SCHNITTBERICHTE | # | A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z
Titel suchen:
A Plague Tale: Requiem · Erlebe ein tolles neues Abenteuer für Hoffnung · ab 57,99 € bei gameware Dying Light 2 [uncut] · Stay Human · ab 64,99 € bei gameware

Freies Land

Herstellungsland:Deutschland (2020)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Krimi, Thriller
Alternativtitel:Sumpfland
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,20 (5 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Ostdeutschland im Sommer 1992. Die beiden Mordermittler Patrick und Markus werden an die Oder geschickt, um dort das spurlose Verschwinden von zwei Schwestern aufzuklären. Aber die abgelegenen Winkel im Osten Deutschlands gehorchen ihren eigenen Regeln. Die Kommissare beginnen in der verschworenen Gemeinschaft den unübersichtlichen Sumpf aus Lügen und Verbrechen auszutrocknen. Langsam kommen sie den Tätern auf die Spur, aber geraten dabei selbst in große Gefahr... (Syrreal Entertainment)

eine kritik von jasonxtreme:

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich den Film Freies Land null auf dem Zettel hatte, keine Trailer oder Ankündigungen vernahm. Also kurz informiert, und festgestellt, dass es sich dabei um ein deutsches Remake von Alberto Rodriguez Streifen Mörderland aka La Isla Minima aus dem Jahr 2016 handelt, den ich hier auch schon rezensiert habe, und mit einer Wertung von 8/10 bedachte. Die Geschichte wurde also vom Spanien Anfang der 80er Jahre (nach dem Ende der Franco Diktatur) hierher transferiert, und da es sich um ein Remake handelt stilecht auch hier in einen zeitgeschichtlichen und politischen Umbruch - wir befinden uns 1992.

Im tiefsten ländlichen Mecklenburg Vorpommern sind zwei jugendliche Mädchen verschwunden, und die Kripo entsendet zwei Polizisten dorthin, um den Fall zu klären. Patrick Stein ist ein Ermittler aus Hamburg, wo seine hochschwangere Frau auf ihn wartet, ein regelkonformer Polizist, der mit Verstand an die Sache rangeht. Ihm zur Seite steht Markus Bach, ein schmerbäuchiger Bulle aus Görlitz, der dem Alkohol fröhnt, fettes Essen liebt und auch gerne mal richtig zulangt, wenn es der Wahrheitsfindung dient. Das ungleiche Paar sieht sich einer Dorfbevölkerung gegenüber, die verschwiegen ist, mit dem Abwandern der jungen Leute in den Westen zu kämpfen hat, und fallenden Löhne durch westliche Investoren. Als die beiden Mädels tot, gefoltert und vergewaltigt aufgefunden werden, spitzt sich die Lage zu, denn man scheint einem Serienmörder auf den Spuren zu sein.

Natürlich ist für all jene die das Original gesehen haben kein Geheimnis, wo die Reise hingeht. Christian Alvart (Antikörper, Dogs of Berlin, Abgeschnitten, Schweiger-Tatorte), der hier die Regie und teils auch das Drehbuch übernahm, macht überhaupt keinen Hehl daraus, was die Vorlage ist, und dreht teils sogar Einstellungen 1:1 nach. Das empfand ich aber weder schlimm noch störend, im Gegenteil! Alvart weiß seine Szenerie zu schätzen, und setzt sowohl die damalige Situation der Menschen, ebenso wie die politischen und persönlichen Hintergründe der Kommissare super ein, um eine unglaublich intensive Atmosphäre zu erzeugen. Ganz so, wie es schon bei Mörderland der Fall war. Das liegt natürlich maßgeblich an den beiden Hauptdarstellern, die ihre Rollen absolut auszufüllen wissen! Gerade Felix Kramer als Bach ist kaum wiederzuerkennen. Locker 20 kg dürfte der sich angefressen haben um so auszusehen, und er spielt den sarkastischen ehemaligen Stasi-Bullen einfach mit Hingabe.

War bei Mörderland die Szenerie in vor Hitze schwelenden Sepia und Brauntönen gehalten, so präsentiert uns Freies Land die Meckpommsche Einöde in ebenso braun-grau gehaltenen Tönen, diesmal allerdings kalt, karg und menschenfeindlich zur Winterzeit. Düster, trist, sogar die Gesichtsfarben der Menschen sehen gräulich und krank aus. Auch die Vogelperspektive Aufnahmen, die uns die sumpfige Seenlandschaft mit verfallenen Bauernhöfen präsentiert, mittels Drohnenkamera, drehte Alvart nach, zu untypischen Klängen werden diese immer wieder eingeflochten.

