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Freies Land

Herstellungsland:Deutschland (2020)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Krimi, Thriller
Alternativtitel:Sumpfland
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,25 (4 Stimmen) Details
inhalt:
Ostdeutschland im Sommer 1992. Die beiden Mordermittler Patrick und Markus werden an die Oder geschickt, um dort das spurlose Verschwinden von zwei Schwestern aufzuklären. Aber die abgelegenen Winkel im Osten Deutschlands gehorchen ihren eigenen Regeln. Die Kommissare beginnen in der verschworenen Gemeinschaft den unübersichtlichen Sumpf aus Lügen und Verbrechen auszutrocknen. Langsam kommen sie den Tätern auf die Spur, aber geraten dabei selbst in große Gefahr...
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von velvetk:

Die sakral und mystisch anmutende Leere dieser unendlichen Einöde zog mich sofort in ihren Bann und ließ mich bis zum fragil wankenden Ende und darüber hinaus nicht mehr los. Freies Land, welch zynischer und treffender Titel. Christian Alvart, dessen bisherige Arbeiten in künstlerischer Hinsicht nie allzu lange im Raum verweilten, adaptierte hier den spanischen Film Mörderland mit sicherer und geduldiger Hand und einem fantastischen Gespür für tiefgreifende Krimikost. Dabei weicht die Kamera selten von den beiden Ermittlern Patrick Stein (Trystan Pütter) und Markus Bach (Felix Kramer), die von weit her zu einem Fall im Nirgendwo berufen wurden. Zwei junge Frauen, die jeder im Umfeld nur als Flittchen wahrnahm, sind verschwunden und die klaffenden Narben der Wende 1992 noch ganz frisch und nässend. Die beiden ungleichen Ermittler, der eine aus dem Westen und noch jung, der andere aus dem Osten mit einer diffusen Vergangenheit im Rücken, haben jedoch nicht nur miteinander unüberbrückbare Differenzen zu schultern, sondern treffen auch in der dörflichen Fremde, einer mürrischen Gemeinde fernab der Großstadtlichter, auf unharmonischen Gegenwind, welcher zumindest in der situativen Krise eint. Freies Land zieht seine Magie weniger aus dem zu lösenden Fall, der auf den ersten Blick nur Standards anbietet. Die vielfältigen und in Völle ausgeschöpften Umstände sind es, die diesen Film zu mehr als den stets wiederkehrenden Tatort machen. Ost und West ohne abgegriffene Klischees, von Angesicht zu Angesicht, der nicht überall bejubelte Umgang mit dem Umschwung. Alvart, die bedacht agierenden Akteure und die anderen Mitschaffenden bauen Mauern und Fronten, Gegensätze und Zugeständnisse auf, reißen Gebilde und Eingeständnisse, Vorurteile und Vorsicht ein, nur um dahinter schlimmeres und undurchsichtigeres vorzufinden. Freies Land ist eine triefende und schmerzende Wunde von einem Film und wahrlich zum Schneiden dicht geraten.

Alvart lässt wieder einmal alles hinter sich, was ihn bisher als Regisseur ausgemacht hat - und das hat mich erstmals ziemlich begeistert, war doch fast alles, was er vorher gemacht hat, nicht so meins. Ich halte Alvart für keinen besonders eigenständigen oder wenigstens beständigen Regisseur, denn er kopiert zumeist recht ungeniert, was ihm gerade so gefällt. Mehr noch als im spanische verorteten Mörderland, flirren und züngeln Parallelen zur ersten Staffel der Serie True Detective auf und da hätte man die kreative Messlatte kaum höher anlegen können. Alvart eifert auf seine ganz eigene Weise und stellt das, was Mörderland und True Detective etabliert haben, hervorragend variiert und eisig faszinierend aus. Ich habe mich immer gefragt, wie True Detective wohl als Kinofilm ausgesehen hätte, ohne an Klasse einzubüßen. Hier habe ich nun eine nachhaltige Antwort und ein in mehrfacher Hinsicht fahl leuchtendes Ausrufzeichen gesehen. Freies Land ist so viel mehr als der gewöhnliche Stangenkrimi von hier bis Nordeuropa, so viel mehr als ein oberflächlich durchgelatschter Whodunit. Auch ist es verblüffend, wie gut sich dieser Film von seiner südeuropäischen Vorlage absetzen kann, die nördlich gelegenere Szenerie beinahe komplett ermattet und bis auf die letzte Regung auskühlt, die schroffen Figuren erweitert und das gesamte Konstrukt mit einer durchdringenden Kälte unterlegt, die mich zu einem Applaus hinreißen lassen hat. Freies Land ist ein überragender Film!

