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Alexandre Ajas Maniac

(Originaltitel: Maniac)
Herstellungsland:Frankreich, USA (2012)
Standard-Freigabe:SPIO/JK geprüft: keine schwere Jugendgefährdung
Genre:Horror, Drama, Krimi, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,10 (138 Stimmen) Details
inhalt:
Frank ist Besitzer eines Mannequin Ladens. Er lebt ein eher zurückhaltendes und verschlossenes Leben. Doch dies ändert sich, als die junge und hübsche Anna in sein Leben tritt. Für ihre neue Ausstellung wendet sie sich an Frank. Aus dem Treffen entwickelt sich eine Freundschaft. Doch der Schein trügt. Denn unter der Oberfläche verstärkt sich seine geheime Besessenheit. Je länger die Freundschaft anhält, desto heftiger tritt seine Manie zum Vorschein.
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von therealash:

Im Jahre 1959 veröffentlichte ein gewisser Robert Bloch - ein enger Freund von Howard Philps Lovecraft - den Roman Psycho über einen übergewichtigen Frauenmörder, der gewisse psychische Probleme mit seiner Mutter hatte. 1960 brachte dann der zwar ebenfalls übergewichtige Alfred Hitchcock die Verfilmung in die Kinos und machte damit wohl einen der Horrorfilm-Meilensteine der Filmgeschichte, für den adipösen Frauenmörder mit Alkoholproblem castete er allerdings den jungen und gutaussehenden Anthony Perkins, der wohl einer der schrecklichsten Serienmörder mit Psycho-Problemen wurde, die es gibt und als Homonym für psychisch kranke Mörder wurde.

Die Ähnlichkeit von Joe Spinell und Elijah Wood könnte nicht weit entfernter sein als zwischen dem Norman Bates aus dem Buch und dem aus dem Film, ebenso wie die Linie des Frauenmörders mit Mutterproblemen. Wenn man so will - und ich will - kann man Maniac von 1980 als indirekte und sicherlich graphisch heftigere Version dieses Mörder-Mythos nehmen, der in Alexandre Ajas Remake von seiner bei Hitchcock ursprünglich hochartifiziellen Art, über den schmutzigen Look bei William Lustigs Film wieder den Schwenk zum Arthouse-Kino nimmt und dabei dermaßen explizit ist, dass sich die Jugendschutzbehörden bis heute noch nicht durchringen konnten, den Film der breiteren Masse der Filmfans zugänglich zu machen.

Was macht Maniac von 2012 so besonders? Zum Einen ist es die subjektive Kamera, die in der Filmgeschichte nicht gerade eine Liebesgeschichte ist, da sie immer etwas abseitig und nicht ganz synchron ist, so aber doch einflussreich und im Grunde genommen urliterarisch ist. Als einflussreiches Beispiel kann Robert Montgomerys Die Dame im See gelten, der den Düster-Detektiv Philip Marlowe auf Mördersuche schickt, der wiederum den expressiven Grenzgänger-Cineasten Gaspar Noe für seine spezielle Form des Subjektfilms inspiriert hat, was nicht nur in Enter the Void nahezu über den Tod hinaus zelebriert wird.

In Maniac von Franck Khalfoun geht es ebenalls um einen Außenseiter und Einzelgänger, wie schon in Psycho oder Maniac von 1980. Wo Norman Bates Tiere präpariert, sind die beiden Frank Zitos im Original und Remake weit weniger kunstvoll und so genügt es ihnen nicht die Frauen nur zu skalpieren, sondern sie animieren und beseelen leblose Schaufensterpuppen mit den blutigen Skalps ihrer Opfer. Dass Frank und Frank hierbei sogar durchaus Züge eines Womanizers haben, sei nur am Rande erwähnenswert und ist vielleicht nicht ganz glaubhaft, so aber doch spannend, in Bezug auf die realen Möglichkeiten, welche diese beiden kranken Geister in einem herkömmlichen Leben hätten.

Doch Mord und Mord verträgt sich meist kaum und Frank Zito will immer mehr. Im Hintergrund steht bei ihm eine vermutlich als Prostituierte arbeitende Mutter, die womöglich noch drogen- und alkoholsüchtig ist und ihren kleinen Sohn mindestens vernachlässigt, wenn nicht misshandelt und missbraucht. Das bleibt jedoch nur als Andeutung. Fakt ist, dass sich Frank ob der unaushaltbaren Brutalität seiner bereits frühen Existenz langsam in den Wahn flüchtet und diesen als besseres Modell austauscht, um über die langen Tage und Monate zu kommen.

Als Frank Zito jedoch die attraktive Fotografin und Künstlerin Anna kennen lernt, die darüber hinaus noch einen französischen Akzent hat, ist es um ihn geschehen. Und auch Anna hat Gefühle für Frank. Doch wie diese Gefühle aussehen, weiß Frank natürlich nicht zu ahnen - und so nimmt das Grauen seinen Lauf.

