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Ein Mann schlägt zurück

(Originaltitel: Il cittadino si ribella)
Herstellungsland:Italien (1974)
Standard-Freigabe:FSK 18
Genre:Action, Drama, Thriller
Alternativtitel:Anonymous Avenger
Bürger setzt sich zur Wehr, Ein
Citizen Rebels, The
Street Law
Un Citoyen Se Rebelle
Via sti via tou ypokosmou
Vigilante II
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,63 (8 Stimmen) Details
inhalt:
In der Stadt herrscht das Verbrechen. Die Polizei ist machtlos und nimmt kaum mehr Notiz davon. Eines Tages wird auch Carlo Antonelli, ein friedlicher Chemiker aus Genua, Opfer eines Verbrechens. Knapp kommt er mit dem Leben davon und beschließt das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen. Seine Vergeltung ist perfekt, doch auch ein Freund bleibt auf der Strecke...
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von punisher77:

                                                    EIN BÜRGER SETZT SICH ZUR WEHR

Ein Jahr, nachdem sie Tote Zeugen Singen Nicht (1973) gedreht hatten, machten Regisseur Enzo G. Castellari und Schauspieler Franco Nero erneut gemeinsame Sache. Obwohl die beiden während der Dreharbeiten zu ihrem ersten gemeinsamen Streifen durchaus Meinungsverschiedenheiten hatten, entstand während der Arbeit an ihrem nächsten Film Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr a.k.a. Ein Mann Schlägt Zurück ihre bis heute andauernde Freundschaft, die zu weiteren gemeinsamen Projekten führen sollte. Neben Nero heuerte Castellari, dem hier ein von Dino Mairui und Massimo De Rita verfasstes Drehbuch vorlag, noch u.a. Giancarlo Prete (1942-2001 / Alle Für Einen – Prügel Für Alle, 1973), Barbara Bach (James Bond 007 – Der Spion, Der Mich Liebte, 1977) und Renzo Palmer (1929-1988 / Hector, Ein Ritter Ohne Furcht Und Tadel, 1975) an.

Der gutsituierte Ingenieur Carlo Antonelli (Franco Nero) wird während eines Banküberfalls von drei Räubern entführt, zusammengeschlagen und verletzt zurückgelassen. Die überforderte Polizei macht ihm deutlich, dass sie die Täter wohl kaum fassen wird, worauf Antonelli eigene Ermittlungen anstellt, um die Gangster aufzuspüren und sie der Polizei auszuliefern. Doch selbst als der Ingenieur dort Erfolg hat, wo die Staatsmacht scheitert und er der Polizei die Bankräuber quasi auf dem Silbertablett serviert, kommen die Beamten zu spät, was furchtbare Konsequenzen haben wird…

Franco Nero sieht rot! Die italienische Antwort auf den Charles Bronson-Klassiker „Death Wish“!“ heißt es über der Inhaltsangabe des Films, die auf der Rückseite der DVD/Blu Ray-Hülle von Filmart abgedruckt ist. Die Ausgangssituation des Films lässt zunächst ebenso auf eine italienische Variante des 1974er Selbstjustizthrillers schließen wie die beiden deutschen Titel, unter denen der Film in Deutschland vermarktet wird. Castellari zeigt zu Beginn des Films in drastischen Bildern eine Reihe von Schwerverbrechen, darunter ein Mord, bei dem die Pistolenkugeln der Mörder deutlich sichtbare Löcher in menschliche Körper reißen und das Blut nur so spritzt. Hinzu kommen die Misshandlung von Franco Neros Antonelli und die Unfähigkeit der Polizei, die Täter dingfest zu machen. So weit, so Death Wish. Doch statt jetzt die Knarre auszupacken und den Abschaum von der Straße zu pusten, wie es vielleicht geschehen wäre, hätte Maurizio Merli (1940-1989 / Die Gewalt Bin Ich, 1977) die Titelrolle übernommen, schlägt Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr einen anderen Weg ein, den aber vielleicht nicht jeder Zuschauer, der einen geradlinigen „Auge-um-Auge, Zahn um Zahn“-Reißer erwartet, gehen will. Wer sich jedoch von seinen Erwartungen lösen kann, bekommt mit Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr einen hervorragenden Film zu sehen, der zum oberen Drittel des Poliziottesco gehört, auch wenn hier kein Polizist, sondern ein Normalbürger im Vordergrund steht.

