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Der Unsichtbare

(Originaltitel: The Invisible Man)
Herstellungsland:USA (1933)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Horror
Alternativtitel:El hombre invisible
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,00 (7 Stimmen) Details
inhalt:
Claude Rains bietet in seinem ersten Spielfilm eine faszinierende Darstellung als mysteriöser Arzt, der ein Serum entdeckt, das ihn unsichtbar macht. Von Bandagen umwickelt, die Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen, begibt sich Rains in ein kleines englisches Dorf, um seine Entdeckung geheim zu halten. Aber das Mittel, das ihn unsichtbar macht, treibt ihn allmählich auch zu unaussprechlich grausamen Taten.
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von velvetk:

Unfassbar! Wie haben die das nur gemacht? Diese simple Frage habe ich mir länger nicht mehr so deutlich gestellt, schon gar nicht bei der aktuellen Filmlandschaft. Effektvolle Filme waren einmal so viel mehr, als durchweg Bombast-CGI. Die einfachste Lösung ist an für sich die beste, doch in diesen Tagen reicht's oft nicht mal dafür. Geht heute vermeintlich etwas nicht oder könnte es zu aufwendig, platzraubend oder schlicht zu teuer werden, wird's der virtuell gerenderte Standardsatz aus dem Computer schon richten. Der mittlerweile bequeme und dauerpräsente Einsatz in allen möglichen Varianten macht eben schnell satt und wenn dann etliche Großproduktionen nicht einmal mehr im Ansatz aussehen, als wären sie echt, wird der Ausdruck Effekt seiner Definition doch einfach nicht mehr gerecht. Dieses anhaltend leuchtende Dauerknallen entlockt mir - ganz gleich wie groß die Leinwand ist - kaum noch Begeisterung. Ein begnadeter Scharlatan, der den Selbstzweck gerade so umschifft, mit Leidenschaft zuspitzt und sämtliche Zutaten in seinem Film gleichermaßen zelebriert, ist mir in letzter Zeit nicht begegnet. Es kann mir keiner weiß machen, dass er einem Black Panther oder Aquaman auf der rein visuellen Ebene gerne auf den Leim geht und einem da die Spucke wegbleibt. 

Doch einige Filmemacher nutzen (selbst computergenerierte) Effekte auch heute noch als solche, also als unterstützenden Filmzauber, als i-Tüpfel. Leigh Whannell zum Beispiel, der aus unerfindlichen Gründen lediglich minimale Budgets für seine Filme zur Verfügung gestellt bekommt und damit aber vortrefflich schultert und in der offenbaren Geldknappheit findig aufgeht. Egal ob der gute Upgrade, der vergleichsweise lächerliche 3 Millionen Dollar gekostet hat, oder die sehenswerte Neuinterpretation von Der Unsichtbare, welcher mit 7 Millionen Dollar im Rücken immer noch sehr günstig produziert worden ist; Diese visuellen Schmuckstücke wirken trotz fantastischer Elemente stets greifbar und ersticken in keinem Moment die anderen Bausteine, wie das Spiel der Darsteller oder die Geschichte selbst. Wie haben die das nur gemacht? Nun, diese Frage stellte ich mir bei den beiden Filmen zwar letztlich nicht wirklich, doch es ist bewundernswert, dass es Filmemacher gibt, die mit Leib und Seele, Können und Obacht und vor allem ohne ein Budget von zwei- oder dreihundert Millionen Dollar aufwärts auskommen und damit noch echte Akzente setzen. Äpfel und Birnen? Ja, durchaus. Ist beides Kernobst. Jedenfalls machte mich Whannells Film neugierig. Filme mit unsichtbaren Protagonisten gibt's ja einige und da mich die beiden Frankenstein-Filme von Regisseur James Whale letztens wiederholt begeistert haben, ahnte ich, dass mir das Original des Unsichtbaren gefallen könnte. Speziell Frankensteins Braut bietet ja einige Sequenzen, welche auch nach fast einem Jahrhundert noch blankes Staunen hervorrufen. Jene Szenen, beispielsweise die mit den verkleinerten Menschen, sind meisterlich. Noch immer versuche ich mir einen Eindruck davon zu verschaffen, wie schwer es wohl war, alles ohne Computer in ein projiziertes Bild zu packen. Überragend, auch weil Whales Filme in dramaturgischer Hinsicht kaum gealtert sind und darüber hinaus auch schauspielerisch punkten. Die anrührenden Szenen zwischen Boris Karloff und O.P. Heggie in Frankensteins Braut haben nichts von ihrem Schein verloren und das sich langsam und taktvoll steigernde Finale hebt auch heute noch den Puls an.