Alexandre Ajas Maniac ist wirklich ein unglaublich gelungenes Remake eines Undergroundfilms, der wiederum als inoffizielles Remake mit extremen Gewaltausbrüchen von Hitchcocks Psycho gelesen werden kann. Die hochprofessionelle und künstlerisch anmutende Machart dieses Remakes ordnet das Original mit seinem Bahnhofslook wiederum in die Linie von Überregisseur Alfred Hitchcock und hebt diese Filme in den Olymp des Psycho-Thrillers an sich.

Auch die Linie von Anthony Perkins, dem gutaussehenden - man möchte fast sagen - Helden, über Joe Spinell als harschem Charakterspieler, bis hin zu Elijah Wood wiederum als - Frodo möge mir verzeihen - kleiner und schmächtiger Fiesling mit Wasch- und Killzwang, ist perfekt inszeniert. Was Maniac von 2012 allerdings noch einen Funken besser macht ist die Metaebene der Schaufensterpuppen, die in Lustigs Maniac "nur" zu Killern werden, bei Khalfouns Maniac allerdings zu Projektionsfiguren von Franks innerer Welt werden und ihn am Ende selbst als tote Puppe zeigen, ein Gefühl, das der kleine Frank von seiner Mutter wahrscheinlich so gut kennt: die tote und nicht kümmernde, misshandelnde Mutter.

Ein weiterer Kniff, den Maniac macht, ist der verfremdende und doch identifizierende Kunstgriff der subjektiven Kamera, die genau in den Momenten, in denen Frank seine Opfer tötet, in eine normale objektive Kameraperspektive wechselt und uns als Zuschauern eigentlich zeigt, dass Frank genau dann am meisten bei sich ist, wenn er mordet. Der Mensch ist in Maniac nur da Mensch, wenn er mordet. Tut er es nicht, bleibt Frank gefangen in seinen Ängsten und Wahnideen. Dass solche psychischen Konstruktionen nicht von Dauer und vor allem von langer Stabilität sind, zeigt das Ende mit einer wirklich genialen Wendung, indem das Subjekt selbst zum Objekt wird, die Objekte zu Subjekten.

Bleibt nur noch der wirklich mehr als grandiose Synthie-Soundtrack von ROB (Robert Coudert) zu erwähnen, der aus meiner Sicht ein verlorener Soundtrack von John Carpenter ist und dermaßen stimmungsvoll die schönen, brutalen und wackligen Bilder von Maniac untermalt, dass man wie hypnotisiert am Ende sogar noch Sympathie für diesen Frank Zito aufbaut.

Kurz und gut, Alexandre Ajas Maniac steht gleichwertig neben William Lustigs Maniac und beide stehen nur ganz knapp hinter Alfred Hitchcocks Männerphantasie und Mörderthriller. Die Arbeit, die Nameless in die beiden Veröffentlichungen von den beiden Maniac gesteckt hat, verdient wirklich allen Respekt, da sie hiermit ein paar "Schmuddelfilme", die ungerne im "offiziellen" Filmkanon genannt werden, in eine Linie mit Hitchcock stellen und den beiden Filmen die Aufmerksamkeit geben, die sie verdienen.

Pervers, obszön und schön.

10/10
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Kommentare

05.07.2020 07:53 Uhr - Dissection78
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Wirklich feine Besprechung, Ashley! Das Remake ist bei mir über die Jahre gewachsen. Schlecht war es in meinen Augen zwar nie, nichtsdestotrotz kam ich damit zunächst nicht sonderlich parat, weil es mir einfach zu kalt, steril und überstilisiert war. Doch das hat sich mittlerweile gelegt. Ich denke, besonders dieses Kalte und Sterile passt in vorliegendem Fall sehr gut zu Frank Zitos Charakter und zu dessem Darsteller - quasi eine Variation vom dreckigen, hässlichen Spezifikum des Originals. Zwischendurch fühlt man sich dann auch noch ans Giallometier erinnert. Ich vergebe hier also 7,5 Skalps, runde jedoch auf 8. Allerdings hat das Original bei mir noch immer die Nase vorn, und daran wird sich vermutlich auch nie etwas ändern. Dies dreckig-hässlich-versiffte Großstadt-Psychopathen-Psychogramm ist für mich nämlich noch einen Tacken beklemmender, bedrückender, finsterer und verstörender. Da sind's dann insgesamt 9 in Zeitlupe explodierende Köpfe. Und ja, ich liebe Filmkorn! ;)

PS:
Habe vor einigen Tagen Ari Asters "Midsommar" gesehen und finde ihn tatsächlich noch etwas besser als seinen ohnehin schon herausragenden Erstling "Hereditary". Absolut großartig! Florence Pugh spielt sensationell, und trotz seiner Länge saß ich die gesamte Laufzeit über gebannt vor der Glotze. Das will was heißen. Ein hypnotisch-psychedelisches Meisterstück. Hollywoods Mainstream-Horror-Garde kann aber sowas von einpacken, hihi :)

05.07.2020 08:43 Uhr - Punisher77
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Eine exzellente Kritik mit interessanten Verweisen. An die "Psycho"-Lesart habe ich z.B. noch nie gedacht. Wirklich interessant!

