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Die üblichen Verdächtigen

(Originaltitel: The Usual Suspects)
Herstellungsland:USA, Deutschland (1995)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Drama, Krimi, Thriller, Mystery
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,88 (16 Stimmen) Details
inhalt:
Zollinspektor Kujan vermutet hinter der blutigen Schiffskatastrophe einen großangelegten Drogendeal. Verdächtigt wird Verbal, einer der beiden Überlebenden, und weitere vier Kriminelle: der Ex-Polizist Keaton, der arrogante Hockney, der hitzköpfige McManus und der unberechenbare Hispano Fenster. Bisher konnte ihnen Kujan nichts nachweisen, doch das ändert sich schnell! Als sie dem mächtigen Gangsterboß, einem mysteriösen Unbekannten - den jeder fürchtet, aber keiner kennt -in die Quere kommen, scheint keiner mehr seinen Kopf aus der Schlinge ziehen zu können: Denn der Big Boss läßt sich seinen Drogendeal nicht vermasseln!
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von velvetk:

Spoiler inside...

"Es ging alles vor sechs Wochen in New York los. Da war'n Laster voll mit Waffenteilen direkt vor Queens abgezogen worden. Der Fahrer hatte keinen gesehen, aber einer von denen hat Scheiße gebaut. Er hat gesprochen. Ne Stimme ist oft schon genug." - Roger Kint

Vor zig Jahren, als man sich über Filme hauptsächlich von Angesicht zu Angesicht informierte und dem gesprochenen Wort vertrauen schenkte, kam man einfach nicht an Bryan Singers Die üblichen Verdächtigen vorbei. Jeder der den Film gesehen hat, war voll des überschwänglichen Lobes. Den musst du gesehen haben! Du siehst es nicht kommen! Dieser Twist! Ich besorgte mir die DVD von TriStar und versank im stimmigen Vorspann mit seiner unvergleichlichen Musik von John Ottman - dieses virtuose Hauptthema, dieses tapsende Piano und die wiegenden Streicher anbei. Wundervoll, so wundervoll. Schnitt. Ein Mann, gespielt von Gabriel Byrne, keucht in seinen letzten Zügen und legt ein Feuer an einem Steg in einer blutdurchtränkten Nacht. Ein anderer Mann unterbricht die Situation und die vernichtenden Flammen vorerst und spricht tief und langsam in die Nacht. Atmosphärischer Noir der Extraklasse! Ne Stimme ist oft schon genug. Udo Schenk spricht da in der deutschen Vertonung den anderen Mann, dessen Stimme heißer und dennoch markant genug für mich nachhallte. Schuss! Peng! Peng! Feuer! Explosion! Schnitt! Ein Mann, gespielt von Kevin Spacey, gibt eine offizielle Erklärung ab. Udo Schenk spricht ihn - in völlig anderer Tonlage zwar, aber zweifelsfrei. Nun saß ich vor langer Zeit da und wusste nach knapp fünf Minuten Laufzeit was da wohl vor sich gehen muss. Ne Stimme ist oft schon genug und es sah so aus, als hätte da jemand Scheiße gebaut. Ich war entrüstet, irritiert und sah ziemlich klar, wer der Drahtzieher sein müsste.

Das kann es doch nicht gewesen sein?!

Nein, ganz und gar nicht. Dennoch wunderte ich mich sehr oft darüber, dass das keinem in meinem Umfeld auffiel. Vielleicht ist's im Originalton anders? Mitnichten. Es ist einfach nicht zu überhören, dass das Kevin Spacey ist, der da aus dem vermeintlichen Off sinniert. Der Film hat 1995, als die Beteiligten noch keine Stars waren und der Film noch frisch war, sicher viel besser geplättet. Christopher McQuarrie, der das Drehbuch schrieb, legte seine Geschichte - trotz dieser eigentlich frühen Pointe - geschickt an. Die üblichen Verdächtigen ist ein exzellentes Musterbeispiel des unzuverlässigen Erzählens - ein unwiederholbares Meisterwerk der Schreibkunst. Alles wird ständig in Frage gestellt, neu arrangiert, bestätigt und/oder widerlegt, veralbert und/oder ernsthaft zum Narren gehalten. Dem gesprochenen Wort und manchen Stimmen wird Vertrauen geschenkt. McQuarrie ist ein begnadeter Erzähler und das halbwahre Zusammensetzen der vielen kaputten Puzzleteile nebst der Auffassungsgabe der Zuhörer machen, auch nach der bestimmt zehnten Erfahrung mit diesem Film, immer noch Spaß. Der Anlass dieses Textes ist nämlich ein Zufall. Die DVD von TriStar war lange nicht mehr im Handel zu normalen Preisen zu erstehen und auf einmal stand ich vor der Blu-Ray dieses Klassikers. Da habe ich locker ein Jahrzehnt drauf gewartet und die Hoffnung irgendwann aufgegeben. Nun, wo das physische Medium der letzten Lebensphase nahe wie nie scheint, kommt so mir nichts dir nichts diese HD-Scheibe auf den deutschen Markt. Das Bild genügt nun endlich zeitgemäßen Ansprüchen, ohne in Jubel auszubrechen, allerdings fehlt der sehr informative und im Nachgang unverzichtbare Kommentar der Filmemacher, der auf der alten DVD ist. Ein bedauerlicher Rückschritt nach vorne. Wohl dem, der archiviert.

