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R100 - Härter ist besser

(Originaltitel: R100)
Herstellungsland:Japan (2013)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Drama, Komödie
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,50 (2 Stimmen) Details
inhalt:
Der biedere Bettenverkäufer Takafumi will seinem tristen Alltag entfliehen. Neugierig wird er Mitglied in einem mysteriösen S/M-Club namens „Bondage“. Ein Jahr lang werden ihn Dominas des Clubs ohne Vorankündigung in aller Öffentlichkeit züchtigen. Die verhängnisvolle Klausel: Ein Ausstieg ist nicht möglich. Zunächst geniesst Takafumi lustvoll die einfallsreichen Erniedrigungen, doch schon bald schlagen die Damen in Lack und Leder mit aller Strenge über die Stränge. Bald muss er sich und seine Familie vor den Überfällen der übereifrigen Sex-Einsatztruppe verteidigen.
eine kritik von the machinist:

R100

KICKING, WHIPPING, SLOSHING, SPITTING AND GRENADES.

 

Einsame Nacht. Eine Sushi-Bar. Unser Protagonist Takafumi Katayama betritt das Lokal, wird ganz herzlich von der Bedienung empfangen, ordert das Tagesmenü und ein kaltes Bier um den Arbeitstag ausklingen zu lassen. Kurz nachdem er es sich auf einem der schlichten Holzstühle bequem gemacht hat, erscheint wie aus dem Nichts eine junge Frau, knapp gekleidet in Lack und Leder, der Blick starr, ihre Augen voller Verachtung. Bevor Takafumi überhaupt daran denken kann eines der von Meisterhand zubereiteten Reisgerichte zu verspeisen, schnellt die Handfläche der Dame hinab und zerschlägt das Sushi zu Brei. Im Etablissement macht sich betretenes Schweigen breit, peinlich berührte Blicke wandern zwischen den anderen Gästen umher als sich Takafumi mit den Fingern ungerührt die zerdrückten Überreste seiner Mahlzeit in den Mund stopft. Doch das sollte noch lange nicht alles gewesen sein, und so wird ein Sushi nach dem anderen von seiner Begleiterin mit bloßen Händen zermatscht, wobei irgendwann sogar die Besitzerin des Restaurants entsetzt durch den Türschlitz späht, ihn selbst jedoch nicht sonderlich zu stören scheint. Denn Takafumi ist weder empört, noch überrascht und auch ganz sicher nicht verärgert. Er fühlt sich... erregt.

Tja, der sehr spezielle japanische Humor mal wieder. Doch R100, der im Deutschen den schon relativ vielsagenden Beititel Härter ist besser trägt, ist sogar unter Betrachtung dessen eine Ausnahmeerscheinung. Nachdem Regisseur Hitoshi Matsumoto sich bereits mit der Kaiju Eiga-Persiflage Der große Japaner, dem Penis-Kammerspiel Symbol und der schrulligen Samurai-Komödie Saya Zamurai als eigenwilliger Comedy-Hitgarant versucht und bewiesen hatte, war die Vorfreude auf seinen neuesten und bis heute immer noch aktuellsten Spielfilm von 2013 groß. Ja, allem Anschein nach würde es wieder weird werden. Was sich auch als richtig herausstellte.

Gelangweilt vom eintönigen Job als Bettenverkäufer will Familienvater Takafumi Katayama (Nao Ohmori) etwas mehr Spannung in seinen langweiligen Alltag bringen. Der ominöse SM-Club ''Bondage'' verspricht ein aufregendes Konzept: In der Zeitspanne eines einjährigen Vertrages, der nicht kündbar ist, werden ihn wildfremde Frauen zu beliebigem Zeitpunkt in aller Öffentlichkeit demütigen und züchtigen. Takafumi willigt ein und genießt vortan die immer kreativer werdenden Überfälle der Dominas. Doch die Praktiken der Organisation werden mit der Zeit immer extremer und man vergreift sich auch an seiner Familie. Und schon bald muss Takafumi die durchgeknallten Ladys in Lack und Leder in den eigenen vier Wänden abwehren... 

