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Der Gott des Gemetzels

(Originaltitel: Carnage)
Herstellungsland:Frankreich, Deutschland, Polen (2011)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Drama, Komödie
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,79 (19 Stimmen) Details
inhalt:
Zwei Elfjährige prügeln sich auf einem Spielplatz, einem der beiden Jungen werden dabei Zähne ausgeschlagen. Die Eltern des "Opfers", Penelope und Michael (Jodie Foster und John C. Reilly) haben die Eltern des "Übeltäters", Nancy und Alan (Kate Winslet und Christoph Waltz), eingeladen, um den Vorfall wie vernünftige Menschen zu klären. Was als friedlicher Austausch über Zivilisation, Gewalt und die Grenzen der Verantwortlichkeit beginnt, entwickelt sich schon bald zu einem Streit voller Widersprüche und grotesker Vorurteile. Und schließlich platzt die dünne Haut der bürgerlichen Kultiviertheit auf: Vier Erwachsene geraten aus der Fassung. Brutal und rücksichtslos werden Grenzen überschritten, provoziert und schließlich deutlich, dass sie alle hinter ihrer zivilisierten Maske einen "Gott des Gemetzels" anbeten. Auf dem Schlachtfeld dieser Tragigkomödie versinkt am Ende nicht nur ein Handy in der Tulpenvase...
eine kritik von anti-pirat:

Grüß Gott,

schneller als erwartet meldet sich Anti wieder zurück. Das war so nicht geplant, wie auch das jetzige Beurteilungsobjekt auch nicht auf meiner Liste stand. Doch da ist er nun und ja, ich habe mir die Kommentare der letzten Sektion zu Herzen genommen und werde keinen, wenn auch durchaus gerechtfertigten, Monolog über Christoph Waltz schreiben. Auch wenn es mir sehr schwer fällt.

Zunächst einmal ist es eindeutig, warum man DER GOTT DES GEMETZELS schaut. Es ist die Liste großer Namen, wobei ich insbesondere an einem Ort wie diesem davon ausgehe, dass es im Besonderen zwei Namen sind, die hier zum Schauen überzeugen: Christoph Waltz und Roman Polanski.

Eingeleitet wird mit einer Geschichte, wie sie wohl jeden Tag und überall auf der Welt geschehen kann. Eine Spielplatzfehde zwischen zwei Jungen endet mit einem Stock im Gesicht und zwei Zähnen beim Arzt. Szenenbruch: Es treffen sich zwei Paare, Bürgertum, nette Katalogwohnung. Die Eltern von Opfer und Täter.

Im Laufe der Zeit wird sich ein Kammerspiel entfalten, ganz allein in der Wohnung des, nennen wir es so, Opferpaares, während das, umgekehrt so zu bezeichnende, Täterpaar immer wieder daran scheitert das Gebäude zu verlassen. Immerhin schafft man es auf den Flur.

Getrieben wird die Zuschaustellung unterdrückter Aggressionswelten, die sich alsbald entladen soll, von den verschiedenen Charakteren unserer vier Stadtbürger. Wir haben einmal den süffisanten Anwalt Christoph Waltz, der eigentlich keinen Hehl daraus machen möchte, für wie egal ihm die Sache eigentlich ist und sich im Laufe des Spiels als Sprengmeister betätigen wird. Seine Frau, Kate Winslet, die sich, im wahrsten Sinne des Wortes, ihre ambivalenten Charakterzüge herauskotzen darf, mal zur Furie wird und dann doch wieder überdecken muss, dass es ihr auch egal ist. Auf der Gegenseite haben wir Jodie Forster, die gerne Mahatma Ghandi wäre und ihren Mann John C Reilly, der ihr mal devot zur Seite steht, mal den Schlichter gibt, aber dem es im Grunde auch egal ist.

Tja, das Wohnzimmer wird zur Donnerkuppel, während zwischen Kaffee, Alkohol und Kuchen, das Gemetzel beginnt. Denn längst geht es nicht um die beiden Jungen, auch wenn die Namen immer wieder fallen. Nein, die Erwachsenen haben den Konflikt oder das, was sie dafür halten, selbst übernommen, wechseln stets und ständig die Seiten und versuchen immerzu, für sich die Oberhand zu gewinnen.

Den vier Charakteren werden hier vier Fetische zugeordnet, die für ihren Charakter stehen - und beschädigt werden (werden). Da ist zunächst einmal der Offensichtliche: Das Handy. Die nervtötende Unterbrechung durch Waltz' Fußfessel, die ihn immer wieder aus dem Gespräch reißt und sein offensichtliches Desinteresse an seiner gesamten Umwelt offenbart. Beginnt er zu telefonieren, dann ist es ihm egal, dass alle ihn hören können insbesondere, dass es sich um eine moralisch nicht ganz einwandfreie Rechtsangelenheit handelt. Jeder normale Mensch, jedenfalls in der Realität wie ich sie kenne, würde zumindest den Raum dafür verlassen.

