SCHNITTBERICHTE | # | A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z
Titel suchen:
Kingdoms of Amalur Re-Reckoning · Entdecke die Geheimnisse von Amalur · ab 38,99 € bei gameware Star Wars Squadrons · Stürze dich ins rasante Pilotenerlebnis · ab 39,99 € bei gameware

The Obsessed

Herstellungsland:Italien (2019)
Genre:Horror, Splatter
Bewertung unserer Besucher:
Note: 5,00 (1 Stimme) Details
eine kritik von hudeley:
The Obsessed
 
Ricardo Lopez, ein von der isländischen Musikerin Björk bessessener Mann, beging im Jahre 1996 vor laufender Kamera Selbstmord. Dem voraus ging ein über mehrere Wochen aufgenommenes Filmtagebuch, in welchem er, bedingt durch Gerüchte über Björks Beziehung zu einem Afroamerikaner, allmählich den Verstand verlor. Unter anderem versuchte er mit einer selbstgebauten Briefbombe sein Idol zu töten, was ihm schlussendlich misslang. 
Diese Geschichte ist tatsächlich wahr und die kompletten Videotagebücher wurden vor einiger Zeit geleaked. Der Filmemacher Sami Saif schnitt das Rohmaterial auf Spielfilmlänge und veröffentlichte unter dem Titel The Video Diary Of Ricardo Lopez einen dramatisierten Zusammenschnitt, dessen einziges, physisches Release von The Uneasy Archive bis heute Höchstpreise unter Sammlern erzielt. 2018 erschient unter dem Titel The Best Of Me.Mp4 eine weitere Doku, genauso wie Ausschnitte aus den Videotagebücher, beispielsweise Ricardo Lopez Suizid mit einer Schusswaffe, immer wieder an allen Ecken und Enden, ob ihrer verstörenden Kuriosität, im Internet auftauchen. So saß Lopez nackt, mit einem an Darth Maul erinnernden Gesichts Make-Up vor einer weißen Leinwand, wohl mit der Absicht, dass seine Gehirnstücke auf die Leinwand prasseln, und den mit schwarzer Farbe darüber stehenden Satz "The Best Of Me" beenden sollten. Ein falsch kalibrierter Schusswinkel und eine daraus resultierende leere Leinwand nach seinem Ableben, geben all dem am Ende einen tragik-komischen Anstrich, wenn man mich nach meiner nüchternen, vom Geschehen losgelösten Einschätzung fragt. 
 
Aus diesem Ausgangsmaterial einen nachgespielten Film zu fertigen, ist legitim. Verfilmungen realer Gräueltaten gibt es viele und ein versuchter, wenn auch psychisch kranker Mörder, der seinen eigenen Tod filmte, bekommt von mir auch nur die halbe Portion an Mitleid. Nur um die moralische Einschätzung ungeschönt direkt vorweg genommen zu haben. Problematisch beim Endprodukt Film ist allerdings, dass man hier wenig Fläche zum Aufbauen hat. Das Videomaterial ist bekannt, eine eins zu eins Verfilmung der Tat somit nicht notwendig. Also bleibt nur der stilistische Griff zum ausschmückenden Drehbuchstift...
 
... und wäre dieser doch bloß nicht vom italienischen Viel-Filmer Domiziano Christopharo geschwungen worden. Dessen immer gleich aufgebaute, in bloße Variatonen verfallende Versatzstücke von Film, sind sicherlich nicht das beste Medium, um einem solch realen Fall den gewissen Respekt entgegenzubringen. Der in drei Teile und von zwei weiteren Regisseuren mitgedrehte The Obsessed kämpft besonders mit seinem trashigen Anstrich. So halluziniert der Protagonist drogeninduziert durchgehend von aus seinem Körper herauswachsenden Augen, einer Selbsthäutung, einer Verwandlung in einen Dämon und - mein erklärter Favorit - davon, wie aus seiner Bauchdecke ein Ei, in der Größe einen Menschenschädels, herausplatzt. 
Das Alles wirkt dann schon, trotz - oder gerade aufgrund der vielen, äußerst zeigefreudigen Splattereffekte, wie ein Film, an welchem Frank Henenlotter mitgewirkt hat. Denn viel zu oft verfällt The Obsessed in einen leicht verdaulichen, kunterbunten Unterton. Im Hinblick auf die eigentliche Thematik und dem, was aus dem Material hätte gemacht werden können, hätte ein entsprechend fähiger Regisseur auf dem Regiestuhl Platz genommen, leider meilenweit am Thema vorbei. So wissen auch die Stopmotion Effekte im zweiten Kapitel zwar optisch zu begeistern und sind auch denkbar interpretationswürdig in Bezug auf den Realitätsverlust des Protagonisten, aber leider bleibt es auch nur exakt dabei.
 
