SCHNITTBERICHTE | # | A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z
Titel suchen:
The Dark Pictures: Little Hope · Rette deine Seele · ab 29,99 € bei gameware Cyberpunk 2077 · Dein wahres Ich ist nicht genug. · ab 50,99 € bei gameware

Die 120 Tage von Sodom

(Originaltitel: Salò o le 120 giornate di Sodoma)
Herstellungsland:Frankreich, Italien (1975)
Standard-Freigabe:SPIO/JK geprüft: strafrechtlich unbedenklich
Genre:Drama, Krieg
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,81 (79 Stimmen) Details
inhalt:
Kurz vor dem Ende der Mussolini-Herrschaft inszeniert eine Gruppe faschistischer und sadistischer Großbürger ein grausames Ritual: Sie nehmen junge Männer und Frauen gefangen und missbrauchen sie als Lust- und Folterobjekte. Die bizarren Perversionen und Demütigungen enden in einer todbringenden Orgie.
eine kritik von dicker hund:

Pier Paolo Pasolini vollendete sein letztes Werk "Salo oder die 120 Tage von Sodom" in seinem Todesjahr 1975. Es handelt sich um Italo-Pulp, genauer um Sexploitation mit Hirn, wie man es etwa noch von "Salon Kitty" oder "Caligula", in welchem einer der hiesigen Hauptdarsteller Paolo Bonacelli ebenfalls eine Rolle hatte, behaupten kann. Als Vorlage diente ein unvollendetes Buch des berüchtigten Marquis de Sade, so dass das Credo folgerichtig lautet:

"Alles, was maßlos ist, ist gut."

So reden die Führerpersonen im Bezirk Salo des faschistischen Italiens während der letzten Atemzüge des Dritten Reiches daher. Sie versammeln sich, um sich auf möglichst effektive Weise mit dominanter Sexualität und dem Ausleben anderer Machtphantasien zu stimulieren, wofür eine Gruppe von 18 jungen Menschen, hälftig nach Geschlechtern aufgeteilt, herhalten soll, während altgediente Prostituierte an der Seite schwer bewaffneter Soldaten das passende Ambiente liefern. Das Projekt findet in einem majestätisch hergerichteten Schloss statt, das von einer idyllischen Naturkulisse umgeben ist. Darin finden sich feudal geschmückte, vom Zahn der Zeit jedoch ebenso wie die niedergehende Nazidiktatur gezeichnete Räumlichkeiten. Sie sind die Bühne für zügellose Dekadenz in Gestalt des Genusses der Herrschaft des einen Menschen über den anderen.

"Tatsächlich ermöglicht erst die Macht die Anarchie."

Die Gefangenen sind im Gegensatz zu den vier in noblen Anzügen auftretenden Herren selten bekleidet, werden dagegen schon im ersten Abschnitt, der vor den angeschlossenen "Höllenkreisen" der "Scheiße" beziehungsweise des "Blutes" frei nach Dante "Vorhölle" genannt wird, wie Vieh vorgeführt und auf Eignung für ihre sexuelle Ausbeutung inspiziert. Der meist unfreiwillige Koitus ist später wiederholt in deutlicher Form zu sehen, ohne dass die Grenze zum Softporno qualitativ oder quantitativ erreicht werden würde (Sex 6/10). Hierbei geht es auch nicht um Erotik, sondern um Erniedrigung, die gegen Ende solche Auswüchse von Folter annimmt, dass es zu vereinzelten Gore-Spitzen (Gewalt 6/10) ebenso kommt wie zu einer Klimax der durchweg provokativen und schließlich aufdringlich zu Ende gebrachten Schockwirkung (Horror 7/10). Beides erinnert optisch an die Fake-Snuff-Einlagen aus "Emanuelle in America", findet jedoch einen anderen Grundton.

"Nichts befriedigt mehr als soziale Privilegien."

