kommen Schauspieler nicht selten an ihre Grenzen, möchte ich meinen, und schaffen dadurch viel, was berühmte Stars vielleicht nicht erreichen.

26.06.2020 11:32 Uhr - Arelinchen
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Toller Text zu einem schwer beschreiblichen Film und vielen Dank für das Interview!

Dora-typisch wieder ein Werk, dass einem nicht mehr aus dem Kopf geht und mich bei jeder Sichtung so richtig dahinschwelgen lässt. Meiner Meinung nach aber sein schwächster Langfilm, der einem Melancholie der Engel nicht annähernd das Wasser reichen kann.

26.06.2020 11:32 Uhr - Ghostfacelooker
1x
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Krass, Herrn Goersch kannte ich bisher nur von einem TV Shopping Sender, und dachte er wäre im Gatronomiegewerbe^^^^^^^^^. Wiedermal äußerst verlockend formuliert, und würde mich erneut neugierig machen, aber wie ich schon sagte nach Melancholie der Engel reicht mir die Reise in die Abgründe menschlicher Neigungen und seelischer Irrung.

26.06.2020 12:09 Uhr - cecil b
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Freue mich auch sehr über eure Kommentare! :)

Arelinchen: Danke, gerne! :) MDE wird von mir auch noch besprochen werden, aber alles zu seiner Zeit. Ich finde RNA sehr gut. Das liegt vor allem daran, dass SPOILER: Die Opfer (und der Täter) ambivalent sind. Für mich sehr spannend, wie Tatjana unter ihrer Position leidet, aber auch Gefallen daran findet. Oder, der Protagonist, der am Ende traurig ist, nachdem er sein Werk vollendet hat, und von Tatjana in den Arm genommen wird. Unter anderen das unterscheidet den Film für mich von vielen anderen Filmen.


"Bei Reise nach Agatis könnte ich lang und breit schreiben, wie ich zu dieser Idee kommen kann: "Der für alle traurige Triumph der Reise ist dann die Klimax des Exis­ten­ti­a­lis­mus. "Auf die Freiheit! ". Ich könnte in direkten Bezug zum Film beschreiben, wieso ich das so sehe."

Das kann ich auch kurz zusammenfassen.: Opfer und Täter gehen aus freien Stücken aufeinander zu. Als sie dann nicht mehr einfach fliehen können, sind sie dazu gezwungen, da mitzumachen, bei dem, was Rafael da macht. Ja und Nein. SPOILER: Die Frauen haben mehrere Möglichkeiten, der Situation zu entfliehen, oder Rafael den Gar auszumachen. Machen sie es nicht, weil sie es einfach nicht können (Tatjana es gar nicht will?), oder dafür zu verstört sind? Möglich, aber, sie haben im Prinzip die Möglichkeit, die 'Freiheit", sich dafür zu entscheiden. Salopp gesagt, die Qual der Wahl, die an den Exis­ten­ti­a­lis­mus im Sinne von Sartre erinnert.
Ich meine damit nicht, dass der Film das ansprechen möchte (wie könnte ich?), sondern, dass man einige der Vorgänge einfach mit diesem beschriebenen Prinzip vergleichen kann. Also Handlungen lediglich so einem Prinzip entsprechen, ohne, dass dies damit unbedingt ausgedrückt werden möchte.

Ghost: Danke, Ghost. :) Ja, Fernsehkoch ist er auch. ;)

26.06.2020 14:28 Uhr - cecil b
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Bevor es ein Missverständnis gibt, dies ist meine Aussage, nicht die von Goersch:

"Goersch: Ich denke, wenn du ein Schauspieler bist, darfst du dich nie klein machen, sonst kommst du nicht weiter. In einem Film von Dora kommen Schauspieler nicht selten an ihre Grenzen, möchte ich meinen, und schaffen dadurch viel, was berühmte Stars vielleicht nicht erreichen."