Neben dem vortrefflichen Grund und dem sichtlich motivierten Regisseur sind es vor allem die ausfallend und unverbraucht gewählten Darsteller, die durch die Bank hinweg überzeugen. Bis in die letzte noch so kleine Nebenrolle ist Freies Land preisverdächtig besetzt. Opfer und Spitzen, Kanten und Ecken, Abgründe und das verarmt versiechende Licht an allen Enden. Freies Land ist ein Riss in jeder Hinsicht und erstickt Hoffnungen und Versprechen gleichermaßen - am Ende spielt es keine Rolle, wer was war. Allein die Ermittlung zählt. Letztlich schwelt einem das Wort Distanz vor den Augen, doch Freies Land ist mitnichten kein distanzierter Film, sondern einer, der gezeichnete Charaktere verfolgt, die sich auf lange Sicht nichts zu sagen haben. Die beiden ortsfremden und ganz und gar nicht willkommenen Polizisten könnten unterschiedlicher nicht sein und mit ihrer ersten gemeinsamen Szene entwerfen die Schauspieler Kramer und Pütter ein kräftezehrendes Anti-Buddy-Movie, dass sich trotzdem die wichtigen Stärken des gebilligten Zusammenhalts zu eigen macht. Humor ist vielleicht nicht das richtige Wort, doch manche Momente zwischen den beiden Kollegen ringen einem durchaus ein abgeklärtes Schmunzeln ab - mal was ganz anderes. Trystan Pütter gibt hier den mit frischer Energie gestärkten Idealisten aus westlichen Gefilden. Das macht er gut und bewusst unspektakulär, doch nicht konturlos oder gar platt, aufmerksam und nicht ohne Kerben. Pütters Patrick ist ohne Zweifel der wichtige Ausgleich und halbwegs neutrale Punkt in dieser Geschichte, während Felix Kramer kaum wiederzuerkennen ist und mit seiner wuchtigen wie einschüchternden Erscheinung mysteriös wie unnahbar erklingt. Was für eine imposante und leise heißere Darbietung! Kramer, der offenbar an Masse zugelegt hat, mit der bulligen Kombination Brille, Mantel und Schnauzer wie ein undurchdringlicher Hüne wirkt und das auch in passenden ausspielt, bringt metaphorische Züge in diesen Thriller, welche das spanische Original nicht in dieser Tonlage herausarbeitete.

Der Rabe.

Wenn Markus, der zumindest physisch stets zu zerfallen droht, allein ist, erscheint ihm in surrealen und fieberhaften Bildern und Tönen, in Schweiß und Schmerzen gebadet, immer wieder ein manisch krächzender Rabe, was im ersten Moment, zusammen mit den sporadisch erklingenden und indianisch anmutenden Gesängen, nicht so recht passen mag. Nicht nur an diesen Stellen taucht der Film von Alvart immer wieder in bewussten Kameraunschärfen ab und verschwimmt atmosphärisch. Doch kurz vor Schluss löst sich dieses bedeutende Rätsel einschneidender auf, als der Hauptfall um die mehreren verschwundenen Frauen. Freies Land ist durchweg vielschichtig, auf seine Ermittler und deren Umfeld konzentriert und auf eine angenehme Weise anders, als alles, was sonst unter den Bannern Krimi und Thriller veröffentlicht wird. Der Film lässt einen so zurück, wie er einem begegnet ist - verloren.

8/10
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Kommentare

07.08.2020 06:25 Uhr - CheesyAK47
Klasse Review. Hast du Sloborn schon gesichtet, die komplette Staffel ist auf ZDF Neo streambar. Und Christian Alvart hat ja nun alle nötigen Rechte an Captain Future, sein Image-Teaser dazu wurde ja geleakt und gibts auf YT zu sehen, ich bin echt gespannt was er aus dem Captain macht (sollte der Film je finanziert werden).

08.08.2020 21:12 Uhr - VelvetK
1x
User-Level von VelvetK 5
Erfahrungspunkte von VelvetK 372
Nein, das kenne ich noch nicht, gehe Sloborn aber mal nach,

08.08.2020 21:20 Uhr - The Machinist
1x
User-Level von The Machinist 7
Erfahrungspunkte von The Machinist 719
Schon die zweite hervorragende Kritik zu einem Film, den ich allem Anschein nach schleunigst sehen sollte.

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