Der größte Reiz, den dieser Film immer noch ausstrahlt, liegt in seinen Fügungen und den Figuren. Allein diese Namen!

Kint
Hockney
Fenster
McManus
Keaton
David Kujan
Kobayashi
Jack Baer
Edie Finneran
Redfoot
Keyser Söze

Das sind Namen, die nie wieder das Gedächtnis verlassen, haben sie einmal den Gehörgang passiert. Und McQuarrie lässt hiermit nie - auf eine galante, gerissene und pfiffige Weise - locker. Mit jedem Haken und mit jedem Schnitt, mit jedem Schuss und mit jeder Offenbarung gewinnt der Film an Profil und die spielfreudigen Akteure füllen die kantigen Namen fulminant aus. So ein schelmischer Rätselspaß ist von Natur aus kein Quell an Tiefgründigkeit, doch Talente wie eben Gabriel Byrne, Kevin Pollak, Pete Postlethwaite oder Benicio DelToro verleihen den Figuren einen besonderen Schliff, bei welchem McQuarrie nur froh sein kann, dass diese fähigen Leute besetzt worden sind. Richtig gut spielen hier Stephen Baldwin, der gefühlt nie wieder so stark war, und natürlich Kevin Spacey, der in cineastischer Hinsicht schmerzlich vermisst wird. Auch die Gegenspieler, also die Ordnungshüter, sind mit Namen wie Dan Hedaya und Chazz Palminteri bestens besetzt, deren Büroordnung offenbar sehr zu wünschen übrig lässt und die Sinne ganz außerordentlich anzuregen scheint.

"Er ist der Mittelsmann für irgendjemand anders, okay. Er hat's nicht gesagt und ich hab nicht gefragt."

Die üblichen Verdächtigen macht immer wieder, aus ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten heraus, Laune. Das ist nicht nur ein Film, der verdammt gut geschrieben ist und dessen Schlussakt mit zum Besten gehört, was je über die Leinwand flutete, sondern auch ein Film der fantastisch ausschaut, sich noch besser anhört und auf den Punkt durch ist. Ja, sogar mit dem gewollt erscheinenden Fauxpas zu Beginn, der mit einem geschulten Ohr einfach nicht zu überhören ist, legt der Film immer neue Fährten ohne sein Ziel aus den Augen zu lassen. Somit haben McQuarrie und Singer doppelt und dreifach Zeichen gesetzt, denn dieser Film begeistert so oder so und darüber hinaus immer wieder. Egal ob das anfangs durchscheint oder nicht, es nimmt der herausragend geschnittenen und alles überlappenden Wendung am Ende keinen Zunder und brennt vermutlich noch bis in die Ewigkeit weiter. Der Schwindel am Zuschauer ist ein elementarer Bestandteil des Films und das macht diese hinreißende Lüge so faszinierend. Bis in den allerletzten Moment liegen Wahrheit und Unwahrheit mal mehr und mal weniger dicht beieinander - die hier offenen Fragen beschäftigen mich nun fast zwanzig Jahre. Interessant fand ich die neuerliche Begegnung mit dem Film. Ich habe meine Mitseher nicht eingeweiht, nicht mit vorauseilendem Lob verprellt und keinen Ton kundgetan. Der Effekt war seltsam. Einerseits bemerkte keiner den Wink in den ersten Minuten und andererseits fragte man mich, ob der Film vor oder nach Scary Movie gedreht worden ist. Amüsant. Eine Stimme ist oft schon genug, doch es scheint, als könnte man sich darauf verlassen, dass der richtige Gegenüber zur richtigen Zeit vielleicht eh nur mit halber Obacht zuhört.

8/10
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