Kann man schnell falsch verstehen. ;)

27.06.2020 00:10 Uhr - TheRealAsh
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Auch wenn das hier überhaupt nicht meine filmische Baustelle ist, gefällt mir dein Konzept richtig gut und sollte für die Zukunft ausgebaut werden. Habe das Interview (wie auch dein gewohnt gutes Review) mit Gewinn und Interesse gelesen. Weiter so!

27.06.2020 13:03 Uhr - cecil b
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Danke dir, einzig wahrer Ash!

Ein Typ, der eine Hand mit ne Kettensäge ersetzt, der ist hart im nehmen, ist doch klar. ;)

Ich finde es toll, dass du da nicht automatisch eine ablehnende Haltung hast, obwohl es nicht deine filmische Baustelle ist.

Ein Moderator hat es mir ermöglicht, die bisherigen Interviews auf diese Seite zu bringen, mein Dank geht auch an diesen!

Weiter so? Am liebsten würde ich jetzt ein Interview mit Janna Lisa Dombrowsky führen.

Und mit Thomas gerne wieder.

28.06.2020 04:22 Uhr - hudeley
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Mensch cecil, da schreiben wir heute Mittag noch privat und meinte noch, auf die Review & das Interview gespannt zu sein, dabei ist alles schon veröffentlicht und ich habs nur übersehen. Mea culpa!

Wirklich mehr als nur lesenswerte Kritik mein Lieber, wie immer eben, wenn Du Dich vor die Tasten schwingst! Den Film hast Du großartig und bildlich beschrieben, da bekomme ich direkt Lust, ihm mal wieder eine Chance zu geben! Ist er doch der "Dora", den ich praktisch nie anschaue...

Das Interview deckt exakt die Fragen ab, die ich auch gestellt hätte und sie wurden zufriedenstellend - ohne Umschweife - beantwortet! Schön so etwas hier lesen zu können! Hatte selber schon die Möglichkeit, Goersch auszufragen und er ist jedesmal aufs Neue bereit, sich löchern zu lassen.

Zum Thema Dora, Philosophie & Fanschwärmereien:
Ich behaupte mit voller Arroganz, da ganz vorne mitzuschwimmen was das Alles betrifft. Kurz erklärt: Es gibt wenige Filme, die mich dermaßen mitreißen und auf einer persönlichen Ebene attackieren, begeistern, umwerfen, mitnehmen oder verstörend, wie die von Herrn Dora. Und es ging mir bei ihm nicht nur bei einem seiner Filme so, sondern bei allen. Selbst seine Kurzfilme haben eine Wucht, wie sie sich andere Extremfilmer wünschen würden. So klingt das Wort "Lieblingsregisseur" immer etwas kitschig und infantil, aber trifft hier zu. Dora liefert zu 100% die Filme ab, die ich mir aus dem Genre erwarte. Schließlich durfte ich für mich feststellen, dass meine Filmsammelei daher rührt, dass ich immer auf der Suche nach dem wirklich "härtesten" Film bin. Wie der Achterbahn-Freak auf der Suche nach der schnellsten Abfahrt ist.