So genießen die verkommenen Despoten sichtlich das Leid ihrer Opfer, während sie sich untereinander durchaus Wertschätzung zuteil werden lassen. Nicht einmal Humor (5/10) ist ihnen fremd, auch wenn der Kontext ihrer fiesen Witze eher zum Würgen als zum Kichern einlädt. Mit dem Holzhammer findet sich im Subtext eine Anklage gegen mangelnde Solidarität, fehlenden Mut zum Widerstand und die jämmerliche Neigung zu Denunziantentum und Kollaborateursverhalten, die allerdings nicht immer treffsicher formuliert ist. Bemerkenswert erscheint insofern etwa der Umstand, dass die abgründigen Charaktere sämtlich als bisexuell dargestellt werden, was dem Täterprofil der zum Vorbild genommenen Nazis, die Homosexuelle verfolgt haben, nicht gerecht wird. Zudem irritiert das Verbot religiöser Betätigung vor dem Hintergrund der unkritischen Rolle, die die katholische Kirche gegenüber dem totalitären Regime der frühen 1940er Jahre eingenommen hat. 

Trotz solcher Angriffsflächen für Kritik gönnen sich "Die 120 Tage von Sodom" mit der stolzgeschwellten Brust des unterhaltungsfernen Programmkinos der ranzigen Art einen steifen Erzählstil, der nicht selten an eine verkrampfte Theatervorführung erinnert. Ennio Morricone hilft mit seinem musikalischen Talent zum Glück über einige der daraus resultierenden Längen hinweg. Diese stehen ohnehin nicht im Zentrum des Eindrucks von "Salo". Diese große Filmperle (8/10 Punkten) lässt vielmehr ihren Plot - und sei er auch noch so einseitig - mit gehörigem Mut zur Perversion beginnen, um ihn dann immer tiefer in den Abgrund rollen zu lassen, wobei die kontinuierliche Steigerung der Menschenverachtung ihresgleichen sucht. Die zahlreichen Zensurprobleme überraschen vor diesem Hintergrund ebenso wenig wie die fortbestehende Indizierung. 

8/10
Weiter:
mehr reviews vom gleichen autor
I'll
dicker Hund
7/10
Zombies
dicker Hund
3/10
die neuesten reviews
Phenomena
sonyericssohn
9/10
I'll
dicker Hund
7/10
Rapid
Ghostfacelooker
Saw
Phyliinx
8/10
Tetsuo
Eightcoins
10/10
Basket
TheMovieStar
5/10
L.A.
McGuinness
8/10

Kommentare

25.10.2020 09:38 Uhr - Intofilms
1x
Über „Salò“ kann ich mir einfach kein abschließendes Urteil bilden. Sehr gute Review zu einem der kontroversesten Filme der Kinogeschichte. Die bi- beziehungsweise homosexuellen Praktiken im Film haben jedoch ihre Berechtigung, da das ‚Dritte Reich‘ im Grunde sehr viel mit Homoerotik zu tun hat. Und ich glaube, dass Pasolini genau das zeigen wollte (neben anderen Dingen).

25.10.2020 10:42 Uhr - sonyericssohn
1x
DB-Co-Admin
User-Level von sonyericssohn 20
Erfahrungspunkte von sonyericssohn 8.315
Kam mit dem noch nie in Berührung. Was sich auch trotz deines überaus gelungenem Review so schnell nicht ändern wird😕

25.10.2020 12:47 Uhr - Chímaira
1x
User-Level von Chímaira 12
Erfahrungspunkte von Chímaira 2.023
"Bemerkenswert erscheint insofern etwa der Umstand, dass die abgründigen Charaktere sämtlich als bisexuell dargestellt werden, was dem Täterprofil der zum Vorbild genommenen Nazis, die Homosexuelle verfolgt haben, nicht gerecht wird." Für mich passte es gut in den Film. Scheinheilige gab es schon immer und auch im Dritten Reich wird es bei den höheren Führungspositionen Personen gegeben haben, die solche Fantasien auslebten. Wie üblich eine hervorragende Kritik :)

25.10.2020 13:01 Uhr - tp_industries
1x
User-Level von tp_industries 2
Erfahrungspunkte von tp_industries 49
Eine wirklich hervorragende Kritik zu einem, im positiven Sinne, wirklich üblen Film. Das ist einer dieser Vertreter, welcher über all die Jahre nix von seiner sadistischen Härte einbüßt. Egal wie oft er im Player landet, er ist immer wieder unangenehm. Dabei aber auch faszinierend gefilmt und man darf zurecht von einem kontroversen Meisterwerk sprechen. Übrigens einer von Gaspar Noes Lieblingsfilmen.