Wirkten die Vorgängerfilme bereits in ihrer metaphorischen Darstellung phallischer Formen seltsam sexualisiert, scheut sich Matsumoto nicht bei seinen in R100 getroffenen Aussagen komplett in die Vollen zu gehen. Obwohl Nacktheit und Sex hier zur großen Überraschung eigentlich keine Rolle spielen, fällt die Thematik vulgär, manchmal gar kontrovers aus. Mit einem Kontext der sich um sexuellen Lustgewinn durch Erniedrigung dreht, wird die Geschichte rund um einen liebenden Familienvater regelrecht entartet. Obendrein erinnert die triste farbgedimmte Optik eher an einen Film noir und steht im krassen Kontrast zu den anderen Filmen des Regisseurs, deren knallbunte Ausstattung schon zum Markenzeichen gehörten. Nichtsdestotrotz hat man es auch in diesem Fall mit einem überspitzten Dramedy-Film zu tun, der sich ein wenig in seiner ruhigen Anlaufphase verrennt.

Es ist nämlich so, dass R100 lange Zeit versucht neben den täglichen Fetisch-Angriffen auf seinen Protagonisten; Situationskomik die wirklich urkomisch umgesetzt wurde; ein Familiendrama zu erzählen. An sich keine schlechte Idee, nur bei der Umsetzung hapert es ein wenig. Während Nao Ohmori sowohl beim geselligen Abendessen mit Sohnemann und Schwiegervater, wie auch als armer Tölpel in den mitunter lächerlich aufgezogenen Übergriffen seiner Häscherinnen ganz abseits seines kultigen Ichi the Killer-Ruhms mit einer abwechslungsreichen Charakterrepräsentation glänzt, greift Matsumoto bei solchen Story-Elementen wie Takafumis im Koma liegenden Ehefrau tief in die Klischee-Mottenkiste. Dabei leisten zwar alle beteiligten Akteure eine brauchbare Performance ab und größtenteils gelingt auch in den stillen Momenten eine spürbare emotionale Schwere. Diese ist nur nicht sonderlich spannend und kann ob anschließender wie Musikvideos aufgezogener Bondage-Sitzungen auch nicht wirklich ernst genommen werden.     

Dennoch gelingen gelegentliche abenteuerliche Wendungen und raffinierte Ideen, die von einem hohen filmischen Sachverständnis zeugen. Die allzu offensichtlichen Filmfehler, wie etwa das architektonisch vollkommen unlogische Bondage-Firmengebäude und ein nicht weiter vertiefter Nebenhandlungsstrang in dem die Charaktere willkürlich anfangen über drohende Erdbeben zu quatschen, dienen als Aufreger für ein fiktives Filmpublikum, das zunächst noch versucht diesen auf seine Sinnhaftigkeit zu prüfen, irgenwann aber nur noch mit Gesichtern voller Fassungslosigkeit das Geschehen betrachtet. Der Regisseur (also nicht Matsumoto, sondern der im Film) meint etwa man habe erst mit einem Alter von 100 Jahren das Wissen erlangt seinen Film auch verstehen zu können und dieser dürfe bei Kinostart auch nur bei einem passenden Mindestalter gesehen werden. Gleichzeitig finden mehrere Interviews mit den Filmfiguren statt, die ihre eigene Meinung zu den Geschehnissen kundtun. Dass sich der Film selbst; trotz solcher Szenen in denen Ohmoris digital vefremdeter Euphorie-Blick ob man will oder nicht ins Gedächtnis brennt und im letzten Drittel wenn epische Orchestral-Hymmnen und Ludwig van Beethovens 9. Symphonie erklingen; durchgehend für voll nimmt, machen die sexy und ab und an auch ein wenig eklige Fetisch-Achterbahnfahrt spätestens auf halbem Wege zu einem wahnsinnig unterhaltsamem Erlebnis. Manchmal auch zu einem komplett wahnsinnigen.   