Der Unsichtbare schlägt allerdings in eine andere Kerbe, als sämtliche Monsterfilme dieser Epoche und stellt sich selbst heute noch erstaunlich modern auf. Mit gerade einmal 71 Minuten Laufzeit verschnauft Whales bahnbrechender, ansehnlicher und gewitzt böser Film keinen einzigen Augenblick. Die Wirkung des Filmes muss bei der Premiere vor vielen Jahrzehnten unglaublich gewesen sein - in diesem Publikum hätte ich damals gerne gesessen und mich einwickeln lassen. Im Minutentakt klappte meine Kinnlade ob all der schöpferischen Einfälle herunter und meine weit aufgerissenen Augen wanderten über die bewegten Bilder, immer auf der Suche nach dem Trick oder der Parade dahinter. Der Unsichtbare war, ist und bleibt künstlerisch ein voller und unvergänglicher Erfolg! Das Drehbuch kommt bei all der audiovisuellen Finesse sehr schnell zur Sache und vermeidet Fallstricke und Lähmung, Stillstand und unnötige Rückfragen. Nach der Geschichte von H. G. Wells kreierten die Autoren ein ganz und gar köstliches und gleichermaßen unwohles, fieses und wahnsinniges Stück Film, dessen überragende Effektarbeiten in jeder Einstellung begeistern und immer im Dienste der Geschichte stehen, auch wenn das Korn der guten Blu-Ray harmonischer aufgelöst sein könnte. Hier und da entlarven die voranschreitenden Montagen zwar kleine Dinge, die noch in den Kinderschuhen gesteckt haben, doch der geniale Gesamteindruck könnte kaum besser sein. Wie sich der unsichtbare Wissenschaftler Dr. Jack Griffin (Claude Rains) vor verängstigten Anwohnern seiner hüllenden Bandagen und seiner Anziehsachen entledigt und dabei dermaßen irre Lacht und alle an der Nase herumführt, dass einem das Blut in den Adern gefriert, ist schon ein einmaliges Erlebnis, welches weder Hollow Man, noch Whannells Neuinterpretation toppen können. Dieses beherzt sinistre Lachen! Das muss man einmal gehört haben! Es empfiehlt sich daher unbedingt den Originalton vorzuziehen. Die neuere der beiden und auf der Disc befindlichen deutschen Vertonungen ist leider sehr viel später entstanden, eher zweckmäßig und viel zu laut und klar abgemischt - diese Synchro, die 50 Jahre später eingesprochen wurde, passt in Atmosphäre und Klangbild nur bedingt zum Geschehen der Dreißigerjahre und der dt. Sprecher von Claude Rains kommt auch in keinem Augenblick an dessen finster verzweifelten Tonfall heran. Rains, der mit diesem Film vom Theater- zum Filmstar aufstieg, verkörpert allein durch sein exaltiertes Körperspiel und seine prägnante, mal wohlsam ins Ohr gleitende und dann wieder furchtvoll aufbrausende wie intensiv aufspielende Stimme den Unsichtbaren, wie kein anderer Schauspieler zuvor oder danach. Dieses in den lauten Momenten des Films vollkommen dem Irrsinn verfallene Timbre hat einen großen Reiz. Der Film, die Hauptfigur und die Story sind durch Rains und Whale hindurch zu Recht unsterblich geworden.

Die Nebenriege kann da nicht mithalten und viele Darbietungen kommen nicht über das geleitete Gespür hinaus, dass der Tonfilm einst noch ganz jung war, was zumindest einen nicht zu verachtenden Schalk heraufbeschwört. Da wäre als Highlight die Hausherrin des Gasthauses, in welchem sich Dr. Griffin versteckt, um seine Unsichtbarkeit samt der vernichtenden Nebenwirkungen wieder aufzuheben. Das Overacting dieser neugierigen und redseligen Dame ist im besten Sinne wirklich kaum auszuhalten und selbst die einst so wunderschöne Gloria Stuart, die erst über sechzig Jahre später, in James Camerons Titanic größere Bekanntheit erlangte, kann hier, in einer Nebenrolle als Love Interest Griffins, nichts gegen Claude Rains aufbringen. Claude Rains aufregende Stimme und die zahlreichen, sich nie wiederholenden und durchweg grandiosen Effekte sind die Stars des Films! Die wahlweise kuriosen und alltäglichen, die aberwitzigen und beiläufig boshaften Einfälle schrecken vor nichts zurück und der Unsichtbare hinterlässt beizeiten etliche Opfer. Während die Nichtsichtbarbarkeit in all ihren heimlichen und überraschenden Facetten genutzt wird, überzeugen auch die reinen Actionszenen, die vornehmlich mit Modellen und Kulissen realisiert worden sind und immerzu vergessen lassen, dass dieser Film schon dermaßen lang zurück liegt. So eine Zugentgleisung würde heute - auch dank Raumklang - sicher spektakulärer und martialischer ausschauen, aus jedem Winkel bis ins letzte Detail animiert sein und durch Zeitlupe dröhnend verlangsamt werden, doch der choreografierte Charme der niemals rastenden Schwarzweißbilder ist damit nicht aufzuwiegen.