25.10.2020 14:14 Uhr - Kaiser Soze
2x
DB-Co-Admin
User-Level von Kaiser Soze 20
Erfahrungspunkte von Kaiser Soze 8.660
Einer der alten Schinken, bei denen ich gemerkt habe, dass ich zu alt für son Scheiß zu jung für diese alten Kamellen bin^^
Den Film empfand ich lediglich als absolut langweiligen Schnarcher und das Pädogequarke find ich abartig; soll ja alles nur metaphorisch gemeint / zu verstehen sein, ich weiß, muss ich aber zum Glück nicht wieder sichten. Für mich ein Drecksfilm, der die Erwachsenenfreigabe zurecht hat; Indizierungsquatsch bleibt falsch.

Aber, wie so oft, Geschmackssache mit Hinein- sowie Heraus-Interpretationen und ändert natürlich nichts an der Qualität Deines Reviews!

25.10.2020 15:27 Uhr - dicker Hund
3x
User-Level von dicker Hund 15
Erfahrungspunkte von dicker Hund 3.922
Danke Ihr Lieben!

Das vielseitige Feedback zeigt mir im Grunde nochmals, dass sich gerade bei diesem kontroversen Ranzen hier die Geister scheiden.

Die Anmerkungen zu der Darstellung von Homosexualität finde ich für spätere Leser des Reviews besonders wertvoll. Meine Irritation bleibt natürlich bestehen, weil ich Offenheit in solchen Dingen eher als Befreiung vom denn als Bestandteil des Faschismus sehen will. Gleichwohl halte ich die Hinweise auf die künstlerische Intention dahinter für angebracht.

25.10.2020 16:37 Uhr - The Machinist
1x
User-Level von The Machinist 7
Erfahrungspunkte von The Machinist 764
Und nach deiner HC-Reihe gleich der nächste Tabubrecher.
Einmal vor Jahren gesehen und dann nie wieder. Müsste selbst ich jetzt nicht noch ein zweites Mal sehen... :) wobei ich dem Film als solchen höchste Anerkennung beimesse.

Von dir gewohnt hervorragend beschrieben.

25.10.2020 18:32 Uhr - Punisher77
1x
DB-Helfer
User-Level von Punisher77 14
Erfahrungspunkte von Punisher77 3.577
Ein tolles Review, das Stärken und Schwächen treffend auf den Punkt bringt.

Den Film habe ich mir mal (zum Teil) angesehen als ich in meinen Zwanzigern war. Damals konnte ich mit dem Streifen nichts anfangen und irgendwie war er mir so unangenehm, dass ich ihn gar nicht erst zu Ende geguckt habe. Damals waren meine Sehgewohnheiten auch noch anders. Keine Ahnung, was ich heute von dem Film halten würde...

29.10.2020 14:16 Uhr - immi666
Die Homosexualität in SALO passt schon, SA-Chef Ernst Röhm war
relativ offen schwul und andere Personen der SA-Führung ebenfalls.

SALO ist & bleibt für immer ein Kuriosum des politischen Kinos der 70er Jahrr.
Ebenso "wichtig", wie auch heftig umstritten.

kommentar schreiben

Um Kommentare auf Schnittberichte.com veröffentlichen zu können, müssen Sie sich bei uns registrieren.

Registrieren (wenn Sie noch keinen Account hier haben)
Login (wenn Sie bereits einen Account haben)