Muss ich Filme aufzählen, bei denen ich wunschlos glücklich bis ans Ende jedes Verständnisses verstört, angeekelt und überfordert war, so kann ich guten Gewissens neben ein paar handverlesenen unbekannten Werken, nur Cannibal Holocaust, Martyrs und Dora aufs Tablett hauen. Nur dass Laugier und Deodato kein zweites Mal daran anknüpfen konnten, während Dora sich immer wieder übertrifft.
Seinen "philosophischen" Ruf hat er aufgrund des komplizierten MDE bekommen. Die Doku Revisiting MDE trug wenig zur Klärung bei, sondern verstärkte den Eindruck, dass Dora jemand ist, der in jeder Einstellung etwas versteckt. Im Grunde bleibt es für mich auch irrelevant, was der Macher in seinem Film sagen wollte - wichtig ist, ob und wenn ja, wie der Film mich veränderte. Und MDE war nicht nur der Streifen, nach welchem ich mit Horrorfilmen zuerst nichts mehr zu tun haben wollte und wochenlang keinen Film mehr in Player schob, sondern löste auch eine gute Portion Selbstreflexion hervor, die ich zum damaligen Zeitpunkt bitter notwendig hatte. Was dabei von Dora geplant war, sei dahingestellt.
Wichtiger ist eher, wie zielführend er aus null Budget solche schwer zu verarbeitende Brocken hervorzaubern kann und selbst im tiefsten Dreck nie den Blick für Ästhetik verliert. All seine Filme haben diesen starken Body-Horror Unterbau, die völlige Glorifikation des körperlichen Zerfalls und bleiben trotzdem so merkwürdig medizinisch nüchtern, falls das einen Sinn ergibt. Und neben Bildästhetik und Beleuchtung, kommt Doras Gespür für Schnitt und Musik obendrauf, welches einem völlig den Rest gibt und in einen emotionalen Strudel wirft, aus dem man nicht herauskommt. Ich verweise nur zu gern auf die "Badewannen-Szene" aus Carcinoma, als die Mutter im Dunkeln bei ihrem sterbenden Sohn sitzt... es gibt keinen realitätsnaheren Horror als diese Szene, die in ihrem voyeuristischen, intimen und starren Einblick so erbarmungslos zwischen Trauer, Friedfertigkeit, Hoffnungslosigkeit und Verdrängung hin und herpendelt, dass man es kaum aushält. Exakt die Art von Kunstgriff, die Art von Horror durch emotionalen Realitätsbezug, für die ein Ari Aster, obgleich in wesentlich abgeschwächterer Form, abgefeiert wird.

Es darf ein jeder, der der 10 Minuten Zeit hat und folgenden Kurzfilm nicht auf einem physischen Medium hat, in einem bekannten Videoportal nach Doras Kurzfilm "Christian B." suchen. Und danach gerne seine Eindrücke schildern und Vergleiche ziehen. Dieser Kurzfilm, obgleich mit Sicherheit nicht Doras handwerkliches Meisterwerk, vermag mehr auszulösen und auszusprechen, als man es vermuten würde. Und hat dabei seine ganz eigene Handschrift, die vielen Filmern aktuell abgeht.

So, der Fanboy schweigt jetzt aber ;)



28.06.2020 11:25 Uhr - Lukas
1x
"Dora spricht Gedanken und Gefühle an, die in den Schritt greifen"... das klingt allerdings sehr verstörend, da weiß ich schon, wieso ich seine Filme eher meide. :-DDD Die Kritik bietet aber auf jeden Fall eine interessante Perspektive auf den Film, und das angehängte Interview ist natürlich eine coole Sache, auch wenn Goersch jetzt nicht übermäßig sympathisch rüberkommt.

28.06.2020 12:01 Uhr - cecil b
DB-Co-Admin
User-Level von cecil b 18
Erfahrungspunkte von cecil b 6.118
Hudeley: ThanxAlot! :)

Freut mich sehr, wie du das siehst. Ich musste im Grunde lachen, beim privaten Austausch, da ich ja in Gedanken hatte, was hier geschrieben steht. Unglaublich, wie sich das ergänzt hat.

Dora: Ja, kaum einer hat mich so 'aus der Bahn gebracht'. Martyrs und CH würde ich auch am ehesten dazuzählen, wobei ich Martyrs so ausgeprägt auf der philosophisch und psychologisch interpretierenden Ebene gesehen habe, dass er mich nicht so forderte.

Es gibt aber auch genügend Filme, die 'leise' Töne haben, und die mich auch daher sehr angenehm fordern.

Lukas: Danke! :) Es muss jeder selber wissen, die verschiedenen Perspektiven machen die Welt bunter. Goersch: Man sollte nicht vergessen, dass er an dieser Stelle über eine der härtesten schauspielerischen Herausforderungen 'spricht'. Wenn man da nah an der Thematik bleibt, konzentrieren sich die Sprache und der Inhalt auf die Situation, so ein hartes Stück Film in drei Tagen gedreht zu haben. Ich finde, dass gerade dadurch ein authentischer Eindruck von dem entsteht, was da in diesen drei Tagen passiert ist. Wäre es ne Komödie gewesen, wäre die Perspektive auch eine völlig andere.

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