Die Kameraarbeit selbst kann ich nur loben, denn hier zeigt sich einmal mehr, dass Alvart bereits in Hollywood tätig war (Fall 39, Pandorum). Er hat einfach ein Gespür für Ausleuchtung und Einstellungen. Wenn er in eine schummrige Bar mit ein paar Gästen filmt, erinnert das nicht zuletzt an derartige Szenen aus 70er und 80er US-Filmen, oder wenn die Polizisten Angehörigen eine traurige Nachricht übermitteln, kennt man solche Einstellungen nicht aus den heimischen Tatorten etc. Ich bin kein Fanboy von Alvart, aber habe seinerzeit bei den Schweiger-Tatorten schon angemerkt, dass er für sowas einfach ein Auge hat, ebenso wie für actionorientiertere Szenen. Ich bin überzeugt, wenn man ihm freie Hand lässt, kommt immerhin was mehr als ordentliches bei raus.

Zwar hat er Mörderland was die Handlung angeht kopiert, er hat aber durchaus auch eigene Szenen mit einfließen lassen, und zudem auch noch einige Feinheiten eingepflegt, die es im Original nicht gab, was eine gewisse Eigenstädnigkeit dann doch unterstreicht. Alle habe ich sicherlich nicht orten können, da Mörderland einfach zu lange her ist. Hier dauert das Finale zudem einiges länger, und hinterlässt definitiv einen nicht alltäglichen Eindruck, wenn man mal zugrunde legt, dass ja für ein deutsches Publikum gedreht wurde. Gedreht wurde zwar in der Ukraine, aber gerade das bringt eben den Effekt, wie es damals teils im Osten ausgesehen hat, auch wenn einige Stimmen im Feuilleton meinen, dass es eine solche Zeit in der Ex-DDR nie so gegeben hat - ich würde da er jenen Recht geben, die eben genau das als traurige Realität ansehen - und zum anderen ist die Brisanz des Ost/West/Umbruch Themas eben nach wie vor aktuell, und nicht nur 30 Jahre zurück zu verorten.

Alvart vermeidet zum Glück auch zu große politische Plattitüden, da genügen kleine Sätze oder Hinweise, wie kommunistische Sätze die nach wie vor über den Betten prangen im Hotel, das Misstrauen gegenüber den Wessis, oder auch umgekehrt, ein bisschen Frötzelei zwischen den Polizisten. Man spürt hingegen auch die persönlichen Einstellungen der beiden Polizisten, wie diese variieren dem Anderen gegenüber - und dann aber doch wieder nicht. Ich bin mir recht sicher, dass es ein zwei Szenen in Mörderland nicht gab, die hier eben andeuten, dass Stein zwar Gewalt verabscheut, aber merkt, dass der Zweck die Mittel billigt, und eigentlich entgegen seiner Überzeugung einfach mal "wegsieht".

Ein paar Dinge hätte Alvart hier auch lassen können, wie eine Szene in der Bach in seinem Zimmer bedeutungsschwanger einen Raben sieht, da dies für den Rest des Films völlig bedeutungslos wird. Auch die Benennung des Hotels mit dem Namen "Fortschritt" wirkt völlig plakativ, ebenso wie die Bar mit dem Namen "Feierabnd" - das wirkte für mich einfach etwas deplaziert. Das Ende selbst hätte man durchaus noch etwas anders, vielleicht drastischer, gestalten können für meinen Geschmack. Es ist was es ist, keine Frage, aber ich habe mir da vielleicht noch ein oder zwei Sätze oder Aktionen mehr gewünscht, was die beiden Polizisten angeht. Der Fall selbst ist bei Freies Land, wie auch im Original, nicht das Maßgebliche Thema des Films, sondern der Umbruch, und eben auch jener der in den Personen stattfindet. Für all jene die weder diesen noch Mörderland kennen, kann natürlich die Auflösung des Falls etwas uninspiriert daherkommen. Da hätte ich mir vielleicht gewünscht, dass Alvart genau da noch etwas mehr reinfließen lässt - aber dann wäre es ein anderer Film geworden.