Denn R100 würde wahrscheinlich genauso gut als japanischer Extremschocker funktionieren, und ja die nötigen Zutaten dafür sind jedenfalls vorhanden. Speziell die hier als Queens betitelten Dominas, die den Helden heimsuchen, von denen jede andere Charakteristiken aufweist und die teils mit übernatürlichen Kräften gesegnet sind und im besonderen noch einmal die vielsagend als The Queen of Gobbling auftretende Hairi Katagiri könnten auch aus einem Hisayasu Sato-Film stammen. Und auch wenn auf dem DVD-Cover das Zitat von einem ''Fight Club directed by Luis Bunuel'' kündet, was immerhin auf das zügellose Finale, in dem Ohmori mit einem schier endlosen Vorrat an Handgranaten gegen eine Armee an reitgertenbewehrten SM-Ninjas ins letzte Gefecht zieht, zutrifft, so kann genauso gut die Rede von ''Demonlover meets pinku eiga'' sein.

Nein, R100 ist garnicht so leicht zu definieren. Fans von Matsumoto könnten sich am auffallend ästhetischen Stilbruch stören, auch wenn dies die Wirkung des Humors nicht im geringsten mindert. Normalsterbliche bleiben bei diesem Werk sowieso außen vor, denn das Teil ist in etwa so massentauglich wie es ein ''Venus in Furs made by Takashi Miike'' vermutlich wäre. Wer aber einen Faible für ad absurdum geführte japanische Retro-Exploitation-Kunst hegt und dabei auch gerne mal herzhaft lachen möchte, sollte hier zugreifen. Als Höhepunkt gibt's noch Grey's Anatomy-Star Lindsay Kay Hayward als Antagonistin mit gehörigen Agressionsbewältigungsproblemen, deren überzogene Gesichtsverzerrungen sogar den jungen Sylvester Stallone toppen. Nur das Ende ist irgendwie total Gaga und entzog sich zumindest meinem Verständnis. Ich bin allerdings auch erst 22.

''Now it's time for the elite bondage-course.''

 

Fazit: Es läuft Beethoven während Handgranaten durch die Luft segeln, Sushi wird zerdeppert, eine Domina verschlingt Menschen und Nao Ohmori kriegt die Peitsche zu spüren. Aber was hat das alles mit Erdbeben zu tun? Ja, R100 ist seltsam. Sehr seltsam. Seltsam witzig, seltsam berührend, seltsam abstoßend, seltsam doppeldeutig, seltsam durchdacht, seltsam anrüchig, seltsam schlicht und zugleich seltsam fordernd. Irgendwie auch einfach nur seltsam seltsam. Doch was mir sogar am Seltsamsten erscheint... das Meiste davon war letztendlich ganz schön geil!    

7/10
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Kommentare

04.08.2020 17:41 Uhr - dicker Hund
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So ganz sicher bin ich mir nicht, ob ich den jetzt brauche. Macht aber nichts. Darüber lesen ist ja auch schon ein Spaß für sich. Die Spezialität dieses Werkes trieft ja förmlich aus den Zeilen.
🙂

04.08.2020 23:22 Uhr - Cabal666
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Schöne Kritik zu einem... seltsamen Film. ^^
"R100" sagt mir tatsächlich was. Als er hierzulande auf DVD erschien, hatte ich in einer Filmzeitschrift darüber gelesen, war aber nicht direkt interessiert. Das hat sich jetzt geändert.
So dermaßen schräges Zeug mag ich auf jeden Fall. Zumal ich Matsumotos "Dainipponjin" auch schon lange sehen will. Früher oder später hol ich mir beide. Danke für den Tipp!

05.08.2020 06:33 Uhr - Cinema(rkus)
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Wenn mir eine Lack- und Leder-Maus im oberpfälzischen Wirtshaus "den Knedel zermatschen dad und mir ins Maul stopfet, dann gab`s oba oane afs Kepfel….." hihihihi……..Do versteh i gar koan Spaß oder so.....

Mensch, "Mach", was hast Du hier wieder für einen Asien-Kracher ausgegraben ?
Da ich selbst - ist aber nur meine persönliche Vorliebe bzw. Nicht-Vorliebe - nicht auf Lack und Leder und Domina-Spielchen stehe, scheint es mir doch eine etwas schräge Welt zu sein, in der Deine Film-Vorstellung spielt.

Aber....und das ist das Entscheidende: Du bringst - ähnlich wie Kollege hudeley - immer die Atmosphäre und Stimmung des Films gekonnt in Deine geschriebenen Zeilen. Und das gefällt mir. Und deshalb lese ich Deine Reviews sehr gerne, weil hierdurch die Filme für mich regelrecht "fühlbar" werden. Wenn Deine eigene Altersangabe im Text richtig ist, dann ziehe ich noch mehr meinen Hut. In so jungen Jahren schon so ein immenses Filmwissen sein eigen nennen zu können und die Feder stilistisch so gekonnt zu führen, finde ich Klasse.....In dem Sinne; weiter so !!

