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Sein Leben in meiner Gewalt

(Originaltitel: The Offence)
Herstellungsland:Großbritannien, USA (1972)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Drama, Krimi, Thriller
Alternativtitel:Offense, The
Something like the Truth
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,00 (2 Stimmen) Details
inhalt:
Nach 20 Jahren im Dienst der britischen Polizei hat Detective Sergeant Johnson (Sean Connery) zu viel gesehen: 20 Jahre Mord, Vergewaltigung und unzählige andere Gewaltverbrechen. Als er einen zynischen, unberechenbaren Verdächtigen in einem Fall von Kindesmissbrauch verhört, kommt der ganze Ärger und aufgestaute Hass in ihm hoch. Er verliert die Kontrolle und verprügelt den mutmaßlichen Kinderschänder so brutal, dass der wenig später im Krankenhaus stirbt. Was als Routineuntersuchung begann, wird zu einem Fall von Polizeigewalt, und Johnson muss sich als Täter verantworten. Das Image der gesamten Polizei steht auf dem Spiel...
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von punisher77:

                                                              SEIN LEBEN IN MEINER GEWALT

Für seine Rückkehr als James Bond in Diamantenfieber (1971) erhielt Sean Connery nicht nur die rekordverdächtige Gage von 1,25 Millionen Pfund, sondern auch das Angebot, anschließend zwei Filme seiner Wahl zu produzieren, vorausgesetzt sie würden nicht mehr als zwei Millionen Dollar kosten. Connerys Wahl fiel auf Sein Leben In Meiner Gewalt (1973), der auf dem Bühnenstück The Story Of Yours (1968) von John Hopkins basiert, der auch für das Drehbuch des Films verantwortlich war. Die Regie übernahm Sidney Lumet (1924-2011), mit dem Connery bereits Ein Haufen Toller Hunde (1965) und Der Anderson-Clan (1971) gedreht hatte. Neben Connery sind u.a. Trevor Howard (1913-1988 / Meuterei Auf Der Bounty, 1962), Vivien Merchant (1929-1982 / Der Mann Mit Der Eisernen Maske, 1977) und Ian Bannen (1928-1999 / Ein Haufen Verwegener Hunde, 1978) in Sein Leben In Meiner Gewalt zu sehen.

Der verbitterte Sergeant Johnson (Sean Connery) ermittelt in einer Reihe von Vergewaltigungen von Kindern. Als zwei Polizisten während der Ermittlungen einen Mann namens Kenneth Baxter (Ian Bannen) aufgreifen und der Verdacht laut wird, dass er der Täter sein könne, ist sich Johnson sicher – er war´s! Besessen von dem Gedanken, Baxter zu überführen, übernimmt er auf eigene Faust das Verhör des Verdächtigen...mit fatalen Folgen.

Sein Leben In Meiner Gewalt war ein weiterer Versuch Sean Connerys, sich vom Image des Doppelnullagenten mit der Lizenz zum Töten zu lösen und sein Rollenrepertoire zu erweitern. Beides ist mit der dritten Connery/Lumet-Kollaboration hervorragend gelungen, nur verweigerte das Publikum dem schottischen Schauspieler, der heute seinen neunzigsten Geburtstag feiert, die Gefolgschaft. Trotz positiver Kritiken floppte die 900.000 Dollar billige Produktion derart, dass sie auf mehreren wichtigen Filmmärkten (z.B. Frankreich, wo der Film erst im Jahr 2007 gezeigt wurde) gar nicht erst aufgeführt wurde. Damit war Connerys zweites Wunschprojekt hinfällig geworden. Dieser finanzielle Reinfall sagt jedoch nichts über die Qualität des Films aus: Sein Leben In Meiner Gewalt ist ein echtes Highlight in Sean Connerys langer Karriere.

