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Black Kiss

(Originaltitel: Shinkuronishiti)
Herstellungsland:Japan (2004)
Genre:Horror, Thriller
Alternativtitel:Burakku kisu
Synchronicity
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,67 (3 Stimmen) Details
inhalt:
Asuka, jung und wunderhübsch, freut sich darauf endlich in Tokio ihre Modelkarriere voranzubringen. Doch ihre neue Kollegin, die ausgebrannte und verzweifelte Kasumi macht ihr keine guten Aussichten auf den Job. Zuviel seltsames passiert hinter den Kulissen ihrer gemeinsamen Agentur. Doch Asuka bleibt nicht viel Zeit diesen Aussagen unvoreingenommen nachzugehen, da sie unfreiwillig Zeugin eines brutalen Mordes wird bei dem Kasumi die Hauptverdächtige zu sein scheint. Doch es bleibt nicht bei diesem einen Mord und bald finden sich ein unerfahrener Detektiv, ein Paparazzi und weitere mehr als mysteriöse Typen ein, um die grausamen Morde aufzuklären. Oder ist gar einer von ihnen der echte Mörder?
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von the machinist:

Black Kiss

Der einzig wahre Japan-Giallo.

 

Muss ein Giallo zwingend aus Italien kommen? Nein, ganz offensichtlich nicht. Dieses spezielle Thriller-Subgenre nahm natürlich seinen Anfang mitten im europäischen Damenstiefel der Sechzigerjahre und wurde ein gutes Jahrzehnt von den Herrschaften Bava, Argento und Martino zur Perfektion gebracht. Mit dem Aufkommen des amerikanischen Slasherfilms versank der Giallo jedoch bald im Schatten von Michael Myers und Jason Vorhees, förderte aber zugleich eine ganze Generation junger Filmemacher und zeugt auch heutzutage noch von einer gelegentlichen Präsenz. Diese nun treffend als Neo-Giallo betitelten Werke erleben alle Jahre wieder eine Art internationales Revival, sei es nun in Form eines klassischen Italieners wie The Card Player, dem französich-belgischen Amer - Die dunkle Seite deiner Träume, oder dem deutschsprachigen Beitrag Masks.

Aber was ist eigentlich mit unseren Freunden aus dem Land der aufgehenden Sonne? Der ein oder andere mag jetzt denken die Japaner hätten zwischen dem ganzen Gummimonster-Krawall und kettensägenschwingenden Schulmädchen überhaupt keine Zeit um auch noch ein Genre wie Giallo zu bedienen, doch weit gefehlt. 2004 setzte Hakuchi-Regisseur Macoto Tezuka (der Sohn das legendären Mangaka Osamu Tezuka) genau dieses Vorhaben in die Tat um, und ein Unikat ward geboren. Meine Damen und Herren, der Tod weint rote Tränen und vier Fliegen landen stets auf grauem Samt, aber es gibt nur einen einzig wahren Japan-Giallo. Einen herzlichen Applaus für... Black Kiss.            

Das japanische Nachwuchsmodel Asuka (Reika Hashimoto) zieht nach Tokio, wo sie schnellstmöglich die Karriereleiter hochklettern will. Eine Bleibe hat sie dort noch nicht, findet aber schnell Unterkunft bei der mürrischen Kasumi (Kaori Kawamura), die selbst einst Model war. Obwohl sie kaum unterschiedlicher sein könnten, freunden sich die beiden Frauen schnell an. Doch eines Abends beobachtet Asuka vom Fenster aus wie im gegenüberliegenden Motelzimmer ein Mann von seiner Geliebten ermordet wird. Das Opfer, ein Produzent und Exfreund von Kasumi, wurde in seinem Bett buchstäblich seziert. Täterprofil und Motiv scheinen unklar und der junge Polizist Shirasaki (Shunsuke Matsuoka) glaubt an einen Ritualmord. Der einzige Hinweis: Ein schwarzer Kuss auf dem Hals des Opfers...

Die wertige Optik sticht bei Black Kiss sofort in den Sehnerv, und dies ist wörtlich zu verstehen. Ob die Kamera nun in verregneten Neon-Nächten durch die Straßen Shibuyas schwankt, oder man beim gemeinsamen Stepptanz in Asukas Model-Agentur mit schnellen Schnitten arbeitet; Tezuka versteht sein Handwerk und erlaubt sich inszenatorisch so gut wie keine Schnitzer. Auch sättigen die Bilder das Auge mit einer hochskalierten Farbgebung, die stetig zwischen berauschend grell und sommerhaft wärmend pendelt. Beim Soundtrack wurde grundliegend nichts verkehrt gemacht, nur läuft dieser bis auf wenige Ausnahmen eher hintergründig und auf das übliche Main-Theme wurde verzichtet.    