Sicherlich Freies Land eines der besten Remakes für sich betrachtet, aber auch als eigenständigen Film (ohne Kenntnis des Originals) würde ich 8/10 weiterhin zücken und stehen lassen. Das wurde jetzt mehr als beabsichtigt, und vielleicht sagt es auch garnicht soooo viel aus. Für all jene die Mörderland nicht kennen, wollte ich aber nicht zu viel spoilern.

8/10
Weiter:
mehr reviews vom gleichen autor
Devil
JasonXtreme
9/10
American
JasonXtreme
8/10
die neuesten reviews
Psycho
BigPokerKing
2/10
Nackt
dicker Hund
5/10
Psycho
BigPokerKing
6/10
Braindead
TheMovieStar
9/10
Bates
BigPokerKing
4/10
Dreizehn
Draven273
7/10

Kommentare

23.07.2020 17:40 Uhr - dicker Hund
2x
User-Level von dicker Hund 17
Erfahrungspunkte von dicker Hund 5.134
Sehr wohl anschauliche Kritik! Da ich Remakes meistens erst nach Sichtung des Originals in Betracht ziehe, fällt dieses hier mangels Kenntnis von "Mörderland" erst einmal für mich flach. Vom Grundkonzept her klingen aber beide sehenswert.

23.07.2020 18:42 Uhr - sonyericssohn
1x
Moderator
User-Level von sonyericssohn 21
Erfahrungspunkte von sonyericssohn 9.642
Klingt jetzt nicht nach einem Film den man so nebenher laufen lässt. Da muss wohl die persönliche Stimmung passen. Ich nehm den mal als Tip an und warte auf genannte Stimmung ;-)
Danke fürs vorstellen werter Kollege.

23.07.2020 19:12 Uhr - Ghostfacelooker
1x
User-Level von Ghostfacelooker 20
Erfahrungspunkte von Ghostfacelooker 8.242
Da hat der "gute" Alvart meinen geschätzten Kolleschen mal wieder inspiriert. Gut zu lesende Kritik und da mich beide Titel interessieren, merke ich mir deinen Tip gern, auch wenn spanische Filme für mich teilweise ambivalenten Genuß hervorrufen. Sie haben eben eine ganz bestimmte Eigenart, wie auch der deutsche Regisseur^^^^^^^^

23.07.2020 19:14 Uhr - The Machinist
1x
User-Level von The Machinist 8
Erfahrungspunkte von The Machinist 861
''Mörderland'' ist ja bereits ein großartiger Film, von Alvarts Version habe ich auch schon vor deiner Kritik viel Gutes gelesen. Sowohl ''Antikörper'' als auch ''Abgeschnitten'' waren stilistisch sehr überzeugend und ordentlich hart wenn auch insgesamt etwas zu konstruiert, beide schätze ich aber als deutsche Hardcore-Thriller und in ''Abgeschnitten'' war ich sogar im Kino.

Demnach komme ich an ''Freies Land'' wohl nicht vorbei. Danke für die gelungene Einschätzung, Jason.

23.07.2020 22:02 Uhr - Dissection78
2x
DB-Co-Admin
User-Level von Dissection78 15
Erfahrungspunkte von Dissection78 3.911
Trifft sich gut. Ich schau jetzt gerade Alvarts "Sløborn". Gefällt mir bislang. "Abgeschnitten" fand ich ebenfalls gut und unterhaltsam. Doch auf zwei Stunden eingedampft, fällt einem schon auf, wie überaus konstruiert die Handlung ist (war bei der literarischen Vorlage zwar auch schon so, jedoch nicht dermaßen extrem).

Was "La isla mínima – Mörderland" betrifft: Der ist genial. Auf den Streifen hattest Du mich ja damals mit Deiner Rezension aufmerksam gemacht. Den sehe ich noch immer sehr gerne, und er ist gewachsen! Ein kleines Meisterwerk (9 Punkte). Alvart ist in meinen Augen meist zwar ein 'Grobmotoriker', aber seine Werke kann man sich schon mal geben, und auf sein "Mörderland"-Remake bin ich dementsprechend gespannt. Habe heute übrigens zum ersten Mal davon gehört, dass es überhaupt existiert. Beim Betrachten des Filmplakats musste ich schon ohne Vorwissen an "La isla mínima" denken ;)

Edit, 23:40 Uhr:
Und, verdammt nochmal, Alvart hat mit "Sløborn", Stand jetzt, bei aller Formelhaftigkeit, ein kleines, nicht unrealistisches (haha!) Biotop erschaffen, das unterhält. Sogar der ein oder andere unbedarfte Hildmann oder Naidoo kommt vor, genauso wie 'ne staatliche 'Technokratin'. Interessant, dass die gesamte Produktiongeschichte mit Idee schon 12, 13 Jahre zurückreicht. Klischees sind manchmal doch öfter näher an der Realität als man denkt!