Der zweite Fetisch sind die fein säuberlichen Kunstkataloge. Besuch kommt, Besuch mit dem man sich messen will und gerade dann liegen diese hübsch konfrontiert auf dem Tisch - und auch die Einladung zur Sichtung wird angenommen. Jeder ist bemüht seinen Status auf unterschiedliche Weise zu demonstrieren.

Der dritte Fetisch ist die Handtasche, die irgendwann einmal mit der Decke Bekanntschaft machen soll und deren Beschädigung von Duftstoff und Schminkspiegel zu einem tränenreichen Zusammenbruch einladen. Wofür steht Sie? Eitelkeit? Egozentrik?

Und dann ist der vierte Fetisch, doch hier ist die Lage weniger eindeutig. Sind es die importierten niederländischen Tulpen, die ebenfalls geholt wurden, um die Gäste zu beeindrucken oder ist es der Hamster, der im eigentlichen Film niemals vorkommt, sondern immer wieder einlädt zu heftigen moralischen Diskussionen.

Es ist erstaunlich, dass, bis auf unseren Vierten im Bunde, alle einen moralischen Bezug zum Hamster herstellen, aber es sich bei allen anderen Themen als bürgerliche Heuchelei entpuppt. Immer wieder platzt es hervor, dass die angesprochenen Themen, wirklich niemanden interessieren, als Jodie Forster, die sich tränenreich in Afrika vertieft.

Wie der bestehende Konflikt über eigene und fremde Heuchelei und pseudozivilisatorische Errungenschaften sich immer wieder von Neuem entzündet, macht die große Stärke dieses Filmes aus. Es ist reines Redekino, aber herrliches, das eine Grausamkeit abseits abgetrennter Gliedmaßen und Torture Porn zeigt.

Das Ende, der willentlich unwissend bleiben wollende Nächstseher möge den Absatz überlesen, konterkariert es schön mit einer Szene, die an den Anfang anschließt. Die Streithähne vom Anfang sind wieder vereint, man hat seine Probleme schlichtweg gelöst. Wohl auf eine einfache Weise, ohne ein Therapiegespräch zu beginnen. Ein Hoch auf die wahre Natur menschlicher Organisation, oder etwa nicht?

Was bleibt ist ein ausgesprochen unterhaltsamer wie bösartiger Film, der einen jedoch nicht mit einem schlechten Gefühl zurücklässt. Modernes Theater, wie es gefallen kann, dessen abruptes Ende am Ende mir dann doch leider einen Punkt Abzug wert war. Perfekt besetzt und mit einer tollen Regie. Modernes Kino, wie es sich zu sehen lohnt.  

9/10
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Kommentare

29.06.2020 09:45 Uhr - prince akim
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Super geschriebene Review zu dem Film, den ich erst vorgestern wieder im "normalen" TV-Programm genossen habe ! Und "genossen" steht dann auch bei mir für eine klare 9 ! Einfach genial, besonders, wie du bereits erwähnt hast, die Endeinstellung : Warum einfach, wenn es auch viel komplizierter geht ...?

29.06.2020 13:10 Uhr - Anti-Pirat
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29.06.2020 09:45 Uhr schrieb prince akim
Super geschriebene Review zu dem Film, den ich erst vorgestern wieder im "normalen" TV-Programm genossen habe ! Und "genossen" steht dann auch bei mir für eine klare 9 ! Einfach genial, besonders, wie du bereits erwähnt hast, die Endeinstellung : Warum einfach, wenn es auch viel komplizierter geht ...?


Aktuell befindet er sich wegen dieser Ausstrahlung zum kostenlosen Sehen in der ARD-Mediathek. Wo ich ihn auch gesehen habe :D

29.06.2020 14:23 Uhr - kokoloko
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Auch von mir 9 Punkte, fantastischer Film - würde allerdings keinen der Namen sonderlich hervorheben, da alle einen grandiosen Job machen und für sich schon einen Sichtungsgrund darstellen.

29.06.2020 14:43 Uhr - cecil b
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Wow! Dein eigener Stil verändert sich einfach nicht, nur, weil du Kommentare beherzigst. ;)

Sehr lesenswert, deine Review, danke dafür!

Ein Absatz zu Waltz muss ja nicht schaden. Ich finde, wenn die Absätze mit ihren Schwerpunkten gut zu erkennen sind, und sich das Gleichgewicht hält, wie letztens angesprochen, kann doch das Herzblut, welches in solche Absätze fließt, durchaus angenehm sein.




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