Abseits des stilistischen Schwerpunkts kann der Film mit einem typisch Giallo-esquen Drehbuch punkten, das, ausgedehnt auf 133 Filmminuten, schon als episch definiert werden kann. Um den Vorbildern treu zu bleiben wird die Geschichte an allen Ecken und Enden verfremdet, Zeitebenen können also schonmal durcheinander geraten und auf der Suche nach den Motivationen der Charaktere tappt man als Beobachter oft im Dunkeln. Das mag auf Dauer zwar durchaus fordernd sein, zeugt aber obendrein von einer substanziellen Detailverliebtheit, aufgrund derer man Black Kiss einer aufmerksamen Zweitsichtung unterziehen sollte. Ganz frei von Logiklücken und Handlungslängen ist dessen verschachtelter Plot dann zwar auch nicht, doch Tezuka schafft es immer wieder zu überraschen und obwohl sein Film zum Großteil eher einem Mystery-Drama als einem Thriller gleicht, gelingt es ihm die Spannungsschraube kontinuirlich anzuziehen.

Auf alle Fälle zwingt Black Kiss immer dazu mehrmals hinzusehen, ganz zum persönlichen Vergnügen seines Machers. Vor allem die von ihm erdachten Figuren haben meistens etwas zu verbergen und mittels ständiger Situationswechsel manipuliert der Regisseur wo er nur kann und wischt aufgebaute Erwartungshaltungen und aufgegriffene Nebenhandlungen, die sich auch schon mal um solche Sachen wie Voodoo-Kulte und multiple Persönlichkeiten drehen, amüsiert beiseite. Auch die Erläuterung des titelgebenden schwarzen Kusses gerät erschreckend nichtssagend. Da fühlen sich sogar die großartigen Schauspieler wohl mehrmals vor den Kopf gestoßen, und gerade dem ungleichen Protagonisten-Trio wünscht man ab einem gewissen Punkt auch mal eine Pause. Zeitgleich kann man sich an Hashimoto, Kawamura und Matsuoka garnicht genug sattsehen, zumal dem Film eine relativ gute Balance zwischen Business-Drama und Crime-Thriller gelingt. Battle Royales Masanobu Ando wird hingegen in einer Nebenrolle verschwendet, die nicht wirklich vonnöten gewesen wäre. 

Wie es in einem guten Giallo sein sollte, steht auch in Black Kiss mehr als nur ein Mord an der Tagesordnung. Mit den teils spektakulären Gewaltdarstellungen berühmter Genre-Kollegen, etwa Phenomena oder Der New York Ripper, sollte man jedoch nicht rechnen. Wie beim Rest des Films betrachtet Tezuka auch die Morde aus einer etwas anderen Perspektive, was für ihn zählt ist das Ergebnis. Sein Killer frönt nämlich einem ausgeprägten Kunstfanatismus, drappiert die Leichen seiner Opfer als obskure Attraktionen und konzentriert sich beim Entwurf seiner Schöpfungen ganz auf Nähgarn und Stecknadeln. Das ist in seiner Ausführung durchgeknallt, morbide und auch herrlich verstörend. 

Im letzten Filmdrittel verschwimmen dann die Grenzen zwischen harter Mörderhatz und Pop-Art-Mangaverfilmung zusehends, und wenn man schließlich bei der endgültigen Auflösung und der Identifikation des Killers angelangt, dann verlaufen plötzlich alle Spuren und Verdachte ins Nichts und das Finale des Films entbehrt sich jeglicher Logik. Praktisch auf der Zielgeraden kommt es zum surrealen Twist und zumindest in meinen Augen macht dieser Black Kiss zu einer genialen Genre-Persiflage. Denn während im klassischen Giallo etwa die fetischhafte Präsentation schwarzer Lederhandschuhe seit jeher zum guten Ton gehört, treibt Tezuka diese Tradition selbstironisch auf die Spitze und lässt seinen Antagonisten kurzerhand in einem Gimp-Suit über Hausdächer springen. Ein Moment, der nicht nur bei Asuka und Kasumi für große Verwirrung sorgt. 

''Das dunkle Blut der Nacht verdeckt alles. Es verbirgt die Hässlichkeit.''

 

Fazit: Macoto Tezuka hat die unterschiedlichen Versatzstücke des Genres ganz genau studiert und begeistert mit gut geschriebenen Hauptfiguren und einem hohen künstlerischen Mehrwert, nur die Gestaltung des Showdowns dürfte sicherlich nicht jedem zusagen. Wiederum macht genau diese augenzwinkernde Irrealität den Japan-exklusiven Neo-Giallo Black Kiss zu einem Erlebnis, das man so schnell nicht vergessen wird.   