Schon der Beginn des Films versteht es den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Die Ereignisse laufen in Zeitlupe ab, über dem Bild scheint eine Art Filter oder Licht zu liegen, so dass die ganze Szenerie surreal, bzw. wie ein Alptraum vor dem Auge des Zuschauers abläuft. Dann verharrt das Bild auf einem Sean Connery, der als Seargant Johnson die Worte „Oh mein Gott…“ vor sich  hinstammelt. Bereits diese Szene ist ein inszenatorisches Kabinettstückchen, doch anstatt dem Zuschauer bereits den Grund für den erschütterten Zustand der Hauptfigur zu verraten, spannen Lumet und Drehbuchautor Hopkins den Zuschauer gehörig auf die Folter, da ein Zeitsprung zu den diesem Auftakt vorangegangenen polizeilichen Ermittlungen erfolgt. Hier werden bereits zwei gewichtige Pluspunkte des Films deutlich. Die nicht lineare Erzählweise des Streifens sorgt für eine (An)Spannung, die sich die gesamte Spieldauer des Films über nicht legt und den Zuschauer das Finale des Films geradezu herbeisehnen lässt. Außerdem legt der Beginn des Films die atmosphärische Marschroute des Films vor: Sein Leben In Meiner Gewalt ist durchgehend spannend, aber vor allem düster, beklemmend und alles andere als leicht verdaulich, weshalb sich dieser Lumet/Connery-Film nicht gerade als leichtfertige Samstagabendunterhaltung empfiehlt, nach der man noch in fröhlicher Runde einen trinken geht. Die nicht gerade zahlreichen Außenaufnahmen zeigen zum Teil ebenso triste Schauplätze wie die Innenaufnahmen, die u.a. Johnsons nicht gerade luxuriöse Wohnung oder die Polizeistation samt ihrer kahlen Verhörräume, in denen es keine überflüssigen Farbtupfer gibt, präsentieren und das Gefühl der Dunkel – und Niedergeschlagenheit, die der Film mit jeder Minute seiner Spieldauer verströmt, doppelt unterstreichen.

Das Verbrechen, in dem Sean Connery als Sergeant Johnson ermittelt, ist kaum zu ertragen, weshalb es dem ermittelnden Polizisten „normalerweise“ jede noch so fragwürdige Methode durchgehen lässt, um das Opfer zu retten, bzw. zu rächen und den Täter zu bestrafen. Don Siegels Dirty Harry (1971) ist ein gutes Beispiel, da auch hier ein Mädchen vergewaltigt, gequält und lebendig begraben wird, so dass man dem von Clint Eastwood brillant dargestellten Harry Callahan am liebsten applaudieren möchte, wenn er den Mörder/Vergewaltiger Skorpion (Andy Robinson) mit seiner ikonischen 44er Magnum ins Jenseits befördert. Sein Leben In Meiner Gewalt wählt dagegen einen weniger exploitativen Weg, da Sein Leben In Meiner Gewalt  nicht nur als Thriller funktioniert, sondern auch als Charakterstudie über einen frustrierten Polizisten. Zwar bietet auch Dirty Harry diesen Ansatz, da Harry Callahan im ersten Teil der fünfteiligen Cop-Filmserie ebenfalls ein von der Gesellschaft isolierter Gesetzeshüter ist, der nur für seinen Job und die damit verbundene Jagd lebt, aber Sein Leben In Meiner Gewalt ist wesentlich konsequenter und geht deutlich mehr in die Tiefe.

Sean Connerys Sergeant Johnson ist eine Art Anti-Dirty Harry, da an ihm nichts Heldenhaftes ist. Und gerade das ist eine Steilvorlage für Sean Connery, der hier eine von A-Z brillante schauspielerische Leistung bietet … es ist kaum zu glauben, dass hier der gleiche Schauspieler vor der Kamera stand, der zwei Jahre zuvor noch den Agenten-Lebemann mit der offiziellen Erlaubnis, unliebsame Lebenslichter auszupusten, gegeben hatte. Connery spielt hier absolut überzeugend eine im Grunde abgrundtief unsympathische Figur, die permanent ihre Kollegen anschnauzt und in einer der Schlüsselszenen des Films auf geradezu widerliche Art seine – von Vivien Merchant würdevoll gespielte – Ehefrau erniedrigt und dabei einen hochprozentigen Drink nach dem anderen in sich hineinschüttet. Für viele Filmfans sind unsympathische Charaktere ein Ausschlusskriterium, aber Sein Leben In Meiner Gewalt bezieht großen Reiz aus seiner frustrierten, unsympathischen Hauptfigur. Aber anhand Connerys Figur beschäftigt sich Lumets Film auch mit der Frage, was es mit einem Menschen macht, wenn er in seiner beruflichen Laufbahn ausschließlich mit den Schattenseiten der Menschheit konfrontiert wird – um dies zu untermauern, arbeitet der Film mit kurzen Flashbacks, die alptraumhafte Bilder von Johnsons früheren Fällen zeigen und jedem Horrorfilm zur Ehre reichen würden.