24.07.2020 10:07 Uhr - JasonXtreme
2x
DB-Co-Admin
User-Level von JasonXtreme 13
Erfahrungspunkte von JasonXtreme 2.545
Vielen Dank Leute :-)

@Machinist
Hart in dem Sinne ist der hier grafisch weniger, er hat aber durchaus seine kleinen Szenen/Ansätze storybedingt. Abgeschnitten kenne ich persönlich noch nicht, hole das aber alsbald nach. Bei Fitzeks Vorlage ist mir aber sowieso klar, dass die Sache konstruiert as can be sein wird :D ich hab viel von ihm gelesen, und der ist quasi Mr. Konstruktion

@ Dissection
Ja Alvart ist teils ein Grobmotoriker, das scheint in kleinen Dingen hier auch durch - aber erstaunlicherweise ist es hier wirklich so, dass es dahingehend sein bester Film sein dürfte - weniger Grobmotorik gabs von ihm nie :) er hatte aber eben auch eine arschgeile Vorlage, was es einfacher macht nicht in Fettnäpfchen zu tappen.

@ sony
Ja man muss sowohl für den, als auch fürs Original echt in Stimmung sein, und auch aufmerksam!

25.07.2020 23:33 Uhr - CheesyAK47
1x
User-Level von CheesyAK47 1
Erfahrungspunkte von CheesyAK47 7
Der Christian Alvart sitzt auch wieder in der aktuellen Folge von Kino+

Tolle Kritik! Den Film muss ich die Tage mal sichten.

06.08.2020 07:29 Uhr - VelvetK
1x
User-Level von VelvetK 1
Erfahrungspunkte von VelvetK 1
...wie eine Szene in der Bach in seinem Zimmer bedeutungsschwanger einen Raben sieht, da dies für den Rest des Films völlig bedeutungslos wird.


Spoiler

Das stimmt so aber nicht, denn ganz zum Schluss gibt ein Foto samt Kommentar eines Augenzeugen schon Hinweise darauf, was es mit dem Raben auf sich hat. Das ist damit zwar nicht allumfassend enträtselt und damit glücklicherweise nicht entmystifizierend, doch bedeutungslos ist es nicht, da es auf die Vergangenheit von Markus buchstäblich hindeutet. Toller Film!

07.08.2020 09:44 Uhr - JasonXtreme
DB-Co-Admin
User-Level von JasonXtreme 13
Erfahrungspunkte von JasonXtreme 2.545
06.08.2020 07:29 Uhr schrieb VelvetK
...wie eine Szene in der Bach in seinem Zimmer bedeutungsschwanger einen Raben sieht, da dies für den Rest des Films völlig bedeutungslos wird.


Spoiler

Das stimmt so aber nicht, denn ganz zum Schluss gibt ein Foto samt Kommentar eines Augenzeugen schon Hinweise darauf, was es mit dem Raben auf sich hat. Das ist damit zwar nicht allumfassend enträtselt und damit glücklicherweise nicht entmystifizierend, doch bedeutungslos ist es nicht, da es auf die Vergangenheit von Markus buchstäblich hindeutet. Toller Film!


Ja ok, aber insgesamt war mir die Sache mit dem Raben für den Film irgendwie too much und unpassend - das wäre nicht nötig gewesen.

08.08.2020 21:24 Uhr - VelvetK
1x
User-Level von VelvetK 1
Erfahrungspunkte von VelvetK 1
Anderseits lässt das spanische Original ähnliche Szenen noch ein wenig mehr im Regen stehen - das verleiht beiden Werken einen matten Arthouse-Charakter. Ob Krähe oder Rabe, die Filme sind ziemlich empfehlenswert. Nötig ist sowas selten, aber durchaus die Würze, das Tüpfelchen auf dem i und so weiter ;-)

kommentar schreiben

Um Kommentare auf Schnittberichte.com veröffentlichen zu können, müssen Sie sich bei uns registrieren.

Registrieren (wenn Sie noch keinen Account hier haben)
Login (wenn Sie bereits einen Account haben)