8/10
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Kommentare

20.06.2020 02:16 Uhr - Laughing Vampire
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Ich liebe diesen Film, hervorragende Kritik! Bei mir wären hier auch wieder locker 9 Punkte drin, da "Black Kiss" ästhetisch einfach umhauend ist (wie alle Filme von Tezuka Jr.) und trotz seiner nicht allzu ernsten Natur einige wirklich verstörende und unvergeßliche Szenen zu bieten hat. Den verworrenen Plot und die teils hirnrissigen Twists empfand ich wie du vor allem als Absicht und Parodie auf Genre-Klischees. Man muß sich einfach darauf einlassen.

20.06.2020 21:03 Uhr - The Machinist
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@Laughing Vampire: Dachte mir schon das du ihn kennst und da sind wir ja praktisch auf einer Wellenlänge. Tatsächlich hatte ich ''Black Kiss'' die Tage erstmals gesehen; dem Filmvergnügen folgte dann spontan diese Kritik hier. Von Tezuka kenne ich ansonsten nur den erwähnten ''Hakuchi'', welchen ich auch richtig gut finde. Aber wenn du sagst seine anderen Sachen wären auch so großartig, dann muss ich die restliche Filmografie wohl mal durcharbeiten.

Danke für's Lesen und dein Lob.

20.06.2020 21:34 Uhr - Cabal666
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Ein Giallo aus Japan? Noch nie von gehört, aber jetzt bin ich scharf wie Bolle auf den Film! :D
Tolle Kritik, Machinist! Ich hab's ja schon mal geschrieben: du gräbst echt die interessantesten Geheimtipps aus!

20.06.2020 21:41 Uhr - The Machinist
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@Cabal: Dafür bin ich ja hier. Den Film selbst habe ich mir als Limited Edition von Midori-Impuls geholt; das einzige Extra ist die Verpackung.
Habe allerdings gestern bei meinen Recherchen entdeckt, dass er komplett auf YouTube hochgeladen wurde (deutsch und gute Quali). Also falls du direkt Bock hast...

Danke für dein Lob und das wird nicht mein letzter Geheimtipp gewesen sein.

21.06.2020 13:51 Uhr - Laughing Vampire
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20.06.2020 21:03 Uhr schrieb The Machinist
Aber wenn du sagst seine anderen Sachen wären auch so großartig, dann muss ich die restliche Filmografie wohl mal durcharbeiten.

Ja, daneben kenne ich noch die beiden "Hoshikuzu kyôdai (Stardust Brothers)"-Filme, von denen der erste glaube ich neulich von Third Window auf Bluray veröffentlicht wurde. Dieses Jahr sollte dann sein neues Werk "Barbara" in die Kinos kommen, basierend auf einem Comic seines Vaters. :)
20.06.2020 21:34 Uhr schrieb Cabal666
Ein Giallo aus Japan? Noch nie von gehört, aber jetzt bin ich scharf wie Bolle auf den Film! :D

Hier werfe ich ansonsten noch "Shiryô no wana (Evil Dead Trap)" in den Raum, der auch oft als japanischer Giallo-Horror bezeichnet wird und durchaus ein paar kleine Ähnlichkeiten aufweist! Einer meiner persönlichen Lieblings-Horrorfilme überhaupt.

21.06.2020 14:23 Uhr - The Machinist
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''Legend of the Stardust Brothers'' hab ich schon mehrmals auf der Arrow-Seite gesehen, wusste aber nicht dass er von Tezuka ist. Tja, dann muss ich mir den demnächst auch noch holen.

Den ''Evil Dead Trap'' hatte ich jetzt nie unter dem Aspekt eines Giallo gesehen, aber ja, ist ein spitzen Film. Wenn es um japanischen Horror geht, dann favorisiere ich ''Audition'', ''Cure'', ''Kwaidan'', ''Onibaba'' und ''Hausu''. Alternativ noch ''Confessions'' und ''World of Kanako'' von Tetsuya Nakashima, wobei die jetzt nicht Horror im klassischen Sinne sind.

21.06.2020 15:44 Uhr - TheRealAsh
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Das ist jetzt aber mal was, das mich richtig interessiert, Japan-Giallo? Cool! Danke für den ansprechend verpackten Tipp:-D

21.06.2020 17:49 Uhr - Laughing Vampire
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21.06.2020 14:23 Uhr schrieb The Machinist
Alternativ noch ''Confessions'' und ''World of Kanako'' von Tetsuya Nakashima, wobei die jetzt nicht Horror im klassischen Sinne sind.

Dann check mal seinen neusten Film "Kuru (It Comes)" von 2018 aus, ein reinrassiger Horrorfilm und überdies noch der beste aus Japan der gesamten 2010er-Jahre, meiner Meinung nach! ;) Habe ich sogar im Kino gesehen, war großartig.

21.06.2020 19:51 Uhr - The Machinist
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Den will ich schon die ganze Zeit sehen, nur mit der Verfügbarkeit ist das so eine Sache. Aaaaaaaaaaah!

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