Unterstützt wird Sean Connery von drei Cast-Mitgliedern, mit denen er sich wahre Schauspiel-Duelle liefert. Die bereits erwähnte Vivien Merchant spielt in einer der bedeutsamsten und einer wahrhaft niederschmetternden Szene Johnsons Ehefrau, die nicht mehr zu ihrem ausgebrannten Ehemann vordringen kann und selbst dann noch zu ihm hält, nachdem er sie gefragt hat, warum sie nicht schön oder zumindest hübsch sei. Nicht weniger intensiv sind die Szenen mit dem gegen ihn ermittelnden Kriminalrat Cartwright, der Johnson (zunächst) ambivalent gegenübersteht. Übertroffen wird all das – vor allem im letzten Drittel des Films – von den Verhörszenen mit dem von Ian Bannen kongenial gespielten Verdächtigen Baxter. Gerade im Finale des Streifens ist die Spannung zwischen den beiden Figuren kaum zu ertragen.

Sein Leben In Meiner Gewalt ist kein einfacher, leicht verdaulicher Film, weshalb es fast schon verständlich ist, dass der Streifen an den Kinokassen floppte. Trotzdem macht der Streifen alles richtig. Er lädt aufgrund seiner nicht gerade leicht verdaulichen Thematik und der (für damalige Verhältnisse) komplexen Erzählweise vielleicht nicht gerade dazu ein, ihn regelmäßig im Player rotieren zu lassen, aber dennoch überzeugt er von der ersten bis zur letzten Filmminute durch seine brillanten Darsteller (allen voran Sean Connery), durch seine Erzählweise, durch seine durchgängige Spannung, seine überragende Regie und seine konsequent düstere, beklemmende Atmosphäre. Nicht nur als Connery-Fan muss man Sein Leben In Meiner Gewalt gesehen haben.

9-10/10

9/10
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Kommentare

25.08.2020 15:47 Uhr - Intofilms
1x
Tadellose Review, herrliches Geburtstagsgeschenk, bravo! Besonders gut und gelungen finde ich die höchst geschickte Gegenüberstellung mit „Dirty Harry“. Auch sonst kann ich dir nur zustimmen und vergebe meinerseits 9 Punkte (und keinen weniger!) für dieses herausragend gespielte, hochintensive Charakterdrama. Mein Lieblingsschauspieler ist Jimmy Stewart. Aber Sean Connery, den ich auch menschlich sehr sympathisch finde, liegt nur knapp dahinter. Danke! ;)
PS:
Eben beim Anklicken der 9 musste ich feststellen, dass ich das offenbar bereits erledigt habe. Muss schon etwas länger her sein.

25.08.2020 16:30 Uhr - Punisher77
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Vielen Dank für Deinen netten Kommentar :-).

25.08.2020 18:00 Uhr - dicker Hund
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Ok, überzeugt, den sollte ich mal nachholen!

Tante Edith hat sich erst 2007 in Frankreich verirrt.

25.08.2020 19:16 Uhr - Punisher77
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Danke für den Hinweis :-).

25.08.2020 22:20 Uhr - Pratt
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Tolles Review, der Film ist wirklich schwer verdauliche Kost, daher steht er bei mir nicht so hoch im Kurs, schauspielerisch stark aber insgesamt für mich etwas zu träge, ist aber auch schon einige Jahre her, dass ich den gesehen habe.

P.S. Der Folgefilm von S. Connery ist ebenfalls nur was für ein eher spezielles Publikum und weit ab vom Mainstream, John Boorman's 'Zardoz'.

26.08.2020 14:41 Uhr - Punisher77
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Vielen Dank, Pratt,
dass der Film etwas träge wirken kann, habe ich auch schon in Kritiken über den Film gelesen. Mich hat er dagegen bis zum Ende hin in Atem gehalten. Von "Zardoz" habe ich schon gehört.

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