Denn den misshandelten, von Wut auf das System getriebenen Carlo Antonelli nicht auf bleihaltige Rachetour zu schicken, sondern ihn als Ingenieur zu präsentieren, der quasi als Privatdetektiv eigene Nachforschungen anstellt mit dem Ziel, die Schurken nicht eigenhändig hinzurichten, sondern sie der Justiz zu übergeben, hebt Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr von ähnlichen Faustrecht-Streifen ab und sorgt für Abwechslung, ohne auf die kritischen Aspekte zu verzichten, die u.a. die Filme auszeichnen, in denen der bereits erwähnte Maurizio Merli auftrat. Diese Komponente sorgt zusätzlich dafür, dass Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr seine Spannung bis zum Schluss behält, da es sich bei Carlo Antonelli nicht um einen mit allen Wassern gewaschenen, kampferprobten Einzelgänger handelt, sondern um einen „Normalbürger“ wie „du und ich“, so dass – im Gegensatz zu anderen Poliziotteschi – hier nicht von Anfang an klar ist, wer überlebt und wer nicht.

Franco Nero zeigt in Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr eine hervorragende schauspielerische Leistung. Die Angst, die sich in Neros Gesicht während des Banküberfalls und seiner Entführung zeigt, wirkt absolut echt, was umso erstaunlicher ist, wenn man weiß, dass Nero in zahlreichen Italowestern verwegene (Anti)Helden, für die das Wort Angst ein Fremdwort ist, mit der gleichen Überzeugung spielte. Auch seine Wut über die Ohnmacht des Systems, die sich schon einmal in einer an seine Partnerin gerichtete Ohrfeige entlädt, wirkt glaubhaft, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass er aber nicht zu sympathisch wirkt und sich sozusagen als ein Mensch mit Ecken, Kanten und Fehlern zeigt, was auch dadurch deutlich wird, dass er sich bei seiner Ermittlungsarbeit nicht immer geschickt anstellt.

Ein weiterer Schauspieler, ohne den Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr nur die Hälfte wert wäre, ist der leider bereits im Alter von 59 Jahren an einem Gehirntumor verstorbene Giancarlo Prete als Kleinganove Tommy, den Carlo Antonelli zum Teil seiner Ermittlungen macht. Die Figur des Tommy, die – obwohl er ein „Verbrecher“ ist – durchaus sympathische Züge trägt, zeigt, dass die Welt doch nicht so schwarzweiß ist wie sie in vielen anderen italienischen Polizei – und Gangsterstreifen gezeigt wird. Die zwischen Freund – und Feindschaft hin und her pendelnde Beziehung zwischen Tommy und Antonelli ist ein großer Pluspunkt des Films, zumal er Francos Figur auch mit den Schattenseiten der Selbstjustiz konfrontiert.

Auch was den Aspekt der Selbstjustiz angeht, zeigt sich Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr ein wenig vielseitiger und damit interessanter als so manches Konkurrenzprodukt. Viele Poliziotteschi enthalten zwar eine Art Korrektiv, das den Protagonisten darauf aufmerksam macht, dass es nicht gut ist, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen, doch wenn sich erst der nächste Mörder/Vergewaltiger/Räuber in Schussweite befindet, sind solche Einwände – getreu dem Motto „Selbstjustiz first, Bedenken second“ – sofort vom Tisch gefegt und man feiert besagten Protagonisten dafür, dass er durch konsequenten Schusswaffengebrauch die Stadt wieder „ein Stück sicherer“ gemacht hat. In Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr gibt es ein solches Korrektiv, bzw. Feigenblatt in Gestalt der bezaubernden Barbara Bach, die Antonellis Partnerin Barbara (ähem…) spielt, doch spätestens wenn ihr Lover ihr eine Ohrfeige verpasst, macht man sich innerlich darauf gefasst, dass es nun losgeht mit dem unbedenklichen Exekutieren der Gangster. Doch weit gefehlt – mit dem Auftauchen des Strauchdiebs Tommy und der besagten Darstellung der dunklen Seite des Vigilantentums zeigt Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr deutlich, dass das Durchsetzen von Gerechtigkeit nicht unbedingt in die Hände eines Jedermanns gehört. Trotzdem ist die zweite Castellari/Nero-Kollaboration kein Anti-Selbstjustiz-Plädoyer. Die Kritik an einem korrupten, schwachen Staatsapparat z.B. zeigt auch Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr. Die vom – wie immer äußerst präsenten Renzo Palmer – repräsentierte Polizei sieht sich nicht in der Lage, des Verbrechens Herr zu werden und vermittelt den Eindruck, eher die Täter statt die Opfer zu schützen. Durch das Zurschaustellen beider Seiten dürfte Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr für Diskussionsstoff sorgen, die heutzutage noch bereit sind, sich einen Film nicht nur anzuschauen, sondern sich hinterher auch noch bei einem Kaffee/einer Cola/einem Bier zusammenzusetzen und Eindrücke über das eben Gesehene auszutauschen. Hierzu sollte man Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr aber unbedingt in der ungekürzten Originalversion ansehen, da vieles, was den Film ausmacht, in der stark geschnittenen deutschen Kinofassung verloren gegangen ist.