Ich halte es allerdings mit Dissection78: Das Original hat bei mir die Nase vorn und ich musste mit dem "Maniac"-Remake erst "warm werden", u.a. wegen des (zu) klinischen Looks, der den Dreck des Originals vermissen ließ. Mittlerweile zähle ich ich die Neuverfilmung zu den besseren Horrorfilm-Remakes.

05.07.2020 11:46 Uhr - TheRealAsh
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Dank euch, ich finde die Filme einfach grandios, habe auch überlegt, was es in dem Stil noch so alles gibt. Leatherface würde ich hier jetzt außen vor lassen, da der ja eher Family-Issues hat;-)

05.07.2020 12:53 Uhr - Nubret
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Tolle Besprechung mit interessanten Verweisen auf Hitchcocks Klassiker. Welchen der beiden "Maniacs" ich lieber mag, kann ich gar nicht so genau sagen. Einerseits liegt mir Joe Spinells Darbietung etwas mehr, andererseits ist Elijah Wood schauspielerisch mit dieser Rolle über sich hinausgewachsen. Zugetraut hätte ich ihm so eine Leistung jedenfalls nicht. Mein Favorit als Schmutzfink bleibt aber dennoch Fulcis wundervoll-brackiger "New York Ripper". Ist für mich jedes Mal wieder ein großes Fest.

05.07.2020 16:01 Uhr - DriesVanHegen
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Würdige Besprechung zu einem modernen Klassiker!

Zum Thema der breiten Masse zugänglich machen: Zumindest die Beschlagnahme ist ja passé.

05.07.2020 16:52 Uhr - The Machinist
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Nur ein einziges mal vor Jahren gesehen, da hat der mich aber tatsächlich auch ziemlich weggeblasen. Immer wenn ich den Film im Kopf habe, denke ich da auch speziell an R.O.B.'s phänomenalen Soundtrack, mit dem er sich später in ''Revenge'' dann nochmal selbst übertroffen hat.

Saubere Kritik, Ash. Ich selbst wäre bei etwa 8 Punkten.

05.07.2020 22:25 Uhr - McGuinness
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Sehr lesenswerte Rezension, die nur allzu deutlich werden lässt, wie sehr dir dieses Remake, aber auch das Original, sowie Parallelen zu Hitchcocks Klassiker, gefällt.

Ich persönlich ziehe den hier besprochenen Film sogar noch dem dem Original vor, was zum größten Teil an der wie bereits treffend von dir erwähnten Darbietung von Elijah Wood liegt, mit welcher ich ebenfalls so gar nicht gerechnet habe, aber auch sonst wirkt mir diese neue Variante einfach zeitgemäßer und wusste mich mehr zu fesseln.

10 Punkte sind absolut angemessen und werden dieser tollen Neuverfilmung meiner Meinung nach auch mehr als gerecht 😊👍🏻

05.07.2020 22:35 Uhr - Intofilms
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Brillante Vorstellung, Ashley! „Psycho“ ist in meiner Liste der zehn genialsten Filme. Der Original-„Maniac“ ist für mich einer der besten Horrorfilme und diese Verfilmung eine der gelungensten Horrorneuverfilmungen. Die Kamera-Ichperspektive von „Ajas Maniac“ ließe sich wohl auch als konsequente Weiterführung der Eröffnungsszene des Originals begreifen (das Fernrohr am Strand zum Ausspähen möglicher Opfer). Das früheste mir bekannte Beispiel einer solch ausgefeilten Kameratechnik wie in „Ajas Maniac“ findet sich in „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ von 1931 und wurde dort schon sehr wirkungsvoll von Karl Struss eingesetzt. Das Jekyll/Hyde-Motiv ist ja in leicht abgewandelter Form auch bei „Psycho“ und „Maniac“ einschlägig. Eigentlich sehr faszinierend, wenn man so darüber nachdenkt... ;D

05.07.2020 23:58 Uhr - TheRealAsh
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Danke für das weitere Feedback, Freunde:-)

@Nubret: der New Yorker Ripper ist eine gute Referenz, aus meiner Sicht allerdings tatsächlich noch kränker, als die anderen - und das will was heißen, ist aber halt Fulci;-)

@Into: Guter Hinweis mit Jekyll und Hyde, wahrscheinlich müsste man sogar bei Jack the Ripper anfangen, der ja bekanntlich auch ein Faible für Prostituierte hatte, dessen Mama-Issues aber nur zu vermuten sind. Nun ja, und dann kann man gleich wieder zurück zu Edgar Poe, würde sich lohnen. Spannend :-)

06.07.2020 00:40 Uhr - ulver
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Eine tolle Kritik, danke Ash. Der Streifen hat mich definitiv nicht kalt gelassen. In einem günstigen Moment werde ich mich an dem Original versuchen.

06.07.2020 22:19 Uhr - TheRealAsh
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Danke und tu das, du Kveldssanger, wird sich definitiv lohnen. Um im Vergleich zu bleiben: der 1980er Maniac ist zum Remake wie "Bergtatt" zu "Nattens Madrigal" - nur anders rum;-)

Gruß
Ash

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