Mach`s gut einstweilen und......dann bis zum demnächst vorgestellten "Serben"????
C.M.

05.08.2020 21:10 Uhr - The Machinist
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@dicker Hund: Ja, der ist schon eine echte Ausnahmeerscheinung. Gen Ende habe ich jedenfalls Tränen gelacht. :)

@Cabal: Danke dir.
''Dainipponjin'' ist große Klasse, allgemein haben aber alle vier Filme von Matsumoto was für sich. ''R100'' hatte ich bei der Free-TV-Premiere auf Tele5 entdeckt, war irgendwann um 00:30 oder so. Kürzlich habe ich mir dann noch die englische DVD besorgt (kein Unterschied zur deutschen, war nur billiger), um die Filmografie komplett zu haben.

@Cinemarkus: Ich bin wirklich ''erst'' 22 Jahre. Danke für das Kompliment, bzw. wenn du sagst du fändest meine Reviews an sich so toll obwohl dich der Film in diesem Fall nicht einmal interessiert, dann ist das ja schon an und für sich ein größtmögliches Lob. Freut mich natürlich, wenn das so gut ankommt.
Beim Kollegen hudeley schaue ich ja hin und wieder auch rein, da ich extremes Underground-Kino und sogenannte ''disturbing Movies'' schon schätze und er regelmäßige Geheimtipps aus dem Sektor liefert.

Zu ''R100'': Ist praktisch ''Tokyo Decadence'' als bekloppter Dramedy-Film, später wird's dann ne hirnrissige SM-Actionkomödie, Overacting inklusive. Also wahrscheinlich eher nichts für dich...

Und ich merke schon, ich hab dich echt heiß auf diesen serbischen Film gemacht. Sorry, aber den muss ich echt nochmal einem gepflegten Rewatch unterziehen und dass kann noch dauern. Kannst du mir dahingehend verzeihen?
Aber keine Angst, der kommt schon noch.

05.08.2020 21:44 Uhr - Cinema(rkus)
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"Mach"
22 ? Mann, da könntest ja mein viiiiiel jüngerer Bruder, mein Sohn oder mein Enkel (welch ein breites Spektrum ) sein...???? Wie die Zeit vergeht, ist schon ein Wahnsinn.

Das ist ja das Ungewöhnliche: mit den vorgestellten Filmen an sich kann ich nicht soooo oft was anfangen - obwohl wir beide dann doch einige Überschneidungen haben/siehe unsere PN-Konversation - aber ich lese total gerne Deine Reviews und die von hudeley, weil sie stilistisch wunderbar geschrieben sind. Man merkt dabei in jeder Zeile euer Filmwissen, die Leidenschaft dafür und dass ihr es "einfach drauf habt", wenn ich das mal so salopp formulieren darf. Ich lese einfach liebend gern gut geschriebene Texte, die mich fesseln, deren einzelne Wörter ich gerne verschlinge. Und das schaffst Du mit Deinen Beiträgen; der Film selbst ist da manchmal Nebensache, weil ich mit diversen Film-Handlungen einfach nicht mehr so klar komme.

Trotzdem bin ich immer offen für die von Dir größtenteils vorgestellten "Nischen-Filmen", weil ich filmisch seit meiner Kindheit total wissbegierig bin und diesbezüglich niiiiiiiiiiiemals auslernen möchte. Deshalb nochmals: bitte weiter so.

Der Serbe ? Klar, verzeihe ich Dir. Ich selbst schaff zurzeit ja gar keine Review zu schreiben. Da verstehe ich natürlich, dass auch 22-jährige mal was anderes vor haben, als Filme nochmals zu schauen und danach eine fundierte Rev zu schreiben...zwinker zwinker....
Ähmmmmmm......"Clip" ist es aber nicht, oder ?
Naaaaaaaa, musst nichts verraten ----> hält die Spannung aufrecht......
Gruß und Good Night ....C.M.

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