Wer jetzt glaubt, dass Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr aufgrund seiner etwas vielseitigeren inhaltlichen Linien an chronischer Gewalt – und Actionarmut leide, der kann sich beruhigt zurücklehnen. Sicherlich gibt es eine Reihe von Castellari-Streifen, die deutlich mehr Action enthalten, aber ein rein inhaltlich geführter Diskurs ist dessen zweiter Film mit Franco Nero in der Hauptrolle nun auch nicht. Bereits die sich an den Bankraub anschließende Verfolgungsjagd bietet rasantere und authentischere Action als so mancher Hollywoodfilm und auch zwischendurch gibt es immer mal wieder kürzere Action – und Gewalteinlagen, in denen Castellari gern mit Zeitlupensequenzen arbeitet – vor allem, wenn es darum geht, das Leid von Franco Neros Figur, die hier ordentlich einstecken muss, zu zelebrieren und damit seine Rachegefühle zu rechtfertigen. Gekrönt wird Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr mit einem bleihaltigen, packenden und dramatischen Showdown, der über so manche kleine Länge des Films hinwegtröstet, womit auf die (kleinen) Schwächen eingegangen werden soll, die auch Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr enthält.

Obwohl die ungekürzte Originalversion der gekürzten deutschen Kinofassung haushoch überlegen ist und der Film unbedingt in dieser Version genossen werden sollte, verfügt auch diese über minimale Längen. Hinzu kommt, dass es den restlichen Darstellern schwer fällt, sich gegen das Duo Nero/Prete zu behaupten. So ist die Rolle der hinreißenden Barbara Bach – auch in der originalen Fassung – zu kurz ausgefallen, um echte Akzente zu setzen und auch Renzo Palmer hätte etwas mehr Screentime verdient. Was die Schurken angeht, hätte man auf charismatischere Darsteller zurückgreifen können, da man hier lediglich die üblichen, aus zahlreichen anderen Genrestreifen bekannten Galgengesichter zu sehen bekommt, die ihre Aufgabe aber immerhin solide erfüllen. Die Musik, die von den Gebrüdern Guido und Maurizio De Angelis alias Oliver Onions stammt, ist durchaus gut, aber auf zu wenige Stücke beschränkt – in einer Szene ertönt gar der Song Dune Buggy, bekannt aus dem Bud Spencer & Terence Hill-Streifen Zwei Wie Pech Und Schwefel (1974).

Das sind aber nur Kleinigkeiten. Unterm Strich ist Ein Bürger Setzt Sich Zur Wehr ein hervorragender Beitrag zum italienischen Action – und Polizeifilm der Siebzigerjahre, der manche Erwartung enttäuschen dürfte, sich aber gerade deshalb vom Gros der konkurrierenden Genrefilme abhebt und Freunden des Genres hiermit wärmstens empfohlen wird.

8-9/10

9/10
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Kommentare

02.07.2020 18:03 Uhr - dicker Hund
2x
User-Level von dicker Hund 15
Erfahrungspunkte von dicker Hund 3.691
Nachdem ich inzwischen eine positive Sichtungserinnerung an den "Berserker" vorweisen kann, verfolge ich die punischersche Auslese des Subgenres noch aufmerksamer.

🙂

02.07.2020 18:04 Uhr - Nubret
1x
User-Level von Nubret 9
Erfahrungspunkte von Nubret 1.090
Erstklassige Kritik zu einem tollen Italo-Reisser. Für Genre-Freunde eigentlich Pflichtprogramm. Und jetzt mal im Ernst, schon im klasse montierten Vorspann gibt es schon wesentlich mehr zu sehen als im gesamten ersten "Death Wish-"Streifen. Dazu noch ein echter Ohrwurm-Titeltrack und ein Franco-Nero, der seine Stunts allesamt selbst ausgeführt hat, was man in einigen gelungen Zeitlupen-Sequenzen bewundern kann.

Und ja, Giancarlo Prete ("Im Wendekreis des Söldners") ist ebenfalls beeindruckend in seiner Rolle. Dazu noch die Stamm-Bösewichte Romano Puppo und Massimo Vanni. Für mich immer wieder ein Erlebnis.

02.07.2020 19:53 Uhr - CheesyAK47
1x
Fabelhafte Rezi, tolle Empfehlung die ich mir unbedingt gönnen muss! Merci dafür! Galgengesichter, geiles Wort :)

02.07.2020 21:02 Uhr - cecil b
1x
DB-Co-Admin
User-Level von cecil b 18
Erfahrungspunkte von cecil b 6.136
Boa, ey! Was für ne Besprechung. Du gibst dir wirklich immer viel Mühe.

Da haben wir alle was davon!

03.07.2020 08:28 Uhr - Punisher77
1x
DB-Helfer
User-Level von Punisher77 14
Erfahrungspunkte von Punisher77 3.423
Vielen Dank für Eure netten Kommentare. Freut mich, dass Euch das Review gefällt.

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