Wie Atmosphäre oder Stimmung entsteht, hat Christopharo auf halber Strecke vergessen. Vergessen deshalb, weil er mit House Of The Flesh Mannequins wohl einen der besten Sicko Filme aller Zeiten aus dem Ärmel geschüttelt hat. Hier hingegen, war wohl erneut viel eher ein schnell Abfilmen und ein weiterer Regiecredit in der imdb das oberste Ziel des Südeuropäers. Setdesigns, Kamerapositionen und alles Weitere, was einem Film handwerkliche Punkte oder eine daraus resultierende Wirkung beim Zuschauer hervorrufen könnte, werden eher am Rande mitgenommen. Sprich die Kamera steht eben da, weil sie da steht, in einem Raum, der halt so aussieht, wie er aussieht. Klar hervorgearbeitete, satte Farben gibt es im Digitalbild zwar auszumachen, aber das ist mehr eine undurchdachte, filmhistorische Verneigung vor Bava, als ausgeklügelte Stilistik. Getreu dem Motto: "So hat mans damals halt gemacht!"
 
Trotzdem kann ich dem Film nie ganz richtig böse sein. Er ist unterhaltsam auf seine eigene Art. Natürlich nicht in nennenswerten Ausmaßen, aber er bleibt ein dumpfes Kuriosum irgendwo zwischen schwachsinnigen Splatterideen der Marke Bread & Circus oder Schaumlatex Streifen aus dem Full Moon Lager. Leider überwiegt aber der Eindruck, dass all dies nicht beabsichtigt war. Schlauer ist man nach dem Anschauen nicht, dafür qualitativ weder beeindruckt von den Effekten noch vom Schauspiel und einen Mehrwert, oder künstlerische Ergänzungen zu einem tragischen, realen Fall, sucht man ebenfalls vergeblich. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Christopharo schneller Filme dreht als ich darüber schreiben kann und wie überragend ein solcher Film geworden wäre, hätte man den Spezialist für hypnotisch berauschende Filme, Andreas Marschall, den deprimierend poetischen Marian Dora oder den amerikanischen Ittenbach Brian Paulin ans Set gezerrt und diese die drei Episoden drehen lassen.
Wer ums Verrecken eine neue Splatterdosis braucht, kann hier zuschlagen (und sie an anderer Stelle zielführender bekommen) - wer Hartboxen sammelt darf ebenfalls zuschlagen. Alle anderen sparen sich bitte 25 Euro inklusive Porto.
 
4.5/10
5/10
Weiter:
mehr reviews vom gleichen autor
Reichsführer-SS
hudeley
3/10
Angela
hudeley
6/10
die neuesten reviews
Delta
TheMovieStar
9/10
Devil
JasonXtreme
9/10
Harpoon
sonyericssohn
6/10
Mörderischer
Kaiser Soze
8/10
Hostel
dicker Hund
6/10

Kommentare

04.08.2020 02:19 Uhr - kokoloko
1x
User-Level von kokoloko 10
Erfahrungspunkte von kokoloko 1.486
Exzellent geschrieben und höchst informativ, eben weil der Film wohl den typischen, durchaus kreativen und drastischen Splatter in einer goutierbaren Portion portioniert und weder ewige Vergewaltigungen noch endlos mitnehmende Selbstverstümmelung inszeniert, so hoffe ich zumindest, bin ich hier sogar interessiert als Einblick in das Wert des Regisseurs. Die flesh Mannequins machen natürlich deutlich neugieriger, scheinen mir aber schlichtweg deutlich zu verstörend brutal und fies zu sein, so sehr der Arthouseanteil mich auch juckt.

kommentar schreiben

Um Kommentare auf Schnittberichte.com veröffentlichen zu können, müssen Sie sich bei uns registrieren.

Registrieren (wenn Sie noch keinen Account hier haben)
Login (wenn Sie bereits einen Account haben)