Es sind nur wenige, aber umso beeindruckendere Perlen alter Tage, die aufgrund ihrer imposanten Effekte für immer hängen bleiben und trotzdem noch so viel mehr zu bieten haben. Der Unsichtbare hat einfach alles, was ein Film für mich braucht. James Whales Horrorfilm ist spannend und trügerisch, witzig und albern, rabiat und faszinierend. Gen Ende, als Claude Rains zu kurz sehen ist, steigert sich Der Unsichtbare verloren und tragisch zu einem vollendeten Epos des Wahnsinns, welches deutlich macht, wie hoch ein Preis ausfallen kann. Die Auflistung wahrer Pioniere, bei denen alles stimmig ist, ist nicht so lang, möchte ich meinen. Der Fortschritt der letzten Jahre ist leider und nicht selten nur ein rein technischer und die wahrlich kreative Einbindung und die perfekte Dosierung des Effekts im Angesicht erzählerischer Qualitäten sind rar geworden. Als James Whales andächtiger Film vorbei war, wollte ich sofort nochmal unentdeckt durch diese verwunschen irritierte Welt stiften, unerträgliche Häme und schreckliches Grauen verbreiten, zwischen Vernunft und Unvernunft nach Erlösung, Liebe und Macht streben. Ein zeitloses Meisterwerk, wie auch immer die das gemacht haben.

9/10
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Kommentare

21.07.2020 15:54 Uhr - Dissection78
2x
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Ganz hervorragend, VekvetK! Du sprichst mir aus der Seele (ganz besonders mit den ersten beiden Absätzen des Textes). "Der Unsichtbare" ist einer der originellsten und auch verkanntesten frühen phantastischen Filme Hollywoods, in dem Claude Rains seinen ersten Auftritt in einem US-amerikanischen Film hatte.

Der Streifen lebt sowohl von Rains Schauspielleistung als auch vom skurrilen Humor des Drehbuchs sowie natürlich von John P. Fultons meisterhaften Spezialeffekten. Für die Aufnahmen des unsichtbaren Missetäters musste sich ein Double mit einem schwarzen, unreflektierenden Samtanzug bekleiden und vor einem ebenso schwarzen Hintergrund agieren. Die jeweils sichtbaren, andersfarbigen Kleidungsstücke wurden dann in das eigentliche Filmmaterial kopiert. Dies war durchaus schwierig und aufwändig. Wir reden hier immerhin von 1933. Jedenfalls hatte man zuvor nie Effekte in einer solchen Perfektion gesehen, und auch heutzutage finde ich sie in der Tat äußerst beeindruckend. Wüsste man nicht wie sie kreiert wurden, man würde sich staunend mit offenem Mund fragen: "Wie zum Teufel haben die das nur gemacht?!" Das ist etwas, das mir bei modernen Effektorgien definitiv nicht passiert.

Im Fazit ist "Der Unsichtbare" ein zwar weniger bekanntes 'Universal-Monster', doch steht er für mich persönlich auf einer Stufe mit James Whales "Frankenstein" und in diesem Fall somit über Tod Brownings "Dracula", Karl Freunds "Die Mumie" oder George Waggners "Der Wolfsmensch".

21.07.2020 18:22 Uhr - VelvetK
1x
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Danke dir! Ich finde auch, dass der Film zu Unrecht ein wenig hinter allen anderen Unsiversal-Monsterfilmen rangiert. Gerade der erste Frankenstein ist zwar auch vergleichsweise immer noch gut, aber bei weitem nicht so brillant wie Teil 2 oder eben Der Unsichtbare. Das mit den Effekten habe ich schon so halb aufgeschnappt, kann es allerdings einfach nicht fassen. Die Specials der Scheibe hebe ich mir für's nächste Mal auf und bin froh, dass ich den Text vorher verfasst habe - die Magie ist dann schlicht eine andere.

21.07.2020 19:39 Uhr - Dirty-Harry2014
1x
Super Rezession von dir..

auch mir hat der Film sehr gut gefallen... ich liebe diese alten Filme..

und was 1933 schon so alles möglich war, aus der Trickkiste..

und der schwarz weiße Flair macht die Sache Perfekt..

MfG Harry

21.07.2020 21:39 Uhr - Intofilms
1x
Mein Kompliment!
Die frühen Ton-Horrorfilme von Uni liebe ich allesamt. Aber diesen hier ganz besonders. ;)

22.07.2020 13:01 Uhr - Böhser Hosen-Arzt
1x
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Super Review zu einem super Film. Whale war wahrlich ein Meister seines Fachs. Erst "Frankenstein", dann "The old dark house", dann "Der Unsichtbare" und schließlich "Frankensteins Braut". Ich liebe die Universal Horror Filme. Sie sind allesamt meine Lieblingshorrorfilme! Heutzutage geht's bei Horrorfilmen doch meistens nur darum wie viele Jumpscares man in eine Szene packen kann oder wie abstoßend und explizit die physische Gewalt eingesetzt werden kann. Nicht falsch verstehen, auch ich sehe mir gerne mal "Braindead" und co. an, aber gegen einen Horrofilm der alten Schule (am allerbesten in schwarz-weiß und mit 1,33:1 Aspect Ratio :D) hätte ich auch definitiv nichts! :D

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